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Reviews

"Man verändert sehr wenig, aber dadurch sehr viel"—Doomina im Interview

Wir haben mit Doomina über Rausch auf der Bühne, ihr aktuelles Album und Strukturen geredet.

von Sebastian Rossböck
27 April 2016, 7:10am

Das schöne an Postrock ist, dass durch die Ambient-artige Repetition und indistinkte Sounds die Zeitwahrnehmung ausgeschalten wird und du dich komplett in diesem Meer von verzerrten Gitarren verlierst. Die Kehrseite sind allerdings Bands, die einfach aufs Delay-Pedal treten und dich unbarmherzig zehn Minuten lang mit dem selben Riff nerven.

Die hohe Kunst von Doomina ist, dass ihre Songs extrem kurzweilig sind. Zum Beispiel "Behold ... The Fjørd!", ist ein elf-Minuten-Monster, das aber gefühlt kaum länger als ein durchschnittlicher Grindcore-Song dauert. Die Songs auf Doomina schweben zwischen leisen, fragilen Parts und dem Sound von einem gewaltigen Gitarrenorchester im vollen Crescendo. Die Dynamik bewegt sich wie die Gezeiten, bis der Song in Delay- und Reverb-Wände explodiert. Alles, was ich an den Spielarten der atmosphärischen Rockmusik liebe.

Wir haben uns mit ihnen getroffen und über ihr akutelles Album geredet.


Vom 2013 erschienenen Album Beauty

Noisey: Auf Doomina seid ihr in neuer Besetzung.
Christian: Ja, wir haben uns kurz nach dem Release von Beauty von unserem Keyboarder getrennt und durch eine dritte Gitarre ersetzt. Beim Recorden von Doomina sind wir dann wieder zum Quartett geschrumpft.

War es ein bewusster Schritt, das Album rockiger, erdiger anzugehen?
Erich: Wir wollten eigentlich recht schnell wieder eine dritte Gitarre finden, aber die Rückmeldung von Freunden war, dass unser Sound zu viert dynamischer und nicht so vollgepackt ist. Da haben wir entschlossen, dass wir keinen Fünften brauchen.

Wie war denn das Aufnehmen?
Daniel: Kalt. So kalt. Wir haben mit Ronald Dangl in den Stress Studios von Tom Zwanzger aufgenommen. Das war im Februar, und Tom war zu der Zeit als Gitarrentechniker mit der EAV auf Tour. Davor hat er die Heizung im Studio abgedreht und wir haben deswegen vier von den fünf Tagen gefroren.
Lukas: Das ist so ein altes Gemäuer, das ewig braucht, bis es warm ist.
Christian: Ich stell mir vor, dass es super langweilig ist, in einem normal temperierten Raum aufzunehmen. Bei den Aufnahmen von Beauty war es ja auch superkalt. Das war im Juni, aber dort im Keller hat es einfach konstant zwölf Grad, Sommer wie Winter. Vielleicht hört man die Kälte ja raus. Bei der ersten Platte hat es dafür im Studio kontant 40 Grad gehabt.
Daniel: Da haben wir im August beim Andreas Fennes aufgenommen, im Dachgeschoß. Wir haben bei einer Freundin um die Ecke gewohnt, natürlich auch im Dachgeschoß.


Artwork von Cathrine Halsør | via bandcamp

Mit Songtiteln wie "Kepler 10b", "Pangaea" und dem Albumcover, stellt sicg die Frage: Ist Doomina ein Konzeptalbum?
Daniel: Es kommt sicher gut, wenn wir eine Geschichte auftischen könnten, aber nein.
Christian: Es ist schwierig, wenn du keine Texte hast.
Lukas: Wir machen uns aber natürlich Gedanken wie es klingt. "Pangaea" klingt beispielsweise nach Kontinentalverschiebung.
Christian: Es sollten schon passende Titel sein, sonst könntest du Zahlen oder wahllose Buchstabenfolgen nehmen.
Erich: Die meisten Liedtitel entstehen nach dem ersten Mal spielen, wenn beim Christian die Assoziationen anfangen und er sagt: “Das klingt wie..." wird dann meistens der Titel von dem Song.

Ihr habt alles live aufgenommen?
Daniel: Ja, mit ein paar Overdubs. Will Benoit, der das Album gemischt und gemastert hat, wollte, dass ich ihm die BPM-Zahlen der Songs schicke. Er hat mir dann die ersten zwei Mails nicht geglaubt, dass wir das alles live eingespielt haben.

Wie gefällt euch das Album?
Daniel: Ich bin zufrieden. Das Problem ist, dass zu dem Zeitpunkt wenn das Album rauskommt, du es schon nicht mehr hören kannst.
Lukas: Etwas Neues ist immer aufregend. Aber du hast die Nummern schon hunderte Male geprobt und dann noch zehn Mal eingespielt, bis ein Take dabei ist, der passt; danach mixen und mastern. Live ist es dann wieder anders, da macht es immer Spaß, egal wie alt die Nummer ist.
Christian: Live geht's immer ab.

