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Welcher Song ist dein Quartier?—Basel

Das Hirzbrunnen ist Snoop Dogg, auf dem Bruderholz lebt man in K.I.Z-Referenzen und im Clara-Quartier ist natürlich: „D’Schissi (...) verstopft“
5.2.15

Grafik: VICE Media

Basel ist die schönste Stadt der Welt. Basel ist eine Pharmastadt. Basel ist ein Paradies. Basel ist ein Paradies für Kiffer? Basel ist Fussball, Fasnacht und Pharma—doch nicht nur: Auch hier tickt jedes Quartier ein bisschen anders. Egal ob verschlafene Wohngegenden oder versoffene Ausgangsmeilen: Wir kennen sie. Wir wohnen in ihnen. Wir schlurfen, joggen, fahren durch die Quartiere und bekommen so einen Eindruck, der jedes so einzigartig macht, wie Songs. (Man beachte den doppelten Boden in der Aussage.) Hier unsere Liste:

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Altstadt Grossbasel: Pitbull—Give Me Everything

Es ist der Ort, wo Typen mit ihrem geleasten oder von Papi bezahltem Mercedes die Runde um das Tramhäuschen drehen, um den Tussis vor dem Papa Joe’s oder dem McDonald’s zu imponieren: Der Barfi, das pulsierende Zentrum der Grossbasler Altstadt. Während der Rest des schmucken Altstadt zu später Stunde eher einem Freilichtmuseum gleicht, steht zumindest dieser kleine Fleck im Zeichen des nächtlichen Kommerz. Es ist das Eingangstor zur Steinenvorstadt, die Strasse der überteuerten Drinks, House-Clubs und Kebab-Buden für den Kater danach.

Altstadt Kleinbasel/Wettstein: Die Ärzte—Saufen

Wer die „glatte Sieche“, die man stets duzen und anhauen darf, treffen möchte, ist hier genau richtig: Ganzjahres-Fasnächtler und lustige Schluckspechte bevölkern die währschaften Spunten der Kleinbasler Altstadt. Bei Beizen wie dem „Schiefen Eck“ geistern auch in den späteren Morgenstunden noch Alkoholleichen rum. Gezecht wird allerdings nicht nur dort, sondern auch Billig-Dosenbier beim Tramunterstand am Claraplatz (der sinnigerweise eben nicht zum Clara-Quartier, sondern zur Altstadt gehört), einem beliebten Treffpunkt von Randständigen. Nicht alle kommen nur wegen des Biers in diese Gegend: In diesem Stadtteil befindet sich auch (sehr überschaubare) Basler Rotlichtviertel. Auf drei kurzen Strassenzügen harren die Damen vor den Kontaktbars aus.

Clara: Sir Francis—D’Schissi isch verstopft

Das Beizenleben aus der Kleinbasler Altstadt wird im kleinsten Quartier Basels fortgesetzt: Clara. So etwa bei den Kneipen, die wohl bald dem Claraturm weichen müssen. Originale wie die „Rote Zora“ vom Wurzengraber, bekannt für ihre derben Sprüche, oder einst der singende Wirt Sir Francis von der Ueli-Stube, der mit Lumpenliedern auf lokalem Niveau Kultstatus geniesst, sind hier zu finden. Auch die Claramatte, die als Drogenstrich bekannt ist, gehört zu diesem Quartier.

Vorstädte/ Am Ring: Antilopen Gang—Fick die Uni

Wie ein Gürtel schmiegt sich ein schmales Quartier um die ehemalige Stadtmauer. Ein Teil der Vorstädte gilt als Studi-Zone. Wo das Kollegiengebäude steht, gibt’s überdurchschnittlich viele Velos (und dementsprechend auch viele Fahrradkontrollen der Polizei) und Cafés. Die Antilopen Gang mag vielleicht das triste Gebäude der Basler Uni-Bibliothek gemeint haben, als sie ihren Track schrieb. Lichtblicke sind in dieser Gegend der Botanische Garten als grüne Oase sowie die stadtbekannte „Grinsefrau“, die immer wieder wie eine lächelnde gute Fee auf Studenten zugeht.

