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Interviews

Wir haben mit dem wichtigsten Deathcore-Ghostwriter über das Ende des Genres gesprochen

Will Putney, Sänger von Fit For An Autopsy, hasst sich ein wenig dafür, dass er so vielen untalentierten Bands hilft.
5.10.15

Wenn du gerne Hardcore-, Metalcore- und Deathcore hörst, dann ist Will Putney der Produzent deiner Lieblingsbands. Neben Upon A Burning Body, For Today, Stray From The Path, The Acacia Strain, Counterparts und The Amity Affliction hat er zum Beispiel auch Thy Art Is Murders Holy War und Northlanes Node produziert. Mit seiner eigenen Band Fit For An Autopsy wiederum hat der Mann, der eigentlich aus dem New York Hardcore kommt, gerade Deathcore neu erfunden. Absolute Hope Absolute Hell heißt ihr neues Album, das in seiner geradlinigen Eindringlichkeit, durch seinen packenden Groove und durch die von Gojira geliehenen Dramaturgie neue Welten eröffnet. Und so ganz nebenbei: Will Putney schreibt auch Texte, Songs und ganze Alben für andere. Eigentlich wollte er uns das nichtmal erzählen, aus ihm raus kam es trotzdem.

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Er ist also genau der richtige Typ dafür, um bei Kerzenschein das Genre Deathcore auseinanderzunehmen. Das versumpft gerade ohne sich dafür zu schämen in Eintönigkeit und weigert sich stur, weiter kreativ und gefährlich zu bleiben. Kritiker werfen dem Genre vor, die sichere Bank für all jene zu sein, die mit wenig Aufwand erfolgreich werden wollen. Weil man eben nicht viel können muss, außer einen ausgelutschten Breakdown-Rhythmus auf der tiefsten Saite der Gitarre hinzuledern. Das klingt vernichtend, aber es ist gut möglich, dass an diesem harten Urteil mehr dran ist, als die Szene es zugeben möchte.

Putney erzählt uns, dass er von Bands oft gefragt wird, ob er ihnen beim Schreiben nicht mal zur Hand gehen könne. Ein wenig, nur ein Album schreiben oder so. Irgendwie hasst er sich ja selbst dafür, andererseits verdient er immerhin an dem Quatsch—und Deathcore ist eh nicht mehr zu retten.

Noisey: Wie würdest du Deathcore im Jahr 2007 beschreiben?
Putney: Wir sollten die Zeit noch etwas weiter zurückdrehen. Die erste Deathcore-Band war The Red Chord, sie kriegen nur nie die Anerkennung dafür. Für viele ging es mit Suicide Silence, Job For A Cowboy und den Myspace-Bands los. Aber The Red Chord haben das Genre gegründet. Außerdem hat Guy [Kozowyk—Sänger der Band] mit dem Label Black Market Activities diese Musik vorangetrieben. Damals entstanden auch die Kernbands: Deadwater Drowning, From A Second Story Window, Ed Gein, die erste Black Dahlia Murder-Platte. Damals wurde das nicht mal als Deathcore klassifiziert, da gab auch den Begriff noch nicht. Man mixte Death Metal mit Grindcore und streute schwedische Einflüsse sowie Hardcore-Breakdowns ein, was früher auch Morbid Angel und Suffocation gemacht haben.

Die nächste Generation von Bands hat sich dann die Elemente rausgegriffen, die sie daran mochte. Die Schnelligkeit, die Blastbeats, diese heftigen und langsamen Moshparts. Das verrückte Zeug wurde aber rausgestrichen, dadurch wurde die Formel für die Songs schlichter und das ganze Genre irgendwie kommerzieller.

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Und wie würdest du Deathcore heutzutage beschreiben?
Er ist nicht mehr inspirierend und wenig kreativ. So ist das nun mal, Bands müssen sich den Erwartungen der Kids fügen. Der Wettbewerb ist heute größer, Bands werden schneller abgeschrieben. Der Raum für Experimente ist kleiner geworden. Viel zu wenig Bands ist es egal, dass sie vielleicht zu eigenartig für die Fans sind. Vieles klingt heute gleich: das Album, der Sänger, die Songstrukturen. Natürlich stechen manche heraus, aber die Übersättigung durch Immergleiches ist zu groß. Es ist so, als hätten sich Deathcore-Bands ihr eigenes Grab geschaufelt, auf ewig verdammt, das Gleiche zu tun.

Ich vermisse die Zeit, in der jede Band bei einer Show anders klang. Sie haben zusammengepasst, aber jeder hatte seine Identität. Vieles davon ist verschwunden. Vor zehn Jahren habe ich noch Converge, Thursday, God Forbid und Dillinger Escape Plan zusammen gesehen, keine von diesen Bands klang auch nur ansatzweise so wie die Andere. Es gab eine Zeit, da war es wundervoll, anders zu sein. Heute haben die Bands Angst. Alles ist so falsch: Das Gepose, im Hintergrund laufen wie verrückt Tracks mit, kaum was wird noch wütend hingeschmettert.

