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Interviews

Auf einen Nuttenstängel mit Schwesta Ewa

Wohl keiner Person in der deutsche Musikindustrie wird so viel Hass entgegengebracht wie Schwesta Ewa. In was für einer heuchlerischen Gesellschaft leben wir eigentlich?

von Toni Lukic
03 Dezember 2014, 1:50pm


Foto © Grey Hutton | VICE

Gesellschaftlich wird Prostitution verurteilt, aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir eigentlich gar nichts dagegen unternehmen. Männer haben Druck in den Eiern und den wollen sie möglichst diskret und vor allem günstig rauslassen. Der Schlenker nach der Arbeit in den Puff, um für 40 Euro zu bumsen, um danach ausgeglichen zu Frau und Kindern zu fahren, erscheint dann doch zu angenehm, als dass man darauf verzichten wollte. Und ist letztlich unter der Hand gesellschaftlich vollkommen akzeptiert.

Als Schwesta Ewa vor gut drei Jahren in ihrem Video „Schwätza“ die Freier nicht mehr freundlich ins Zimmer bat, sondern mit „Cześć, du Pitschko, her mit dem Mikro“ begrüßte, war es aus mit der Heimlichtuerei. Plötzlich rappte da eine Nutte, die genau das in die Öffentlichkeit rückte, was schön im Verborgenen bleiben sollte. Dass es Hater geben würde, war ihr selber klar, wohl aber nicht, wie krankhaft der Hass sein würde. Es machte es nicht besser, dass Ewas erste Rapversuche sehr holprig waren. In Ewas Vita war zwischen Blowjobs und Para zählen eben nicht so viel Zeit für Freestyle-Battles und Texte schreiben.

Ewa ist im polnischen Köslin geboren, ihr Vater sitzt im Gefängnis, weil er fünf Menschen ermordet haben soll. Gemeinsam mit ihrer Mutter zieht sie nach Deutschland, doch das eigentliche Ziel ist die USA. Als Ewas Mutter des Diebstahls überführt und die Green Card weg ist, ziehen sie nach Kiel. Dort wächst sie zunächst im Asylbewerberheim, dann in einem Frauenhaus auf. Mit 16 kellnert sie in einer Bar, an der nebenan ein Puff liegt. Ewa hat ihr ganzes Leben in Armut verbracht und erkennt, dass sie im Rotlicht schnell und viel Geld verdienen kann. Fortan ist sie in der ganzen Bundesrepublik unterwegs und klappert Bordelle und Straßenstriche ab.

In Bonn lernt sie den Rapper Xatar kennen und freundet sich mit ihm an. Er versucht sie zu überzeugen, endlich die Karriere als Nutte an den Nagel zu hängen und Rapperin zu werden. Erst nach monatelanger Überzeugungsarbeit lässt sie sich dazu bereitschlagen zu rappen. Nach den ersten Videos und dem Hype/Hass kommt nicht mehr viel. Ewa arbeitet an ihrem Debütalbum, doch ohne Absegnung des Alles oder Nix-Labelchefs Xatar geht nichts. Und der sitzt ja bekanntermaßen seit 2010 wegen Goldraub in Haft.

Drei Jahre nach ihrem ersten Video erscheint Anfang 2015 Ewas erstes Album Kurwa. Und es wird ein wichtiger Gradmesser sein. Ewas Rapskills haben sich stark verbessert und die Beats sind AON-Standard erste Sahne. Die Frage ist nur, ob Deutschrap und die Gesellschaft bereit für die ungeschönten Geschichten einer Prostituierten sind.

Ich jedenfalls war verdammt nervös, als ich mich in einer Mitte-Bar zum Interview mit Ewa treffe. Der Laden wirkt etwas schmuddelig mit zugehangenen Fenstern, durch die sich das Licht rot färbt. Ich war selber nie im Puff, aber so musste es darin aussehen. Ewa hat ein paar Schwestern und Brüder mit dabei, weswegen wir uns in eine Ecke setzen um ungestört zu quatschen. Sie bietet mir eine Davidoff-Zigarette an; die originalen Nuttenstängel.

Noisey: Du hast gesagt, dass du immer Angst vor Interviewern hast. Wieso eigentlich?
Schwesta Ewa:
Ich weiß es nicht, bis jetzt war alles immer super. Aber irgendwie werde ich diese Ängste nicht los.

Du brauchst definitiv keine Angst vor mir zu haben. Ich habe mir gestern dein Album angehört.
Wirklich? Und? Sag was.

