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Der Nino Aus Wien hat schon immer vom 'Buntland' erzählt

Unser Autor kennt den Nino aus Wien schon sehr lange, sie hatten sich aber irgendwann aus den Augen verloren. Jetzt hat er Nino und die gesamte Familie Mandl zum Interview gebeten. Die Geschichte einer Begegnung.

von Marcel Ludwig
07 Mai 2014, 9:08am

Foto: Julian Haas

Ich kenne den Nino jetzt schon ein paar Jahre. Also „von früher“, als Der Nino aus Wien einfach nur der Nino war. Der Nino Mandl. Aufgewachsen in einem schönen Haus an einem Teich. Mit einer Katze, einem Bruder und zwei ausgesprochen netten Eltern. So mit dreizehn oder vierzehn Jahren war der Nino ein junger Mann wie die meisten anderen auch. Entgegen anders lautender Gerüchte interessierte er sich für Fußball, Musik und Schildkröten jagen. Naja, fast wie die meisten anderen.

Wir haben uns dann irgendwann ein bisschen aus den Augen verloren. Jetzt habe ich ihn nach Jahren im Cafe Else am Praterstern wieder getroffen und mit ihm über seine Musik, den Prater und eine Menge anderer Dinge geplaudert. Eigentlich wollten wir ja vorab schon ein paar Dinge über einen Briefwechsel klären, das hätte dann aber vermutlich zu lange zu lange gedauert. Den Brief hab ich trotzdem abgeschickt. Vielleicht geht sich ja irgendwann hier noch ein Nachtrag aus. Wer das für skurril hält, der kennt den Nino wohl eher schlecht.

Nino kommt dann, für mich durchaus überraschend, ziemlich pünktlich. Wie es sich für einen Musiker gehört, ist die Gitarre geschultert und der Vorabend noch nicht ganz aus dem Gesicht verschwunden. Wir nehmen im Schanigarten Platz und vertreiben uns die Wartezeit aufs Cola mit ein paar Anekdoten. Großartig verändert hat er sich in all den Jahren nicht.

Ob wir bis acht Uhr abends brauchen, will der Nino vorher wissen, er müsse zur Probe. Ich verneine und gestehe gleichzeitig, dass ich gehofft hätte, er würde sich ein Bier bestellen. Warum das, will Nino wissen. Ich erzähle eine meiner Lieblingsgeschichten, bei der ich mal vor seiner Zimmertüre übernachtet hab, weil mich sein Bruder, als ich auf der Rückbank meines Autos eingepennt bin, mit samt meinem Auto umwerfen wollte. Damals hatte ich wohl definitiv das eine oder andere Bier zuviel

Noisey: Folglich: Bier oder Wein?

Nino: Cola. Also alles normal. Ich trinke gerne Bier. Aber Bier vertrag ich nicht so gut. Drum trink ich wenig Bier.

Ich wollte dir ja eine Flasche Wein mitbringen, die ging aber in der S-Bahn kaputt.

Was war es für einer?

Ein Cabernet Sauvignon. Danach riecht jetzt eine S45.

Ich mag Rotwein. Ich hab gestern auch viel Rotwein getrunken. Blaufränkisch. Auch mazedonische Rotweine sind super, Vranac zum Beispiel. Überhaupt die Gegend, dass ist meine Lieblingsgegend für Weine. Die haben so eine starke Sonne dort. So eine trockene Sonne, man schmeckt das im Wein.

Für all jene, die sich an dieser Stelle bereits ein tiefgründiges Zwiegespräch über Ninos Musik und die bald erscheinenden Alben erwartet haben: Keine Angst, das kommt noch.

Ein besonderes Dankeschön geht an die wunderbare Uschi Mandl, Ninos Mama, die uns diese Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Jetzt aber wirklich zur ersten Frage.

Das waren noch gar keine Fragen?

Doch, aber jetzt geht’s ans Eingemachte.

Ach, ich trink ja eigentlich selten. Aber wenn, dann viel. So wie etwa gestern.

Auch beim Aufnehmen?

Beim Bäume-Album waren wir im Burgenland, in Oslip, da haben wir vor dem Aufnehmen ja schon eine Weinverkostung gehabt und bei den Aufnahmen selbst ziemlich viel Pinot Noir getrunken. In Albern weniger, da war eher Whiskey angesagt. Aber nur in den Pausen, also wenn ich nichts zu tun hatte, aber auch nur ein paar Schlücke.

