Ich war das erste Mal im Volksgarten fort

Und das reicht dann auch wieder für die nächsten Jahre.

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25 Januar 2016, 1:17pm

Alle Fotos von der Autorin.

Um ehrlich zu sein, habe ich diesen Erfahrungsbericht so lange wie möglich rausgezögert. Immerhin geht es hier um den „Voga”—DAS Tanzlokal in Wien. Angepriesen wird es von Touristenführern, WU-Studenten, mittelalten Medienmenschen und der Vertriebsabteilung von Belvedere. Trotz dem unermüdlichen Beifall den der Volksgarten Jahr für Jahr bekommt, bin ich dort nie fort. Nie. Er ist auch nicht irgendwie ironisch scheiße in meinem Kopf, wie es die Passage oder der Ride Club sind.

Er ist einfach eine Parallelwelt. Das erklärt auch den Umstand, dass absolut niemand, ich wiederhole niemand, aus meinem Umkreis mit mir da hin wollte. Also musste ich einen Karaoke-Abend mit viel Wodka organisieren, um meine Freunde gefügig und willenlos zu machen. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, was mich bei „Be Loved” erwartet.

Meine Erfahrungen mit dem „Voga” belaufen sich auf ein After-Work-Festl, das im Sommer stattfindet. „Das Techno Cafe” ist auch irgendwie eher neben dem Voga und nicht wirklich ein Teil davon. Wie wichtig die räumliche Unterscheidung zwischen „Säulenhalle”, „Pavillon” und „Volksgarten” ist, hat mir später ein Mädchen am Klo erklärt. Für mich war es stets dasselbe und gleich uninteressant für mein privates Nachtvergnügen.

„Gehängte Individualität" Pelz auf Stoff (2016)

Am Freitag haben wir zu circa dreißigst Wodka am laufenden Band gesoffen—sechs Menschen haben es mit mir in den Volksgarten geschafft. Im Taxi war es trotz drei Promille bedrückend still. Wir wussten nicht, welche Musik es spielt. Wir wussten nicht, ab wie vielen Jahren das Ganze ist. Wir wussten einfach gar nichts. Ich habe mich ein bisschen so gefühlt wie bei Herr der Ringe—ein Krieg epischen Ausmaßes, der Ausgang ist unbekannt. Jeder kann fallen. Zwei Freunde sind auch gefallen, da sie nach dem Taxi offensichtlich ohne sich zu verabschieden einfach in ein Beisl gegangen sind. Die Pisser haben es sich ein bisschen zu einfach gemacht. Meine übrigen tapferen Krieger waren einfach zu willenlos, um sich zu verziehen. Der Abend hat uns zusammengeschweißt. Und pleite gemacht.

Als wir Richtung Volksgarten gegangen sind und Wind und Kälte getrotzt haben, sind uns Frauen und Männer Richtung Heimweg begegnet. Manche von diesen Frauen hatten kein Unterteil an. Also schon—einen Minirock oder ein Sommerkleid mit High-Heels. Das fand ich wahnsinnig tapfer, da ich mit einer Thermo-Leggins von einem Discount-Laden, einem Rucksack und abgefuckten Turnschuhen unterwegs war. Kurz habe ich Angst bekommen, dass eine Marken-Tasche zum Eintritt gehört, aber dem ist nicht so.

Dass wir gar nicht in diese Welt gehören wurde dann spätestens beim Eintritt klar—es gab irgendwie zwei Schlangenreihen. Wir wussten nicht, welche jetzt für die Menschen ist, die weniger wert sind und mehr zahlen müssen, deshalb haben wir uns instinktiv zur größeren Schlange gestellt. Wir sind richtig gelegen und dann ging alles sehr schnell. 13 Euro Eintritt—13 Euro hat mein gesamtes Outfit an dem Abend gekostet. Ohne die Turnschuhe halt.