Entwickelt sich Deathcore nicht trotzdem weiter?
Ja, Job For A Cowboy haben sich zu einer echt coolen Progressive-Metal- beziehungsweise Death-Metal-Band entwickelt. Auch wenn ihr neuer Stil nicht gerade superbeliebt ist und sie nicht mehr so groß sind wie früher, machen sie noch wirklich gute Alben. Auf der anderen Seite gibt es Bands wie Bring Me The Horizon, die mit Deathcore anfingen, und jetzt ein Nummer-eins-Album in den USA haben [Anm. d. Red:: eigentlich Nummer zwei]. DIe haben mit der Musik, die sie wirklich machen wollten, Karriere gemacht. Das ist gut für die ganze Szene.

Seid ihr mal mit „Fake“-Bands getourt?
Oh ja, aber ich sage nicht, wer. Öfter, als ich zugeben will. Es gibt so viele, besonders hier in den USA. Viele Bands haben keine Identität. Die Kids haben einfach Spaß daran, auf Tour zu gehen, Partys zu feiern, Chicks zu kriegen und besoffen zu sein. Das ist besser, als Teilzeit bei McDonalds zu arbeiten.

Du hast mir erzählt, dass di nicht nur für Fit For An Autopsy Texte schreibst.
Ich schreibe viel für andere Bands, ich habe hunderte Songs in den letzten Jahren geschrieben. Damit gehe ich nicht an die Öffentlichkeit, weil es kein gutes Licht auf die Bands wirft, für die ich arbeite.

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Du schreibst ganze Songstrukturen, textlich wie musikalisch?
Ja, ich habe vier ganze Alben für Bands geschrieben. Oft habe ich in seltsamen Situationen geschrieben, wenn eine Band ihren Songwriter verloren hatte oder von Anfang niemanden hatte, der das so richtig draufhat. Das passiert ein paar Mal im Jahr. Ehrlich gesagt, kommen diese Texte auch normalerweise recht schnell aus mir raus.

Ich stelle es mir eigentlich schwer vor, sich in den Stil einer anderen Band einzuführen.
Nein, das ist leicht. Es ist ja nicht meine Band! Ich muss also nicht dahinterstehen können. Muss ich es mögen? Auch nicht. Es muss das sein, was richtig für die Band ist. Ich kann meine Emotionen herausnehmen, gute Songs in ihrem Stil schreiben und muss mich nicht zu sehr darum sorgen, wie sehr ich davon betroffen bin.

Geben dich manche Bands auch öffentlich als Songwriter an?
Ich weiß nicht, was die Kids in ihre Booklets schreiben. Ich fordere das nie, wenn ich Songs abgebe. Weil es nicht gerade gut wirkt, wenn Fans wissen, dass ihren Lieblingssong jemand anderes geschrieben hat. Auf dem Papier steht natürlich mein Name, nur nicht in der Öffentlichkeit. So ist es besser.

Wirst du dafür bezahlt?
Klar.

Ich kenne auch Metalcore-Bands, die mich in Interviews beim Thema Songwriting anlügen, weil sie selbst Ghostwriter gebucht haben.
Ich habe unzählige Interviews von Bands gesehen, in denen die erzählt haben, wie sie Songs und Alben machen. Klar denke ich mir da: „Ich habe das geschrieben, das erfindest du doch nur.“ Das ist auch in Ordnung, mich kümmert es nicht, weil es gut für die Band, das Album und jeden anderen ist. Keiner will wissen, dass ich das geschrieben habe, weil die Band keine guten Ideen hatte.

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Wenn die Band mit den von dir geschriebenen Songs keinen Erfolg hat, bist du dann enttäuscht von dir selbst?
Man gewinnt und verliert, nicht alles funktioniert. Manchmal ist es nicht mal mein Fehler, sondern der des Labels. Vielleicht gab es keine Presse oder die Band wollte nicht auf Tour gehen. Das kann ich nicht persönlich nehmen.

In den letzten sechs Jahren hast du über 50 Metal- und Deathcore-Alben aufgenommen, produziert und teilweise geschrieben. Macht dich das stolz, ein so wichtiger Teil eines ganzen Genres zu sein?
Ja, ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Arbeit von so vielen Menschen geschätzt wird. Ich hätte nie gedacht, dass ich so weit komme, aber ich gebe die Ehre gern an die Bands weiter, mit denen ich gearbeitet habe; Bands, die ein Risiko eingingen, als ich noch ein junger Underdog war.

Welche Bands haben dich mit ihren Aufnahmen umgeblasen?
Ich liebe Northlane. Was sie machen, ist supercool. Was Jon [Deiley—Gitarrist] schreibt, ist so einzigartig. Sie sind eine meiner Lieblingsbands. Stray From The Path oder Counterparts sind starke Einheiten, jeder von ihnen bringt sich schnell und effektiv ins Team ein. Es ist beeindruckend, wie geschmeidig die Arbeit mit ihnen läuft.

Welche Bands würdest du gern in der Zukunft produzieren?
Ich will Thrice, Gojira und Every Time I Die, ich will, dass Isis wieder zusammenfinden und zu mir kommen, ich will, dass sich Kurt [Ballou—Converge-Gitarrist und Produzent] dazu entscheidet, Converge mal nicht aufzunehmen, damit ich sie produzieren kann. Es gibt so viele, der Weg ist noch weit.

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