Bergheim—Ein Club-Urlaub in Innsbruck

Heart Of Noise, Tante Emma, Project, Weekender. Wir hatten einiges zu tun in Innsbruck.

|
08 Juni 2016, 8:20am

Was mindestens genauso toll ist wie die Club-Szene. Die Aussicht. Alle Fotos vom Autor

Ich liebe Innsbruck nach dem diesjährigen Heart Of Noise-Festival noch ein Stückchen mehr. Die lebhafte Club-Szene und die stets gut gelaunten Innsbrucker haben mich schon vor einigen Jahren begeistert. Unvergesslich bleiben Party-Nächte im Project oder in der Tante Emma. Eine typische Festival-Stadt ist Innsbruck trotzdem keine. Dafür gibt es jährlich seit 2011 das Heart Of Noise-Festival. Aufmerksam geworden bin ich erst 2013 darauf, als der Techno-Gott Jeff Mills zusammen mit Elektro Guzzi und Dopplereffekt Headliner waren. Noch heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich dieses Bomben-LineUp verpasst habe. Diesmal war das Thema Dub—insofern cool, weil ich mich erst vor kurzem vor allem mit Dubstep intensiver zu beschäftigen begonnen habe. Ja, ich weiß, nicht gerade früh dran. Es scheint jedoch so, dass Dub, Reggae und Dancehall zur Zeit ein Comeback haben. Während Dub im Club-Kontext bis heute weiterlebt, hat er in der Popkultur nach Bob Marley nie wieder so eine vergleichsweise große Rolle gespielt. Zuletzt hat unter anderem der Hit "Work" von Rihanna ziemlich eindrucksvoll gezeigt, wie gut karibisch beeinflusste Musik im Mainstream wieder ankommt.

Wegen ihm ist Bob Marley so geworden, wie wir ihn kennen. Sein ehemaliger Produzent und Vater des Dub Lee Scratch Perry beim Heart Of Noise.

Das Heart Of Noise hat mit Lee Scratch Perry als Altmeister, Kode9 als Vorausdenker und zahlreichen Dub-beeinflussten Acts wie Tapes, Pole oder Ilpo Väisänen die ganze Bandbreite ihres Festival-Themas abgedeckt. Wer nach MDMA-beflügelten Raves sucht, wäre hier definitiv falsch gewesen. Die mächtige Klangwolke von Aisha Devi oder das Hardcore-Gewitter von Mark Fell And Gábor Lázár brauchen die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers und lassen das Publikum vor Staunen erstarren. Wenn Fuckhead sich musikalisch und performativ zermetzelt oder man sich im Sitzen Florian Kindlingers und Peter Kutins Interpretationen zu Gletscher-Klängen anhört, dann sieht man: Das Heart Of Noise versucht nicht ein klassisches Musik-Festival zu sein.

Treibhaus

Ich bin aus Wien und alles was über einen Hügel hinaus geht, ist entsprechend ungewohnt für mich. Deshalb brauche ich nach der Ankunft immer eine Weile, um mich an den Innsbrucker Bergen zu erfreuen. Nachdem ich also endlich aus dem Staunen herausgekommen bin, geht es etwas verspätet zum Heart Of Noise ins Treibhaus. Der Eingang des Festivalzentrums besteht aus einer extra angefertigten Holzkonstruktion und wurde mit viel Liebe drei Tage lang zusammengebaut. Das Treibhaus ist ein mehrstöckiges Kulturzentrum, das mit dem Turm und dem Keller zwei sehr schöne Säle für Theater, Konzerte und Partys hat. Im Restaurant im Erdgeschoß kann man außerdem gut essen und trinken.

Project Innsbruck

Nach den Konzerten von Colin Stetson und Sarah Neufeld—beide Teilzeitmitglieder von Arcade Fire—und dem Dub-Champ Pole beim Heart Of Noise geht es vor dem Hotelbett noch auf einen Absacker ins Project. Nur auf einen Absacker zu gehen, wird dem kleinen Club an der Bogenmeile jedoch nicht gerecht. Im Project bin ich schon öfter die ganze Party-Nacht stecken geblieben—beispielsweise bei den legendären Nächten von Deep Jackin' Acid. Mir stehen aber noch zwei Festival-Tage bevor, also trink ich schnell mein kleines Bier, das mir mein Innsbrucker Freund Martin spendiert und entziehe mich der Donnerstags-Party-Meute. Ja, das Project kann auch unter der Woche brechend voll sein.

