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"Man muss nur fanatisch genug sein"—Warum Musiker Wien verlassen

Nicht jede Musik ist Lärm, aber jeder Lärm ist Musik.
27.5.16

Foto: Bob Meanza

Nicht jede Musik ist Lärm, aber jeder Lärm ist Musik—Wien bietet für Musiker etwas ganz anderes als die sogenannte Kunstmetropolen der Welt. Wir haben uns mit Mitgliedern der insgeheim doch berühmten experimentellen Musikszene der Stadt Wien über das Publikum der verrücketesten Musikrichtung, die Auswanderung der österreichischen Künstler und das Phänomen der Wiener Verhaltensregeln unterhalten.

"Wien und die Avantgarde sind in der Vergangenheit verschmolzen, aber die Rolle des Avantgarde in der moderne Gesellschaft ist schwierig". Der amerikanische Gitarrist Eric Arn kam erst 2004 nach Wien, als er die Einladung der Medizinischen Universität akzeptiert hat und als Hirnforscher in der Stadt zu arbeiten begann. "Ich habe mehrere Angebote von verschiedenen Universitäten bekommen, aber der Ruf der alternativen Musikszene in Wien hat mir die Entscheidung jedenfalls erleichtert, obwohl mein Job nichts mit Musik zu tun hat", erzählt er.

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Mittlerweile ist Arn ein bekannter Künstler der österreichischen experimentellen Kunst- und Kulturszene geworden. Er spielt avantgardistische Musik. Er komponiert Stücke. Er baut Toninstallationen auf um das Ergebnis am Ende zu verwüsten. "Mein Werk ist mein eigenes, niemand kann das so machen wie ich."

Arn glaubt an die Wiener Szene, er ist jedoch trotzdem mit der Aussage einverstanden, dass es Die Szene nicht gibt. Es gäbe zahlreiche kleine Bewegungen und jeder beeinflusst nur einen kleinen Teil der ganzen Szene. Das ist die traditionelle Wiener Ordnung, und diese funktioniert auf ihre eigene Art und Weise. Sie verhindere jede starke Verbindung zwischen den Micro-Szenen, obwohl Synergie die perfekte Quelle für frische Energie wäre.

Eric Arn

"Es gibt fast keine freundlichen Feindschaften zwischen den verschiedenen Künstlergruppen, welche für neue Ideen und Austausch sorgen würde". Die lokale Presse kümmere sich auch garnicht um die Szene und über die finanziellen Schwierigkeiten müsse man erst garnicht reden. "Es ist ein teures Hobby professioneller experimenteller Musiker zu sein", oder so ähnlich lautet dieser alte Witz. Man muss immer kämpfen um bezahlt zu werden oder die nötige finanzielle Unterstützung zu finden damit man auch die Kunst machen kann, die man machen will. "Es gibt zwar viele Institute und Förderer, aber die meisten experimentellen Musiker brauchen einen Vollzeitjob um überhaupt Miete bezahlen zu können. Man erkauft sich die finanzielle Freiheit mit viel verlorener Zeit."

Wien ist zwar keine Goldgrube, aber geldtechnisch immer noch entspannter als die Hochburgen der alternativen Musik. Gut ist auch, dass sich die Stadt in naher Zukunft nicht groß verändern wird. Zumindest sieht es im Moment so aus. "Der größte Vorteil Wiens ist, dass es wohl nie so ein Zentrum wie Berlin, London oder New York sein wird. Es gibt hier viel weniger überambitionierte Künstler die extra hierher ziehen nur um eine Karriere zu starten. Es ist einfacher Kontakte zu knüpfen und die Reihe an Musikern die in einem Club spielen wollen, ist kürzer als sonstwo. Das erscheint mir gesünder, als das unmenschliche Hamsterrad einer Kunstmetropole"

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Trotz allem entscheiden sich viele Musiker ins Ausland zu gehen. Die Gründe sind bei fast jedem die gleichen, aber die Ergebnisse sind ganz verschieden. "Viele haben Geschichten über andere Städte gehört und glauben dann das Leben würde ihnen anderswo besser mitspielen oder einfach interessanter sein. Ich glaube jedoch, dass die wenigsten dieser Menschen Wien schon einmal für eine längere Zeit verlassen haben. Sie werden überrascht sein, wenn sie wirklich gehen. Die meisten kommen früher oder später zurück."

Alles hängt davon ab, wie viele Kompromisse man eingehen will. Alex Feldner ist vor drei Jahren von Wien nach Berlin gezogen, "weil man da wirklich internationaler sein kann". Der Siebenundzwanzigjährige baut und spielt seine eigenen Modularsynthesizer und ist der Meinung, dass es fast unmöglich ist in Wien immer neue Sounds zu entdecken. "Ganz ehrlich, die Stadt ist einfach zu klein um immer wieder etwas neues zu entdecken. Es ist auch schwer hier Leute in der geschlossenen Szene für neue Dinge zu begeistern. Ich habe es jahrelang versucht. Der Kampf um die Auftrittsmöglichkeiten erscheint in Berlin vielleicht harscher, aber glaub mir, es lohnt sich."

Armin Rudelsdorfer

"Berlin ist immer noch die offizielle Undergroundmetropole von Kontinentaleuropa, das ist eine Tatsache. Eine Menge Leute kommen nur hierher, weil sie diese Atmosphäre erleben wollen", erzählt Feldner. Aber nur ein kleiner Teil der Berliner Musiker kann mit ihren Projekten wirklich Geld verdienen. Bei experimenteller Musik ist die Situation eher tragisch und macht es fast unmöglich, als Künstler ohne einen Nebenjob zu überleben.

"Es gibt eine ewig lange Warteschlange beim Booking von Clubs. Manche wollen um die ganze Welt fahren, nur um im Keller von irgendjemandem spielen zu können. An guten Tagen bekommt man vielleicht 20 Euro Gage und manchmal nur einen Händedruck und das ist alles", sagt Alex, der derzeit in zwei verschiedenen Bars arbeitet, um seine Miete zu bezahlen.

"Ich glaube viele entscheiden sich wieder in ihre Heimat zu ziehen, weil Wien einfach keine so großen finanziellen Kompromisse fordert. In Berlin ist es vielleicht nicht so bequem wie in Wien, aber es gibt jedoch wirklich viel Inspiration und wenn man es richtig macht, sogar künstlerische Zukunftsperspektive. Man muss nur fanatisch genug sein".

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