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Interviews

WhoMadeWho haben ihren Käfig aufgebrochen

Dabei war es eigentlich ganz schön in diesem Käfig. Aber die Dänen wollten es nicht schön, sie wollten raus. Und das sind sie mit ihrem neuen Album definitiv.

von Ayke Süthoff
03 März 2014, 12:00pm

Foto: Daniel Hofer

Ein Bruch. Anders kann man das neue Album der Dänen WhoMadeWho nicht bezeichnen. Ein Bruch mit allem, was sie bisher gemacht haben. Eine komplett andere musikalische Richtung, die so konsequent umgesetzt ist, dass man nur bei sehr genauem Hinhören die Band erkennt, die vor bald zehn Jahren mit ihren Neuinterpretationen von Benny Benassis „Satisfaction“ und Mr Oizos „Flat Beat“ zu einem der angesagtesten Liveacts Europas wurden und in der Folge mit (Underground-) Hits wie „Keep Me in my Plane“ oder „Inside World“ ihren Status als beeindruckende Mischung aus Clubmusik und Band konsequent ausbauen konnten.

Warum entscheidet sich eine solche Band plötzlich zu so einem radikalen Kurswechsel? Noch dazu, da sie noch immer auf dem Weg nach oben scheinen? Als ich WhoMadeWho das erste Mal live gesehen habe, waren vielleicht 60 Menschen dabei, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, zogen sie als einer der Hautpacts auf dem Berlin Festival locker das hundertfache Publikum in ihren Bann.

Doch haben sie es damit in den Mainstream geschafft? Eher nein. WhoMadeWho haben sich in den letzten zehn Jahren in der sogenannten Szene einen Namen gemacht, aber weit darüber hinaus ging es nicht. Erfolg bei Labels (Gomma, Kompakt), Kritikern, anderen Musikern (Josh Homme) und einem treuen Live-Publikum haben die Dänen nie auf den Status einer Radioband gehievt. Das soll mit dem neuen Album offensichtlich anders werden.

Schon die erste Single „The Morning“—die so eingängig mit einem Gitarrenriff beginnt, das stark an Schwedenpop á la Kakkmaddafakka erinnert, abgelöst von der Synthiebreitseite á la Stuart Price—legt ihren Fokus auf Eingängigkeit und Massentauglichkeit.

Spricht man Tomas Hoffding, Tomas Barfod und Jeppe Kjellberg auf diesen Bruch in ihrer Diskografie an, legen sie sehr großen Wert darauf, dass dies eine vollkommen natürliche Entwicklung ist. „Wir haben bemerkt, dass wir seit fast zehn Jahren in einer Band spielen“, sagt Drummer und Produzent Tomas Barfod. „Wir hätten jetzt entweder einfach damit fortfahren können, in etwa das gleiche Album zu machen und dabei auf der sicheren Seite zu bleiben, oder wir konnten neue Wege gehen.“ Die Band entschied sich für die zweite Option.

„Wir wollten weniger von dem maskulinen Nerd-Geschrammel und den Käfig aus seltsamen Sounds aufbrechen und stattdessen Lieder für die Leute schreiben“, sagt Bassist und Sänger Tomas Barfod. „Wir wollten weniger mit dem Gehirn kommunizieren und mehr mit den Gefühlen.“

So eine Aussage klingt erstmals super, ist aber letztlich ziemlich floskelhaft. Man könnte die bisherige Diskografie der Band problemlos ebenfalls als emotionale Musik bezeichnen, nichts ist schließlich so breit gefächert wie die Emotionswelt des Menschen. Und offensichtlich ist das momentan beherrschende WhoMadeWho-Gefühl irgendwo zwischen Behaglichkeit und Verträumtheit.

Daher singen sie darüber, in der Sonne zu tanzen oder sein besseres Selbst zu finden und klingen über die gesamte Länge des neuen Albums mal nach U2, mal nach Depeche Mode—oder wie sie selbst sagen, nach Bruce Springsteen. Gibt es klare musikalische Bezugspunkte, Vorbilder? Tomas Hoffding verneint: „Es gibt viele große und kleine Bands, die sich um die gemeinsame Liebe zu einer anderen Band gründen. Bei uns ist das nicht so, wir kommen alle drei aus völlig verschiedenen musikalischen Richtungen.“

Aber wenn man so sehr in eine neue musikalische Richtung geht, muss man doch Vorbilder haben? „Right Track“ beispielsweise klingt wie ein Depeche Mode-Song. „Ich dachte dabei eher an Bruce Springsteens ‚Walking in Memphis’“, lacht Tomas Barfod, „aber klar, Depeche Mode sind Teil unseres musikalischen Backkatalogs, unserer Prägung.“

Welche Motivation stand hinter der Neuausrichtung? „Es war ein ziemlich sicherer Ort, an dem wir uns befanden—viele Kritiker lobten uns, wir hatten unsere feste, nerdige Fansbase. Aber wir wollten uns herausfordern und was anderes machen“, sagt Tomas Hoffding. Auch das eine Standarderklärung. Jeppe Kjellberg bemerkt meine Skepsis. „Wenn du abwegige Musik machst, ist es manchmal eine Entschuldigung dafür, dass du keine klar strukturieren Songs machst. Wir wollten diese Entschuldigung nicht mehr zulassen“, sagt er.