Matthäus: Los Mirlos—Sonido Amazónico

Einst diente es als Feindbild der Stammtischgrössen und musste für Überfremdungsängste herhalten. Das Matthäusquartier war berüchtigt für seine Puffs und die Drogenszene. Das hat sich mittlerweile geändert: All die achso-jungen, achso-kreativen Freiberufler trinken hier und ziehen nach dem Kater in die WG, in der sie aufgewacht sind. Türkische Brautkleiderläden und Hochzeitsfotostudios, dominikanische Bars und indische Quartierläden befinden sich nun in direkter Nachbarschaft zu Kulturcafés, Plattenläden und Modeboutiquen. Das Angestaubte wird wieder ausgegraben und hip gemacht: Was für das Quartier gilt, lässt sich auch auf die Musik übertragen, die an illegalen Kellerpartys und Studenten-WG-Feten zu hören ist. Retro ist angesagt, ob mit alten Reggaeplatten oder psychedelischen peruanischen Cumbia-Sounds aus den Siebzigerjahren, die keinesfalls fehlen dürfen.

Kleinhüningen/Klybeck: S-Hot & Sero—Intro / Psychisch

Es war schon immer ein Sonderling unter den Quartieren: Das ehemalige Fischerdorf gleich beim Dreiländereck und seine Ausläufer über die Wiese. Nebst dem Matthäus ist dies die Gegend mit dem tiefsten Durchschnittseinkommen. In diesem Hafenviertel sollen sich einst Matrosen und Kaiarbeiter gegenseitig die Fresse poliert haben und noch immer gibt’s Klischees: In den Augen spiessiger Zeitgenossen ist es das Ghetto Basels. Es sind oft dieselben, die nicht einmal wissen, wo Kleinhüningen genau liegt—für viele beginnt es schon im Klybeck oder noch weiter vorne. Das ist nicht mal ganz unbegründet, denn die historische Grenze des Fischerdorfs ragte weit über die Wiese hinaus. Der Rapper S-Hot kommt aus diesem Quartier, wie er in diesem Track auch betont. Nicht selten dient das Hafengelände Kleinhüningens (oder eben auch des Klybecks) als ideale Kulisse für ein Gangsta-Video.

St. Johann / Iselin: Protokumpel—Gentrifiziert eure Mutter

Hier hat’s immer wieder geknallt: In den Achtzigern schrieb die Besetzung der ehemaligen Stadtgärtnerei Geschichte, vor zwei Jahren wurde das besetzte Haus Villa Rosenau nach einem Brand von den Bulldozern weggeputzt. Noch stehen die bedrohten alten Arbeiterhäuser an der Wasserstrasse als letzte Bastion des günstigen Wohnraums. Nun leben im „Santihans“ Autonome und Hausbesetzer in direkter (und nicht ganz freiwilliger) Nachbarschaft zum Novartis-Campus. Auch das Lysbüchel, ein Gewerbeareal im Niemandsland bei der französischen Grenze und dem Schlachthof und Ort für illegale Partys, soll bald „aufgewertet“ werden. Die vielen Anti-Gentrifizierungs-Slogans an den Hauswänden des Santihans sprechen eine deutliche Sprache. Wem selbst das St. Johann noch zu urban ist, der zieht ins Iselin.

Rosental: Jay Z—Picasso Baby

Die Crème de la crème kommt zweimal pro Jahr zu Besuch. Während der Uhren- und Schmuckmesse wimmelt’s hier nur so von High Heels, protzigen Limousinen und adretten Hostessen. Während der Art Basel ist’s dann eine andere Schickimicki-Abteilung: Die Galeristen, Kunstsammler und Szenis stürmen dann das Rosental-Quartier und der Messeplatz wird zu einer Bühne für offizielle Performances—oder auch inoffizielle, man denke an die Pappteller-Aktion 2014 und die geräumte Favela während der Art 2013.

St. Alban: Jacques Brel—Les Bourgeois

Der „Basler Daig“, der in alten Schweizer Filmen so oft die Schurkenrolle übernimmt, soll—sofern es ihn überhaupt noch gibt—in diesem Villenviertel zuhause sein. Auch wenn das St. Alban auch andere Facetten hat—wohlgemerkt gehören auch das St. Jakobs-Stadion, das Gewerbeareal Dreispitz und der Wolf-Güterbahnhof dazu—ist das Image des Bonzenquartiers an ihm hängen geblieben. Die Statistik bestätigt das: Nebst der Grossbasler Altstadt und dem Bruderholz ist das St. Alban das Quartier, in dem die meisten Reichen zuhause sind. Insbesondere der Wohnbezirk Gellert, der aufblühte, als man am dortigen Galgenhügel keine Sträflinge mehr aufhängte, glänzt mit edlen Häusern.

