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Ich habe versucht, eine Nacht lang mit der U6 zu fahren

Eine Geschichte über eine Nacht, die nicht schlimmer hätte laufen können.
25 November 2015, 11:00am

Foto: Stefanie Katzinger

Schon Anfang des Sommers hatte ich den Versuch gestartet, eine Nacht lang mir der U6 zu fahren. Das Timing war natürlich Bullshit, weil die Stammgäste der Nacht-U-Bahn—Studenten—Wien schon den Rücken zugekehrt hatten. Damals sind mein Fotograf und ich öfters zwischen Spittelau und Margaretengürtel hin- und hergefahren und es war genauso spannend wie das Gespräch zweier sexuell unterforderter Frauen mitzuverfolgen, die Fifty Shades Of Grey besprechen. Da ich dieses Werk Weltliteratur nicht gelesen habe, wäre das vielleicht sogar tatsächlich packender gewesen, who knows.

Foto von einem mutigen Sebastian Rossböck

Aufgrund physiologischer Verpflichtungen sind wir damals irgendwann vor diversen U-Bahn-Toiletten gestanden und haben eben die fotografiert—schließlich wollten wir nicht, dass dieser Abend vollkommen umsonst ist. Ich erspare euch die wirklich krassen Fotos, von angeschissenen Klobrillen—es reicht zu wissen, dass Menschen nicht adäquat scheißen können, das muss man sich nicht auch noch anschauen. Ich für meinen Teil habe die Fotos leider gesehen und muss nun wohl lernen, mich von Licht zu ernähren. Hilft ja nix.

Letztes Wochenende war es aber wieder an der Zeit, das Projekt U-Bahn-Fahren des Grauens wieder aufzunehmen und nochmal eine Nacht lang die U6 zu riden wie Nils Holgersson die Wildgänse. (Für mich) wenig verwunderlich: Der Abend hat schon beschissen angefangen. Irgendwann kurz vor 22:00 ruft mich eine heulende Freundin an, sie habe mit ihrem Freund Schluss gemacht, der ihr jetzt ihr Handy wegnimmt, weil das eigentlich seines ist. Ich fühle mich auf eine perverse Art und Weise ein bisschen geehrt, dass ich ihr letzter Anruf bin und biete ihr selbstverständlich an, vorbeizukommen. Gut, weinende Freundin kommt zu mir, ich verabschiede mich von der Badewanne, auf die ich mich schon den ganzen Tag freue und dem heimlichen Placebo-Hören und widme mich mit einer Packung Taschentücher den tränenreichen Worten.

Foto: Stefanie Katzinger

Ich hatte schon vorher keine große Lust auf die U6, deren Geruch und die Menschen, die es trotz Suff noch in ein öffentliches Verkehrsmittel schaffen. Aber nach zwei Stunden voll hochkonzentrierten Herzschmerzes und der erneuten Bestätigung, dass die Liebe vom Teufel erfunden wurde, freute ich mich fast auf die fahrende Gestanksdepression. Die schluchzende Freundin findet aufgrund der widrigen Umständen auch Gefallen daran, noch schlimmere Opfer dieser Nacht zu sehen und beschließt, mich zu begleiten.

Foto: Sebastian Rossböck

Egal, ich habe das Mädchen mit den geschwollenen Augen an der Hand genommen, um bei der Währinger Straße Mädchen Nummer zwei von drei zu treffen. Mädchen Nummer zwei hatte auch nicht den Tag ihres Lebens, weil sie ihre Brieftasche verloren hatte. Aber sie hatte vier 0,33 Bierflaschen Ottakringer mit, was uns allen so etwas wie ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Weil ihr die Flaschen zu schwer waren, gab sie zwei davon in meine Tasche. Zwei Sekunden später habe ich einen Jennifer Lawrence gebracht.

Foto: Stefanie Katzinger

Wir sind die Treppen zur Station hinaufgegangen, ich habe eine Stufe nur so halb erwischt, bin ausgerutscht und vor den Augen aller dermaßen hingefallen, dass mir die Luft weg blieb. Eine der beiden besagten Bierflaschen ist suboptimaler Weise in meiner Tasche zerbrochen, und ihr Inhalt flutete meine Tasche wie die Blutung am zweiten Tag der Menstruation einen Tampon.

Foto: Stefanie Katzinger

Kurz dachte ich, dass wir nur eine Station—bis Michelbeuern, AKH—fahren werden, habe mich dann aber dazu entschieden, das zweite Bier aufzumachen und Schmerz gegen Promille zu tauschen. Beim Westbahnhof, wo Mädchen Nummer drei auf uns wartete, sind wir noch zu Burger King gegangen (die anderen) beziehungsweise gehumpelt (ich), um dort um Papiertüten und -tücher zu bitten. Es war kein schöner Anblick.

