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You Need to Hear This

Dinosaur Jr.: Es lebe die negative Grundeinstellung!

Dinosaur Jr. haben mir die Musikwelt neu erklärt. Die Erkenntnisse: Es gibt kein 90s-Revival und Bands werden nicht im Internet geboren.

von Irmina Kaniewski
20 Juni 2013, 11:00am

Dinosaur Jr. sind eine dieser Helden-Bands aus den 90ern, für die du dich in die 90er zurück wünschst. Musst du aber gar nicht. Vor ein paar Jahren, als es so aussah, als würden Emo- und Nu-Metal-Bands die Weltherrschaft an sich reißen, beschlossen sie nämlich, dass das so nicht geht und feierten Reunion. Ein Glücksfall. Dinosaur Jr. sind seit Ewigkeiten im Geschäft und irgendwie auch Stars, was ich zum Anlass genommen habe, mir von Drummer Murph und Bassist Lou die Musikwelt neu erklären zu lassen. Das Ergebnis sind erschütternde Erkenntnisse: Es gibt gar kein 90s-Revival, Bands werden gar nicht im Internet geboren, eine negative Grundeinstellung ist das A und O und wenn man nicht gerade Oasis ist, dann mag man seinen Hit. Und als ob all das zu verarbeiten, nicht schon schwer genug wäre, erzählten sie mir noch—um mich vollends zu verstören—vom Birkenstock-Song und ihrem Bedürfnis, Plastikpalmen auf die Bühne zu stellen. Aber lies selbst.

Dinosaur Jr. spielen an diesem Wochenende als Headliner auf dem Open Source Festival, das von YNTHT präsentiert wird. Wenn ihr noch Karten braucht, könnt ihr euer Glück bei unserem Gewinnspiel probieren.

YNTHT: Ihr seid eine Helden-Band aus den 90ern. Kriegt ihr eigentlich was von diesem 90s-Revival mit, von dem immer die Rede ist?
Murph:
Was für ein 90s Revival? Nee!
Lou: Die Leute erzählen mir immer irgendwas von einem 90s Revival, aber ich glaube das nicht.

Wieso glaubt ihr das nicht?
Ich sehe das einfach nicht. Es gibt nur eine Hand voll Bands, die nach 90er klingen und selbst die klingen nicht wirklich danach. Das kommt mir echt nicht wie ein richtiger Trend vor.
Murph: Ich würde sowieso lieber glauben, dass die Kids zu unseren Konzerten kommen, weil sie neugierig auf uns sind und nicht, weil wir ein 90er Revival repräsentieren.

Naja, ihr repräsentiert das ja auch nicht. Aber Bands wie Wavves, Cloud Nothings oder Yuck? Die werden immer in diese Schublade gesteckt, doch nicht ganz zu unrecht…
Lou: Also Wavves klingen für mich überhaupt nicht nach den 90ern. Cloud Nothings definitiv, na gut! Aber trotzdem klingen die trashiger und mehr nach Garage als alles aus den 90ern. Das war keine wirklich gute Zeit für Garage-Bands, die Leute standen da nicht so drauf.

Findet ihr es komisch, wenn ihr junge Bands hört, die wie etwas klingen, das ihr schon vor 20 Jahren kanntet?
Nein, nicht wirklich. Als wir angefangen haben, klangen wir auch wie das, was es damals vor 20 Jahren schon gegeben hat. Wir hatten viele Songs, die die Leute zum Beispiel an Neil Young erinnert haben. Das kommt mir wie ein natürlicher Kreislauf vor.
Murph: Ich finde, es kommt darauf an, ob sie angestrengt versuchen, so zu klingen oder einfach Musik spielen und dann ist das eben der Sound, der dabei raus kommt.
Lou: Selbst der Sound von Cloud Nothing ist ja eher eine Kombination aus verschiedenen Sachen und unter anderem haben sie diesen 90er-Einschlag. Ich kenne auch wirklich keine aktuelle Band, die nach Dinosaur klingt!

Mal ehrlich, hattet ihr vor eurer Reunion Schiss, dass sich keiner mehr für euch interessiert?
Lou: Haha! Ja, die Sorgen habe ich mir schon gemacht. Aber so wie ich das sehe, ist das nicht eingetroffen. Ich persönlich bin sowieso schon immer davon ausgegangen, dass sich niemand um uns schert und war eher jedes Mal überrascht, dass es nicht so ist. Die negative Grundeinstellung hat mich vor Enttäuschungen bewahrt. Haha!

Ja, aber die Reunion war doch von vornherein ein Erfolg. Habt ihr euch mal überlegt, euren Sound radikal aufzupolieren oder zu modernisieren, aus Angst die Leute stehen nicht mehr auf euch? Gab es an irgendeinem Punkt mal so eine Schnapsidee, wie die neue Platte von David Guetta produzieren lassen?
Oh Mann, den kenne ich…Haha! Aber nee, an sowas haben wir nie gedacht. Wir haben von Anfang an verstanden, dass das so nicht läuft. Als Musikfan weiß man, dass so eine Aktion an Selbstmord grenzt. Die Leute wollen, dass du natürlich bist und dein Ding machst. Diese Art von Verwandlung oder sich selbst neu zu erfinden, das funktioniert nicht.
Murph: Für mich ist das etwas, das Pop ausmacht. Also kommerzielle Popmusik. Wenn dir deine Manager sagen: Du musst anders singen, sing mal so! Zieh diesmal das an! Jetzt muss wieder eine Veränderung her!