Die Garderobe war mein Highlight. Also, wer es nicht wusste: Pelz auf seiner Kapuze zu haben ist ungefähr das Coolste, was Mama und Papa zahlen können. Geht nix drüber. Vielleicht eine Flasche Belvedere. Aber sonst nichts. Ich hab da auch echt aussehenden Pelz gesehen. Ohne jetzt die Moralkeule schwingen zu wollen—aber gibt es wirklich Menschen, die sich besser fühlen auf ihrer Kapuze ein totes Tier zu haben? So auf die Art: „Ja, also die Qualität ist schon besser, natürlich, das ist mir bei meiner Fortgeh-Jacke, die nächstes Jahr uncool ist, auch wirklich ein Anliegen."

Auch sonst schien der Dresscode klar—Männer hatten ein Markenhemd an, Frauen waren nicht der Wetterlage entsprechend gekleidet. Aber um ein bisschen die Basic-Bitchness aus dem Ganzen zu nehmen—nicht jede hatte eine MK-Tasche. Guess-Taschen gab es auch. Männer konzentrierten ihr Styling auf Uhren und Hemden mit Jeans. Individualität beschränkte sich auf flippige Haarfarben der Mädels—aber mit der selben Frisur. Offensichtlich sind Locken in den Spitzen ein Must-Have. Überhaupt: Alle Mädchen vor Ort wären eines Tages herzeigbare Ehe- und Hausfrauen. Männer haben auf Individualität ganz geschissen. Was auch irgendwie lustig ist. Das Alter belief sich auf zwischen 20 und 30.

Wer kein Profilbild vor dieser Wand hat, ist nicht wirklich wohlstandsverwahrlost. Sagt eine alte wienerische Bauernregel.

So stand ich da, verloren in diesem flippig-erhellten lila Gang mit meiner Thermo-Leggings und meinem abgefuckten Stoffrucksack. Ein bisschen amüsiert, ein bisschen mit einem schlechten Gewissen. Aus meinem schlechten Gewissen heraus wollte ich meinen Freunden etwas Gutes tun. Also bin ich mit einer Freundin zu einer Bar gegangen—die nächste zur Garderobe. Dann habe ich eine Weinflasche bestellt. Oder es versucht.

Von dem Afterwork-Festl im Pavillon weiß ich, dass man im Volksgarten Weinflaschen bestellen kann. Wenn man nach der billigsten Art sich zu betrinken sucht, landet man eben schnell bei der Weinflasche. Meine Lieblingslokale lachen mich aus, wenn ich nach einer Wodka-Flasche verlange, deshalb ist das alles sehr bemerkenswert für mich. Wenn ich da eine Weinflasche haben wollen würde, dann würde ich wohl einen angerissenen Doppler um fünf Euro bekommen. Es schien auch sehr verwirrend für die Bardame zu sein, das Gespräch ging so:

„Eine Weinflasche bitte.”
„Welche?”
„Äh..achso! Eine weiße, bitte.”

Pause, böser Blick von ihr.

„Welche?!”
Pause, verständnisloser Blick von mir.

Dann hat mich eine Freundin Gott sei Dank gerettet und gesagt:
„Die billigste Flasche. Soll zu uns passen.”

Das fand ich ur lustig und sie auch, aber die Bardame nicht. Die Bardame fand es überhaupt nicht lustig. Zahlungsunfähigkeit ist nicht lustig. Meine Erinnerungen seit dem Sommer sind auch sehr betrübt, aber wenn ich die billigste Weinflasche bestelle, dann habe ich meine 1,99 Euro Weine im Kopf. Meine Devise lautet stets grad nicht die PET- und Tetra Pak-Weine zu kaufen, weil ich aus dem Alter raus bin. Dafür bin ich mir echt zu gut. Mache ich nicht mehr. Doppler ist Ende des Monats voll OK—Glasverpackung ist Glasverpackung. Die billigste Weinflasche im Volksgarten kostet dreißig Euro. Gemundet hat sie trotzdem wie mein drei Euro Wein—leicht säuerlich im Abgang.

