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Wie geht es eigentlich der Grazer Clubkultur?

Graz fehlt ein richtig guter Club und der Szene mehr Mut. Wir zeigen euch, wie es um die Clubkultur in Graz steht.
17.3.16

Alle Fotos von Clara Wildberger

Die Stadtpolitik macht es der Clubkultur nicht gerade leicht—Verbote, Beschneidungen und die Mentalität einer Stadt, von der man meinen könnte, dass sie ausschließlich auf die Bedürfnisse älterer Mitbürger und Mitbürgerinnen eingeht, ist spürbar. Schikanen, die es den Club- und Barbetreibern erschweren, zu existieren, auch. Dabei ist Clubkultur ein Teil der städtischen Kultur. Nicht nur das Schauspielhaus und die Oper verdienen Achtung, auch das Nachtleben macht Stadt aus. Die Gentrifizierung und das Sterben beziehungsweise Downgrading der großartigsten Locations in den inneren Bezirken—hier seien nur das Niesenberger, die Kombüse oder das Parkhouse genannt—machen Graz zu schaffen. Viele Grazer Politiker sehen die Stadt gern als „City Of Design“, aber auch eine vitale Clubkultur ist für das Image einer Stadt sowie für den Fremdenverkehr wichtig.

Im Mai 2015 gab es eine Parade junger Grazerinnen und Grazer für ein „Recht auf Clubkultur“. Hat sie etwas bewirkt? Was ist nun der Status Quo? Wo befindet sich die Grazer Clubkultur jetzt? Würde eine Einführung eines sogenannten Nachtbügermeisters, der—wie in Amsterdam und Paris—einen Dialog zwischen Politik und Clubs herstellt, die Grazer Situation verbessern? Locations gibt es mehrere: Cuntra, Kombüse, Postgarage, Katze Katze, Forum Stadtpark, Hanson, Papierfabrik, Sub, Wakuum und Bunker, Dom im Berg und das P.P.C. Die zwei Monolithen im Club-Kalender sind das Elevate Festival und das Springfestival.

Gute Konzerte gibt es regelmäßig im Orpheum (DoPop), Sub und Forum. Diese Grazer Crews sind herausragend und für viel Bewegung verantwortlich: Disko 404, Kopf bei Fuß, Maesonic, Strictly Beats, Schwarzes Herz, Kult:Labor, Audiotherapie, Soundmarie, Noise Collage, Dirty South, I’m In Love With, Hedonismus Hacienda und RDMH. Es herrscht eine leistbare Eintritts-Politik in den Clubs. Musiker aus Graz, die es wert sind, gehört zu werden sind Hella Comet, Viech, Sado Maso Guitar Club, The Tiger Family, die Labels Wilhelm Show Me The Major Label, Numavi und Disko 404. Folk-Indie-Veranstaltungen finden sich durch Indiepartment und Gegenwart Kulturverein. Noise, Experimental sind durch Interstellar und Rock Is Hell vertreten.

Musik aus Graz, teilweise gefilmt im Stadtpark.

Ich sprach mit Menschen aus der Szene, um herauszufinden, was in Graz interessant ist, was die Crowd berührt und was verändert werden könnte. Nikolaus Wegscheider aka Bernstein ist Teil des Labels Hausboot und Pressesprecher des Springfestivals, ebenso freier Texter und Redakteur. Er gab mir den Tipp, dass „Großraum-Techno in Graz seit gefühlten 20 Jahren“ das Publikum bewegt, aber freilich nicht der Nachtschicht-Style, sondern Dinge, die zum Beispiel im Dom im Berg passieren. „Da wird noch richtig geravet, da gibt es auch ordentlich Publikum“, meint Nikolaus. Sonst findet man viele kleinere Partys und aber auch Bars und Clubs, die mit Clubkultur wenig zu tun haben und sich gern mit einem DJ als schickes Accessoire schmücken.

