„Es kommt eh keine Rettung“—Staiger über realistischen Strassenrap 2016

Sido, Hanybal, Nimo, Haftbefehl ... —Der Gangsterrapper nach Scarface-Vorbild zieht aus, das echte Elend zieht ein.

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27 Juli 2016, 12:39pm

Bis vor Kurzem ähnelten die Produktionen deutscher Straßen-Rap-Künstler noch auf Hochglanz polierten Scarface-Verfilmungen. Das Leben eines Gangsters war zwar hart, entbehrungsreich und gefährlich, doch der Lohn einer Existenz im Luxus, schien zumindest in der Erzählung der entsprechenden Gesellen immerhin möglich und erstrebenswert. Dies ändert sich wohl augenblicklich und ein neuer Realismus hält Einzug innerhalb des Genres, so scheint es zumindest. Wimmelte es in den dazugehörigen Videoproduktionen in der Vergangenheit noch von chromblitzenden Felgen, dicken Karren und glänzendem Flex, so rückt nun wieder die nackte Realität der abgefuckten Hochhaussiedlungen in den Mittelpunkt.

Die Krise rückt näher, auch im Rap-Business. Prominentestes Beispiel ist Sido, der vor wenigen Tagen zusammen mit Hanybal den Song „Ganz Unten“ veröffentlichte und darin die Sicherheit seiner Rap-Star-Existenz aufgibt und sich in die Lebenswirklichkeit der Hartzer, Billiglöhner und Kleinkriminellen begibt. Da ist nichts mehr übrig vom lustigen Verbrecherleben, das an anderer Stelle glorifiziert wurde, dafür herrscht die nackte Erkenntnis vor, dass diese Gesellschaft mit ihrem Versprechen, dass es jeder schaffen könnte, nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. „Ich griff nach den Sternen, doch […] die Entfernung war zu groß“, rappt Hanybal, der damit eigentlich nur eine ganz banale Wahrheit ausspricht, von der jeder in dieser Gesellschaft weiß. Die Wahrheit, dass es eben Gewinner und Verlierer in dieser Gesellschaft gibt, geben muss. Eine Wahrheit, die wahlweise mit den Worten „so ist das halt. Es kann einfach nicht jeder gewinnen“, abgetan wird oder mit der Behauptung: „Wenn man sich nur genügend anstrengt, kann es jeder schaffen.“

Dass sich die beiden Behauptungen fundamental widersprechen, hält die Leute nicht davon ab, besonders an den zweiten Satz zu glauben, der in Anbetracht der ersten Erkenntnis zwar Unsinn, aber trotzdem wahnsinnig populär ist. So zu sehen auch bei Nimo, der in seinem Song „Flouz kommt Flouz geht“ zwar von den prinzipiellen Schwierigkeiten erzählt, an Geld und somit an ein einigermaßen gutes Leben heranzukommen, der aber in seiner Hook unbeirrt daran festhält, dass man es schaffen könne, wenn man sein Leben nur ordentlich in die eigene Hand nimmt.

Nimo analysiert die Verhältnisse in seiner Nachbarschaft einigermaßen realistisch und stellt fest, dass die Menschen in seiner Umgebung massenhaft nicht an die Art von Leben herankommen, die sie sich wünschen. Er stellt fest, dass die Art von Geschäften, die sich ihm als Betätigungsfeld anbieten, nicht von Dauer sind, da sie sich mit den Gesetzen dieses Landes nicht vertragen, und dass diese Art von Business früher oder später im Polizeigewahrsam endet. Er weiß, dass Leute, die in anderen Stadtteilen aufwachsen, weit weniger Probleme haben, einen einigermaßen gut bezahlten Job zu bekommen und bleibt trotzdem an dem Gedanken kleben, dass es an einem selbst liegt, ob man sich am eigenen Haarschopf aus der Scheiße heraus ziehen kann oder dort stecken bleibt. Es ist eines der erstaunlichsten Phänomene in dieser Welt, dass die Hoffnung auf den Jackpot nicht ausstirbt, obwohl man jeden Tag vorgeführt bekommt, dass ihn ein anderer gewinnt. Das ist Brainwash deluxe. Das ist wirklich bewundernswert.

Alle Hoffnung fahren gelassen hat unterdessen Kollege Haftbefehl, der in seinem Song „Depressionen im Ghetto“ folgende Zeilen rappt: „Vergiss SOS, es kommt eh keine Rettung.“ Angesichts der Zerstörungswut seiner Umwelt, die ihn umgibt, kommt er zur Überzeugung, dass diese Welt wohl nicht zu retten ist. Schonungslos zeigt er auf, wenn aus der frohen Botschaft der freien Marktwirtschaft vom „Du schaffst es!“ nur noch das nackte und hässliche „Setz dich durch!“ übrig bleibt. Da neben dem Märchen vom „Jeder ist seines Glückes Schmied“ auch immer der andere Gedanke herumlungert, dass die Plätze auf dem Sonnendeck begrenzt sind, ist dann auch jedem klar, dass es da auch immer um ein Wettrennen geht, das man gewinnen muss. Darum geht es im Großen wie im Kleinen, und wir bekommen es Tag für Tag präsentiert, wenn auf nationalstaatlicher Ebene Griechenland von Deutschland abgehängt wird, oder der afrikanische Kontinent von Europa. Darum geht es aber auch im Kleinen, wenn sich die Hartzer gegen die Flüchtlinge durchsetzen müssen oder der eine Drogen-Ticker gegen den anderen. Mag sein, dass man sich weiter oben scheinbar zivilisierter, mit Preiskämpfen, Anwälten und vom Rechtsstaat geschützt gegenseitig die Existenz streitig macht, die Kämpfe verlaufen im Zweifelsfall aber ebenso unbarmherzig, wie die Schießereien auf der Straße, wenn es um ein paar Gramm Koks geht.

Es hat lange gedauert, bis die Auswirkungen der europäischen Finanzkrise die goldene Insel in der Mitte Europa, den strahlenden Konkurrenzgewinner im internationalen Wettbewerb, die europäische Wirtschaftsmacht schlechthin erreicht haben und noch immer sind die Auswirkungen der Erschütterung sehr verhalten. Dass die Verteilungskämpfe um Wohlstand und Glück allerdings näher rücken, kann nach den Ereignissen der letzten Wochen niemand mehr bezweifeln. Dass diejenigen, die sich ausgeschlossen und gedemütigt fühlen, nicht mit einer fertigen Kritik der Verhältnisse anrücken, sondern mit Parolen von einer finsteren Gottheit, verstört viele. Dabei hat schon Sido erkannt, dass die falschen Argumente in den Vierteln, die in der Presse „sozialer Brennpunkt“ genannt werden, auf fruchtbaren Boden fallen, wenn die die Akhis sagen: „Glaub an Gott und das Leben ist leicht! / Und wenn er's dann nicht besser weiß, ist Deso nicht weit“.

Realismus-Rap ist back. Man könnte ihm zuhören und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Bin gespannt, ob’s funktioniert.