Apropos Träume-Album: Da spielst du ja in klassischer Rock’n’Roll-Besetzung. Auch mit Rock’n’Roll-Lifestyle?

Was is der Rock’n’Roll-Lifestyle?

Naja, ich hätt mich gefragt, gab’s Exzesse, Abstürze oder kleine Kätzchen während den Aufnahmen von den du erzählen möchtest? Den ganzen anderen Scheiß kann ich ja auch im Pressetext lesen.

Ich kann mich gar nicht erinnern. Es waren auf jeden Fall lange Nächte, sehr lange Nächte. Aber nichts Aufregendes, wir sind schon so abgebrüht, wir nehmen einfach auf und dann gehen wir nach Hause. Es war wirklich, also wirklich, unaufregend.

Ich hab mir sagen lassen, dass du auch ein paar Songs daheim im Elternhaus geschrieben hast, in Hirschstetten. Ist es dort eher Routine oder eine willkommene Abwechslung?

Nein, ich hab zweimal versucht bei den Eltern was zu schreiben, hab ne Gitarre mitgenommen und einfach zweimal ein Lied geschrieben. Es war nett dort. Im unteren Wohnzimmer, neben mir die Katze. Die meisten Lieder hab ich aber zu Hause geschrieben. Manchmal schreib ich aber auch Lieder ganz wo anders, in Hotels zum Beispiel.

Also kein besonderer Ort.

Naja, daheim geht’s am besten. Die meisten Lieder hab ich um elf Uhr abends begonnen und um sechs Uhr morgens war dann ein Lied fertig. Das hab ich dann zehn Nächte in Folge gemacht und dann war das erste Album Bäume auch schon fertig.

Zuerst der Text oder die Musik?

Ich spiele Gitarre, singe mit, schreib es auf und hör es mir an, dann wird verändert und es passt, wenn ich es auswendig singen kann. Die wird halt viel geändert im Verlauf.

Das heißt es ist fertig wenn du zufrieden bist?

Was heißt zufrieden?

Es soll auch Leute geben, die ihre „rohen“ Songs anderen Leuten zeigen und dann noch was ändern.

Nein, das mach ich eher nicht.

Nino ordert eine Käsekrainer, der passende Break vor der nächsten Frage.

Ich kenn Leute, die sagen, dass deine Musik scheiße ist. Erstens weil sie die Texte nicht verstehen und zweitens weil du auch nicht wirklich Gitarre spielen kannst. Du würdest viel von deinen Musikern leben.

Ich hab das Gitarrespielen von Syd Barretts Soloalben gelernt. Zu dem sagt man auch, dass er falsch spielt. Mir geht’s ja nicht um Schönklag, mir ging es nie darum. Ich mache gerne auch schreckliche Lieder, die nicht so schön klingen. Mein Gott, ich seh’ das eher so als so ne Kunst-Sache ... Ich schau mir ja auch furchtbare Filme an. Sinn … es geht mir nicht ums Verstehen. Ich liebe es, wenn ich etwas nicht verstehe. Ich freu mich wenn es Leuten gefällt und wenn es Leuten nicht gefällt. Ich würd mich nur nicht aufregen darüber. Es gibt ja Leute, die regen sich richtig über, ihrer Meinung nach, schlechte Musik auf, das find ich dann eigentlich eher lustig. Jedes Gefühl das meine Musik erzeugt ist okay. Langweile, Spaß, Freude, Trauer, Abgestoßenheit – alles ist super.

Du veröffentlichst ja jetzt zwei Alben gleichzeitig. Das klingt ja stark nach Konzept.

Ahja, ich hab noch was vergessen. Die Leute haben schon Recht, wenn sie sagen, dass meine Musiker gut sind. Ich spiele sehr gerne mit ihnen. Ich spiele aber auch gerne alleine. Da kann ich mehr Lärm machen. Meine Musiker zügeln mich da eher.

Zügeln?

Sie helfen mir. Weißt du, wenn ich alles alleine machen würde, wäre es nur Lärm. Ganz laut drehen. Alles verzerren. Die Stimme verzerren. Ich mach das auch sehr gern allein Zuhause. Aber mir gefällt es jetzt eigentlich viel besser mit Band.