Innerhalb einer halben Stunde habe ich es geschafft, von einem Mädchen, das du problemlos in einen Club stellen kannst, zum Erscheinungsbild einer Obdachlosen zu transformieren. Kurz bevor wir es endlich zurück in die U-Bahn geschafft haben, hat uns ein sichtlich illuminierter Typ nach Geld gefragt.

Foto: Stefanie Katzinger

Er hat sich aufgeregt, dass ich ihm kein Geld gab. Ich hab ihm dann vom Rausch und von den Umständen menschlich heruntergewirtschaftet „Ja entschuldige, ich hab grade einen Unfall gehabt und hab andere Probleme“ als Antwort gegeben, während ich meine biergetränkte Tasche in die viel zu kleine Burger King-Tüte stopfte. Daraufhin ließ er dann ein „Ja das sieht man. Ein frontaler Unfall mitten ins Gesicht.“ fallen. Touché, du Schlagfertiges.

Foto: Stefanie Katzinger

Nach zweieinhalb Stunden Drama haben wir es dann endlich in die U6 Richtung Floridsdorf geschafft. Ob meines Bier-Odeurs habe ich versucht, mich möglichst fern von Menschen zu halten, was nicht nur nicht funktioniert hat, sondern mir auch angewiderte Blicke von einem Typen eingebracht hatte, den zuerst ich angewidert angesehen habe, weil er ein vor Fett triefendes Stück Pizza von seinem Pappteller aß, ohne es dabei zu berühren.

Mit seinen glasigen roten Augen, seinem Speichel, der mit dem Käse um die Wette tropfte und seinem Schmatzen belegte er in dieser Nacht aber nur Platz zwei der „Ich esse im Rausch in öffentlichen Verkehrsmitteln“-Stürzer. Mein Antiheld des Abends ist ein Typ, der kurze Hosen trug, ein kurzärmliges Hemd anhatte, seinen grauen Hoodie um die Hüften gewickelt hatte und eine bloße Semmel zehn Minuten stoisch in Ketchup tunkte. Dabei starrte er ohne zu blinzeln aus der U-Bahn-Türe raus. Wir haben ihn roten Bernd genannt und ihm einen Slow Clap für seinen Auftritt gewidmet.

Bei irgendeiner Runde U-Bahn sind wir dann auf zirka 15 Typen im Anzug gestoßen, die von der Weinmesse kamen. Wegen ihrer guten Laune und dem kernigen Dialekt haben wir schnell kombiniert, dass die Jungs nicht aus Wien sein konnten—das hat sich auch als richtig herausgestellt. Freundin Nummer zwei und drei sind daraufhin zu den angesoffenen Jungwinzern spaziert, die erklärten, dass sie in die Grelle Forrelle fahren. Im Geiste habe ich der Forelle und ihren Besuchern viel Spaß mit den jungen Burschen gewünscht, gleichzeitig habe ich aber verstanden: Who am I to judge?

Die „Winzer“, die besonders wegen folgender Aktion keine waren, haben uns einen kleinen blauen Buntstift geschenkt und eben etwas, das sie uns als „biegsamen Spiegel für die Brieftasche“ verkauft hatten. Es war kein Spiegel. Es war ein Drop Stop. Als die vom Liebeskummer geplagte Freundin Nummer eins fragte, was wir denn mit einem Stift sollten, manifestierte folgender Satz das Elend unserer gepeinigten Gruppe: „Du hast kein Handy und keinen Freund mehr. Alles, was du brauchst, ist ein Zettel und ein Stift.“

Foto: Stefanie Katzinger

Nachdem die Jungs ausgestiegen waren, wurde es in unserem Abteil innerhalb von Sekunden still und kalt. Recht einsam sind wir dann nach Floridsdorf gefahren. Es war schon recht spät, wir mussten alle dringend pissen (das hat man davon, wenn man nur mit Mädchen unterwegs ist), wollten eine rauchen und uns Kaffee und Bier holen. In Floridsdorf, wo wir ausgestiegen sind, trafen wir zufällig (wirklich zufällig) auf meine Kollegin Fredi, die gerade von einer Tankstelle zurückkam.