Euch gibt’s ja jetzt schon eine ganze Weile. Gab es irgendwelche Veränderungen im Musikbusiness, die euch besonders aufgefallen sind?
Lou:
Es gibt so viel mehr Bands! Das war damals wirklich anders. Und dass du jetzt als DJ auf Tour gehen kannst und die Hallen füllst, auch das ist neu und eine richtig große Sache.

Findest du es gut, dass es jetzt viel mehr Bands gibt?
Hm, also Musikfan: Ja! Das finde ich großartig. Aber als Musiker, der versucht, damit sein täglich Brot zu verdienen, finde ich das ziemlich einschüchternd.

Es gibt ja mittlerweile das Internet, man braucht nicht mal mehr eine Plattenfirma.
Ja, das mag schon stimmen, aber du brauchst auch als Band, die sich im Internet präsentiert, trotzdem eine Menge Energie und musst viele Konzerte spielen, viele begeisterte Freunde haben, die allen von dir erzählen, und du musst das Besondere an dir vermitteln können und das ist noch immer eine Menge Arbeit. Die Leute, die das alles alleine machen, ohne Plattenfirma, leisten da echt was. Das ist noch immer rar.

Hm. Also es gibt genügend Beispiele von Musikern, die alleine durch ihre Internet-Präsenz schon eine riesige Fangemeinde aufgebaut haben, bevor sie überhaupt mal live gespielt haben.
Also ich weiß nicht. Ich stelle mein Zeug auch ins Internet, aber irgendwie interessiert sich keiner dafür. So habe ich bisher keine Platten verkauft. Für mich hat es nichts leichter gemacht!

Vielleicht weißt du nicht, wie man das Internet richtig benutzt?
Haha! Ja kann sein. Aber ich versuche es! Ich bin ganz fleißig in den Social Networks unterwegs. Aber ich denke, selbst heutzutage sind Plattenfirmen immer noch wichtig.

Mal was anderes: Spielt ihr eigentlich noch „Freak Scene“? Ich habe das Gefühl, das ist euer „Wonderwall“.
Murph: Haha! Also ich spiele es noch immer gerne!
Lou: Ja, wir spielen es bei jedem einzelnen Auftritt!

Gut so! Ich habe vor kurzem ein Interview mit Noel Gallagher gesehen, indem er sich tierisch darüber aufgeregt hat, dass die Leute immer, immer, immer „Wonderwall“ hören wollen. Er hat gesagt, er würde am liebsten jedes Mal ins Publikum kotzen, wenn sich einer das Lied wünscht und will das echt nicht mehr spielen.
Murph: Echt jetzt? Das ist doch bescheuert.
Lou: Haha! Pf!

Naja, ist halt auch Noel Gallagher. Aber habt ihr irgendwelche Hasslieder, die ihr nicht spielen wollt?
Murph: Hm. Also manche Lieder sind für mich noch immer schwer zu spielen, wie „Gargoyle“. Keine Ahnung, warum… Das finde ich immer sehr anstrengend.
Lou: Ich hasse es, diesen einen Song zu spielen, von dem ich mir nicht mal den Namen merken kann. Den, den wir meistens als zweites spielen
Murph: Du meinst „I Know It Oh So Well “? Oh ja, bei diesem Song denke ich mir jedes Mal: Irgendwas läuft hier falsch! Was machen wir hier eigentlich?

Warum spielt ihr den dann überhaupt? Lieben die Leute diesen Song so sehr?
Lou: J scheint da einen Narren dran gefressen zu haben. Aber für mich klingt das wie Dinosaur, die gerade die bizarre Version einer Ska-Band mimen. Das fühlt sich immer so an, als sollten wir eigentlich Plastikpalmen auf der Bühne haben. Der erinnert mich auch immer an irgendeinen Led-Zeppelin-Song, der schon nicht so gut war. Aber es sind Led Zeppelin, deshalb lässt man es ihnen noch irgendwie durchgehen. Aber wenn Dinosaur Jr. so einen Song spielen, dann hebt das nur all unsere Schwächen hervor. Ich kann mir das nur damit erklären, dass J irgendein perverses Vergnügen daraus zieht, wenn er hört, wie wir uns an dem Lied abarbeiten. Haha!
Murph: Obwohl der zweite Teil davon ziemlich gut ist, dann wird’s besser…
Lou: Ja stimmt, der Refrain ist gut. Aber bis zu diesem Punkt heißt es: Plastikpalmen und Steel Drums. Ich muss mir dann immer Leute in Sandalen vorstellen. Als wir ihn aufgenommen haben, habe ich ihn nur den Birkenstock-Song genannt.

Und wie er richtig heißt, weißt du noch immer nicht!
Ja, warum auch?! Ich will damit ja eigentlich nichts zu tun haben. Haha!

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