Jetzt aber zurück zu den zwei Alben. Auf den ersten Blick wirkt das Bäume-Album sehr persönlich, ein wenig wie eine Hommage an Wien.

Ja, das ist ein Wien-Album.

Das Träume-Album wirkt auf den ersten Blick ein bissl „weniger Nino“ - so wie ich ihn kenne. Neben seiner Verschrobenheit empfinde ich es aber auch gleichzeitig auf einer sehr persönlichen Ebene als „ehrlich“.

Naja, ich wollte eigentlich ein Album nur über verrückte Leute schreiben, die ich kenne oder auch nicht. Es handelt eigentlich nicht von mir. Es geht für mich aber noch ein wenig tiefer als das Bäume-Album. Ich erkenne mich in vielen Liedern trotzdem selbst wieder. Der Plan war, etwas ganz von mir selbst distanziertes zu machen. In Wahrheit ist Träume aber wohl noch persönlicher als Bäume.

Foto: Julian Haas

Besonders aufgefallen ist mir das Lied „Graz bei Nacht“.

Das ist das persönlichste. Das ist das einzige Lied das auf dem Album von mir handelt. Es geht darum, dass ich nicht weiß, wo meine Gitarre ist.

Kommt das öfter vor?

Ja.

Weil du diese eine, wichtige Gitarre immer verlegst oder weil du so viele hast, dass du den ganzen Tag Gitarren suchen könntest?

Nein, ich leg meine eine Gitarre immer irgendwo hin und muss sie dann suchen. Das geht mir auch so mit Zigaretten, mit allem. Die Sonnenbrille hier hab ich schon vier Mal in Hotelzimmern verloren und sie wurde mir jedes mal wieder gewaschen zurückgeschickt. Ich weiß nicht wie man das nennt, wenn man dauernd alles verliert oder vergisst.

Chaotisch vielleicht?

Ja, chaotisch vermutlich.

Sein älterer Bruder beschreibt den Nino indes ein wenig anders: „Er ist ein unglaublicher, hochbegabter, fast schon überlegener Geist, in einer Hülle die man nur allzu leicht unterschätzt.“

Auf Bäume singst du davon, dass du gerne Teamtormann geworden und international gespielt hättest. Inwiefern macht es dich glücklich, dass deine Lieblingsmannschaft Rapid jetzt zu dir in den Prater zieht?

Ich hab da ja schon vorgefühlt. Ich war bei der Jan-Novota-Autogrammstunde, weil er für mich der beste Rapid-Tormann seit Ladislav Maier ist und es war ein schönes Treffen.

Dabei hätte Der Nino aus Wien vielleicht sogar tatsächlich Karriere als Kicker machen können. In jungen Jahren war er ein ausgesprochen talentierter Tormann. Kein Witz, sein Bruder—und der hat von Fußball wirklich, wirklich Ahnung—hat das auf unsere Nachfrage ohne zu zögern bestätigt.

Aber ich geh ja eigentlich nicht ins Stadion. Ich geh’ einmal im Jahr und dann auf die Spiele Rapid-Admira oder Admira-Rapid, ich fahr gerne mal in die Südstadt. Ich bin Rapid aber trotzdem sehr verbunden und verfolge die Meisterschaft durchaus. Auch wenn ich nicht so bin wie mein Bruder—der kritisiert mich nämlich immer ich sei kein echter Fan. Aber das ist mir ziemlich wurscht. Ich bin schon voll dabei. Und Prater, ja, sie spielen jetzt zwei Saisonen im Happel, das ist ja nicht mehr ganz der Prater und Rapid und das Happel, das ist schwierig, das war in letzter Zeit gar nicht so leicht. Ich bin gespannt wie viele Leute da kommen, freue mich aber schon aufs neue Stadion, wie auch immer es heißen wird. Ich hab eh schon ein paar Vorschläge gemacht.

Und zwar?

Grün-weißes-Stadion. (Aus brüderlicher Hand wurde mir zugetragen, dass dies in der Tat der mit Abstand beste und sinnvollste Vorschlag war)

Du wohnst ja jetzt fast direkt daneben. Im Stuwer-Viertel. Bist du dort bewusst hingezogen? Auch in Hinblick auf das verruchte Image des Grätzels?

