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Kollegah zerstört mit Seyed gerade seinen eigenen Mythos

Der Erfinder und König des Poser-Raps hat mit Seyed einen vermeintlichen Nachfolger gefunden, der es leider nicht bringt. Und zwar so gar nicht. RIP Image-Rap.

von Georg Bakunin
19 Mai 2016, 9:00am

Um es vorwegzunehmen: Das ist kein Text für schlurfende Backpacker und Blumentopf-Fans. Auch Dorfkartoffeln, die gerne gegen alles schießen, was dunkle Haare hat, dürfen sich an dieser Stelle gern verabschieden—eure Bedürfnisse werden hier nicht gestillt! Gewalt, Testosteron, Knarren und dicke Autos haben durchaus ihre Berechtigung. Im Rap, in der Musik allgemein, in Filmen und vor der örtlichen Currywurstbude—sprich dort, wo sich die ganz harten Jungs treffen.

Wer das anders sieht, der kann sich gerne mit Max Herre auf einen Bubble Tea treffen und in alten Erinnerungen schwelgen. Als es im JUZ noch Mädels mit KORN-Stickern auf dem Eastpak und Jungs mit Cordhosen gab, die man mit „A-N-N-A“ oder Reimketten wie „Die Creme de la Creme mit Überschall / Nummer Eins Team / ziehen an einem Riemen / fliehen über Schienen“ beeindrucken konnte. Und ja, den Text gibt es wirklich.

Rap hat sich verändert. Denn Rap ist Darwinismus, kommt damit klar. Deshalb wird alles, was sich nicht weiter entwickelt gnadenlos aussortiert. Und jetzt ist es langsam soweit: Image-Rap beginnt zu verwesen. Während findige Business-Alphatiere wie etwa Farid Bang dies längst erkannt haben und deswegen öffentlich zugeben, dass sie ihre Künstler an Daggi Bee verhökern, um die nächste Generation an Groupie-Fans heranzuzüchten (die Graffiti für Schmierereien und Breakdance für ein Fahrgeschäft halten), bleibt der große Aufschrei der alteingesessenen Fans aus.

Wozu sich auch aufregen? Die Szene ist zu breit gefächert, um sich Sorgen machen zu müssen, dass hier erneut eine Deutschrap-Blase platzt. Es wird ja auch immer einfacher, vom BVB zu den Bayern zu wechseln—da kann man auch mal vom HipHop in die YouTube-Pop-Sparte rutschen. Die Zeiten, wo man nach einem wacken Move aus dem Game ist, sind endgültig vorbei. Könnt ihr sowohl KayOne als auch Mario Götze fragen. Im Nachhinein übrigens mein Beileid an die Massiven Töne: das hat wirklich niemand kommen sehen damals ... Na gut. Vielleicht Menschen mit Musikgeschmack. Oder jegliche Leute, die erkennen, wann man den Bogen überspannt hat.

Kollegah wiederum scheint keine solchen Leute in seiner Umgebung zu haben. Oder es ist ihm scheißegal. Zweiteres ist dabei wahrscheinlicher. Anders ist das erste Signing seines neu gegründeten Labels „Alpha Music“ namens Seyed, und die Parts des selbsternannten Boss' auf dessen Album, mit dem innovativen Titel Engel mit der AK, nicht zu erklären (versteht ihr, Girls? Er ist voll hübsch, aber auch ein bisschen gefährlich!).

Ja gut, wir alle wussten schon immer, dass man Kollegah nicht mit Rakim vergleichen sollte. Auch nicht in epischen Interviews. Nico Backspin kann ein Lied davon singen. Das ist übrigens eine gute Idee! Kann bitte jemand einen Trap-Beat unter Teile des Interviews legen und Nico ein Lied singen lassen? Danke. Aber zurück zum Thema: Wer Spaß an Sudoku hat, auf hässliche Sonnenbrillen steht und dicke Muckies mag, der konnte sich schon mal die ein oder andere Kollegah-Scheibe zu Gemüte führen. Auch wenn der Swag verhältnismäßig unterrepräsentiert war, die Streetcredibility gen Null ging und die Beats an Großraumdiskotheken mit Plastikpalmen erinnern: Es wäre gelogen zu sagen, der Mann habe keinen Unterhaltungswert oder Talent. Selbstverständlich ist das Werk von Kollegah eine beachtliche Leistung. Besonders im Segment „Rätselspaß“.

Zumindest bisher. Denn mit Seyed, dem x-ten Abziehbild vom Abziehbild, lockt Kolle einfach niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Und wer mir jetzt mit Verkaufszahlen kommt, der soll bitte auch Andrea Berg für seine/ihre verkauften Einheiten feiern. Seyed wiederum tut ja auch nur, was man von ihm erwartet: Ein bisschen Kollegah sein, etwas Shindy-Flow mit reinpacken, die Haare wie ein Kölner Autoscooter Don Juan tragen, die Oberarme bei McFit stählen und ein paar Pistolen in die Kamera halten. Aber sogar das wirkt so armseelig und unecht, dass man Mitleid mit ihm bekommt.

Dabei waren sich die meisten Rap-Journalisten einig, dass nach Majoe nicht mehr viel kommen kann. Falsch gedacht. Mit einer Belanglosigkeit und einem fehlenden Feuer oder gar Hunger, der an die Auftritte von Kevin Kurany bei der TSG Hoffenheim erinnert, schleppen sich die beiden trotz Tripple-Rhymes über die Rummel-Beats. Die Videos haben keinen Esprit. Man vergisst die Zeilen, bevor sie überhaupt zu Ende gerappt wurden. Sogar die bösen Jungs im Hintergrund wirken gelangweilt. Der Erfinder und König des Poser-Raps hat mit Seyed einen vermeintlichen Nachfolger gefunden, der es leider nicht bringt. Und zwar so gar nicht. Der König ist tot, lang sterbe der König.

Und dafür möchte ich Danke sagen. Danke an euch beide. Denn wenn mit Seyed nicht der Untergang des Image-Rap eingeläutet wurde, dann werde ich mich in zwei Jahren eine ganze Woche lang vor die Billy-Wilder-Promenade 42 stellen und live auf Facebook übertragen, wie ich versuche, meine Uhr zu reparieren und 60 Colas in einer Minute trinke, ohne zu bezahlen. Oder so ähnlich. Realtalk!