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Interviews

„Warum muss man Musik immer vergleichen?“—Teesy im Interview

Teesy stehen musikalisch alle Möglichkeiten offen. Doch sind wir schon bereit für ihn?

von Toni Lukic
28 August 2014, 3:20pm

Vor einigen Tagen erschien eine Artikel in der Volksstimme, einer Regionalzeitung aus Magdeburg, mit der Überschrift: „Ein Justin Timberlake für Sachsen-Anhalt“. Gemeint ist Teesy, der beim Bundesvision Song Contest für Sachsen-Anhalt antritt, weil er ab Oktober dort studiert. Je nach Zielgruppe hätte dort statt Timberlake auch Drake, Frank Ocean oder Miguel stehen können. Diese Vergleiche werden bei Teesy gerne bemüht, weil die deutsche Poplandschaft jemanden wie ihn noch nicht gesehen hat. Rap, Soul, Pop, Jazz, R'n'B—irgendwie macht der gebürtige Berliner alles. Das Chimperator-Signing ist ein Produkt der Generation Maybe, die er in der gleichnamigen Single mit Megaloh berappt: Einerseits bieten sich Teesy alle Möglichkeiten des Musikmachens, weil er eben so talentiert ist, andererseits fallen Grenzen und Richtlinien weg. Ob das Publikum schon so reif dafür ist, wird sich zeigen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Diese Woche erscheint sein Album Glücksrezepte.

Noisey: Hast du dir vor der Promophase überlegt, was du antworten wirst, wenn dich alle fragen: Was ist dein Glücksrezept?
Teesy: Ne, gar nicht, weil ich auch keins habe. Ich habe es ja auch nicht mit Absicht gesagt: Hier ist dein Glücksrezept. Ich bin ja auch nicht restlos glücklich. An manchen Tagen mehr, an manchen weniger. Ich muss meine Ruhe auch noch finden.

Von außen wirkst du schon sehr zufrieden mit dir selbst.
Joa, bin ich eigentlich auch. Gerade bin ich sehr zufrieden, es läuft ja gut. Aber man kennt es ja, man kann nicht 24 Stunden am Tag super drauf sein, außer man macht vielleicht den hier (zieht eine imaginäre Line Koks).

Kannst du es genießen, wenn du glücklich bist?
Ich habe gemerkt, dass dieses Jahr so viel passiert ist, dass ich vieles einfach nur mache und durchrenne und gar nicht mehr anhalte und gucke, was ich da eigentlich gemacht habe. Von Januar bis heute habe ich wahrscheinlich die Hälfte vergessen. Auch wenn ich sehr schöne Dinge erlebt habe, haben mich manche Sachen ziemlich kalt gelassen.

Weil es immer weitergehen musste?
Wenn man das Musikgeschäft kennenlernt, ist so ein bisschen die Magie verloren gegangen. Als kleiner Spross wollte ich immer in die Juice oder ins Radio und man hat gedacht, das passiert einfach so, weil irgendwer auf dich aufmerksam wird. Heutzutage weiß ich, dass es Radiopromoter gibt, die daran arbeiten, dass du im Radio gespielt wirst. Deswegen hat es ein bisschen die Magie verloren. Trotzdem ist es schön und ich bin stolz, dass ich das geschafft habe. Aber ich bin jetzt nicht überwältigt, wenn ich das sehe oder lese.

Was überwältigt dich dann?
Momente in der Musik selber. Wenn wir einen geilen Beat oder eine geile Melodie machen. Oder wenn jemand ein Live-Instrument einspielt, dann ist das immer noch magisch. Aber wenn es zum Beispiel an Interviews geht—das muss ich ja nicht können. Ich mache Musik und das ist es, was mich krass begeistert. Aber große Namen beeindrucken mich nicht so doll. Viele Leute von früher, die sich nicht so mit mir beschäftigen, finden es krass, dass ich bei Rock am Ring gespielt habe. Dabei war das gar nicht das Highlight dieses Jahr.

Könnten die Leute von früher das als Arroganz verstehen?
Kann schon sein, weil vieles über Namen definiert wird. Aber ich weiß ja, wie es war. Den Leuten fehlen nur die Infos. Es ging ja auch nicht von heute auf morgen. Ich habe mir das Schritt für Schritt aufgebaut. Außerdem war der Auftritt bei Rock am Ring vor 100 Leuten und nicht so, wie sich manche Rock am Ring vorstellen. Viele können es einfach nicht einordnen.