Ich wollte einfach mal aus Hirschstetten raus. Wenn man aus dem 22. ist, dann ist es durchaus weit verbreitet lange dort zu bleiben. Ich kenne viele in meinem Alter, die noch dort wohnen. Ich hab mir eine Wohnung angeschaut und sofort gesagt, dass ich dort hinziehe. Ich bin recht schnell in meinen Entscheidungen. Die Straße, in der ich wohne, ist eine wunderschöne Straße. Voller Bäume, eine kleine Allee, es hat mir sofort gut gefallen. Die Geschichte der Gegend hab ich erst nachher studiert. Jetzt ist es ja eher ruhig. Ich mein am Praterstern geht’s ja schon eher zu, aber das ist ja ein Stück weg von mir. Mit der Polizei hatte ich aber noch nie Ärger, im Gegenteil. Einmal hat mich ein Polizist erkannt und gemeint, dass er mal auf einem Konzert von mir war.

Weg vom Prater, hin zu einem deiner vielen anderen Projekten—wie ist es um den Euphoric Flenson bestellt? Gibt es den noch? Hatte er was mit den neuen Alben zu tun?

Dem Flenson geht’s schlecht. Der hat Kehlkopfkrebs und lebt jetzt in Serbien bei seiner Mutter, aber er hat mit mir gemeinsam das Lied „Grant“ auf dem Träume-Album geschrieben. Er macht gerade ziemlich wenig, es wird mit Sicherheit ein großes Comeback geben – er hat ja schließlich schon sieben Alben.

Aber die sind ja alle unveröffentlicht.

Naja, er hat sie immer nur seinen vier Fans geschenkt. Es gibt glaub ich auch gar nicht mehr Fans.

Nunja, vielleicht werden wir ja noch Fans. Apropos gar nicht so leicht. Man weiß ja, dass du neben den Beatles, den Ramones oder Syd Barrett auch ein großer Fan von James Joyce bist. Als ordentlicher Journalist, der sich gewissenhaft auf seine Interviews vorbereitet, hab ich versucht Finnegans Wake (James Joyce’ letztes Werk, dem Der Nino aus Wien auf dem Album Schwunder ein Lied mit dem selben Titel gewidmet hat) anzulesen und hab mir beim Verständnis schwer getan. Ich hab knapp 40 Seiten geschafft und da wir mir schon zu viel Interpretations-Möglichkeit drin.

Da geht’s nicht um schaffen. Für mich ist das Entspannung. Ich lese das laut, weil es rhythmisch unglaublich interessant ist. Ich hab es sicher schon dreimal gelesen.

Auftritt Käsekrainer. Ich biete an, das Interview kurz zu unterbrechen. Joyce ist jedoch ein gutes Thema, Nino möchte gerne weitermachen.

Was ich eigentlich sagen wollte, ich denke, Joyce wollte bis zu einem gewissen Grad gar nicht verstanden werden will. Ist das auch etwas was deine Musik charakterisiert?

John Lennon hat mal gesagt: „James Joyce zu lesen, ist wie einen Brief von einem alten Freund zu bekommen“. So ist es wohl. Einfach nicht für jeden gemacht. Manchen geht es dann aber tief ins Herz, berührt, betrübt oder belustigt. Ich bin wohl einer von denen. Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass es kompliziert wäre. Ich tu’ mir bei anderen Sachen schwer, Krimis etwa. Ich bin einfach für Sprache und für Offenheit der Sprache. Joyce macht viel aus Sprache. Es ist sehr rhythmisch. Das was mich immer schon fasziniert hat. Willst du wissen wie ich zu dem Buch gekommen bin?

Bitte. Erzähl.

Mir ist das in einem Buchgeschäft aus dem Regal gefallen. Ich hab es gekauft, sofort in der U-Bahn gelesen und nur gelacht, dabei sogar die Endstation verpasst und wurde dann sogar von der Aufsicht aus der U-Bahn geworfen. Das war ein toller Moment, er hat mein Leben verändert, weil ich sah, dass es Leute gab, die so schreiben können, dass es mich amüsiert und berührt zugleich. Aber ja, ich schreib meine Lieder auch ein bisschen wie Joyce. Ich verwende auch oft Wörter, die nicht ganz so üblich sind oder setze Worte zusammen, weil es in diesem Moment einfach sein muss, weil es viel zu selten passiert.

Du hast mir letztens erzählt, dass du gerade mit Ernst Molden aufnimmst. Suchst du dir Künstler für deine Kollaborationen bewusst aus oder passiert das einfach so?

