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You Need to Hear This

Fryars hat kein Geld auf seinem Prepaid-Handy und übernachtet in Auslagen

Wer ist das denn überhaupt, diese kleine junge Diva hinter den runden blickdichten Gläsern?

von Annabella Kittel
28 November 2014, 2:55pm

Erst noch in Ruhe Mittagessen gehen, bloß kein unnötiger Stress. Lässig kommt Fryars fast eine halbe Stunde zu spät angeschlendert, sein Hemd leuchtet schon von Weitem. Das Büro hat hohe Fenster und ist sehr hell, Lichtschutz braucht man hier drinnen aber keinen. Er nimmt seine Sonnenbrille trotzdem nicht ab, sondern behält sie das ganze Gespräch über auf. Das ist ja mal 'ne Ansage. Bei Madonna, okay, aber darf man solche Mätzchen auch machen, wenn man noch ziemlich unbekannt ist? Wer ist das denn überhaupt, diese kleine junge Diva hinter den runden blickdichten Gläsern? Ich habe mal nachgefragt.

Noisey: Erzähl mal, wer bist du denn?
Also... Ich bin Ben. Benjamin Garrett. Auch bekannt als Fryars. Ich habe mit 18 ein kleines Album gemacht, im Eigenverlag. Danach habe ich etwa 5 Jahre damit verbracht, mein Album Power zu schreiben. Das klingt nach einer langen Zeit, aber ich habe die meisten Songs vor etwa vier Jahren in Schweden produziert, kam dann zu Warner und dann zu Universal.

Warum in Schweden?
Weil das ein guter Ort dafür ist. Es ist ein gutes Studio dort, von diesem Typen, Kalle, von der Band The Soundtrack Of Our Lives.

Was fasziniert dich an Musik?
Ich denke, dass Musik jeden fasziniert. Genauso wie Essen oder Trinken, Musik hat einen ziemlich hohen Stellenwert. Es gibt etwas faszinierendes an Musik, das sie fast schon zu einer Notwendigkeit macht. Menschen haben immer schon Musik gemacht. Momentan scheint sie etwas im Wert verloren zu haben, aber gleichzeitig ist sie wichtiger denn je, denn sie hilft Menschen, sich selbst zu identifizieren.

Du hast via Youtube viel Aufmerksamkeit für deine ersten Singles bekommen. Denkst du, dass es heutzutage einfacher ist, mit seiner Musik erfolgreich zu sein?
Ich glaube, dass es ziemlich einfach ist. Menschen können in sekundenschnelle ihre Videos rund um die Welt schicken und viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Gleichzeitig aber muss man gegen so viele Dinge ankämpfen, daher bedeutet es auch nicht mehr so viel wie früher. Wenn dein Song in den 70ern 35 Millionen mal angehört wurde, dann war das ein Vermögen wert und man war ein Star. Wenn heute ein Stück genauso viele Klicks bekommt, dann kann es trotzdem nichts wert sein.

Also wird deiner Meinung nach Musik wertloser?
Ja, definitiv. Allerdings nicht die Idee von Musik selbst, denn Menschen legen nach wie vor Wert auf Musik. Aber jedes kleine bisschen Musik wird dadurch entwertet, dass es bereits zuviel davon gibt.

Für deine Single „On Your Own“ wurdest du sehr gefeiert. Hast du damit gerechnet?
Naja... ich glaube eigentlich, dass es noch nicht annähernd genug Aufmerksamkeit bekommen hat! (lacht) Um ehrlich zu sein: Ich denke, dass es mein einziges Stück ist, das einem perfekten Song am nächsten kommt. Ich denke, dass er eigentlich noch mehr Leben in sich hat, als er momentan zu spüren bekommt.

Der Song beinhaltet die Zeile „On your own, feeling like you don’t belong“. Fühlst du dich oft so, als würdest du nicht dazugehören?
Hmm... Ich denke, dass dieser Song nichts mit mir direkt zu tun hat. Das ganze Album ist ein Konzeptalbum, in dem ich eine Geschichte erzähle. Ich habe für das Album ein in etwa dreißigseitiges Skript geschrieben und dann die Songs darum herum gebaut. Es ist also nur ein Momentaufnahme der Hauptcharaktere in meiner Geschichte, die von einem Ehepaar handelt. Sie wird aus der Sicht des Ehemannes erzählt. Als sein Unternehmen in die Brüche geht, wird sie klinisch depressiv und die beiden reden kaum noch miteinander. Als Text ist es in einem universellen Kontext zu sehen. Jeder ist für sich alleine.

Deine Texte klingen stellenweise sehr unglücklich, zumindest scheinen deine Charaktere sehr unglücklich zu sein. Hast du generell eine gute Meinung über die Liebe?
Ich denke schon. (lacht) „Can’t stop loving you“ ist eigentlich ein ziemlich positiver Song. Ich denke, dass viele Menschen glauben, dass sie verliebt sind, obwohl sie es eigentlich nicht sind, sondern nur jemanden ficken und sich damit abfinden. Ich glaube, dass viele Leute sogar verheiratet sind, ohne wirklich zueinander zu stehen. Es ist vermutlich ziemlich selten, dass man jemanden findet, den man wirklich liebt. Ich glaube, dass viele Beziehungen nur deswegen bestehen, weil sich manche Menschen eben getroffen haben und sich dann denken, dass Kinder und eine gemeinsame Hypothek eine gute Idee sind.

Du hast letzte Woche in der Auslage eines Shops geschlafen. Warum?
Ich habe eigentlich keine Ahnung! (lacht) Ich wollte einfach irgendwie auf den Release des Albums aufmerksam machen. Ich dachte mir, dass es eine witzige Idee ist. Das ganze wurde im Internet gestreamt und Menschen sind auch direkt an mir vorbeigelaufen. Die einzigen, die aber an die Scheibe geklopft haben, waren Obdachlose. Ich hatte auch einen privaten Security, der mich zusätzlich beobachtet hat. Ich habe das eigentlich ziemlich angenehm gefunden.

War das eine Art Kunstaktion?
Ja. Ich habe auch parallel zu meinem Album einen Film gedreht, der unten in der Halle des Shops lief, und es lagen ein paar Kopien des Skripts herum, auf dem das Album ja basiert. Ich habe dort auch meine Telefonnummer angegeben. Dann haben mich Menschen angerufen und gefragt, wer denn da dran sei. „Fryars“, habe ich geantwortet und dann meinten sie: „Ach echt? Das habe ich gar nicht erwartet!“

Konntest du aufgrund dieser Aktion ein paar Groupies an Land ziehen?
Noch nicht, zumindest nicht von dieser Nummer. Aber ich habe schon ein paar zweideutige SMS bekommen, auf die ich aber nicht antworten konnte, weil ich kein Geld mehr auf meiner Prepaid-Karte habe.

Vielleicht ist es mit deinem Auszug ja auch an der Zeit für einen richtigen Handyvertrag... Du gehst jetzt zusammen mit Lily Allen auf Tour?
Ja, genau. Sie hat mich vor einiger Zeit kontaktiert, da sie „On Your Own“ mochte und jetzt schreibe und produziere ich Songs für sie. Ich schreibe auch noch für ein paar andere Künstler, aber darüber darf ich nicht sprechen, sorry.

Na dann will ich dich nicht in Verlegenheit bringen. Vielen Dank!
Danke! Cheers!

Power erschien am 17. November bei Caroline. Hört es euch bei uns im Stream an oder holt es euch auf Amazon oder iTunes.

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