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You Need to Hear This

Watchlist: Silkersoft

Silkersoft lässt die Grenzen zwischen verschiedenen Genres komplett verschwinden und bekommt damit sogar Props von Ryan Hemsworth.

von Jan Wehn
10 Dezember 2014, 10:45am

Künstlername: Silkersoft
Echte Namen: Tom Schley
Alter: 24
Herkunft: Stadtlohn/Gronau
Größter Hit: „Wasserlevel“
Bester Song: „Arcobaleno“
Darum sollte man ihn kennen: Macht mit seiner Musik Soundcloud-Produzenten-Elite und HipHop-Heads gleichermaßen kirre.
Random Fact: Den Künstlernamen übernimmt Tom von seiner Jugendfreundin Silke, die sich in Anlehnung an die legendäre Videospielfirma Squaresoft („Final Fantasy“) als Rollenspielprogrammiererin Silkersoft nennt und für die Tom 8Bit-Soundtracks baut.

In Stadtlohn geht nicht so viel. In Gronau auch nicht. Immerhin hat die Stadt die höchste Kriminalitätsrate im Münsterland. Denn: Mit dem Fahrrad sind es nur fünf Minuten bis zum ersten Coffeeshop hinter der holländischen Grenze. Wie wird man dort, in der westfälischen Einöde, zu einem aufstrebenden Produzenten, der plötzlich Respektsbekundungen von Ryan Hemsworth und Druid Cloak bekommt und dem PC Music-Kollektiv abhängt?

Angefangen hat bei Tom Schley, wie Silkersoft mit bürgerlichem Namen heißt, eigentlich alles mit Videospielen. „Der erste Game Boy, den ich in der Hand hielt war von einem Freund. Hinten steckte das erste ‚Super Mario Land’ drin und sofort war es um mich geschehen“, erinnert sich Tom. Von da an gibt es zu jedem Geburtstag oder Weihnachtsfest neue Spiele oder gar Konsolen. Spätestens als die ersten PCs Einzug in die Haushalte von Tom und seinen Freunden halten, gibt es nur noch eins: „Wir haben so viel gezockt, dass unsere Eltern die Tastaturen versteckt haben, wenn sie zur Arbeit gefahren sind. Also haben wir das Nintendo 64 oder den Gamecube wieder ausgepackt”, sagt Tom und lacht.

Sich stundenlang vor die Konsole oder den Bildschirm hocken, ist das eine, sich aber auch für die Soundtracks interessieren—und nicht nur die „Tetris“-Melodie auswendig kennen—ist das andere. „Das ist einfach meine musikalische Sozialisation“, lacht Tom. „Wenn ich die Musik der Spiele von damals heute höre, berührt mich das—und es fließt in meine eigene Musik ein.“

Tom schwärmt vom Donkey Kong-Soundtrack und erzählt, dass er erst vor kurzem einen Abend damit verbracht hat, sich auf YouTube Soundtracks von alten Spielen wie Metroid, Shadow of the Beasts oder Street Rage angehört hat. „Auch wenn ich Street Rage zum Beispiel nie gespielt habe, bin ich von dem Soundtrack komplett fasziniert. Der klingt wie zeitlose Clubmusik zu der man sofort tanzen könnte!“ Nicht zu verachten seien auch die Studio Ghibli-Soundtracks mit ihren Piano-Balladen, deren Akkorde er sehr gerne mag. „Ich habe den Eindruck, dass im asiatischen Raum ganz anders komponiert wird als bei uns.“

Diese Begeisterung war aber nicht schon immer da. Eigentlich war Tom Nu-Metaller durch und durch und ist mit Limp Bizkit, KoRn und Konsorten aufgewachsen. „Da kannst du jeden World of Warcraft-Spieler fragen—das haben alle gehört“, sagt Tom und lacht. „Mit der Zeit kam aber komplexerer Metal dazu.“ Mit 15 wollte Tom dann unbedingt selber Gitarre spielen. „Ich glaube, meine Eltern waren total erleichtert, weil ich endlich mal etwas anderes als Zocken machen wollte.“ Zurecht: Denn das Exzessive, was Tom beim Videospielen an den Tag legt, überträgt er auch auf das Instrument—„Ich habe zwei Jahre lang echt Gitarre gesuchtet“—und schließlich auf das Produzieren.