Er findet aber, dass der Akt des Auflegens an diesen Orten dadurch kränkelt und zu einer Cocktail-Party-Beschallung mutiert. Dies schadet der Qualität und der Etablierung eines kreativen Nachwuchses. Leider, sagt Nikolaus weiter, sei der Grundtenor in Graz ein Booking, das sich dem Rahmen anpasst und nicht umgekehrt. Qualitative und interessante Bookings schaffen Disko404, das Elevate, manchmal das Parkhouse, RDMH, das springfestival und Schwarzes Herz. „Die Postgarage ist sicher ein Dauerbrenner—von Worst of the 90s, zu GoaTrance bis hin zu Deep House von internationaler Klasse“, sagt Wegscheider weiter “auch Uni-Partys, Swing-Cafés und Schwulenpartys gibt es dort. Ein Eklektizismus, den viele kritisieren, in Wahrheit ist aber für alle was dabei. Auch vom Geschäftskonzept her klug, weil es in Graz von einem bestimmten Zielpublikum gar nicht genug Leute gibt, um den Laden zweimal die Woche zu füllen.“ Leider fehlen in Graz Clubs, die mittelgroß sind, also 400-500 Leute fassen. Wegscheider würde sich einen Ort wünschen, „wo dich niemand schief ansieht, wenn du hinter den Plattenspieler mal (künstlerisch) eskalierst, sondern wo das auch noch gefeiert wird.“

Graz ist manchmal charmanter als Wien, vielleicht durch die Familiarität unter den Crews. Die geringe Größe von Graz „ist Fluch wie Segen“, meint Wegscheider. Einerseits passiert relativ viel, andererseits merkt man allerorts, dass doch nicht genug Publikum vorhanden ist. Manche Veranstalter beklagen sich über ein Überangebot. Fazit ist, dass die Szene harmoniert und „es ist definitiv zu wenig Platz gibt, als dass es überhaupt zu aufgebauschten Pseudo-Rivalitäten zwischen Szene-Teilen kommen könnte. Hardcore, House und HipHop haben sich lieb in Graz,“ erzählt mir Nikolaus. Es macht Spaß an einem Abend zwischen verschiedenen Locations hin- und herhoppen zu können, wovon auch die Festivals profitieren. „Das Kompakte ist charmant, aber manchmal auch ländlich—vor allem im Vergleich zu Wien.“ Die zwei Größen im Clubhimmel—Elevate und springfestival—wären in Wien vermutlich so nicht möglich und sie sind „für die Größe von Graz als zwei Events von diesem Ausmaß schon auch Symptom für eine lebhafte Clubkultur,“ erklärt Wegscheider weiter. Die vielversprechendsten Partys im Bereich House und Techno veranstalten momentan Kopf bei Fuß, Disko 404, BigMama, Elevate und Schwarzes Herz, empfiehlt mir Nikolaus.

Ich sprach auch mit Barbara Höhs aka MisSuki, Teil der Kollektive Schallware und Soundmarie. Sie bewertet die Grazer Szene eher nach Veranstaltern und Veranstaltungen, als nach Locations. Barbara spielt D'n'B und favorisiert die NoiseCollage- und Massive Playgrounds-Veranstaltungen. Als Veranstaltungsort und –team das Forum Stadtpark und Disko 404, ebenso das Sub und die Papierfabrik. Auch in ihren Augen fehlt es in Graz an Clubs. Barbara sieht die Attraktivität im Grazer Angebot gleich dem in Wien, außer, dass in Wien die Bookings „doch viel gewagter und attraktiver sind, als man sie in Graz je umsetzen könnte.“ Die familienähnliche Kuscheligkeit gefällt auch ihr an Graz. Sie vermisst ein bisschen die besondere Note bei Veranstaltungen im D'n'B- Bereich, ihre Randnische Liquid-D'n'B wird in Wien abgedeckt, in Graz leider nicht.

Zwei Menschen des Kollektivs Kopf bei Fuß sind Benedikt Pallier aka Bende Panier und Apua Martinez aka Apua. Bende hat mit 15 oder 16 Jahren angefangen, sich für elektronische Musik zu interessieren und hat auch in Metalbands gespielt. Möglicherweise eine typische musikalische Sozialisation in Graz—ein Genre-Mix. Mittlerweile lebt Benedikt in Wien, über Graz wollte er trotzdem was sagen. Schön an Graz ist für ihn, dass alle guten Locations praktisch zu Fuß erreichbar sind und nahe beieinander liegen. Er empfiehlt die Reihe Spktrm, die ausgehend vom Elevate regelmäßig im Dom im Berg stattfindet und dabei gute Acts bucht. Kopf bei Fuß siedelte vor kurzem vom Dom ins Forum. Apua, auch Mitgründer und Teil von Kopf bei Fuß und Booker für das Parkhouse, legt mir abseits des Dom im Berg, die Stallbastei, das Forum, das Parkhouse und den 2nd Floor der Postgarage nahe, „aber einen wirklichen Club haben wir nicht“, sagt er.