Aber ist es nicht eine riesige Gefahr, die Fans, die Kritiker vor den Kopf zu stoßen? „Ja klar, das kann sein“, sagt Hoffding. „Aber vor ein paar Jahren sagten alle zu uns, dass wir unbedingt unsere Ganzkörperanzüge anbehalten müssten und damit richtig groß werden würden. Und wir dachten uns, dass wir für unsere Musik geliebt werden wollten und nicht für die Kostüme—also ließen wir sie weg. Und es ging eigentlich ziemlich erfolgreich weiter.“

Ich bin immernoch skeptisch, ob WhoMadeWho nach beinahe zehn Jahren Bandgeschichte und anhaltendem Kritikererfolg gepaart mit ausbleibenden Mainstreamhits nun nicht doch einfach alles auf eine Karte setzen und versuchen, Radiosongs rauszuballern. Doch auch hier widerspricht die Band. „Lustigerweise waren wir uns bei diesem Album das erste Mal alle einig, dass wir nicht versuchen wollten, eine Radiosingle zu schreiben. Und genau dabei ist am Ende unser vielleicht poppigstes Album rausgekommen!“, lacht Tomas Hoffding.

Na gut, ich werde hier nichts anderes mehr hören. Also anderes Thema. Wenn man so lange zusammen Musik macht und dann plötzlich eine andere Richtung einschlägt, provoziert das bestimmt Streit. Gab es viele Diskussionen und Streit um die Neuausrichtung? „Es gibt immer Streit. Aber ich denke, wir streiten weniger als eine normale Band. Ich verfüge leider nicht über irgendwelche Statistiken, aber auch wenn wir ab und zu streiten, haben wir einen entspannten Umgangston im Studio“, erklärt Tomas Barfod und Jeppe sagt: „Wenn wir streiten, sind wir sehr direkt, da wird nicht rumgeheult oder genörgelt. Wir sprechen das aus und klären das direkt.“—„Werdet ihr dabei auch handgreiflich?“, frage ich. „Oh ja, sehr, haha“, lacht Jeppe.

Irgendwie ist diese Band einfach zu nett, zu ironisch und gleichzeitig zu selbstbewusst, als dass man sie auch nur im Entferntesten unsympathisch finden könnte. Langsam nehme ich den dreien wirklich ab, dass sie mit Dreams einfach etwas Neues ausprobieren wollen. „Du musst dich selbst, aber auch deine Fans herausfordern“, sagt Tomas Hoffding. „Es ist doch langweilig, wenn man sich ständig wiederholt.“ Und Jeppe erklärt: „Das Wichtigste an WhoMadeWho ist schon immer, dass wir Spaß haben und uns weiterentwickeln. Das Herumspielen und Entdecken ist ein sehr wichtiger Teil unserer Musik.“

Tja, wenn das stimmt, hatten WhoMadeWho bei diesem neuen Album jede Menge Spaß. „Es ist super interessant, den irgendwie seltsamen und abseitigen Kern der Band zu nehmen und auf ein Pop-Album zu übertragen“, Jeppe.

Was sagt das nun über des neue Album Dreams aus? Keinesfalls, dass es kein gutes Album geworden wäre. Es klingt halt nicht so, wie man es von WhoMadeWho erwartet hätte. Nach wie vor sind die drei hervorragende Musiker und Sänger, die ein Gefühl für Melodie haben und daher immer wieder gute Songs schreiben. Dieses Mal sind es eben Popsongs, wie „Heads Above“, das sich sehr viel besser im Radio machen würden als das meiste, was dort normalerweise dudelt.

2009 sprach ich das letzte Mal mit den Jungs von WhoMadeWho. Wir redeten ausführlich darüber, dass die Band im Jahr mehr als 200 Gigs spielt und lieber zehn Konzerte vor 30.000 Fans spielen würde als das Zwanzigfache vor 300. Ist das nun der entscheidende Schritt Richtung Stadion? Oder um es mit dem Albumtitel zu sagen—was sind nun die Träume, die WhoMadeWho mit diesem Pop-Album verbinden? Nummer eins in den Billboard-Charts, Stadiontour, Pharrell-Features? Tomas Barfod antwortet: „Ich denke unser Traum ist es nicht, die neuen Rolling Stones zu werden und total riesig zu sein. Das ist unmöglich. Wir wollten uns verändern, wir wollten neue Richtungen einschlagen und wir wollen gleichzeitig auf keinen Fall unser altes Publikum verlieren. Ich träume nicht von einem großen Hype, ich möchte eher langsam aber sicher weiter wachsen, so wie wir es mit jedem letzten Album euch getan haben.“

Das klingt gut, aber was, wenn ihr doch viele Fans verliert? „Ach weißt du“, sagt Tomas Hoffding, „scheiß drauf, ehrlich. Wenn du ein Album machst, dann machst du es immer in erster Linie für dich. Wir haben das hier für uns gemacht und wir hoffen, dass unsere Fans es mögen und wir hoffen definitiv auch, ein paar neue dazu zu gewinnen. Aber das wird die Zeit zeigen. Dieser Schritt war notwendig und wir schämen uns ganz bestimmt nicht, damit rauszugehen.“

Das neue Album Dreams von WhoMadeWho ist am 28.02. bei Darup Associates (Indigo) erschienen, kauft es bei iTunes oder Amazon.

Noisey präsentiert WhoMadeWho auf Tour, (Tickets hier):
April 08 - Cologne (D) / Bürgerhaus Stollwerck
April 09 - Berlin (D) / Postbahnhof
April 10 - Leipzig (D) / Distillery
April 11 - Munich (D) / Freiheizhalle
April 12 - Hamburg (D) / Mojo

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