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Ode an den Underground—Abriss der „Perfekta-Rave“-Hallen in Liesing

Das „Warehouse“ bei der U-Bahnstation Perfektastraße wird derzeit gerade abgerissen. Carl Schranz—unser Spezialist in Sachen Freetek-Partys—hat der Location zum Abschluss einen Tribut gezollt.
26 Januar 2015, 11:02am

Alle Fotos: CG

Jetzt ist schon wieder was passiert!: Am 31. Oktober des Vorjahres wurde in Liesing ein leerstehendes Fabriksareal mit unterirdischen Hallen entdeckt und als neue „Freeparty“-Location eingeweiht (wir haben berichtet). Seither haben auf der Liegenschaft Perfektastraße 82-84 sage und schreibe fünf „Freetek“-Partys stattgefunden—im Schnitt alle zwei Wochen eine. Und das mitten im Industriegebiet Liesing, kaum ein Steinwurf von der U6-Station Perfektastraße entfernt. Ein Dutzend Soundsysteme hat in diesem Zeitraum seine Boxenwände in dieser Location aufgestellt, insgesamt mehrere Tausend Jugendliche und Junggebliebene waren zumindest ein Mal auf einer dieser Partys. Ein Freetek-Party-Reigen, den Wien in dieser (geografischen wie zeitlichen) Dichte schon lange nicht mehr gesehen hat.

Nur selten stellt sich eine Halle als so gut geeignet (auch hinsichtlich (fehlender) Nachbarn, die sich wegen Lärm beschweren könnten) heraus, dass sie mehrmals benutzt werden kann. Nur selten liegt sie noch auf Wiener Stadtgebiet—noch seltener: direkt an einer U-Bahn-Station. Das „Warehouse“, wie das Areal in der ersten SMS genannt wurde, ermöglichte vielen („oberirdischen“) Wiener Party-Gängern zum ersten Mal mit der (unterirdischen) Freetekno-Szene auf Tuchfühlung zu gehen. Nun, 10 Wochen nach Beginn dieser phantastischen Ära, haben die Abrissarbeiten begonnen. Zeit für eine abschließende Würdigung. Denn seit Montag, 19. Jänner, werden die Hallen, die vor dem Leerstand der Produktion von Druckerfarben dienten, abgerissen. Wir waren nochmals vor Ort, um vor dem endgültigen Abriss die Spuren der vorangegangenen Exzesse aufzuspüren.

Welche 12 Soundsysteme hier ihr Unwesen getrieben haben und wie man an die Party-Infos kommt, muss leider auch dieses Mal dem sprichwörtlichen „Hawara“ überlassen werden, den man in solchen Fällen zu Rate ziehen soll. Es heißt ja nicht umsonst „underground“. Und ja, solche Partys sind streng genommen illegal. Aber das hat zuletzt selbst die Polizei nicht mehr ganz so streng gesehen... Aber alles der Reihe nach:

31.10.
Die erste Party fand, wie bereits erwähnt, am 31. Oktober statt—und dauerte laut Ohrenzeugen bis 16 Uhr am Folgetag. Drei Soundsysteme bauten eine mächtige Boxenwand auf, die durch die straßenseitigen Lüftungsschlitze (zur Herziggasse) schon von der U-Bahn-Station aus zu hören war. Die Polizei hat die Großveranstaltung mit—im Laufe der Nacht—sicher weit über
1.000 TeilnehmerInnen daher zwar definitiv bemerkt (ab und zu passierten vollbesetzte Streifenwägen die Kreuzung); entschloss sich aber anscheinend, sich unnötigen Ärger zu ersparen.

Im November wurde anderen Locations der Vorzug gegeben—unter anderem folgte ein Intermezzo in Halle 5 der Filmstudios Rosenhügel, direkt nach dem letzten Betriebstag vor der Stillegung durch den ORF. Diese Party ging allerdings ordentlich in die Hose, da das Krankenhaus Lainz und Wohnhäuser in der Nähe sind und schon nach zwei Stunden die Polizei den bis dahin etwa 200 eingetroffenen Ravern ein vorzeitiges Ende bescherte.

12.12.
Also kehrte „man“ (jede Party wurde von anderen Soundsystemen organisiert) wieder nach Liesing zurück. In der Nacht vom 12. auf 13. Dezember (Datumscode: 1312!) wurde die Halle an der Perfektastraße dann „richtig“ eingeweiht. Das Credo „respect the location“ wurde hintangestellt und der dominierende Geruch dieser Nacht stammte von Lack- und Sprayfarben: Dutzende
„markierten“ die Halle, drinnen wie draußen, auf vielfältige Weise. Auch diese Partynacht zog sich widerstandslos bis 12 Uhr Mittag des Folgetages.

9.1.
Der (mutmaßlich; kein Gewähr für Vollständigkeit!) dritte Termin war der 9. Jänner—während eine von vielen erhoffte Silvesterparty an dieser Location ausblieb. Aber den 9. Jänner hab ich verpasst—angeblich war ein 20.000 Watt-Soundsystem aufgebaut ...

16.+17.1.
Und dann kommen wir schließlich schon zum Abschluss-Wochenende, der fast 48-stündigen Abriss-Party auf zwei „Floors“, weil ein relativ neues Soundsystem, das bereits am Freitag in einer kleineren der unterirdischen Hallen aufbaute, nichts von der größeren Party von drei etablierteren Soundsystemen in der großen Halle am Samstag wusste. Also kamen sowohl am Freitag als auch am Samstag je an die 500 Leute—wobei sich am Samstag das Publikum auf zwei Floors und Bars aufteilte und am Schluss sogar noch Bier übrig war, weile viele noch vom Freitag zu erschöpft waren um auch am Samstag zu kommen.

Während es Freitagnacht noch zu zwei kleineren Polizeieinsätzen—offenbar aber nicht wegen Ruhestörung—gekommen ist, verlief die letzte Partynacht anscheinend zwischenfallsfrei. Irgendwann Sonntagfrüh dürfte es zwar Polizeikontakt gegeben haben, doch nur in der Form, dass die Beamten ausrichten ließen, „bis 12 Uhr geht die Party sicher!“—im Gegenzug mussten die Veranstalter dafür versichern, dass sie auch wirklich vor Beginn des Abrisses abzogen. Und so klang die Party bis kurz vor 13 Uhr langsam aus, die letzten paar Dutzend, die durchgehalten haben, applaudierten. Wo die nächste (Free-)Party stattfindet und wann, steht (noch) in den Sternen. Klar ist nur: sie findet statt. Ask your Hawara.

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