Foto: Stefanie Katzinger

Nach einer gemeinsamen Zigarette ist ihre Gang ins Werk und meine Gang zur U-Bahn-Toilette. Das Problem: Keiner von uns hatte 50 Cent. Während wir einen Ort suchten, an dem wir Geld wechseln konnten, hat die Liebeskummer-Freundin die Stellung bei der räudigen Toilette gehalten. Vor allem weil ihr kalt war und es da drinnen zwar räudig, aber temperaturtechnisch cosy war.

Foto: Stefanie Katzinger

Wir sind also zu Mc Donald´s—von einem räudige Klo ins nächste—haben uns dort einen Kaffee und beim Würstelstand Bier geholt. Schon etwas erschöpft sind wir zurück in die U-Bahnstation, um Mädchen Nummer eins von der Toilette abzuholen. Aber als wäre der Abend nicht schon furchtbar genug gewesen, war das Liebeskummer-Mädchen verschwunden. Weg. Das Kind ist 156 Zentimeter groß, leicht wie ein Sommersalat und zur Erinnerung: hatte kein Handy mehr. Wie es unter Mädchen in so einem Fall üblich ist, haben wir das einzig Richtige getan: Wir sind in Panik ausgebrochen.

Hat sie jemand entführt und hinter einen Busch geschleppt? Ist sie vor Liebeskummer durchgedreht? Wir wussten es nicht. Es war in etwa drei Uhr morgens und wir verzweifelt. Irgendwann konnten wir uns dann doch beruhigen und die realistischste Option unsere imaginären Baldriantropfen sein lassen: Ihr wird es zu blöd gewesen sein, auf einer U-Bahn-Toilette mitten in der Nacht in Floridsdorf auf uns zu warten. Die Stimmung war im Arsch, mein Knie pulsierte vor sich hin, uns war kalt und die nächste U-Bahn kam in 15 Minuten.

Foto: Stefanie Katzinger

Die Station war leer und bei der Rückfahrt sind zwar zwielichte Gestalten eingestiegen, aber es schien so, als hätten einfach alle in dieser U-Bahn einen ähnlich beschissenen Abend gehabt. Außerdem hat sich herausgestellt, dass wir wohl eher diejenigen waren, die den anderen U-Bahn-Gästen unangenehm aufgefallen sind. Wir haben ausgesehen, als hätte uns jemand mit nassen Waschlappen verprügelt, ich ging wie der Glöckner von Notre Dame, habe gestunken wie drei Fässer Bier und in der U-Bahn haben wir vor lauter Selbstmitleid das neue One Direction-Album angehört—ohne Kopfhörer. Wäre ich nicht Teil unserer Gruppe gewesen, ich hätte uns verprügelt.

Foto: Stefanie Katzinger | Kaputtes Knie: Isabella Khom

Bei der Alser Straße haben sich unsere Wege dann getrennt—es war vier Uhr morgens—und Mädchen Nummer zwei und ich sind kurz in den Queens Club gegangen. Nach einem „Fünf Euro Eintritt.“ „Hey, sorry, wir wollen nur schnell ein Bier im Warmen trinken, geht das?“-Gespräch sind wir kurz rein, haben ein kleines Bier getrunken und nochmal in die U-Bahn. Mittlerweile war die U6 kein öffentliches Verkehrsmittel mehr, sondern wie ein nicht enden wollender Albtraum.

Schwarz wie die ganze Nacht selbst.

Am Weg zurück zur Währinger Straße und meiner Wohnung, die mir in dem Moment wie ein indischer Palast gegen die U-Bahn-Garnitur vorkam, sang ein besoffener alter Mann irgendein Lied in perfektem Englisch und forderte den gesamten Wagon auf perfektem Wienerisch dazu auf, mitzusingen. Er hat dann erzählt, dass er Verwandte in Amerika habe und deshalb so gut Englisch kann. Aha. Zu Hause hat mir dann die verschwundene Freundin mit dem gebrochenen Herzen doch noch ein Lebenszeichen zukommen lassen. Heute ist sie wieder mit ihrem Freund zusammen, das hat sich alles ausgezahlt.

Es ist irgendwie schwer möglich eine Nacht in der U-Bahn zu verbringen—zumindest, wenn man nicht in ihr eingeschlafen ist. Die unregelmäßigen Intervalle, die Kälte und das Nichtvorhandensein einer Toilette machen das Ganze zum Nachtsport. Von den anderen Dingen, die an so einem Abend passieren können, red ich lieber nicht, nur so viel: Heute liege ich krank im Bett und in meinen Fieberträumen erscheint mir ein Ding auf Schienen, das schreiend in meinen Rachen fährt. Alles gut.

Isabella geht in Zukunft zu Fuß. Folgt ihr auf Twitter: @isaykah

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