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Wie zur Hölle konnten Slipknot so erfolgreich werden?

Es gibt etwas an dieser Clownstruppe, das die Leute dazu bringt, sie zu respektieren wie kaum eine andere Band.

von Emma Garland
29 Oktober 2014, 3:00pm

UPDATE: In einem Interview mit Alternative Press hat Slipknot-Sänger Corey Taylor erklärt, warum so viele Menschen seine Band hassen. Demnach mache es Kritiker fertig, dass sie einfach nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sondern stur weiter erfolgreich sind: „Vor langer Zeit dachten die Leute, dass wir sofort wieder weg wären. Wir wären dann eine weitere Gimmick-Band, die nur auf ihre Optik vertraut hat—die Leute haben vergessen, wie verfickt talentiert wir waren. Jedes weitere veröffentlichte Album erinnert sie daran und das pisst sie richtig an.“ Er erzählt weiter, dass sie eigentlich geplant hatten, sich nach dem Debüt Slipknot sofort aufzulösen, so als mächtiger Fickt-euch-Mittelfinger an die Industrie. Das ist offensichtlich nicht passiert und so bleibt die Frage, wie zur Hölle es die Band aus Iowa geschafft hat, seit fast 20 Jahren eine der wichtigsten Metalbands der Moderne zu sein?

Fast jeder weltweit berühmte Künstler hat einen harten Kern an Superfans, die sich unter einem gemeinsamen Begriff zusammenfinden. Justin Bieber hat seine „Belieber“, Lady Gaga hat ihre „Monster“ und Slipknot haben ihre „Maggots“, die so was ähnliches wie Monster sind, nur mit weniger Interesse an Mode und einem größeren Verlangen, sich anspucken zu lassen. Superfans sind die höchstrangigen Konsumenten, wenn es um den kommerziellen Wert eines Künstlers geht. Wenn Superfans ihre „Liebe“ für etwas zum Ausdruck bringen, dann meinen sie das nicht so wie wenn du und ich sagen würden, dass wir Tacos oder ein überdurchschnittlich lustiges Meme lieben, bei ihnen geht es so weit, dass sie eine ungewaschene Unterhose von Neil Diamond als ihren wertvollsten Besitz bezeichnen und 20 Tattoos haben, die One Direction huldigen.

Genau wie die hormongesteuerten Anhänger von Bieber und Gaga, können Slipknot-Fans unglaublich leidenschaftlich sein (was im Video zu „Duality“ unten eindeutig belegt wird). In ihrer 19-jährigen Karriere wurde die Band sowohl dafür verantwortlich gemacht, unzählige Teenagerleben gerettet als auch die Inspiration zu High-School-Massakern geliefert zu haben—und für alles, was dazwischen liegt. Aber Superfans sind für gewöhnlich nur ein Extrem in einem breiten Spektrum an Konsumenten. Für jeden Irren, der in Lady Gagas Garderobe einbricht, um an ihren Outfits rumzufingern, gibt es Tausende andere, die „Born This Way" zuhause beim Vorglühen hören, denn dafür ist es nunmal gemacht. Wenn es um Mainstream-Künstler geht, dann beschränkt sich das Spektrum an Fans selten auf die eine bekloppte Frau, die die gleichen Tattoos wie Harry Styles hat—jeder in der Musikindustrie macht mit. Slipknot bekommen weiterhin so viel Beachtung von den Medien, dass es über den üblichen „peinliche Teenagermusik“-Status hinaus geht—von der Coverstory im Revolver-Magazin bis zum 4-Sterne-Review im The Guardian.

