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Wie die Ticketmafia den Schwarzmarkt auf Konzerten beherrscht

Beim U2-Konzert in Berlin haben wir uns in den Kreis zwielichtiger Ticketverkäufer geschmuggelt, um mehr über die internen Strukturen zu erfahren.
2.10.15

Die Berliner Warschauer Straße ist das Tor zum Müll verseuchten Drogenumschlagplatz der deutschen Hauptstadt, dem RAW-Gelände. Zuletzt in den Medien wegen dem aufgeschlitzten Hals von Jennifer Weists Kumpel. Oder dem Raubüberfall letzte Woche. Oder dem anderen von der Woche davor. Die deutsche Hauptstadt hat es zur Zeit nicht leicht: Bandenkriminalität, Mieterhöhung und jetzt auch noch U2. Die Schotten spielen gleich vier (!) Shows in der Mercedes-Benz Arena (ehemals O2 World). Ein gefundenes Fressen für Musikhasser, und vor allem: Schwarzhändler.

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Der Karten(ver)kauf abseits der Kassen ist nicht unbedingt illegal. Zumindest für private Nutznießer, selbst zu erhöhtem Preis, weil ein ausverkauftes Konzert das rechtfertigt. Wer aber gewerblich handelt, wird bestraft. Und genau hier wird der Schwarzmarkt zur Grauzone. Die schwammigen Grenzen zwischen privat und gewerblich liegen beim Wucher oder aber bei organisierten Banden, die offensichtlichen Handel treiben—so wie die Ticketmafia. Natürlich scheint der Typ, der verzweifelt versucht, sein Ticket vor einer ausverkauften Konzerthalle loszuwerden, wie ein armer Kerl, der von seinem Date versetzt wurde. Und der Typ, der es abkauft, scheint zwangsläufig ein großer Fan zu sein, der nur zu verplant war, sich frühzeitig um Karten zu kümmern. Dem ist aber nicht unbedingt so.

Denn hinter den Händlern stecken oft organisierte Strukturen mit professionellen Tricks und Schwindeleien, die aus dem Ticketverkauf ein Geschäft machen—oder es zumindest versuchen. Also habe ich mich in solch ein Gewühl von Schacherern geschmuggelt, Vertrauen erweckt und versucht, den internen Strukturen dieser Machenschaften auf die Schliche zu kommen.

Das wohl kleinste Glied in der Kette von Finsterlingen, die des Nachts auf Beutezug gehen, ist trickreich. Und überpünktlich. Noch auf der Warschauer Brücke, anderthalb Stunden vorm Konzert, steht sie da, die erste Grinsekatze mit ihren leuchtenden Augen. „Brauchst du noch ein Ticket? 100 Euro“, meldet der viel zu alte Mann fröhlich und spricht von einem Freund, der leider absagen musste. Ein Interessent neben ihm lässt mit vollem Mund Frust raus: „Ey, wir haben über 200 bezahlt im Shop, scheiße“. Trotz einer Preisspanne von 38 (für Plätze, bei denen du die Bühne nur von hinten siehst) bis zu 300 Euro haben die Iren alle vier Konzerte ausverkauft. Bei einem Fassungsvermögen von 17.000 Besuchern werden also offiziell 68.000 Versicherungsvertreter ihr adrettes Jacket über die Schulter werfen und zu U2 pilgern.

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In der Nähe der Mercedes-Benz Arena reihen sich Mittdreißiger im Steuerberaterkostüm und wedeln mit Tickets. Viel zu unbeholfen tänzeln die privaten Verkäufer auf dem Beton, als würde jeden Moment ein Sixpack Bullen um die Ecke kurven. Was sogar sofort passieren könnte, wie mir ein Sicherheitsbeamter erklärt: „Wie wat? Willste verkoofen? Wird schwer. Hier sind überall Kameras angebracht, auf dem ganzem Platz.“ Vor der Halle werden also alle Gesichter aufgezeichnet und registriert. „Mercedes Benz greift hier jetzt rigoros durch. Wer 6,5 Millionen Euro [Anm. d. Red.: pro Jahr für die Namensrechte an der Mehrzweckhalle] bezahlt, der will nicht, dass hier Schabernack getrieben wird. Jetzt gibt es hier eine eigene Polizei mit zwei Wagen.“ Die würden die Händler dann verhaften, wenn sie sie erwischen. Zivilbeamte sollen auch noch rumgeistern. Die erhöhte Sicherheit sei wichtig, immerhin gibt es ja einen Ruf zu verlieren: „Damit nicht so etwas wie beim Champions-League-Finale im Olympiastadion passiert, wo Leute mit gefälschten Karten abgezockt wurden. Viel Glück, vielleicht kriegste ja noch 'n Ticket“. „Ich will gar keins“, lache ich empört und gehe zur Warschauer Brücke zurück, abseits des Kamerablickfelds. Und tatsächlich, direkt danach sehe ich zwei älteren Herrschaften in übertrieben fürchterlichen Vintage-Jacken mit ins Gesicht geschriebener Dienstbehörde. „Ick hab echt noch keen jesehn, der hier 'ne Karte gekooft hat“, sagt der eine Blinde zum Anderen.

