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Noch viel mehr schlimme Dinge, die mir im Rausch passiert sind

Wie ich einmal Basic Instinct nachspielte und mir vor meinem Chef in die Handflächen kotze.

von Jonas Vogt
24 November 2015, 10:30am

Der Rausch ist bekanntlich ein Zustand, in dem wir alle Hemmungen fallen lassen, das Über-Ich mal Über-Ich sein lassen und die Kontrolle verlieren. Zumindest gelegentlich. Im Laufe der Teenager-Jahre und der Adoleszenz sammeln sich da einige Geschichten an, die man teilweise besser nicht erzählen sollte. Wir tun es trotzdem. Hier meine Kollegin Isa, hier meine Kollegin Verena. Und auch ich komme nicht daran vorbei. Viele Geschichten sind noch aus meiner Zeit in Köln. Das hat weniger damit zu tun, dass ich aus Wien nichts zu erzählen habe. Aber bei vielen dieser Storys ist mir ist lieber, wenn die unter Verschluss bleiben.

Wie ich einmal Polizisten beim Verhör meinen Hoden zeigte

Ich neige massiv dazu, auf dem Heimweg vom Fortgehen in den öffentlichen Verkehrsmitteln einzuschlafen. Darüber hab ich hier schon mal was geschrieben. Ich bin nicht nur schon an sämtlichen Endhaltestellen Wiens ausgewacht, sondern auch schon in Depots und den seltsamsten anderen Orten. Einmal schlief in in Köln an einem Bahnhof ein und wachte an einem Bahnhof in einem anderen Bundesland wieder auf. Es gab keine direkte Verbindung. Das heißt, ich muss sogar einmal umgestiegen sein.

Die furchtbarste—und im Nachhinein lustigste—Geschichte in diese Richtung ereignete sich, als ich ungefähr 17 Jahre alt war. Ich war mit Freunden in der Stadt unterwegs, als ich mit dem Fuß in einer Straßenbahnschiene hängenblieb. Ich rettete mich mit einem gekonnten Ausfallschritt, der aber leider—tief sitzende Hosen und so—meine Jean vom linken bis zum rechten Knie sauber an der Naht aufriss. Ich ignorierte die betrunkenen „Ach, das geht schon!“-Rufe meiner Freunde und machte mich auf den Weg nachhause. Natürlich schlief ich in der Bahn ein. Natürlich schlief ich sogar bis zur Endhaltestelle ein, die leider Koblenz war, wo leider auch das Zentrum der deutschen Bundespolizei beheimatet ist. Ich setzte mich auf eine Bank, schlief wiederum ein, wurde von zwei eher unfreundlichen Bundespolizisten geweckt, die mich aufgrund einer „aktuen Gefahrenlage“ durchsuchten. Ihr erinnert euch: Meine Hose war komplett zerrissen. Ich weiß aber nicht, ob davon die akute Gefahr ausging.

Sie fanden eine lächerlich kleine Menge Gras und nahmen mich mit aufs Revier, weil ihnen offenbar langweilig war. Es war eine absurde Situation: Ich wusste, dass das kein juristisches Nachspiel haben würde. Die Polizisten wussten, dass das kein juristisches Nachspiel haben würde. Ich wurde trotzdem gebeten, mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch des Polizisten zu setzen. Ich setzte mich also im Basic Instinct-Stil breitbeinig vor ihn, so dass mein Hoden aus meiner Boxershort hing, während ich beantworten musste, wo ich denn die 0,23 Gramm Gras her hätte. Das ging so lange, bis der Polizist mich fragte, ob ich bitte die Beine vielleicht ein bisschen zusammen machen könnte. Ich teilte ihm mit, dass ich wollte, dass ihm das genauso viel Spaß macht wie mir. Darauf bin ich heute noch ein bisschen stolz.

