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Thump

Tiësto moderiert jetzt eine Reality-Show, die schlechte DJs in EDM-Weltstars verwandeln soll

Wir haben uns die Show angeschaut, damit du es nicht tun musst.
18.8.15

Freunde, Freunde. FREUNDE! Tiësto moderiert jetzt eine VEVO-Show, bei der Kandidaten darum kämpfen, der nächste Star zu werden, der auf der 7UP-Stage beim Ultra auflegt. Der kleine Schönheitsfehler: Keiner der Teilnehmer stand vorher jemals an einem DJ-Pult.

Das ist der bislang innovativste Blender-Move, dem diese Szene zum Opfer gefallen ist. Die Show ist ziemlich unerträglich, deshalb haben wir sie hier für euch zusammengefasst.

Wenn wir einem DJ/Producer einen Award dafür verleihen dürften, möglichst rücksichtslos die unschuldige, ungesponserte Seele von dem, wofür elektronische Musik mal gestanden haben mag, ausgesaugt zu haben, würde Tiësto den Ehrenpreis fürs Lebenswerk bekommen. Seine Karriere begann er mit Trance, ließ das Genre dann aber schnell für profitablere Musikrichtungen hinter sich. Silvester 2014 spielte er in einem Club in Miami, wo die Tische bis zu 1 Million US-Dollar kosteten. Er hat mal eine Gruppe Mädchen dabei unterbrochen, als sie zu Daft Punks „Get Lucky" getanzt haben, und sie gefragt, ob sie den Song wirklich mögen oder nur denken, dass es „cool" sei, Daft Punk zu mögen. Das ist in etwa so, als würde der Bubble-Tea-Laden die vegane Pizzeria nebenan eine oberflächliche Hype-Maschine nennen und zwei Tage später einen weiteren lukrativen Sponsorendeal mit dem Nestlé-Konzern an Land ziehen.

Aber zurück zum eigentlichen musikalischen Unfall: Die Dschungelcamp-Show nennt sich YOUR SHOT. Tiësto und irgendein Australier namens Steve greifen sich in der Show 30 attraktive Rampenlichtaspiranten. Sie bringen ihnen bei aufzulegen und versuchen, „ihr Leben zu verändern." Tatsächlich ist das Ganze wohl auf eine Zielgruppe ausgelegt, die hoffnungslos von Red Bull und anderen, schwerer vermarktbareren Energy-Supplementen abhängig ist. Hier der Plot, wie er sich uns in seiner ganzen, unerbittlichen Scripted Reality darstellt:

Episode 1: THIS IS YOUR SHOT! ist ein fünfminütiger Überblick über das herrliche Desaster, das uns noch erwarten wird. Wir lernen Steve kennen, der diese Your Shot-Geschichte schon seit 2010 in Australien macht und von sich selbst—ganz bescheiden—behauptet, damit tausende DJ-Karrieren gestartet zu haben. In Mathe bin ich zwar damals schon beim Bruchrechnen ausgestiegen, aber diese Statistik erscheint sogar mir suspekt.

Steve erklärt, dass dieser Haufen hoffnungsvoller Mittzwanziger durch das ganze Land gereist ist, um sich in einer mit Graffiti zugekleisterten Lagerhalle einpferchen zu lassen und Sprüche darüber, wie unglaublich „stoked" sie doch sind, in die Kamera zu emitieren. Ja, sie sind wirklich alle unglaublich „stoked". Ein paar von ihnen lernen wir direkt besser kennen. Diese hier behauptet zum Beispiel, ihren Job dafür gekündigt zu haben.

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Steve sagt, dass es nur Raum für „die Leidenschaftlichsten und die Hingebungsvollsten" gibt. Außerdem lernen wir auch, dass sich die meisten dieser Menschen vorher noch nie in ihrem Leben einen CDJ gesehen haben.

Nach dem Bootcamp spielen sie in irgendeinem Club vor hunderten bezahlter Statisten. Ein paar der angehenden „DJs" haben sich dazu wirklich kreative Kostüme angezogen—zum Beispiel der Fuchs im Hoodie. Wer es dann nicht total vergeigt, kommt nach Vegas, um dort mit Tiësto beim Wet Republic und danach vielleicht auch im „Hakka-freaking-San" zu spielen. Am Ende wird dann jemand einen Preis gewinnen—eine CD oder so.

Aber hey, das ist nur der Anfang. SEID IHR BEREIT FÜR MEHR?!

Unten geht's weiter.

„Ich finde, die Rolle des DJs ist bei einem Festival oder in einem Club am wichtigsten, weil er über die Stimmung bestimmt. Das ist schon ziemlich wichtig." Da ist sie, die Episode 2: YOUR SHOTS SELECTION: FROM THOUSANDS TO THIRTY. Tiësto begrüßt seine Zauberlehrlinge und ihm sabbern erst einmal hole Phrasen aus dem Mund.

Die Folge beginnt damit, dass Steve über diese gigantische „Pahdy" redet, von der er verspricht, dass sie „wirklich eine Menge Spaß machen wird." Es kommt ein bisschen rüber wie diese Werbung für Diät-Sahne, die dich mit dem Argument zu überzeugen versucht, dass alles „wissenschaftlich belegt!" sei.

Steve erklärt dann, dass die „Selectors", die diese Herde freudig-naiver DJ-Lehrlinge bewerten werden, aus „Promotern, Managern, Clubbesitzern und Menschen [bestehen], die wissen wie man Talent erkennt." Die obersten Richter sind dann Steve persönlich, Tiëstos Manager, ein Typ namens Ben und ein DJ namens Jono, der auch als Cheftrainer für die Your Shot-Teilnehmer fungieren wird. Sie alle sind sich einig, dass alles, was es zum Starruhm braucht, ein Laptop, etwas Talent, das Fehlen jeder Moral und der unbedingte Wille sind, sich in genau zu der Fäuste-reckenden Marionette formen zu lassen, die am meisten Marktanteile zieht—frei nach Zac Efron.

