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Es war ein Fehler, sich Die Ärzte, Die Toten Hosen und andere Bands aus der Jugend nochmal anzuhören

Wir haben uns zehn Jahre später nochmal unsere Lieblingsbands angehört. Es war ... interessant.

von Viktor Sohm
14 April 2016, 2:00pm

Die Bands deiner Jugend: Mystische Astralgestalten, Götter in Schwarz, Prediger in laut. Was der Typ mit Gitarre sagt, ist Gesetz. Eine der interessantesten Erfahrungen, die man als Mittzwanziger machen kann, ist, sich all die Bands, die man früher bedingungslos gefeiert hat, noch einmal anzuhören. Es hört sich alles anders an. Dieses Killer-Gitarrenintro von „The Kids Aren't Alright“, zu dem du früher in deinem Zimmer die Luft verprügelt hast, klingt auf einmal langweilig und leblos. Die Songs, die du mit deinen Freunden betrunken mitgebrüllt hast, geben dir außer peinlichen Flashbacks gar nichts mehr. Du fängst an zu verstehen, warum man Radiohead gut findet. OK—du kannst dir zumindest vorstellen warum.

Rap hat mittlerweile Rock sowohl als Gegenkultur, als auch als Jugendkultur den Kopf komplett ins Wasser gedrückt. Bands werden einfach nicht mehr so gefeiert wie früher—so zumindest mein subjektiver Eindruck. Das könnte auch einer der Gründe sein, warum viele der alten Helden mittlerweile schrecklichen Dadrock machen. Die Fanbase wird alt und von unten kommen immer weniger neue Ohr- und Geldspender nach. Da dieser „Es hört sich alles anders an“-Effekt so stark war, habe ich einmal die wichtigsten Bands, die man früher geliebt oder gehasst hat, noch einmal angehört und versucht herauszufinden, was sie zehn Jahre später eigentlich noch machen und wie sich der subjektive Klang verändert hat.

Die Ärzte

Die Ärzte. Unbestritten DIE Band meiner Jugend. Wir feierten ihre Songs, ihren Humor, ihr Auftreten und ihre Attitüde. Jeder hatte seinen persönlichen Lieblingsarzt und wir waren die absoluten Fangirls. Ich von Farin. Ich konnte mich sehr mit seinem biederen studentischen Auftreten, welches trotdzem eine unheimliche Coolness ausstrahlte, identifizieren. Ich wollte wie Farin sein, andere wie Bela, manche wie Rod. Die Ärzte haben irgendwie das Boyband-Konzept auch für Jungs verdaubar gemacht. Dass die damals berühmten Ärzte-Rocknummern wie „Schrei nach Liebe“ oder „Deine Schuld“ eigentlich auch nur provinzieller Gitarrenschlager waren, hat man einfach nicht realisiert.

Erst Jahre später, wenn man versucht Die Ärzte mit seinen älteren, gereifteren Ohren nochmal zu hören, fällt einem auf, wie belanglos die ganze Musik eigentlich war. Die Ansagen waren eckiger als die Songs. Gut, die Ansagen waren schon immer eine besondere Ärzte-Qualität, aber dass dieses halblustige Zwischendurchkabarett einmal das Punkigste an der Band sein wird, überrascht dann doch. Nun gut, heutzutage sind die Ärzte einfach schon im Metapunk angekommen. Sie schreiben Schlagersongs und charten in den Hitparaden und verdienen immer noch einen Haufen Geld in einer Industrie, die sich immer noch absurd schwer tut, sich an die Veränderungen der Zeit anzupassen. Ziemlich Punk, so gesehen.


Die Toten Hosen

Falls du kein Fan der Onkelz warst, waren die Hosen der Komponistenbund deiner Trinklieder. Die Hosen waren immer irgendwie die ernsthaftere Version der Ärzte, leider aber schrecklich provinziell. Volxmusik nennt sich das—zumindest laut der Konsens-Bibel Wikipedia. Eine von der Presse hochgekünstelte Rivalität zwischen den Ärzten und den Hosen hat die Lagerwahl zum deutscheuropäischen Pendant der Beatles-vs.-Stones-Streiterei gemacht. Identifikationsfläche pur. Doch was machen Campino und Co. jetzt? Sie klingen wie U2 mit Bierzelt-Mitsingern, vertonen deutsches Kulturgut und sind irgendwie die Bandversion der politischen Rants deines links angehauchten Großvaters.