Sie sind zu einem Popkultur-Phänomen geworden, obwohl sie ihr Bestes gegeben haben, die Antithese zu allem zu sein, was entweder mit „Pop“ oder „Kultur“ zu tun hat. Trotzdem gibt es irgendetwas an dieser (wortwörtlichen) Clownstruppe aus Iowa, das die Leute dazu bringt, sie so zu respektieren wie kaum eine andere Band, die dem „Nu Metal-Boom“ der späten 90er entsprungen ist. Linkin Park? Ja, vielleicht das eine Album. Korn? Haha. System of a was? Slipknot hingegen sind nicht nur zum dauerhaften Inventar in unserem kollektiven musikalischen Gedächtnis sondern auch in den Charts geworden. Sicher, wir leben in einer Welt, in der Hybrid Theory das meistverkaufte Album des 21. Jahrhunderts ist und wird haben alle gesehen, dass es Metal in den Charts bis ganz nach vorne schaffen kann, aber das erklärt immer noch nicht, warum eine Band aus erwachsenen Männern, die aussehen wie die Interpretation eines Schaustellers von Clockwork Orange, vielleicht das zweite Album ihrer Karriere abliefert, das direkt auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts einsteigt. Wie haben es Slipknot also geschafft, dauerhaft erfolgreich zu sein, während andere gescheitert sind? Warum haben nur sie den Aufstieg der Skinny Jeans überlebt?

Als ich angefangenen habe, Slipknot zu hören, mochte ich sie, da sie die Grenzen von Akzeptanz und Zensur gesprengt haben und da ich—wie alle wütenden Teenager—meine Eltern so gut es ging nerven wollte. Trotzdem halte ich Iowa immer noch für eins der Alben, das meinen Musikgeschmack entscheidend beeinflusst hat, und es gibt wenige Anhänger harter Gitarrenmusik, die das nicht ebenfalls sagen würden. Hinter all den bescheuerten Masken und dem intensiven Atmen steckt aufrichtige Ehrlichkeit—Dinge, zu denen Leute wirklich einen Bezug haben, denn manchmal sind People = Shit und meistens ist die beste Art, damit fertig zu werden, sich einen Song anzuhören, in dem genau das gesagt wird und den du dann murmelst, während du Montagmorgen in der U-Bahn stehst, mit der Nase in der Achsel eines Fremden.

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Slipknot bedienen sich denselben visuellen Strategien wie andere Metal-Acts, mit Make-Up, das aufwändiger ist als bei einer Horde Drag-Queens zusammen. Das bedeutet, dass ihr Aussehen für die gesamte „Marke“ extrem wichtig ist. Insane Clown Posse, GWAR, Lordi und Nekrogoblikon sind alle Beispiele dafür, wie Gesichtsbemalung oder ein verstörend riesiger, falscher Monsterpenis zu Kultstatus führen können, aber sie sind immer noch zu sehr Randerscheinung, um in den Mainstream vorzudringen. ICP haben vielleicht ihre eigene Social-Network-Seite und GWAR waren vielleicht mal bei Jimmy Fallon, aber Slipknot schaffen es seit fast zwei Jahrzehnten, dauerhaft kulturell relevant zu sein, von der Kritik gefeiert zu werden und damit weit mehr als ein Gimmick zu sein. Seit sie 1999 ihre erste Platte veröffentlicht haben, wurden Slipknot für sieben Grammys nominiert (und haben einen gewonnen), all ihre vier Studioalben wurden mindestens mit Doppelplatin ausgezeichnet und sie können sowohl mit einem betrunkenen McLovin im Arm bei den VMAs auftreten, als auch ihre Fans darum bitten, keine menschlichen Überreste zu ihren Konzerten mitzubringen, ohne dass dies ihrer Identität schadet. Der Underground liebt sie, die kommerzielle Welt liebt sie und die Medien können sie nicht ignorieren. Anders als vielleicht zu erwarten, passen sie überall rein.

Zumindest ein Teil von Slipknots unerschütterlichem Erfolg lässt sich auf ihre Beharrlichkeit für ihre Masche zurückführen. Es braucht viel Überzeugung, um 1995 einen Overall anzuziehen und eine Maske aufzusetzen und dies für den Rest der Karriere nicht mehr abzulegen. Wenn man Interviews glauben kann, in denen sie überraschend ehrlich sind, dann ist der Akt der Verkleidung für sie mehr als nur eine PR-Taktik (auch wenn sieben Grammy-Nominierungen bestätigen, dass es eine ziemlich gute Taktik wäre). Es steckt definitiv ein ehrlicherer Ansatz dahinter. Es ist nicht so, als würden sie ihre Masken aufsetzen und sich auf magische Weise in eine Rob Zombie-Version von My Chemical Romance verwandeln, dessen Vokabular sich auf die Worte „Shit“, „Suffer“ und „Die“ beschränkt. Es ist eher wie, wenn dein Vater sich am Esstisch eine Goblin-Maske aufsetzt und dir dann irgendwas von Tierdokus oder so erzählt, als wäre es keine große Sache. Sie passen so zwanglos zu ihren selbst auferlegten Identitäten, dass sie sie fast zwanzig Jahre lang nicht verändert haben. Denn das mussten sie auch nicht.

