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Interviews

Meine Danny Brown-Tortur—oder wie ich versuchte, einen bekifften Ami-Rapper zu interviewen

Noisey-Bildungsauftrag: Stelle bekifften amerikanischen Rappern keine hintergründigen oder kritischen Fragen.

von Toni Lukic
04 April 2014, 1:30pm

Wenn sich Musikjournalisten miteinander unterhalten, wird irgendwann fast zwangsläufig die Geschichte ihres schlimmsten Interviews ausgepackt. Ich lauschte diesen Darbietungen bisher immer sehr amüsiert, doch leider—oder besser gesagt zum Glück—konnte ich nie so eine Horrorgeschichte vom Stapel lassen. Von den vielleicht 50 Interviews, die ich bis jetzt mit Musikern geführt habe, war kein wirklich Katastrophales dabei. Sicherlich stellte auch ich ab und an peinliche Fragen und bekam unmotivierte Antworten zurück, aber in der Regel sind Künstler höchst professionell und ich konnte den Gesprächen immer noch etwas Brauchbares abgewinnen.

Und so stellte sich bei mir ein Gefühl von Unbesiegbarkeit ein, dass ich jedem immer noch eine vernünftige Antwort abluchsen könnte. Diese Arroganz hat sich definitiv verabschiedet, seit ich vor ein paar Wochen Danny Brown interviewte.

Ich war nie ein großer Fan von dem dauerhighen Rap-As, aus dem einfachen Grund, dass mir seine krächzige Stimme Kopfschmerzen bereitet. Trotzdem muss man anerkennen, dass seine Alben XXX und Old zum Besten gehört, was HipHop in den letzten Jahren herausgebracht hat. Besonders auf seiner letzten Platte wird deutlich, dass der Detroiter MC nicht nur der verdrogte Quatschkopf sein will, sondern sich thematisch und klanglich in ganz obskuren Welten tummelt.

Bei der Vorbereitung zu unserem Interview stieß ich auf eine Twittertirade von Danny, in der er sich darüber auskotzt, dass niemand ihn ernst nehmen wolle und keiner von seinen Rapper-Kollegen zu seiner Beerdigung gehen würde.

Ich wollte also ein ernstes Gespräch mit ihm führen und herausfinden, was ihn zu solchen Aussagen bewegte und ob er wirklich depressiv sei.

Mir wurde im Vorfeld des Interviews mitgeteilt, dass er nicht auf seinen Drogenkonsum angesprochen werden wolle. Zwar nahm mir das etwas den Wind aus den Segeln, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich gut vorbereitet war, als ich ein paar Stunden vor seiner Berliner Show in den Backstage-Raum trat.

Danny sitzt auf einer Couch, um ihn herum vier andere Typen. Ich werde vorgestellt. „What up, Toni“, begrüßt mich ein unglaublich breit wirkender Danny. Ich gebe jedem Anwesenden einzelnd die Hand und strecke sie auch dem letzten in der Runde aus, der mir nur die Faust hinhält. Was soll das? Hat er nicht gerade gesehen, wie ich jedem die Hand geschüttelt habe? Ich muss zu einem peinlichen Fistbump umdisponieren, aber was soll's.

In meiner ersten Frage spreche ich Danny auf seinen Twitter-Rant an. „Ich habe mich großartig gefühlt. Ich wollte jedem zeigen, wie gut es mir an dem Tag ging.“ Das Thema scheint ihm nicht zu gefallen. „Hast du das Gefühl, dass du zu wenig Respekt für deine Musik bekommst?“ „Nein, Mann. Ich habe das Gefühl, dass mich jeder liebt. Ich bin der beliebteste Rapper auf der Welt,“ antwortet er und singt die Hook von „Can't Nobody Hold Me Down“ von Puff Daffy. Nebenbei fängt der Handschlagverweigerer an, einen Blunt zu drehen.

Offensichtlich will Danny nicht über Unangenehmes sprechen, also wechsle ich das Thema, um das Gespräch zu retten. „Du hast in vielen Interviews erzählt, dass dir Kritikermeinungen wichtiger sind als die Meinungen von Fans. Woran liegt das?“ Er spricht darüber, dass die Leute keine Meinungen mehr haben wollen, weil sie sofort als Hater abgestempelt werden würden. Er möge das Wort Hater nicht mehr und gibt mir eine kurze Abhandlung darüber, dass das Wort von dem Begriff Player Hater aus einem Poppa LQ-Song stammt und es ursprünglich bedeutete, dass ein Typ einem Mädel Scheiße über einen anderen Typen erzählt. Sehr interessant, aber meine Frage wird nicht beantwortet. Ich hake nochmal nach und es entsteht tatsächlich so etwas wie ein Gespräch. Danny erzählt, dass das Source-Magazin als Kind gelesen hat und sich Musik einfach nur auf Basis von Reviews gekauft hat. Heutzutage gebe es aber kaum noch kritische Reviews, weil Musiker den Magazinen bei einer schlechten Kritik keine Interviews mehr geben würden. Reviews zu lesen sei für ihn wie Hausaufgaben zu machen.

Jetzt läuft's, denke ich mir. Danny hat den ausgewachsenen Redeschwall eines Kiffers und ist anscheinend froh, dass ich ihm nicht die gleichen Fragen stelle, die er immer hört. Jedenfalls denke ich mir das und fühle mich ermutigt, mich etwas aus dem Fenster zu lehnen.

„Du hast viele Jahre Musik gemacht, bevor der große Erfolg kam. Wie sehr hat dich dieses jahrelange Husteln geformt?“ Danny, der sich mittlerweile mit dem dargereichten Blunt beschäftigt, zieht die Augenbrauen hoch.

„Du bist mit Anfang 30 erst erfolgreich worden...,“ versuche ich nochmal anzusetzen. „Ich verstehe die Frage nicht“, unterbricht er mich. „Soll ich deiner Meinung nach jetzt aufhören? Was willst du mir sagen?“ Scheiße, wie komme ich aus der Nummer raus? Das Passiv-Kiffen ist in diesem Moment auch keine große Hilfe. „Einer wie Mac Miller hat schon mit 19 den großen Erfolg gefeiert, dabei hat er wahrscheinlich nie gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Du hast vor allem zu Beginn deiner Karriere viele Enttäuschungen hinnehmen müssen. Glaubst du, dass dich diese Erfahrungen heute stärker gemacht haben?“, versuche ich so wohlwollend wie möglich zu stammeln. „Wenn ich es mit 18 hätte schaffen können, dann hätte ich das auch gerne gemacht,“ ist die knappe Antwort.

Von dem ulkigen Danny Brown kann plötzlich keine Rede mehr sein. Er ist angepisst und breit, die Antworten fallen dementsprechend kurz und überheblich aus. („Im letzten halben Jahr gab es kein besseres Album als Old“; „Ich bin den anderen Rappern immer einen Schritt voraus“). Er wirkt offensichtlich wenig zufrieden und ausgeglichen, aber das sind nur meine zwei Cents Hausfrauenpsychologie dazu. Ich persönlich will nur noch weg aus dieser Tortur. Nach 15 Minuten (20 Minuten waren eingeplant) bin ich mit meinen Fragen durch und verabschiede mich von Danny, der kaum noch Notiz von mir nimmt und gebe den anderen die Hand. Der Bluntbauer und Handschlagverweigerer bietet mir dieses Mal die Hand an. Ich schaue ihn an und strecke ihm die Faust hin.

Fazit des Abends: Stelle bekifften Ami-Rappern keine kritischen oder hintergründigen Fragen. Und: Ich habe endlich meine Horror-Interview-Geschichte.

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