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Rapper nach dem Umfang ihres Vokabulars zu bewerten, ist Schwachsinn

Quantitative Untersuchungen von Rap ergeben schöne Grafiken und sind eine nette Spielerei, gehen aber am Wesentlichen völlig vorbei.

von Mahdi Rahimi
06 Mai 2014, 1:00pm

Alle Screenshots sind von dieser Seite.

Als ich noch etwas Sinnvolles in meinem Leben vorhatte und am Mathe-Institut an meiner Diplomarbeit schrieb, hatten wir einen Doktoranden aus China, nennen wir ihn Bo. Bo hatte einen unfassbaren englischen Vokabelschatz, schrieb unfassbar blumige Artikel zu Evolutionärer Spieltheorie und hatte auch noch einen extremen Fetisch für Frank Lampard. Bo hatte nur ein Problem: Er konnte nicht wirklich Englisch sprechen und jeder Vortrag von ihm war eine Qual, wie auch jede Unterhaltung zu Chelsea und Frank Lampard, aus mehreren Gründen. Ich nehme daher auch mal stark an, dass Bo nicht rappen konnte.

Ich musste die letzten Tage sehr viel an Bo denken, weil im Internet gerade ein Artikel herum schwirrt, der den Wortschatz von berühmten Rappern misst und ihn mit Moby Dick und Shakespeare vergleicht. Aesop Rock gewinnt, Wu-Tang Clan ist ganz weit vorne, DMX benutzt nicht gar so viele Worte. Mein erster Gedanke war „interessant”, mein zweiter Gedanke war „eh wurst” und bei der achten Person, die den Artikel gefeiert hat und irgendwas mit „Wu-Tang Clan ain’t nuthin to fuck wit” gepostet hat, habe ich mich dann doch geärgert.

Ich möchte dem Autor des Artikels nichts unterstellen und den Lesern auch nicht, aber seit wann ist es denn interessant, wie viele Wörter ein Rapper benutzt und nicht, was und wie er rappt und welchen bleibenden Eindruck das gerappte im kollektiven Bewusstsein oder in der Sprache hinterlässt? Warum ist ein Rapper, der gewohnte Rapstrukturen benutzt und lazy auf daisy und crazy reimt, dabei aber einen Wortschatz von 20.000 verschiedenen Kinder-Reimen benutzt, eine größere Herausforderung als ein Rapper, der eventuell 1000 Wörter benutzt, dabei jedoch mit gewohnten Strukturen bricht und eine gewisse Herausforderung für den Hörer erfordert?

Vor allem zielt der Artikel auch am eigentlichen Beitrag eines Rappers zur Sprache vollkommen vorbei. Viel wichtiger als der Gebrauch von irgendwelchen Wörtern aus einem Wörterbuch, ist doch der Einfluss des Rappers auf die Sprache und wie er es schafft, durch sprachliche Innovation, sei es Aussprache eines Wortes, Gebrauch eines Wortes oder Erfindung eines Wortes, die Sprache zu ändern. Wie misst man daher in diesem Zusammenhang den Einfluss von Leuten wie E-40 oder Outkast auf die Sprache im Vergleich zu U-God und Killah Priest? Wie wiegt man die Tatsache, dass man „bling” erst seit Lil Wayne benutzt zu Wales’ Sprachschatz? Wo ist der emotionale Eindruck, den DMX und 2Pac hinterlassen, im Vergleich zu CunninLynguists zu werten? Und selbst wenn Too Short ein Album macht, auf dem er eine Stunde lang nur „Bitch” sagt, jeder sagt „Biiiitch” „Biiiitch” wegen Too Short.

Jeder soll den Artikel lesen und sich an der tollen Grafik erfreuen. Der Artikel hat aber genau gar keine Aussage und ist nur ein Beispiel für sinnlosen Datenjournalismus ohne jeglichen wirklich brauchbaren Inhalt. Und jetzt wieder Katzenvines.

Mahdi mag Spielereien und Journalismus. Noch viel mehr mag er aber Rap. Du kannst ihm auch bei Twitter folgen: @liaBIGPUNov

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