In 80% der Fälle war es so, dass jemand mit mir was machen wollte. Ich bin da eher scheu, ich trau’ mich oft nicht jemanden zu fragen. Bei Ernst Molden fühle ich mich sehr geehrt, weil ich seine Arbeit mag. Wir nehmen da gerade was auf. Ausschließlich Cover-Songs. Nur Austropop-Cover, wird vermutlich im Jänner kommen. Zudem hat mich Clemens Denk gefragt, ob ich in seiner Band Gitarre spielen möchte. Das hat mich irrsinnig gefreut, weil ich das noch nie gefragt wurde—ich sehe mich ja selbst auch als Gitarristen. Natürlich gibt es bessere Gitarristen, aber ein wirklich guter Gitarrist könnte nie so spielen wie ich.

Ob deiner unorthodoxen Herangehensweise?

Man sieht mich spielen und denkt ich könnte das nicht. Aber das ist ein Vorurteil, ich verspiele mich nicht und treffe die Töne. Außerdem entwickle ich mich ja auch, ich bin ja schon besser, als vor vielleicht vier Jahren. Auch ich entwickle mich weiter und lerne ständig von meiner Band und anderen Musikern dazu.

Foto: Julian Haas

Apropos dazulernen. Du hast ja bislang nur ein einziges Mal Songs in Co-Produktion geschrieben. Mit Krixi, Kraxi und die Kroxn.

Die Natalie (Ofenböck Anm.) ist genial. Sie sang mir die ganze Zeit Lieder zum Aufstehen vor. Da war klar, dass wir was zusammen machen werden. Beim Schreiben von „Hallo“ hatten wir unglaublich viel Spaß und dann spontan beschlossen eine Band daraus zu gründen und laden ein paar Leute ein.

Weil du von Leute einladen sprichst, gemeinsam mit Skero enthält Träume ja auch den potentiellen Sommerhit „Abtauen Girl“.

Das ist ja eigentlich ein Cover von Federico Sanchez. Ich kenne den Song schon vier Jahre. Federico ist aus München und ich war immer schon ein großer Fan. Jetzt hat er uns gefragt, ob wir das aufnehmen wollen. Ich hab mich da ziemlich geehrt gefühlt und mir gleich gedacht, dass wir da doch den Skero mit ins Boot holen könnten, zumal ich ja grad eben auch ein bissl bei seinem neuen Projekt Müßiggang mitgewirkt hab. Ich mag den Skero ja sehr gern und seit „Du Oasch“ arbeiten wir ja auch immer mal wieder zusammen. Es allerdings fast eine Ironie, dass unsere Aufnahme jetzt so poppig klingt, Sanchez macht eher so düstere Underground-Sachen, wie auch seine Original-Version eher verschroben und düster ist. Es ist wohl das poppigste Lied, das ich jemals aufgenommen hab.

Du hast in deiner Jugend ja viel Klebstoff geschnüffelt. Irgendwelche anderen Jugendsünden?

Fahrräder stehlen und Schildkröten im Badeteich jagen.

Mit Speeren oder wie jagt man die?

Nein, mehr so Nachlaufen.

Das klingt so, als wäre Hirschstetten ein scheiß-langweiliger Ort.

Ist es eh, aber auch schön irgendwie. Ich bin ja auch eher ein Langweiler. Ich brauch nicht viel Action.

Nino war wirklich noch nie der Typ, der großen Action. Auch seine Mama beschreibt ihn, im Gegensatz zu seinem Bruder, als schon immer sehr ruhig und angenehm. Die Abenteuer fanden schon immer in seinem Kopf statt: „Nino erzählt seit er sprechen kann Geschichten, seit er schreiben kann schreibt er Geschichten. Geschichten über Buntland und andere phantastische Orte. Schon seine ersten Aufsätze mit sieben oder acht waren so phantasievoll, so gut erzählt. Ein Wahnsinn.“

Warum ich diese Frage stelle. Ich habe letztens eine alte Festplatte von mir ausgegraben und eine ICQ-History von uns beiden gefunden. Hier ein Auszug:

Nino - 2:46 Uhr „Magst du eigentlich Kräuterzigaretten?“

Marcel - 2:46: „vielleicht. Wieso?“

Nino: 2:47 „ich hab da nämlich eine Kiste“

Asooo, diese Kräuterzigaretten.