System Of A Down

WAKE UP! BRWZWZRARZZRAZRAAA MAKE UP! Die beliebteste Karaokeband aller bierverklebter Provinzkeller. Das Faszinierende an dieser Band ist, dass sie zwar schon jahrelang in einem Hiatus sind und nur noch vereinzelt Konzerte spielen, aber immer noch zu den wichtigsten Adoleszenz-Metalbands gehören. Wie klingen SOAD heute? Genauso wie früher, da sie sich konsequent weigern, neues Material zu veröffentlichen. Das letzte Album erschien 2005. Von allen hier gelisteten Bands sind SOAD mit etwas mehr Würde als der Durchschnitt gealtert. Dieses Statement gilt jedoch nicht für die Nebenprojekte der Mitglieder. Serjs Solomaterial war zwar etwas besser als Malakians Scars On Broadway, aber trotzdem sehr durchwachsen. Meine Nachfragen an die Jugend von heute haben ergeben, dass man sich immer noch zu SOAD anbrüllt.

Bullet For My Valentine

Die Emo-Könige von 2006. The Poison zählt immer noch zu einem dieser Alben, die die Lebensrealität vieler verändert haben. Ohne „Hand Of Blood“ oder „Tears Don't Fall“ hätten wohl viele niemals zum Metalcore gefunden. Eine der ersten wahren MySpace-Bands. Leider ging der Band die Kritik an ihrer selbst danach wohl zu sehr nahe und sie versuchten sich an „Real Metal“ mit dem Album Scream Aim Fire. Danach wurden sie zur langweiligen Hardrock-Band. Sie veröffentlichten vor kurzem ihr fünftes Album, welches leider so klingt, als hätte es auch von einer überdurchschnittlichen Pampa-Metal-Band veröffentlicht werden können.

NoFX

Ja, die gibt es auch noch. Haben immer noch eine große Klappe und Fat Mike ist immer noch mit fülligem Bauchumfang gesegnet. NoFX haben mittlerweile—wie es sich für eine Band ihres Alters gehört—auch eine Autobiographie veröffentlicht—und zwar bei Barnes & Noble. NoFX sind auch eine der Bands, die halbwegs in Würde gealtert sind. Soviel Würde man halt haben kann, als überzeugter räudiger Punk. Die Songs sind auf eine so gute Art vielschichtig geschrieben, dass sie auch zehn Jahre später immer noch vielschichtig aus den Boxen kommen—im Gegensatz zu den Songs vieler anderer Bands die, nachdem man die Zwanziger Grenze überschritten hat, auf einmal extrem simpel und langweilig klingen. NoFX beansprucht auch immer noch den besten Albumtitel ever für sich, nämlich Punk In Drublic. NoFX hören sich heute fast gleich an wie früher. Dass man das Ganze viel belangloser findet, liegt jedoch einfach an einem selbst und nicht an der Band.

Green Day

Nach dem Green Day ihre Karriere mit dem Pathos-Monster American Idiot erfolgreich gerettet haben, ging es wieder steil nach unten. Sie versuchten das Rock-Opera-Konzept zu wiederholen und lieferten das sehr langweilige 21 Century Breakdown ab. Billy Joe Armstrong gab sich live vor Kameras die Blöße. Ein Power-Pop angehauchtes Vierfachalbum folgte. Ja, Vierfachalbum. Ein Viertel davon war zwar eine Live-DVD, aber ich glaube nicht, dass sich irgendjemand das ganze Ding am Stück angehört hat. Billy Joe begab sich dann in Therapie wegen Alkoholsucht und der Nachrichtenfluss ebbte ab. Die Geschichte dieser Band liest sich viel mehr Rock'n'Roll als sie sich in Retrospektive anhört. Wenn man heutzutage Green Day nochmal hört, muss man gestehen, dass American Idiot unglaublich catchy ist und wohl eines der besseren Rock Alben ist, das nach 2000 veröffentlicht wurde—trotz allem Pathos. Dookie hört sich mittlerweile so unglaublich präpubertär an, dass man auf einmal den ganzen Hate der älteren Generation versteht, während man damals selbst noch komplett überzeugt davon war, dass Dookie das beste Album ever ist.

Der Autor muss sich erstmal mit ausgesuchtem Indonesier-Grind von seinem Nostalgietrip erholen: @igrpp

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