Individuelle Party-Accessoires in verschiedenen Farben.

Mit unserem Wein bewaffnet gingen wir auf die bemerkenswert große Tanzfläche. Da hat es gerade Taylor Swift „Shake it off” gespielt. Als wir ein bisschen tanzen wollten, ist ein Typ zu uns gekommen und hat eine Freundin angebaggert, oder zumindest etwas sehr ähnliches gemacht. Er hat zu ihr „Du bist voll hübsch” gesagt und dann ihre Hand zu seinem fast vorhandenen Bizeps geführt. Zu seiner Verteidigung: Er ist Fußballer und spielt bei einem der zwei großen Vereine, wie sich herausgestellt hat. Er kann nicht wirklich etwas dafür. Meine Kumpels sind für den Rest des Abends verschwunden und haben wahrscheinlich versucht ähnliche Balzgespräche zu führen. Sie sind gescheitert, so ohne Hemd und Uhr.

Dann haben wir uns wieder im Getümmel auf die Musik konzertiert. Diese ganze Angrab-Aktion hat vielleicht fünf Minuten gedauert. Als wir wieder hingehört haben, hat es „Bad Blood” von Taylor Swift gespielt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr Album um die 13 Euro kostet, warum ich dem Volksgarten 13 Euro gegeben habe, um es mir vorzuspielen, ist mir eigentlich nicht klar.

Ansonsten waren die Menschen wirklich angesoffen und irgendwie auch süß. Wir haben Schmusereien beobachten können und so Flaschen-Helden jenseits des 20. Lebensjahres. Ich habe gesehen, wie zwei Männer ihre Uhren vergleichen. Es hat dann am großen Floor auch Justin Bieber gespielt, also war eh nicht nur eine Taylor Swift-CD in der Anlage.

Hinten gab es dann noch einen Floor, auf dem ältere Hits gespielt wurden. Nein, nicht die alten Taylor Swift-Sachen, sondern so R'n'B aus den 00er Jahren. Fand ich cool. Unten gab es noch eine Tanzfläche, aber mir wurde der Zutritt verweigert und nochmal Geld zahlen wollte ich nicht. Am Klo sind mir Mädchen begegnet—Mädchen, die sich schminken und die mir erklärt haben, was der Volksgarten eigentlich ist. „Das beste Lokal Wiens” lasse ich aber irgendwie nicht durchgehen. Am Weg vom WC habe ich mich ganze drei Mal verirrt, also die Location ist entweder wirklich riesig oder man sollte einfach keinen Wein auf Wodka trinken.

Dann ist uns das Behinderten-WC aufgefallen, wo gemischte Gruppen von fünf Leuten ein und aus gingen. Ich habe mit ein paar Jus und WU-Männern gesprochen, aber meine lustig gemeinten Beschwerden über den 30 Euro-Wein fand keiner davon angebracht. Zahlungsunfähigkeit ist eben nicht lustig. Einer hat mich daraufhin gefragt, was meine Eltern machen. Das hat mich fast beleidigt—aber dann ist mir eingefallen, dass es seine einzige Erklärung für meine Beschwerde sein kann. Lebensrealitäten können eben massiv abweichen—etwas, was ich in der Passage schon lernen musste.

Nach zwei Stunden haben wir die ganze Mission beendet. Uns war langweilig, wir waren komplett pleite und wir sind wirklich keine Fans von Taylor Swift. Für mich wird es eine teure Parallelwelt bleiben. Die Türsteher waren nett und es war wirklich sau viel los. Man darf nicht vergessen, dass der „Voga” mehrere Veranstaltungen hostet—mit ein bisschen Facebook-Recherche ließe sich ein Taylor Swift-Abend vermeiden. Und wenn man keinen Techno mag, dann ist Taylor Swift wahrscheinlich auch in Ordnung. Ich weiß es nicht, ich bleibe Doppler-Fan.

Fredi ist auch auf Twitter: @schla_wienerin

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