Ja, Bindis.

Ich hab im Internet eine indische Website gefunden, keine Ahnung wie ich darauf gekommen bin. Da konnte man Zigaretten für den eventuellen Weiterverkauf bestellen. Ich hab mich als Firma ausgegeben. Das ging sehr leicht. Zwei Wochen später hab ich eine riesige Kiste mit zehn verschiedenen Sorten Kräuterzigaretten geliefert bekommen. Schokolade, Rum, Kirsche, alles. Sicher zehn Stangen.

Rauchst du das Zeug immer noch?

Nein, nein. Ich hab die alle verschenkt. Die haben mir dann nochmal geschrieben, ob ich mehr davon haben, also eigentlich kaufen möchte. Aber ich war ja erst 15, ich hatte doch gar keine Firma.

Also verhinderte Krämerseele. Wie wichtig ist es dir, dass die Menschen deine Platten auch kaufen oder soll deine Musik einfach gehört werden?

Naja, ich mach so gerne Alben. Das ist einfach mein Hobby. Ich wünsch mir einfach, dass die Leute das ganze Album hören. Und mein Gott, ich hab so viel illegal heruntergeladen, ich darf mich gar nicht beschweren, dass jemand meine Platten einfach so downloadet. Es freut mich wenn sie es runterladen, es freut mich auch wenn sie es kaufen. Ein bisschen Geld gibt’s auf jeden Fall. Wenn es so weiter geht, passt das für mich. Es würden wahrscheinlich mehr Menschen meine Alben kaufen, wenn das Internet nicht wäre. Aber das Internet gibt’s ja. Ich hab meine Platten sogar selber illegal runtergeladen, weil ich sie physisch fast nie daheim hab.

Das wäre jetzt auch Urheberrechtstechnisch sehr interessant: Kann man für den illegalen Download seiner eigenen Musik verklagt werden?

So schlimm wird die Strafe da wohl schon nicht sein.

Die heimische Musikindustrie feiert sich ja ziemlich bald mit dem Amadeus Award wieder selbst. Dass HVOB und Naked Lunch ihre Nominierungen zurückgezogen haben, hat da eine recht große Debatte ausgelöst. Wie siehst du, als mehrmals selbst Nominierter, diese Causa?

Ich würde das so niemals machen. Der Amadeus ist da mehr ein Spiel. Mir wäre er nicht wichtig genug, um da so ein Tam-Tam drum zu veranstalten. Ich will da ja gar nicht mehr hingehen. Ich hab zwei von drei Einladungen wahrgenommen, am Ende war da nur eine komische Party mit peinlichen Momenten. Die haben zum Beispiel Harry Stojka einmal nicht reingelassen. Den großen Harry Stojka. Dem haben sie gesagt ‚du kannst da nicht durch, dass ist der pinke Teppich für die Nominierten’. Das ist ja nur peinlich. Es passt aber schon hinein in die österreichische Musikwelt. Andererseits find ich es ein bisschen kindisch die Nominierung nicht anzunehmen, ich würd das so nicht machen. Die Schlagersänger zum Beispiel freuen sich ja trotzdem über ihren Preis. Das ist einfach ein absurder Award wo Schlagersänger mit FM4-Acts an einem Tisch sitzen und versuchen über den Abend Freunde zu werden. An sich ist das schön, aber ernst würde ich das nicht nehmen.

Also wird man dich wohl eher nicht bei Helene Fischer im Ernst-Happel-Stadion treffen?

Als Zuschauer oder als Musiker?

Sowohl als auch?

Naja, Helene Fischer ist ganz interessant. Die singt ziemlich gut. Ich schau das schon ganz gerne und beneide die Leute auch ein wenig für das Vollplayback. Das ist mir nämlich bislang immer verwehrt geblieben, die Erfahrung hab ich noch nie gemacht, würde ich aber gerne. Das ist glaub ich ne andere Ebene der Performance. Semino Rossi zum Beispiel ist auch ein toller Sänger, er hat sogar ein paar gute Lieder. Andreas Gabalier halte ich dagegen wirklich gar nicht aus, aber er ist wohl aktuell unser größter „Rockstar“.

Nunja, er hat es immerhin nach Deutschland geschafft. Ist es dir wichtig dort ebenfalls erfolgreich zu sein? Glaubst du, dass deine Musik dort funktioniert?