Riehen und Bettingen: Stahlberger—Gwaltbereiti Alti

Obschon keine Quartiere, sind die beiden Landgemeinden Basels keinesfalls zu vergessen—immerhin ist Riehen die zweitgrösste Gemeinde der Nordwestschweiz. In einem Basler Kindervers wird Kleinhüningen als Bettelsack bezeichnet, das eher wohlhabende Riehen hingegen als Buttertopf, Bettingen als der Deckel dazu. Die weltberühmte Fondation Beyeler, der Chrischonaturm, der einzige Basler Wein und die grosse christliche Szene zeichnen die beiden Gemeinden aus. Zwar gilt Riehen als Familiengemeinde, ist gleichzeitig aber auch das Altersheim der Gegend: Senioren sind hier stark vertreten, so dass die gewaltbereiten Alten-Gangs von Stahlberger hier durchaus eine Gefahr darstellen könnten.

Breite: Muttenzerkurve—Mir sin us Basel, Stadt am Rhy

Eingeklemmt zwischen Birs und St. Alban-Teich, dem Bach, welcher das Arbeiterquartier vom noblen Gellert trennt, zerschnitten von einer mächtigen Autobahn: Die Breite. Im Sommer wird am Birsköpfli abgehängt und das ganze Jahr über hinterlässt der FC Basel hier seine Spuren. Zwar gehört das Stadion, das Joggeli, bereits zum St. Alban-Quartier, doch ein wesentlicher Teil der Fanszene spielt sich in der Breite ab. Nicht nur deshalb, weil der Weg zum St. Jakob von FCB-Graffiti gesäumt ist, sondern auch weil der Treffpunkt der Fans in der verbleibenden Zeit der berühmte „Saal“, mitten im Quartier, ist.

Gundeldingen: James Brown—Night Train

Es war das traditionelle Bähnlerquartier, mit seiner schachbrettartigen Form anders aufgebaut. Und darum auch der Ort, an dem Gleislärm und Gerattere mit James Brown-Soul erträglich gemacht werden muss. Heute wird das Gundeli von Pendlern als Wohnquartier bevorzugt. Auch im Jahr 2015 soll es tatsächlich noch Leute geben, die den Namen „Gündülü“ (in Anspielung auf die türkischstämmige Bevölkerung im Quartier) noch witzig finden – ein 0815-Joke, der sogar in den Neunzigerjahren mittelmässig war.

Bruderholz: K.I.Z.—Hier oben weht ein rauher Wind

Hier geht’s zum Goldhügel Basels: Nicht nur sozial, sondern rein geographisch hebt sich das Bruderholz ab: Es geht (für Basler Verhältnisse) steil bergauf. Nebst Einfamilienhäusern gibt’s hier aber auch ein bisschen Landwirtschaft, den Wasserturm aus den Zwanzigerjahren und bisweilen verirren sich Wildschweine in diesen Stadtteil. Zudem tragen die Strassen urchige Strassennamen wie etwa „Buremichelskopf“ oder „Hundsbuckelweglein“. Jede Strasse für sich so absurd und gleichzeitig treffend wie eine K.I.Z.-Referenz.

Bachletten/Gotthelf: Ohrbooten—Dschungelpartei

Von hier aus können die Elefanten gerochen werden: Nebst vielen Reihenhäusern besteht das Bachletten aus Sportanlagen und dem Basler Zoo, den „Zolli“. Tierisch geht’s auch im Schützenmattpark zu und her, wo steht’s nahezu handzahme Störche rumstolzieren. Weiter im Norden, Richtung Gotthelf-Quartier ziehen die Leute die inoffizielle Bezeichnung „Neubad“ für ihr Quartier vor. Ob man auch von dort aus noch die Löwen brüllen hört?

Hirzbrunnen: Snoop Dogg—Ups & Downs/Bang Out

Eigentlich sieht’s auf den ersten Blick wie ein verschlafenes Wohnquartier aus. Und es stimmt auch: Hier erlangt die Familiendichte ungeahntes Ausmass. Spätestens beim Schwimmbad und Kunsteisbahn Eglisee mit dem Jugendtreffpunkt davor wird das Hirzbrunnen für manche Leute zum „Hirzbrooklyn.“ Richtiggehend ab geht’s eigentlich dann in den Langen Erlen, der grossen Grundwasserschutzzone mit der Flusspromenade—das Hündeler-Paradies. Auf diesem harten Pflaster stellt sich manchmal die Frage, wer nun mehr aggro drauf ist: Die scharfen Hunde oder deren Halter—tickt auch von denen mal wieder einer aus, um eine Knarre zu zücken. Doch keine Angst, das kommt nur sehr selten vor. Oder mit Snoop Dogg gesprochen: „Every Dog has its day.“