Aber Masken beiseite, der Hauptgrund, warum Slipknot so unverwüstlich sind, ist wahrscheinlich, dass sie den Soundtrack für wütende Teenager liefern und davon wird es immer genug geben. Slipknot repräsentieren eine riesige Bevölkerungsgruppe, deren Antwort auf zerrüttete Familienverhältnisse, Mobbing, Einsamkeit und andere beschissene Dinge, die einem im Leben so passieren können, ein lauter, befreiender Schrei ist. Die Sache an ICP, GWAR und Lordi ist, dass sie keine universelle Möglichkeit zur Identifikation bieten. Es ist alles zu übertrieben, zu melodramatisch, zu sehr wie die dunkle Seite des Internets, in der man sich über die erotische Kunst von World of Warcraft unterhält. Slipknot haben herausgefunden, wie viel Lächerlichkeit noch akzeptabel ist und das ist eben ein Mann, der als Clown verkleidet ist und mit der Leidenschaft eines Klavierspielers auf eine Tonne haut. Alles, was darüber hinaus geht, ist zu viel. Niemand schafft es, eine von der Kritik gefeierte Karriere nur auf einem Gimmick aufzubauen. Trends ändern sich. Die Leute sind irgendwann gelangweilt. Was Slipknot von allen anderen Metalbands der letzten zwei Jahrzehnte abhebt, ist, dass das, was sie machen, eine glaubwürdige Form von künstlerischer Fähigkeit beinhaltet. Im Großen und Ganzen sind Slipknot ein wirklich gutes Theaterstück, während GWAR eine Pantomime-Darbietung am Nachmittag sind.

.5: The Gray Chapter ist das fünfte Studioalbum von Slipknot und das erste nach dem Tod von Bassist Paul Gray 2010 und dem Abschied von Schlagzeuger Joey Jordison letztes Jahr—beide waren Hauptsongschreiber. Obwohl sie ohne die beiden ins Studio gegangen sind, ist es eine ziemlich gute Platte geworden, besonders in einer Umgebung, in der die Charts komplett von Popmusik dominiert werden. Mit zu erwartenden Verkaufszahlen von über 100.000 Exemplaren in der ersten Woche ist .5: The Gray Chapter die erste Platte mit harter Musik, die eine hohe Chartposition erreichen wird, seit Bring Me The Horizon 2013 ihre Nu-Metal-Hommage Sempiternal veröffentlicht haben, die es bis auf Position 11 geschafft hat. Ich will Slipknot nicht in die Nu-Metal-Ecke drängen, da sie sich schon immer eher in Richtung Thrash bewegt haben, aber sie sind in der goldenen Ära des Nu-Metal großgeworden, die der Guardian als „letzte Gitarren-basierte Bewegung, die einen echten Generationenkonflikt erschaffen hat“ bezeichnet hat.

Die Billboard Albumcharts erscheinen am Mittwoch, den 29.10., also werden wir sehen, ob .5: The Gray Chapter es wirklich an die Spitze der amerikanischen Charts schafft. Mein Tipp ist, dass sie von Taylor Swifts 1989 übertroffen werden, aber trotzdem ist es beinahe unglaublich, dass 2014 der Kampf um die Nummer eins zwischen America’s Sweetheart und sieben Typen, deren Markenzeichen abgetrennte Ziegenköpfe, Pentagramme und ein riesiges, brennendes Zeichen mit der Zahl 666 ist, ausgetragen wird.

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