„Graz hat eigentlich nur noch Veranstaltungsräume in denen sich die einzelnen Crews und Veranstalter einmieten und ihre Partys schmeißen. Wie zum Beispiel in einem der beliebtesten Orte, der Postgarage. So sehr ich die Postgarage schätze und es liebe dort zu spielen, vermisse ich persönlich jedoch einen Club—wie damals das Niesenberger—der seine eigenen Bookings, Clubnächte , Label-Showcases und Residents hat.“ Auch er findet Graz toll, nicht charmanter als Wien—aber gut und anders. „Das Schöne hier ist, dass praktisch jede Szene ihren Platz findet und eigentlich unter den Veranstaltern und Crews ein freundschaftliches Verhältnis herrscht. Alles hat seine Existenzberechtigung und wird großteils sogar von einander unterstützt,“ meint Apua weiter. „Wir haben sehr viele engagierte Vereine und Veranstalter, die über das Jahr verteilt regelmäßig internationale Gäste einladen und aber auch mit kleinen „Local-Partys“ dafür sorgen, dass einem nicht langweilig wird. Das ist auch wichtig für die Szene, da ohne die oben Genannten nichts passieren würde. Die Grazer Clubkultur kann nur existieren, weil es ein paar Wahnsinnige gibt, denen es wichtig ist, dass Leute ausgehen können und die oft das ein oder andere finanzielle Risiko auf sich nehmen, nur um einen guten Abend hinzulegen,“ erzählt Apua.

Auch die Schwarze-Herz-Serie wird ab März 2016 pausieren. Sie fand größtenteils monatlich in der Postgarage statt und wurde von DJ und Booker Herbert Teichtmeister aka Mosbee geführt. Auch er vermisst einiges in Graz, aber er findet auch Lob: „Mittlerweile gibt es Clubs und Räume der mittleren Größe. Ich habe ja mit Schwarzes Herz den 2nd Floor der Postgarage als Location forciert und der ist meiner Meinung nach der schönste Clubraum in Graz. Würde es dort noch einen Raum zum Sitzen und Quatschen geben, wäre es ein perfekter Club. Mit dem Hanson und KatzeKatze sind ja auch zwei Clubs in der 200-300 Leute Kategorie dazugekommen. Viel wichtiger wäre es, wenn es endlich einen Club mit Identität geben würde, wo endlich mal das Gesamtkonzept zusammen passt. Sowas gibt‘s in Graz nicht. Und das wäre so wichtig. Es wird beim Booking keine Acht gegeben. Es kann keine Kredibilität aufgebaut werden, wenn man kein Gespür für diese Qualität hat.“

Auch Herbert sieht in Graz die Leute und die Größe als sehr vielversprechend an. Außerdem kommt ihm vor, dass alles ein wenig lockerer, entspannter zugeht als in der Hauptstadt. „Ich denke, dass es auch in Wien unter den Crews die ähnliche Ideale haben, familiär zugeht beziehungsweise ist das in ganz Österreich so. Vor allem unsere Wien-Innsbruck-Graz-Achse mit ‚E-nix', ‚Tante Emma' usw. ist zur Familie geworden.” Auf die Frage nach dem Status Quo der Grazer Clubkultur und der Motiviertheit der Grazerinnen und Grazer, sagt Herbert: „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Graz ist nicht Wien. Es passiert auch unterm Jahr viel, aber wenig, das mit meiner Idee von Clubkultur zusammenpasst. Das Publikum in Graz ist meines Erachtens sehr offen für gute Musik, dennoch fehlt der Stellenwert und die Wertschätzung dafür.” Persönlich empfiehlt Herbert das maesonic Kollektiv, das vorwiegend im Forum gute Partys hinlegt. Ein breites Spektrum also, es fehlt ein guter Club und oft an Mut. Ein „beweg deinen Arsch” könnte nicht schaden, damit Graz noch wacher und spannender wird.

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