Ich spiele unglaublich gerne in Deutschland, fast lieber als in Österreich.

Weil die Leute unvoreingenommener an die Sache herangehen?

Sie wirken zumindest meistens ein wenig frischer.

Inwiefern unterscheiden sich die Reaktionen?

Die Deutschen sprechen sehr viel. In Österreich wollen die Leute nach dem Konzert meistens nur ein Foto. In Deutschland fragen sie viel und sagen dir ihre Meinung zu den Liedern. Aber Deutschland ist da wieder auch nicht gleich Deutschland. Das ist ja ein großes Land.

Dein Lieblingsort in Deutschland?

München, Berlin und Frankfurt. Offenburg und Freiburg war ganz anders, aber auch schön.

Und Jena, der Abschlusstrack auf dem Träume-Album? Hast du dort schon mal gespielt?

Jena war einer der letzten Tourstopps. Da war ich schon ziemlich fertig. Es war eiskalt, wir haben in einem alten Eisbahnwaggon ohne Heizung geschlafen. Auch das Publikum war sehr kalt. Minus elf Grad. Ich war vom Vortag aus Berlin noch ziemlich verkatert. Auf einer Tour kommt immer irgendwann der Moment wo dich alles nervt, bei mir war das halt in Jena. Ich glaub aber nicht das Jena prinzipiell eine hässliche Stadt ist. Es ist ein wenig eine Drohung. Nach Jena ziehen war in dem Moment ein bisschen wie sich umbringen.

Wolltest du immer schon Musiker werden?

Nein, seit ich 17 bin. Weil ich in meinem Ohr Kopfmusik hörte. Da dachte ich, das könnte ich eigentlich machen. Mit Saxophonen und Stimmen, das war fast wie eine Vision. Gemacht hab ich diese Musik aber bis jetzt noch nicht. Ich versuche immer noch dort hinzukommen. Es klang wenig wie Unterwasser-Musik. Vielleicht war ich damals auch einfach nur eingeraucht.

Du wurdest ja schon viel zu oft mit dem jungen Andre Heller verglichen. Drum frag ich dich jetzt auch gar nicht danach, sondern nach seinem Sohn. Left Boy sorgt ja gerade für Furore.

Ich find es gut was er macht. Man erkennt ihn gleich, er hat eine unverwechselbare Stimme. Natürlich, ohne Geld kann man es eher nicht so anlegen wie er. Langsam angehen, Karriere planen, tolle, aufwändige Videos produzieren. Andre Heller als Vater war da vermutlich von Vorteil.

Gibt’s jemanden von dem du wolltest, dass er dir ein Lied schreibt?

Das kommt wohl aufs Lied an. Mir würden schon ein paar Leute einfallen, ich würd aber eher mehrere fragen und dann das beste auswählen. Wobei, eigentlich würd ich lieber für jemand anderen ein Lied schreiben. Für wen genau weiß ich aber nicht. Das wäre ganz interessant. Vielleicht schreib ich ja mal ein Lied für Left Boy.

Ertappt. Es hat ja bereits mal wer ein Lied für dich geschrieben—Fußboi’ schaun. Gibt’s zur nahenden WM wieder einen Kracher?

Ich hab das unter hunderten Liedern ausgewählt, aber wenn ich ehrlich bin, ein Fußballlied reicht. Die Band will das auch gar nicht so gern spielen. Skifoahn vielleicht, ich würd eher Ski-Lied schreiben. Wie die Beach Boys, die haben auch immer Surf-Lieder geschrieben, ohne dass sie surfen konnten.

Wie der junge Ambros?

Der junge Ambros ist großartig.

Nur den jungen, weil heute… naja, lassen wir das.

Ach, ich erwarte ja nix von ihm. Also dass er ein tolles Album rausbringt. Ich hoffe einfach dass es ihm halbwegs gut geht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es mir mal so geht wie dem Ambros. Der klassische Niedergang der Wiener Dichter. Dem Alkohol verfallen. Eigentlich eine romantische Vorstellung.

Das macht dir keine Angst?

Nein, ich habe keine Angst vor Dingen die mir selbst passieren. Ich pass’ ja auch auf auf mich.

Ihr solltet euch Träume/Bäume, das neue Doppelalbum vom Nino, unbedingt zulegen. Am 13.5. stellt er es im WUK vor. Auch da solltet ihr unbedingt hingehen.

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