Ich finde es gut, dass du schonungslose Geschichten erzählst.
Das Ding ist, ich habe so viele Geschichte im Kopf—ich wollte fast ein ganzes Story-Album machen. Aber ich wurde auch von Xatar ein wenig gebremst. Das wäre wahrscheinlich eine zu große Ladung Ewa gewesen.

Der Song „Boomerang“ ist mir aufgefallen. Habe ich das richtig verstanden, der Typ hat aus Versehen seine eigene Schwester vergewaltigt?
Das ist eine ganz bekannte Geschichte bei uns. Ein paar Typen haben einem Mädel was in den Drink getan und sie im Auto vergewaltigt. Einer ist dazu gekommen und wollte das irgendwann filmen. Als er das Handylicht angemacht hat, hat er gesehen, dass es seine Schwester war. Ich kann dir so viele von diesen Geschichten erzählen.

Ein anderer Song heißt „24 Stunden“, wo es um den letzten Tag im Leben geht. Was würdest du in deinen letzten 24 Stunden machen?
(Überlegt) Ich würde schon nochmal ins Milieu gehen und das Geld eintreiben, dass mir geschuldet wird. Und dann würde ich eine fette Party schmeißen.

Wie würdest du das Verhältnis zum Milieu beschreiben? Du bist nicht ja nicht mehr drin, aber sagst auch, dass du nicht komplett draußen bist.
Das ist so ein Spagat. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss, aber ich bin im Milieu, auch wenn die Hose nicht fällt. Ich habe zig Freunde dort, das Umfeld hat mich natürlich sehr geprägt. Das komplett loszulassen, kann ich mir auch nicht vorstellen.

Ist das für dich wie eine Familie?
Auch. Aber für mich hat Geld immer eine große Rolle gespielt. Bei Leuten, die ich außerhalb des Rotlichts kennengelernt habe, gab es immer wieder Streit wegen Geld. Das gibt es im Milieu nicht. Jedes Mädel, mit dem ich unterwegs bin, hat paar hundert Euro in der Tasche. Wenn die Rechnung kommt, streiten sich alle darum, wer zahlen darf. Ein normales Mädel wäre in der Zeit schon auf Toilette gegangen.

Kannst du einschätzen, wie viele aus dem Milieu rauswollen?
Es kommt drauf an. Ich kenne Mädels, die vom Zuhälter gezwungen werden anzuschaffen, ohne dass sie was dafür bekommen, dass sie ihre Beine breit machen. Natürlich wollen die raus. Trotzdem würden sie weiter für sich arbeiten. Vielleicht weil sie Mütter sind und Brot auf den Tisch bringen müssen. Eigentlich kenne ich fast keine, die raus will. Das Geld ist zu wichtig, deswegen werden die letzten Jahre immer noch Gas gegeben.

Entschuldigung, dass ich so naiv frage, aber ist man nicht irgendwann zu alt als Prostituierte?
Das ist ja das, was nicht stimmt. Bei meinem Freund im Puff arbeiten Frauen, die sind 74 und machen mehr Geld als die 18-jährigen Hühner. Die hören auch nicht auf, weil sie sich immer noch dumm und dämlich verdienen.

Willst du, dass man durch deine Musik einen Perspektivenwechsel auf das Milieu bekommt? Oder willst du Vorurteile abbauen?
(überlegt) Nein, weil auch die Vorurteile größtenteils stimmen. Ich will nicht die Sicht der Leute verändern. In erster Linie habe ich bei dem Album an mich gedacht. Als Therapie, um mir alles von der Seele zu schreiben.

Kommt die Angst vor Interviews und Auftritten durch den Hass, der dir immer noch im Internet entgegengebracht wird?
Klar. Das Gehate nimmt kein Ende, auch nicht nach drei Jahren. Natürlich denkt man dann, dass die gleichen Reaktionen auch aus dem Publikum kommen würden. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist es das komplette Gegenteil. Meine Angst ist immer so unbegründet. Trotzdem schiebe ich mir immer noch Filme.

(dreht sich zu einem Aufpasser um, der sich in unsere Nähe setzt)

Was ist denn? Geh mal nach hinten zu den Mädels. Wir sind extra hier in die Ecke gegangen um alleine zu sein. Los.

(der Aufpasser schlurft davon)

Hast du schon verstanden, wo dieser Hass herkommt?
Das ist auch eine Frage, die ich immer wieder den Leuten stelle. Ich verstehe das nicht, ich meine, das ist das älteste Gewerbe der Welt. Von den Hatern im Internet war doch fast jeder im Puff. Natürlich denke ich mir dann: Dich habe ich doch schon mal mit dem Dildo in den Arsch gefickt. Halt’s Maul, echt!