Bist du schon der Künstler, der du sein willst?
(überlegt) Darüber bin ich mir noch nicht schlüssig, was ich sein will. Ich hadere ein bisschen, weil ich einerseits so viele Menschen wie möglich erreichen will, andererseits gefällt mir vieles am Musikgeschäft nicht. Ich könnte mir einen schöneren Rahmen vorstellen. Teilweise habe ich auch ein bisschen Angst vor den Auswirkungen, die es haben könnte, wenn es wirklich alle Menschen erreicht. Dass ich zum Beispiel nicht mehr auf die Straße gehen könnte. Ich weiß aber, dass ich für mich selber gute Musik machen will, die ich gut hören kann.

Du willst nicht bewusst Musik für die breite Masse machen?
Ne, es ist immer ein Abbild dessen, was mich gerade so inspiriert. Dann denke ich nicht drüber nach, dass ich es eingängig machen will, sondern, dann ist es das Bild, dass ich rüberbringen möchte. Und es funktioniert oder halt nicht.

Und musikalisch? Hast du mit dem Album genau das geschaffen, was du machen wolltest?
Ich bin sehr zufrieden, weil ich mich nicht entscheiden musste und ganz viel von mir reinstecken konnte. Aber so richtig angekommen bin ich auch noch nicht.

Was meinst du genau?
Es gibt noch ganz viele kleine Dinge. Ich würde gerne noch mal mit einer Big Band oder komplett akustisch spielen. Aber ich kann es dir noch nicht genau sagen. Man fällt nach dem Album immer in so ein Loch. Der Zyklus des Albums geht ja noch bis nächstes Jahr in den zu den Festivals. Ich wüsste jetzt noch nicht, was als Nächstes kommt. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Dadurch dass du so viel machen kannst, fällt es dir ab und zu schwer, dich zu entscheiden?
Ich glaube, ich würde mich langweilen, wenn ich nur eins machen könnte. Ich definiere mich gerade darüber, dass ich die Freiheit habe und in mehrere Richtungen gehen kann. Gleichzeitig, wie in unserer Generation gerade, habe ich ganz viele Möglichkeiten und mir fällt es schwer mich zu entscheiden.

Du hast dich also beim Song „Generation Maybe“ nicht rausgenommen?
Auf keinen Fall. Ich bin auch ein Teil davon. Aber dann denke ich mir: Ich kann beides. Warum sollte ich mich dann entscheiden? Es für mich immer noch schön, das alles ausleben zu können.

Man könnte ja sagen, dass du von der Generation Maybe profitierst, weil dir musikalisch alle Möglichkeiten offen stehen und du sie nutzt.
Klar, die HipHop-Szene ist so breit, dass alle nebeneinander gut existieren können. Und alle sind darüber glücklich. Vor drei, vier Jahren hätte meine Musik wahrscheinlich auch nicht funktioniert. Allerdings bin ich sehr gespannt, denn bis jetzt ist es nur an einer kleinen Menge an Leuten getestet worden. Mal schauen, wie die Leute es aufnehmen, wenn das Album draußen ist. Beim Bundesvison Song Contest trete ich mit „Keine Rosen“ auf. Die Leute stellen sich da drauf ein, aber wenn sie das Album hören, sehen sie, dass ich auch rappe. Ich frage mich, ob sie das unterscheiden, aber dann auch miteinander vereinbaren können.

Bist du mit deinem Sound deiner Zeit voraus oder ist es jetzt genau richtig?
Es könnte genau richtig sein. Ich glaube, dass HipHop gerade an so einem Scheideweg ist. Rap hat in Amerika 20 Jahre früher angefangen als bei uns. Leute, die mit 20 HipHop gehört haben, sind jetzt vielleicht 50 und sitzen in den großen Positionen. Aus diesem Grund läuft auch Lil Wayne in der Mall. Bei uns kommt das alles noch. Du merkst aber schon, dass es angefangen hat. Deswegen geht es jetzt gar nicht besser.

Stört es dich deswegen, dass du als deutscher Drake oder Frank Ocean bezeichnet wirst? Oder schmeichelt dir das sogar?
Beides. Die Leute brauchen ja etwas, wodurch sie meine Musik einordnen können. Es gibt Leute, die nicht so drin sind, und wenn du denen ein Album nahebringen willst, dann müssen die einen Bezug zu haben. Deswegen gibt es ja auch die Empfehlungen bei Spotify. Manchmal regt es mich aber auch auf. Warum muss man Musik immer vergleichen?

Wie willst du denn, dass dein Album aufgenommen wird? Willst du deine Hörer fordern oder willst du, dass sie es nebenbei hören können?
Jemand, der gerade von der Arbeit nach Hause kommt, muss sich nicht mit meinem Album auseinandersetzen. Aber ich will auch nicht durchgängig Musik machen, die man beim Kochen hört. Ich stelle mir das immer so vor, dass ich Musik machen will, bei der man sich mit einem Whiskey hinsetzen kann, das Album reinmacht und sich reinfallen lässt. Wie bei einem guten Film.


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