FYI.

This story is over 5 years old.

Interviews

Ein sehr durchschnittliches Interview mit Kurt Vile

Es ist relativ sinnlos, ein Interview mit Kurt Vile zu führen. Wir haben es trotzdem gemacht. Deal with it.
25.11.15

Kurt Viles kometenhafter Aufstieg dürfte mittlerweile so weit sichtbar sein, dass man keine langen Einführungsreden halten muss. Er ist der Barde mit dem lockigen Haar, der Spross einer Großfamilie aus Philadelphia, ein blue collar boy, der sich über die Jahre auf immer größere Bühnen hochgehustlet hat. Die Fachwelt streitet, ob er jetzt eher der neue Young oder der neue Dylan seiner Generation ist. Fest steht, er ist der erste Vile seiner Generation. Er ist diese Art von Musiker, dessen Musikbesessenheit längst ins Kauzige ausfransende Formen angenommen hat. Im Prinzip kannst du mit ihm über nichts anderes reden als über Musik. Die Dinge, die in seinem kauzig-lockigen Kopf vor sich gehen, breitet er ohnehin bereitwillig auf seinen Platten aus. Es ist also relativ sinnlos, überhaupt ein Interview mit ihm zu führen. Wir haben es trotzdem gemacht. Deal with it.

Anzeige

Noisey: Es heißt, es sei sehr stressig gewesen, das letzte Album aufzunehmen, u.a. weil du ständig auf Tour warst. Wie sah es beim aktuellen Album aus? Dein Tourkalender ist ja nicht unbedingt schmaler geworden.
Kurt Vile: Beim „Waking“ Album kam ja noch dazu, dass mein zweites Kind zur Welt kam. Das hat die Aufnahmen natürlich nicht unbedingt entspannter werden lassen. Diesmal gab es keinen Nachwuchs. Darum war es diesmal ein bisschen mehr laid back, die Platte aufzunehmen.

Den Texten nach zu urteilen war es aber auch ein bisschen freudloser als sonst. Es geht um Einsamkeit, Trostlosigkeit, psychische Probleme, Tod und ähnliches. Wie warst du drauf in den Monaten, in denen du die Platte geschrieben hast?
Ich war schon so drauf, wie die Platte es darstellt. Also es war ein schwankender Zustand, es ging auf und ab. Mal war ich ausgebrannt oder mental erschöpft und dann wieder voller Hoffnung. Eine Gefühlsachterbahn, so wie das ganze Leben. Es war aber kein einziger Kampf, das nicht.

Dann fiel es dir vielleicht nur leichter als früher, in den neuen Songs darüber zu schreiben?
Glaube schon. Aus irgendeinem Grund war ich tiefer in mir selbst versunken und habe dann auch darüber geschrieben.

Gleichzeitig hast du diese unverwechselbare Art, schwere Themen mit Humor, Absurdem und Wortspielen zu würzen. Ich finde auch, dass diese Würze auf dem neuen Album besonders präsent ist.
Diese Sache mit dem Humor hatte ich immer schon mit drin, aber ich habe das Gefühl, mit den Texten auf der neuen Platte so eine Art Plateau erreicht zu haben. Also einen Stil, eine Kombination von Ausdruck, Humor und authentischen Gefühlen. Vielleicht wird es demnächst abstrakter oder direkter, keine Ahnung. Gerade aber bin ich auf diesem Plateau.

Wenn du auf dem Plateau bist, geht es aber nicht weiter nach oben.
OK, vielleicht habe ich da zu sehr drüber nachgedacht, hahaha. Na weißt du, es spielen so viele Aspekte in diese Sache rein. Man zerdenkt das so schnell. Du willst es wortreich gestalten, dann ist es plötzlich zu langatmig. So Leute wie Nick Cave oder Bob Dylan, sie sind so smart, dass ihre Texte manchmal wahnsinnig ausarten. Ein normaler Mensch kommt da nicht mehr mit. Ich mag es meistens eher simpel. Zu viele Worte können schön sein, aber auch vom Wesentlichen ablenken.

Anzeige

Würdest du so jemandem wie Nick Cave einen Einfluss auf deine Arbeit zusprechen?
Er ist ein echter Charakter, ein mythischer Charakter gleichermaßen. Ein Autor im klassischen Sinn. Er war auf alle Fälle auch ein Einfluss für mich auf dem Album. Auch andere Songwriter. Bei dem Album habe ich mir aber generell sehr viele Gedanken um die Texte und um das Schreiben gemacht. Also in welche Richtung bewege ich mich. Schreibe ich sehr viel, lasse ich die Texte kommen und suche dann aus. Jemand wie Leonard Cohen kann wahnsinnig viele Texte schreiben und doch sind sie so einfach und wundervoll. Nick Cave kann das auch, aber er mischt seine Texte gern mit Religion, mit Mythologie und so weiter. Ich mag es da eher einfach.

Stichwort einfach. Interessant an deinen Texten ist, dass man als Hörer nie genau weiß, ob es dir leicht oder schwer fällt, Texte zu schreiben. Also: fällt es dir leicht oder schwer?
Die meisten Texte sind durch irgendetwas angeregt, entwickeln sich also verhältnismäßig leicht. Ich bin der Meinung, je intensiver du über etwas nachdenkst, desto gekünstelter wirkt es am Ende. Es ist wie Elektrizität, diese Momente der Inspiration. Und dann kommen sie recht hurtig, die Lyrics.