Obwohl an der Brücke mit kumpelhaften Sprüchen wie „Na komm, Geld ist nicht alles, Musik aber“ geködert wird, läuft es nicht rosig bei vier Konzerten. „Katastrophe“, flüstert ein Händler dem anderen zu. Greift man ins Getuschel ein, streitet jeder wie vom Tonband abgespult jeglichen Handel ab. „Bin ja gerade erst gekommen“, lügen sie. Konsequent, ernst und zwielichtig gehen sie jedem Gespräch aus dem Weg, untereinander pischpern sie sich ins Ohr. Auf mögliche Kunden agieren sie dagegen engelsgleich, aber um Stress bemüht. Nach zähem Feilschen und etlichen Stunden Vertrauensfindung wird unsere Grinsekatze vom Anfang aber lockerer und deckt die internen Strukturen des Schwarzhandels auf: „Wir haben keinen Chef, wir sind kleine Gruppen, manche auch nur für sich. Hauptsache man kommt sich nicht in die Quere, wenn einer gerade ein Angebot macht. Aber man kennt sich ja, wenn man immer vor dem Olympiastadion oder der O2 World steht und hilft sich auch. Wenn ich keine Karten mehr habe, rufe ich einen anderen Händler an, der noch welche hat. Am Ende steckt der mir dann was zu.“

Sein Dauergrinsen stammt dabei aber nicht von seinem erwirtschafteten Reichtum, hält er vehement fest: „Bei Helene Fischer bin ich jedes Mal mit 20 Euro nach Hause gegangen, nach zwei Stunden Rumstehen.“ Die in einer Gruppe organisierten Schwarzhändler kaufen vom gewonnenen Geld immer wieder Tickets auf—kann ja sein, dass noch ein Scheich samt Entourage Tickets kaufen will. Zocken wie im Casino. Manche Kartenkäufer fahren mit Klapprädern alle Ankommenden ab, andere verkaufen mit tief ins Gesicht gezogenen Basecaps die jüngst erstandenen Tickets.

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Wer es auf eigene Faust versucht, ist relativ aufgeschmissen. „Mein Bekannter hat das einmal bei Madonna ausprobiert, sich für 2.000 Euro Tickets gekauft, um sich einen schönen Urlaub zu finanzieren“, so unser Mann mit starkem Redebedürfnis. „Der war froh, als er die Hälfte weg hatte. Ich musste auch schon zwei Tickets Hertha BSC gegen Bayern für 15 Euro verscheuern und bin noch selbst reingegangen. Die gehen sonst für 40 Euro weg. Zu 80 Prozent wollen eben Pärchen die Karten, also braucht man zwei zusammenhängende. Die kann man nur selten aufkaufen und verspekuliert sich.“ Tatsächlich hat er weniger Angst vor dem Gesetz, als davor, sich zu verspekulieren: „Die Arbeit macht Spaß, ja, nur die Kalkulation ist riskant. Und ja, an sich ist das eine Ordnungswidrigkeit, die mit 35 Euro bestraft wird. Man muss halt vorsichtig sein. Auf dem Mercedes-Platz geht das schon gar nicht. Wenn du da einmal erwischt wirst, bittet man dich fort und wenn du dich dann nochmal blicken lässt, ist vorbei. Da kommst du dann nicht mehr rauf.“

Als das Ordnungsamt in aller Ruhe 30 Meter weiter auf der Straße Strafzettel verteilt, nutze ich die Chance und vergewissere mich bei ihnen: „Wenn die da vorne auf der Straße stehen, dann knöpfen wir sie uns vor. Die Strafe liegt bei 100 bis 10.000 Euro, aber so weit kommt keiner. Je nachdem, wie oft jemand eben aufgegriffen wird. Was da aber auf dem Privatgelände vor der Arena passiert, geht uns gar nichts an. Das müssen die Herren von Mercedes klären“, so das gemütliche Kerlchen mit viel zu wenig Engagement.

Und genau da sind zu keiner Zeit Mercedes-Benz-Aufpasser auszumachen. Herannahende mit zu viel Tickets werden von den gut positionierten Händlern mit klebrigen Argumenten abgezogen. 200-Euro-Karten werden für 30 Euro aufgekauft und für über 50 bis hin zum Originalpreis wieder verkauft. Besonders erschreckend sind drei Omis, denn auch sie sind Teil der Gang. Eine sucht als Lockvogel mit Pappschild, völlig entgleistem Gesicht und gespielter Trauer eine billige Karte—die Rente reiche ja nicht. Ein anderes Großmütterchen rennt in Pennergewand mit Pfandbeutel und übertrieben asozial gekleideten männlichen Anhängsel herum. Am liebsten die Karte geschenkt bekommen, einmal so etwas erleben, das wär's doch, so ihre Argumente beim Kartenaufkauf. Sobald es gelingt, wird das gute Stück gleich den anderen, adrett gekleideten Händlern in den Mantel gesteckt. Insgesamt agieren hier sicher 20 Leute im Zusammenspiel.

Nachdem das Konzert seit gut 15 Minuten in vollem Gang ist und die Meute in der Arena sicher total ausrastet, verstreuen sich die Händler in alle Richtungen. Nur einer gibt sich die U2-Dröhnung und nutzt ein Ticket, um die Halle zu betreten.

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