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Sido und die ARD haben einen schlechten Zeitpunkt für ihre fröhliche Deutschland-Hymne gewählt

Was hier passiert, ist nichts anderes, als die traurig wehende Deutschland-Flagge mit aller Gewalt geradezubiegen.

von Julius Wußmann
28 September 2015, 12:00pm

Kinder wurden in der Bahn angepinkelt, Väter vor den Augen ihrer Familie verprügelt, Frauen aus der Bahn gejagt und zu Hilfe Eilende verprügelt, geplante Flüchtlingsheime und bereits bewohnte Bleiben angezündet und jede Woche finden sich wieder tausende Schreihälse zusammen, um gegen alles zu schreien, was nicht in ihren Horizont passt, der von der Tapete bis zur Wand reicht. Das passiert nicht in irgendeiner fernen Militärdiktatur, das passiert hier, bei uns in Deutschland. Und das schon so lange, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben und neue Verbrechen intuitiv nur noch daran messen, ob sie denn einen neuen Tiefpunkt erreicht haben oder eben nicht.

Der perfekte Zeitpunkt also, uns alle daran zu erinnern, warum dieses Land so verdammt liebenswert, ja geradezu großartig ist. Hat sich jedenfalls die alte Dame ARD mit ihrer Themenwoche „Heimat“ gedacht, um den laut grölenden „GEZ-Zwangsrundfunk“-Kritikern—die es sich im Durchfall-braunen GIDA-Mob bequem gemacht haben—mal so richtig zu beweisen, was sie doch Tolles schaffen kann. Und wer eignet sich besser als ein Rapper, um die Botschaft vom harmonischen Germania zu verbreiten? Wer, wenn nicht Sido? Diese Wahl sollte doch jedem, der zurzeit kurz das Radio anschaltet und seine Wohfühl-Hymne „Astronaut“ hört, unangenehm logisch erscheinen. Sido kam von ganz unten, rappte dreckige Songs über das drogenreiche Wochenende und fand schließlich durch die Reife des Alters zum Pop und damit in die Herzen unserer Nation.

„Die Wiese vor dem Reichstag“ heißt der Song, der aus dieser fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Rundfunkanstalt und Rap-Titan entstand und überraschenderweise nicht vom „Marsch der Entschlossenen“ handelt, die im Juni auf ebendieser Wiese symbolisch die Leichen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen verbuddeln wollten. Der Song ist eher als eine Parodie auf „Biergarten Eden“ von K.I.Z. zu verstehen. Diesen hatten K.I.Z. 2010 als Kritik am neuentflammten Patriotismus veröffentlicht, als Deutschland mal wieder kollektiv rumtaumelte und laut „Fossball!“ grölte, während „unsere Jungs“ bei der WM in Südafrika spielten. Eine Parodie einer Parodie? Klingt so traurig, wie es ist: Sido und die ARD meinen ihren Song todernst und genau das ist das Problem. Denn was Sido da singt, sorgt bei uns schon für einige ungläubige Fragezeichen.

Natürlich gibt es da die titelgebende Hook („Ich lieg’ immer wenn ich Zeit hab’, auf der Wiese vor dem Reichstag.“), die schon für Verwirrung sorgt. Denn warum sollte Sido sich auf der Reichstagswiese entspannen? Eigentlich ist dieser Platz doch eher Anlaufstelle für fotogeile Touristen, die ihren neuen Instagram-Post mit einem #Reichstag verzieren wollen. Ebenso die darauffolgende Aufzählung verschiedener Bundesländer, in die sich auch „Preußen“ geschummelt hat, ist mehr als seltsam. Was der ehemalige Freistaat, der 1947 formell aufgelöst wurde, 2015 neben Ländern wie Bayern oder Sachsen sucht, haben wir einfach noch nicht verstanden.

Viel schlimmer als diese kleinen Stolpersteine ist die folgende Kritik an Deutschland. Nachdem es im ersten Teil nur darum ging, wie geil es doch hier ist, weiß auch Sido, dass er die GIDA-Bewegungen nicht ausklammern kann und rappt: „Du bist der Grund, dass ich gut schlafen kann. Und ein paar Hobby-Demonstranten auf den Straßen nenn’ dich Abendland.“ Es ist ja schön zu wissen, dass angesichts der regelmäßigen Märsche der selbsternannten „Aslykritiker“ wenigstens einer den Krach ausblenden und ruhig schlafen kann. Und jeder kann auch selbst für sich entscheiden, ob er die „besorgten Bürger“ ignoriert. Aber es geht noch weiter: „Doch trotzdem liebe ich dich echt. Ich mein’, jeder will das Beste, aber niemand ist perfekt.“ Das ist kein ruhiger Schlaf mehr, das ist eine verträumte Verharmlosung von aggressiven Idioten, die nicht davor zurückschrecken, unschuldige Menschen ernsthaft zu verletzen. Was hier passiert, ist nichts anderes, als die traurig wehende Deutschland-Flagge mit Gewalt geradezubiegen.

Leider drückt auch die Verbindung „Kegelclub“ und „wehenden Fahnen“ („Du bist der Kegelklub, der Dönermann, die wehenden Fahnen“) im Kopf schon wieder auf diesen lästigen Play-Button, der Bilder von sächsischen Kleinstädten und „Hobby-Demonstranten“ abspielt (die sich nach getaner Arbeit gerne mal einen Döner reindrücken). Und auch wenn das jetzt wirkt, wie das Nadelsuchen im Heuhaufen, ist es durchaus die Frage wert, wie man so einen Song zum jetztigen Zeitpunkt eigentlich schreiben kann.

Vielleicht wird diese Frage auch von Sidos politischem Verständnis beantwortet, das im Song ein wenig seltsam anmutet. Vor allem die Zeile „Und auch wenn diese Merkel nicht die Schönste ist, egal, daran gewöhnste dich“ könnte doch glatt auf dem CDU-Wahlplakat für die nächste Wahl stehen. Veränderungen sind doch so unbequem, da ist es doch besser, sich mit den derzeitigen Zuständen abzufinden. Und falls uns wieder mal die Kotze hochkommt, weil organisierte „Hobby-Demonstranten“ mal so zum Spaß Heime anzünden und wir uns von unserer Regierung alleine gelassen fühlen, sollten wir einen abschließenden Tipp beherzigen: „Wenn mir mal wieder nicht gefällt, was ich hier sehe, ruf ich Poldi an und er zeigt mir die Weltmeistertrophäe.“

Ganz genau, wir sind ja Weltmeister. Alles andere ist nur traurige Realität.

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