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Was dann folgt, ist eine deprimierende Aneinanderreihung von Gesichtern, die rausposaunen, dass sie gerade alles auf die Musik gesetzt haben, oder erklären, dass sie keine Möbel haben, weil sie Geld für „Equipment" sparen, das offensichtlich unglaublich wichtig für den Weg zum VEVO-gesponserten Superstar ist. Ein Typ hat sich seine Frisur anscheinend bei Skrillex abgeguckt. „Musik ist mein Leben." „Das wird mein Leben verändern." „Ich liebe Tiësto." „Danke für die Limo!" „Wo kann ich mir das später anschauen?"

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Am Ende konzentriert sich das Kamerateam auf ein paar wenige Kandidaten, die etwas aus der Masse herausstechen. Da hätten wir Mike, den sympathischen Soldaten aus North Carolina, der Musik benutzt, um noch etwas anderes zu habe als „jeden Tag aufstehen und angegriffen zu werden." Es gibt auch ein zauberhaftes Zwillingspaar. Die stundenlange Selbstfolter mit Reality-TV hat mich gelehrt, dass Personen mit viel Kamerazeit es noch weit bringen werden.

Wer von den Anwärtern weiterkommt, scheint wohl vor allem damit zu tun zu haben, wer von ihnen eine Persönlichkeit hat, die für die vier Herren „funktioniert." Es wird viel über Gefühle und Bauchgefühl geredet. Von musikalischem Talent ist an diesem Punkt allerdings so gut wie gar nicht die Rede, was wiederum zeigt, dass wir es hier mit einer unglaublich präzisen Repräsentation der EDM-Geschichte zu tun haben. Ben stimmt zu.

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Sie rufen die Teilnehmer auf. Die Teilnehmer rasten aus.

Episode 3: YOUR SHOT: TRAINING BEGINS. Im Hintergrund läuft „The Only Way is (7)Up", die überdrehten Kandidaten haben sich am Eingang zum Lagerhaus zusammengefunden, wo Steve ihnen erklärt, dass das hier ihr neues Zuhause sein wird. Jubel. Leider lassen sie die Teilnehmer nicht zu viert in Etagenbetten, umgeben von knietiefem Müll hausen, wie die meisten DJ-Anwärter da draußen in der echten Welt. Als sie reingehen, bringt Tiësto gerade die leere Tanzfläche zum Kochen. Und wie sie kocht. Die Teilnehmer weinen. Sie reißen die Hände nach oben. Ist das jetzt schon die erste Lektion, oder geht es danach erst los?

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Tiësto hält vor den begeisterten Jung-DJs eine inspirierende Rede, verschwindet dann hinter einer Wand und erzählt uns, dass quasi alles, was er eben gesagt hat, totale Scheiße war. Die Kids bekommen ihr erstes Pioneer-Setup und die AKG-Kopfhörer gezeigt und brechen unter der Reizüberflutung beinahe zusammen. Sie drehen durch, weil Mixer und CDJs „leuchten" und „viele Knöpfe haben". Sie haben keinen blassen Schimmer davon, was hier abgeht, aber ihre Hoffnung haben sie nicht aufgegeben.

Jono teilt die 30 Teilnehmer in Gruppen von 8 auf (hmm…) und erklärt ihnen die Grundlagen des DJings: Das hier ist ein Mixer, das ist ein Fader, das sind deine AKG-Kopfhörer, das ist ein USB-Eingang … das sind deine schreienden Fans, hier ist ein Sack Koks, da steht dein Therapeut und deinen Vater haben wir noch nicht erreicht, aber wir versuchen es weiter.

Sofort scheitern die Leute am Beatmatching. Dank einer geschickten Montage vergeht die Woche aber wie im Flug. Währenddessen nimmt Steve die Teilnehmer mit nach draußen, um mit ihnen über persönliche und emotionale Probleme zu reden. Dabei werden sie aus der Ferne gefilmt. Mit einer weiteren vollen Minute Sendezeit festigt der sympathische Soldat Mike seine Position als Favorit.

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An Tag 15 sind so ziemlich alle davon überzeugt, der neue Diplo oder die neue Diplette zu werden. Steve holt sie auf den Boden zurück und erinnert sie daran, dass einige von ihnen gut und andere nur OK sind. Nichtsdestotrotz sollen die Schwachen vor einer blutdürstigen Menge geschlachtet werden, wenn sie zwei Wochen später die Bühne bei einem Special-Showcase in L.A. erklimmen. Die Überlebenden dürfen dann weiter nach Vegas, während der Rest wahrscheinlich lebenslang das AUX-Kabel bei Spieleabenden mit Freunden in Beschlag nehmen wird. Und dann kommt der Drop … ES KANN NUR SECHS GEBEN!

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Leider ist das alles, was bislang von der Saga veröffentlicht wurde. Wer wird die grausamen DJ-Camps überleben? Wer wird in den Händen brutaler Raver zurückgelassen werden. Bleibt auf dem Laufenden! Die Zukunft des EDM und eurer Limonadenauswahl hängt davon ab. Hier könnt ihr die aktuelle Folge sehen.

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Kat Bein war mal die Zweitplatzierte bei Clebrity Rehab: EDM Edition@KatSaysKill

Dieser Artikel ist vorab bei unseren Kollegen von THUMP erschienen.

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