Variiert ihr eure Songs, wenn ihr sie live spielt?
Daniel: Das ist alles strukturiert.
Christian: Von vorne bis hinten detailgenau geplant.
Daniel: Ich mach auch die Fehler immer an der gleichen Stelle.
Lukas: Das wirkt authentisch, sonst wären wir Roboter.

Ihr spielt ja viel mit der Dynamik in euren Songs, ganz anders als das klassische clean/verzerrt-Schema
Christian: Es geht ja darum, nicht nur die zwei Stufen zu haben.
Lukas: Und nicht so zu komprimieren, dass alles die gleiche Lautstärke hat, sondern eben dynamisch zu bleiben.
Daniel: Man muss mit den faden Parts variieren.
Christian: Auf dem Album sind auch die Nummern ein bisschen kürzer geworden.

[Amn. Der kürzeste Song dauert 5:11, der längste 11:17, die Songs auf Beauty sind durchschnittlich trotzdem länger]

Daniel: Wir werden auch älter und merken uns weniger.

Also ihr schreibt nicht absichtlich so lange Songs, das ergibt sich?
Christian: Es wird so lang, wie es wird. Das entscheiden eigentlich nicht wir. "Pangaea" ist eher ein kürzerer Song, aber was willst du da noch länger spielen? Das ist wahnsinnig anstrengend, nach dem Song bin ich fertig. Du glaubst auch manchmal, dass ein Song eher kurz ist, aber wenn du dann mitstoppst sind elf Minuten vergangen.
Erich: Wenn jemand mit einer Idee kommt, ist der Song eigentlich nach ein, zwei mal Proben fertig. Dann brauchen wir noch fünf bis zehn Proben um an den Übergängen und den kleinen, feinen Details herum zu tüfteln.
Lukas: So wie du auf FM4 bei House of Pain gesagt hast: "Man verändert sehr wenig, aber dadurch sehr viel".
Christian: Das hab ich gesagt?
Lukas: Ja, das hast du gesagt. Ich hab das sehr gescheit gefunden.

Ist Postrock ein eng abgestrecktes Genre, oder kann man da innovativ sein?
Erich: Haben wir jemals gesagt, dass wir Postrock machen?
Lukas: Wir haben da nicht so das Schubladen-Denken. Es hat auf einmal so geklungen. Du musst es aber irgendwie beschreiben, um es unter die Leute zu bringen.
Erich: Nach dem Personalwechsel 2012 sind zwei Leute von der alten Besetzung gegangen und zwei neue gekommen, und er (Lukas) hat neue Ideen reingebracht.
Christian: Neue Leute, neuer Sound.
Daniel: Die Verträge mit den anderen sind ausgelaufen.

Ist es besser nüchtern oder rauschig zu spielen?
Christian: Mittlerweile nüchtern. Auch weil es die Musik verlangt.
Daniel: Ich kann mich an Konzerte erinnern, wo Bandmitglieder auf der Snare eingeschlafen sind.
Lukas: Oder Parts vergessen worden sind.
Christian: Wir müssen ja ein Vorbild an die Jugend sein! Nur nüchtern spielen!

Ihr seid ja seit jetzt auf Noise Appeal Records
Daniel: Wir haben mit Dominik (Chef von Noise Appeal) schon Kontakt gehabt, als wir Beauty rausgebracht haben. Damals hat das zeitlich leider nicht geklappt, weil er das Label allein macht und daneben noch hunderttausende Stunden in der Woche arbeitet. Beim aktuellen Album hat es dann gepasst. Jetzt sind auf dem coolsten österreichischen Label, mit den coolsten österreichischen Bands.

[Anm. Die Labelkollegen Hella Comet sitzen neben uns]

Daniel: Ich hab auch einen persönlichen Beziehung zum Label. Ich war 16 und gerade in Wien bei Verwandten zu Besuch. Mein damals 50-jähriger Onkel hat mir eine CD in die Hand gedrückt und hat gemeint: "Ein Arbeitskollege von mir, der Harald, der macht so Musik. Das ist nur Geschrei, vielleicht gefällt dir das". Das war die Scenario EP von Fresnel, das erste Release auf Noise Appeal Records. Mir hat das damals ziemlich die Schuhe ausgezogen und die Platte läuft heute noch bei mir.
Christian: Obwohl es eine CD ist.

Und rein wirtschaftlich: War das ein Push für euch?
Christian: Ich glaube, es macht uns weniger arm als vorher, aber es geht ja nicht darum Kohle zu machen. Es geht darum, dass du dir das Album anhören kannst.

Doomina bei Noise Appeal Records, auf Bandcamp und auf Facebook

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