Andere Rapper geben dir Respekt.
Stimmt. Ich werde von niemandem gedisst—im Gegenteil, ich bekomme Anerkennung und Respekt. Vielleicht liegt es daran, dass viele von denen Bullshit erzählen und ich das wirklich gelebt habe, was ich beschreibe. Es kann natürlich auch der Rücken sein, den ich habe. Xatar ist eine Respektsperson, mit der sich niemand gerne anlegen will. Den einzigen Stress habe ich mit Rapperinnen.

Wieso?
Naja, die denken sich: Ich rappe seit zehn Jahren, und auf einmal kommt eine Nutte, die gerade mal ein Mikro in die Hand halten kann und rasiert mich. Ich kann die sogar verstehen. Aber es würde mich mehr freuen, wenn wir uns unterstützen würden, weil wir uns brauchen. Aber das ist dann Mädchenzickerei. Das ist überhaupt nicht meine Welt.

Was denkst du, warum es so wenige Rapperinnen gibt?
Ich denke, dass einige labil sind und keinen Mut haben. Ich glaube, es gibt viele Mädels, die gerne rappen würden, sich dann die Kommentare auf meiner Seite durchlesen und denken: „Ob ich das psychisch schaffe, so durch den Kakao gezogen zu werden?“ Andere Rapperinnen, die nicht Ex-Prostituierte sind, haben teilweise die gleichen Kommentare da stehen, wie ich. „Nutte“, „Nutte“, „Schlampe“ „Geh zurück in die Küche“. Um das auszuhalten, musst du Ellenbogen haben.

Fällt es dir leichter, mit den Schwätzern im Rap umzugehen, weil du sie schon im Puff gesehen hast?
Rap ist für mich der zweite Puff. Ich habe zwar gesagt, dass ich draußen bin, aber irgendwie befinde ich mich immer noch drin. Der Puffschaden, den ich habe, geht gegen alle Männer, weil ich euch alle in einer Schublade drin habe. Im Rap sehe ich das Gleiche: Schwätzer, Lügner und die Nutten, die da rappen und sich gegenseitig ficken. Ich habe so viele kennengelernt, die mir imponieren wollten und mir irgendwelche krassen Geschichten erzählt haben. Hauptsache, sie können irgendwie mithalten.

Was heißt, du hast alle Männer in einer Schublade?
Ja, was das Vertrauen angeht. Natürlich denke ich, dass das alles Lügner und Schwätzer sind. Ist doch klar. Wenn ein Bulle bei mir angehalten hat und mit Ring am Finger den Kindersitz nach hinten packt—was soll ich dann denken?

Glaubst, dass du dieses Vertrauen irgendwann wieder aufbauen kannst?
Nein. Ich kriege schon die Krise, wenn mir ein Mann die Tür aufhält. Ich denke mir dann ‚Nein, ich kann mir die selber aufhalten.‘ Ja, das ist der Puffschaden. Der bleibt, leider. Seit drei Jahren bin ich keine Prostituierte mehr und trotzdem hat sich, was das angeht, nichts verändert.

Lass uns noch über dein Album Kurwa sprechen. Du hast gesagt, dass du alles immer mit Xatar und Ssio absprichst. Wie sehr fühlst du dich als eigenständige Künstlerin?
Klar sagen die Jungs mal bei der Beat-Auswahl: Den können wir nicht nehmen, weil der zu wenig nach AON klingt. Klar können wir da dann Kompromisse schließen. Trotzdem ist das Album 100% Ewa. Die Geschichten stammen alle von mir und ich schreibe auch die Texte selbst. Ssio und Xatar fischen dann die Sachen raus, die wir dann zu einem späteren Zeitpunkt auf die Leute lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das zu viel Ewa auf die solide Menschheit.

Warum wäre das zu viel Ewa für die Menschheit?
Ich habe so viele Geschichten zu erzählen, die Xatar sogar selber gesehen hat. Er meinte aber: „Ich weiß, ich habe das mit eigenen Augen gesehen, aber das ist zu heftig. Das ist schon fast unglaubwürdig.“ Aber ich weiß, dass ich das auch irgendwann erzählen werde. Die Leute sollen das wissen.


Schwesta Ewas Album Kurwa erscheint am 9. Januar 2015, bestellt euch die Limited Edition Box bei Amazon oder die Mp3-Version bei iTunes.

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