Wie ich einen See aus Bier mit Frauenhygiene-Artikeln besiegte

Jeder ordentliche (ehemalige) WG-Bewohner kann die Geschichte einer Party erzählen, die außer Kontrolle geriet. Auch ich. Die Einweihungsparty meiner 4er-WG im Achten nahm vor einigen Jahren ein bisschen größere Ausmaße an als geplant. Noch Wochen später kamen auf anderen Partys Leute auf mich zu und meinten „Ey, geile Party letztens!“, woraufhin ich nur „Wer bist du?“ antworten konnte. Mein Zimmer war das größte, wurde also zur Tanzfläche erklärt. Wir bauten Turntables auf, tranken einige Liter Schnaps und tanzten. Natürlich kippten extrem viele Idioten ihr Bier um. In meinem Altbau-Zimmer hatte sich der Boden über die Jahrzehnte unmerklich in der Mitte des Raums gesenkt, so dass irgendwann ein Bier-See entstand, auf dem man locker Fährverkehr für Wochend-Ausflüge hätte starten können. Anfangs war ich zum Glück zu betrunken, um in Panik zu geraten, aber irgendwann kristallisierte sich heraus, dass man etwas gegen das Problem tun müsse. Eine Horde Betrunkener fand irgendwann „die Schublade“ meiner damaligen Freundin, die sich zu dem Zeitpunkt in Kopenhagen aufhielt. Sie warfen daraufhin in bester Absicht eine ganze Reihe Binden in den See aus Bier. Wir alle standen völlig verblüfft von der Saugkraft da und beobachteten, wie der See in gefühlten Sekunden verschwand. Ich kann die Binden-Taktik wirklich weiterempfehlen. Pro-Tipp: Hebt sie danach auf, statt euphorisch weiterzutanzen. Die Dinger am nächsten Morgen vom Boden zu kratzen macht echt keinen Spaß.

Wie ich einmal beschloss, elendig auf meiner Türmatte zu sterben

Als ich noch in Ottakring gewohnt habe, war ich mal irgendwann so betrunken, dass ich mich am Heimweg einfach an den Yppenmarkt legte und einschlief. Ich musste „kurz meine Augen ausruhen“. Irgendwann weckte mich ein hilfsbereites Mädchen in meinem Alter und kündigte an, jetzt die Rettung zu rufen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass das nicht notwendig sei und ich völlig fit und Herr meiner Sinne sei. Das ging offenbar völlig schief, weil sie kein Wort meiner lallenden Botschaft verstand. Ich tat das Erwachsenste, was mir in dieser Situation einfiel, und lief einfach weg. An meinem Haus angekommen, fiel mir auf, dass ich meinen Schlüssel verloren hatte. Leider hatte meine WG keine funktionierende Klingel, und meine Mitbewohner hatten alle ihr Handy ausgemacht. Ich wartete also vor der Tür, ignorierte die misstrauischen Blicke der Omas auf dem Weg zum Zielpunkt—es war bereits 7:30 Uhr—und kultivierte meinen Hass auf mich selbst und die unsolidarischen Menschen, mit denen ich mir die Wohnung teilte. Irgendwann kam mir ein Handwerker aus dem Haus entgegen und ließ mich zumindest ins Stiegenhaus. Ich tastete mich also immer mehr in die Nähe der Wohnung und hämmerte an die Tür. Meine Oasch-Mitbewohner schliefen weiter tief und fest. Zu dem Zeitpunkt gab ich einfach auf, rollte mich auf der Türmatte im Gang zusammen und beschloss zu sterben. Stattdessen schlief ich schnarchend ein, bis mich unsere etwas 80-jährige Nachbarin aufweckte, indem sich mich unsanft mit dem Gehstock bearbeitete. Nach einem kurzen Gespäch stellte sich heraus, dass sie mir auch nicht helfen konnte. Ich schlief also weiter elendig vor mich hin, bis mich mein Mitwohner erlöste.