Erst sind es nur 8-Bit-Soundtracks für die Rollenspiele einer Jugendfreundin. Die lädt Tom auf MySpace hoch und freundet sich mit Unicorn Kid, einem Pionier der 8-Bit-Musik, an. Parallel dazu startet gerade die französische Electronica-Szene durch. Tom hört Bands wie Justice, MSTKRFT oder Daft Punk. „Daft Punk habe ich in erster Linie wegen den Anime-Videos gehört“, erklärt Tom, der neben der Faszination für Videospiele auch stets eine Schwäche für Anime-Filme und Serien hat. In Stücken wie „Parawhore“ versucht er sich anno 2006 auch in Richtung des neuen French House und New Rave.

Danach passiert bis auf ein paar Beats aber erst mal nicht mehr viel. 2011 versucht Tom Schley sich gar unter seinem bürgerlichen Namen an experimentelleren Tracks. „Das war die Zeit, in der ich vom bratzigen Ed-Banger-Boys-Noize-Sound weggekommen bin.“ Fortan hört er Bands wie Animal Collective, die ihren Indierock mit elektronischen Elementen vermischen. Auch Tom experimentiert auf Tracks wie „Null Moon” mit Elementen aus Ambient und Dronology, ehe er komplett um die L.A.-Beatszene um Flying Lotus und The Gaslamp Killer eintaucht und anfängt, HipHop-Beats zu produzieren. „Mich hat einfach begeistert, wie die Grenzen zwischen unterschiedlichen Genres völlig verschwommen sind.”

Etwas, das sich in Toms Augen bis heute fortführt: „Die Sounds sind da und jetzt geht es darum, wie man sie benutzt.“ Und Tom benutzt sie. Er produziert erst einen Remix und dann den Song „Old English“ Song für den ehemaligen A$AP-Mob-Member Dominic Lord, den Mamiko Motto in ihrer Sendung auf NTS-Radio spielt. Tom schickt ihr ein paar mehr Songs, die ebenfalls gespielt werden. Die beiden bleiben in Kontakt und als Manipumoto 2013 eine Compilation für All City Records plant, fragt sich auch bei dem Stadtlohner für einen Song an. „Duel“ findet sich dann neben Songs von James Pants, Dorian Concept und Obey City wieder.

Über die Kompilation kommt es zum Kontakt mit Druid Cloak. „Mit ihm habe ich mich gleich super verstanden, was vermutlich daran liegt, dass wir beide World of Warcraft gezockt haben. Das sieht man schon an seinem Namen und den Titel seiner Songs“, sagt Tom und lacht. Eine Freundschaft, die Früchte trägt: Anfang 2014 erscheint auf Apothecary Compositions seine „Ghost Sceptre“-EP, durch die Leute wie Ryan Hemsworth und sein jetziges Label Activa Benz auf ihn aufmerksam werden. Und nicht nur die: In diesem Sommer hat Tom ein paar Remixe für Rockstah abgeliefert und ist auch mit einigen Produktionen auf dem neuen, im Februar zu erwartenden Zugezogen-Maskulin-Album, vertreten. Tom könnte sich aber auch vorstellen, seinen Sound in andere Richtungen zu expandieren. Pop zum Beispiel—oder Songs mit dem PC Music-Kollektiv, mit dem er unlängst in Berlin auftrat und weiter in Kontakt steht.

Und Tom könnte Glück haben. Derzeit ist Bedarf an seinem Sound. Denn es wächst eine neue Generation von Produzenten heran, die in den 90er Jahren mit den gleichen Videospielen, Fernsehserien und Süßigkeiten großgeworden ist und jetzt beginnt, ihre Neunzigernostalgie musikalisch, durchaus humorvoll und augenzwinkernd aber nie ironisch, zu verarbeiten. „Ich fand, elektronische Musik war eine ganze Zeit sehr elitär und ernsthaft. Es hat am Spaß gefehlt und jeder hat sich viel zu ernst genommen. Auch wenn es pathetisch klingt: Durch die sozialen Netzwerke haben die Leute angefangen sich miteinander zu unterhalten und vielleicht auch festgestellt, dass man sich nichts vormachen muss. Langsam ist auch das Geheimnis gelüftet, dass man kein großes Studio braucht, um geilen Sound zu machen. Das sind alles auch nur normale Menschen.“

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