In dem Song „I’m an Outlaw“ stellst du fest, dass es dumm ist, über eine bestimmte Sache zu singen. Was sind denn generell Dinge, über die man nicht singen sollte?
Diese Passage war mein Ansatz, über die Großen zu reden, über Dylan, Cohen, Cave. Die bringen ja ganz gerne mal astronomische Bilder ins Spiel oder griechische Mythologie. (mit rauer, heroischer Stimme) „Under Orion’s belt…“ Weißte, es ist übertrieben pathetisch, aber am Ende einfach nur ein Joke.

Aber gibt es etwas, über das du nicht singen würdest?
Nö, ich singe über alles.

Anzeige

Das neue Album klingt bedeutend klarer als dein Material davor. Die Produktion ist sehr Detail-verliebt. Die Drumsounds klingen fantastisch…
Die Drumsounds klingen wirklich fantastisch. Meine Bandkollegen Rob Laakso und mein Drummer Kyle haben sich um die technische Seite gekümmert. Peter Katis hat die Platte gemischt, er ist auch ein großer Drumfan und beeinflusst von Soundästhetik der 70er. Ich selber habe nicht so viel Ahnung davon, wie man bestimmte Sounds erzeugt. Ich umgebe mich lieber mit Leuten, die Ahnung haben.

Du hältst dich aus der Produktion komplett raus?
Ich sage, wenn mir etwas nicht gefällt. In der Vergangenheit klangen die Drums zu sehr nach den 90ern. Das mag ich nicht, rückblickend betrachtet. Ich mag es, wenn sie crisp nach 70ies klingen, weißte?

Ihr habt auch in relativ vielen Studios aufgenommen. Ich vermute mal, aus logistischen Gründen?
Genau. Die Leute in der Band und Ex-Members leben total verstreut, Philadelphia, New York, Kalifornien… War schwer, die alle für längere Zeit an einen Ort zu bekommen.

Welchen Song der Geschichte des Songwriting hättest du gern geschrieben?
„Ambulance Blues“ von Neil Young.

Gibt es Songs von dir, die du nicht mehr magst?
(zupft nachdenklich an seiner Gitarre) Es gibt Songs, mit denen ich irgendwie klar komme, die ich aber nicht liebe. So was wie „So Outta Reach“ ist cool, aber irgendwie zu poppig. „Pure Pain“—ich mag den Song, aber die Produktion ist irgendwie komisch. „Never Run Away“—mir ist klar, das ist ein guter Popsong, aber er fühlt sich nicht mehr nach mir an. Aber ich mag die schon, man verliert nur zu manchen den Bezug.

Anzeige

Fällt es dir grundsätzlich leicht, dein eigenes Zeug zu mögen? Viele Musiker oder Künstler generell haben damit Schwierigkeiten.
Während der Aufnahmen fällt es mir schwer, die Songs zu beurteilen. Das geht dann erst, wenn die Platte draußen ist und ich etwas Abstand zu den Songs habe. Dann fallen mir die Fehler auf. Dann weiß ich, was ich hätte besser machen können. Beim Live-Spielen ist es das gleiche. Während du spielst, fühlt es sich okay an, aber wenn du danach eine Aufnahme hörst, fallen dir die ganzen Fehler auf. Neulich kam auf Spotify eine Aufnahme eines meiner Konzerte raus. Ich habe es mir für zwei Sekunden angehört und danach direkt wieder ausgemacht. Geht nicht klar. Ich höre mir grundsätzlich keine Live-Aufnahmen mehr an. Frage mich auch, warum das überhaupt konserviert werden muss. Im Moment des Spielens mögen die Leute das rohe oder fehlerhafte der Performance oder es fällt ihnen vielleicht gar nicht auf. Aber danach schwirrt es dann für immer im Internet rum. Man muss doch echt nicht alles dokumentieren. Deprimierend!

Magst du deine eigene Stimme?
Ja, ich mag sie. Hab vor kurzem mit Inear-Monitoring angefangen, weil es das Singen erleichtert. Aber es hat auch andere Seiten, die es irgendwie unnatürlich machen. Ich weiß, meine Stimme ist nicht perfekt, aber ich kann mich ganz gut damit ausdrücken.

Man könnte ja meinen, jemand, der Musik macht wie du, muss ein unfassbar entspannter Typ sein. Gibt es Dinge in diesem Rock’n’Roll-Business, die dich verunsichern oder dir Angst einjagen?
Nur keine voreiligen Schlüsse. Ich bin ein echtes Wrack. Musst einfach nur meine Crew fragen. Soundchecks machen mich wütend. Diese hohe Lautstärke, die verschiedenen Monitore, dann klingt es draußen ganz anders, die ganze Sache fickt deinen Kopf. Du weißt nicht, was ist echt, was ist Monitor. Aber ich versuche das lockerer zu nehmen. Ich hab schon auch Spaß auf der Bühne. Vor allem, wenn hinterher Leute kommen und sagen, dass es gut war.

Das ist die eine Seite. Was ist mit so Sachen wie Öffentlichkeit? Dass wir gerade dieses Interview hier machen. So was…
Klar, du hast manchmal nicht Zeit für alles. Dann stresst das schon, wenn man Interviews geben muss. Ich finde es aber cool, dass Leute mit mir reden wollen. Ich bin gerne in Magazinen. Ich schau mir das auch an. Es ist nur so, manchmal bin ich redselig und manchmal nicht. Ist letzteres der Fall, machen die Journalisten aber manchmal einen ganz guten Editing-Job und lassen mich klingen, als wäre ich ein verdammtes Genie, hahaha. Du liest es und denkst, ein Glück, dass sie all die ‚likes’ rausgenommen haben. ‚likelikelike’, weißte?

Wo im Redseligkeitsspektrum habe ich dich heute erwischt?
Du hast mich in der Mitte erwischt.

Spitze, das wird also ein richtig schön durchschnittliches Interview.
Genau, haha.