Wie ich mir einmal vor meinem Chef in die Handflächen gekotzt habe

OK, beinah in die Hand gekotzt habe. Es ist auch schon wieder einige Jahre her und eigentlich mehr eine Kater- als eine Partystory. Ich war Anfang 20 und habe als studentische Hilfskraft bei einem Tochtersender von RTL gearbeitet. Natürlich hatte ich als Mensch ohne Kinder die Ehre und das Privileg, zwischen den Jahren die Stellung halten zu dürfen. Und ebenso natürlich passierte zwischen den Jahren genau nichts. Ich ging also irgendwann mal abends fort, betrank mich mit Unmengen von Wodka-Red Bull (ja, ich war jung und ekelhaft) und ging nach drei Stunden Schlaf ins Büro. Irgendwann vormittags verspürte ich plötzlich das dringende Bedürfnis, meinen Mageninhalt von mir geben zu müssen. Ich rannte den Gang entlang und hoffte inständig, es noch auf die Herrentoilette zu schaffen. Ich riss die Tür auf—und stand plötzlich vor dem Chefredakteur des Senders, mit dem ich in den 1,5 Jahren meiner Beschäftigung genau null Worte gewechselt hatte. Jetzt zwischen den Jahren hatte er aber offenbar genauso wenig zu tun wie ich, begann ein Mitarbeitergespräch im Plauderton und fragte mich aus, was ich denn so für ihn und seinen Sender machen würde. Ich antwortete höflich, während sich eine Mischung aus Wodka, Red Bull und zwei Schinken-Käse-Semmeln den Weg meine Speiseröhre hinauf bahnte. Ich betete und nickte, bis er endlich die erlösenden Worte „Dann noch einen erfolgreichen Tag, junger Mann“ sagte und von dannen zog. Ich bedankte mich freundlich und spieb sofort in meine Händeflächen, noch bevor sich die Tür ganz hinter ihm geschlossen hatte. Gerade noch einmal Glück gehabt.

Wie ich einmal so ausschaute, als hätte ich einen Glitzerschwanz gelutscht

Irgendwann bin ich in Wien mal auf einer schwulen Afterhour gelandet, wo allerdings neben mir auch viele andere Heten waren. Ich war schon ziemlich betrunken und müde, so dass ich letztlich nur so eine Stunde blieb. In dieser Stunde kam allerdings irgendein ziemlich fröhlicher Schwuler zu mir und fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht. Ich gab ihm freundlich zu verstehen, dass ich zwar wie ein Bär ausschaue, aber nicht wie SO ein Bär. Was ich in meiner Trunkenheit nicht checkte: Er hatte mir Glitzer rund um den Mund geschmiert. Ich ging also raus, fuhr Straßenbahn, ging Samstagvormittag in einen Familien-Billa einkaufen und grüßte jeden freundlich, der mich länger entgeistert anschaute. Zuhause sah ich in den Spiegel und merkte, dass ich so aussehe, als hätte ich einen Glitzerschwanz gelutscht. Es hat leider auch mindestens zwei Stunden gedauert, das wieder aus dem Bart zu kriegen.

Wie ich mir einmal betrunken den Ellbogen brauch und nichts davon merkte

Als kleines Kind waren meine Knochen aus Gummi, wie bei jedem kleinen Kind. Ich fiel ständig von Bäumen, Gerüsten oder niedrigeren Gebäuden. Dabei hab ich mich natürlich gelegentlich verletzt und musste zusammengenäht werden, gebrochen hab ich mir aber nie irgendwas. Sogar als ich mit 18 Jahren mit ziemlich hoher Geschwindigkeit von einem Auto angefahren wurde, hielt meine Hüfte. Ein oder zwei Jahre später sollte sich das aber ändern. Ich brach mir besoffen und ziemlich übel den linken Ellbogen. Das Problem ist: Ich weiß nicht mehr, wie es passiert ist. Ich wachte morgens in meinem Bett mit einem riesigen Kopf und den heftigsten Schmerzen, die ich in meinem Leben bisher verspürte, auf. Mein linker Arm hing teilnahmslos und angeschwollen an meinem Körper herunter. Ich bastelte mir eine Schlinge und rannte relativ panisch ins AKH. Dort eröffnete man mir, dass ich mir einen Trümmerbruch zugezogen habe und es sein könnte, dass mein Arm steif bliebe. Ich greif mal vorweg: Es ist alles wieder gut geworden. Alles heilte aus. Das im Nachhinein Unangenehmste an der Sache war, dass ich ein offenbar medizinisch so interessanter Fall war, dass mich nicht nur der Chefarzt operierte, sondern auch ständig junge Medizinstudenten (noch schlimmer: Medizinstudentinnen) an meinem Bett standen und mich aushorchten, während sie einen Fragebogen ausfüllten. Andererseits: Wenn man zum 15x freundlich sagen muss „Sorry, ich weiß es nicht mehr. Ich war völlig besoffen“, hat man seine Lektion wenigstens gelernt.

Jonas ist heute älter und vernünftiger. OK, zumindest älter. Ihr könnt ihm auf Twitter folgen: @L4ndvogt

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