Tante Emma

Der zweite Tag beginnt mit Kino im Rahmen des Heart Of Noise. Zwei Filme von Dani Gal und Volker Schaner über Lee Perry geben einen Vorgeschmack, was uns bei seinem Auftritt am nächsten Tag erwarten wird. Innsbruck ist ein Freund von Rooftops. Es gibt zahlreiche Lokale auf irgendwelchen Dächern, wo man immer und immer wieder Berge schauen kann. Wen wundert es auch. Natürlich hat das Heart Of Noise ebenfalls eine Rooftop-Session eingeplant und hat drei Konzerte am Dach des Adlers Hotel angesetzt. Ich höre also Reggae. Und natürlich schaue ich wieder auf Berge.

Im Treibhaus geben Kode9 und Eartheater ziemlich starke Auftritte am Abend ab. Fuckhead verbreiten wieder einmal Chaos und Roly Porter prügelt sich mit seinem Industrial- und Ambient-Konzert in meine Ohren. Eh gut. Denn ich habe ja noch eine Clubnacht im Tante Emma vor mir. Einige Wiener in meinem Bekanntenkreis sehen die Emma als besten Club Österreichs. Nachdem ich das letzte Mal nur kurz reingeschaut habe, verbringe ich diesmal etwas mehr Zeit dort, vor allem weil die guten Leute von Bebop Rodeo auflegen. Die Stimmung und die Musik sind so gut, dass ich langsam die Faszination Emma verstehe. Bevor ich aber ins schwarze Partyloch stürze, mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause.

Pavillon im Hofgarten

Bevor der letzte abendliche Festival-Wahnsinn losgeht, gehe ich in den Hofgarten, wo sich das Heart Of Noise in einem Pavillon aufgebaut hat. Wenn es dort keine Noise-Konzerte spielt, kann man sich auch einfach in die Wiese legen oder auf einem übergroßen Schachbrett gegen Pensionisten Schach spielen.

Am Abend spielt dann endlich Aisha Devi im Treibhaus. Ihre Performance ist eine Offenbarung. Klanglich gibt es einige Tritte in die Magengrube und Erinnerungen an den außerirdischen Sound von Evian Christ. Gesanglich macht sie auf Björk, kriegt es aber normalerweise auf ihren Aufnahmen eigenständiger hin.

Dann Lee Perry. Man muss es hier sagen: Er ist unglaubliche 80 Jahre alt und schlendert auf der Bühne herum, als würde er seit 80 Jahren nichts anderes tun. Man bekommt ein Gefühl dafür, welche Energie im legendären Black Ark Studio geherrscht haben muss, als er Bob Marleys endgültigen Sound geschmiedet hat. Und er zieht die Joints so runter, dass er die ganze Halle in eine Graswolke hüllt. "Smoke less marihuana. Smoke less ganja. But no more cigarettes." Das Alter merkt man ihm aber bei der Performance an. Es gibt keine auswendig gelernten Songtexte, immer die selbe Gesangsmelodie und der Band fehlt einfach der Flow. Doch wir alle haben Lee Perry erlebt und uns in unsere eigene Jugend versetzt. Ein Hauch von Unsterblichkeit hängt in der Luft.

Lee Scratch Perry im Treibhaus Keller

Mit letzter Kraft möchte ich noch im Weekender vorbeischauen. Es hat eine turbulente Geschichte hinter sich und ist vor allem für seine Konzertabende bekannt, die im Untergeschoss stattfinden. Grund genug, dort das letzte Bier in Innsbruck zu trinken. Als ich um drei Uhr ankomme, sind die Konzerte schon aus und es spielt im Erdgeschoß unter einer riesigen Discokugel "Don't Stop Believin'" von Journey. Bei dem einen Bier ist es dann doch nicht geblieben.

Weekender

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.