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You Need to Hear This

Miley Cyrus tut mir leid

Die halbe Welt hackt auf Miley Cyrus rum. Zu Recht, ja. Aber das muss diesem Mädchen doch weh tun? Oder ist sie schon so abgestumpft?

von Ayke Süthoff
12 September 2013, 10:00am

Miley Cyrus sitzt regelmäßig abends in ihrem einsamen Hotelzimmer irgendwo auf der Welt und weint hemmungslos. Und das kann ich verdammt gut verstehen. Wäre ich Miley Cyrus, ich würde mich ebenfalls jeden Abend in den Schlaf heulen.

Wir kennen das doch alle: Manchmal rutscht man in seinem Leben in furchtbar unangenehme Situationen hinein, für die man gar nicht so viel kann, aus denen man aber auch nicht so einfach wieder rauskommt. Bei Miley scheint das gerade so zu sein. Irgendwie ist sie—wahrscheinlich durch den Einfluss von Dritten—auf den Trichter gekommen, ihr Disney-Image mit dem massiven Einsatz von ihrer Zunge, Möchtegern-Twerking und nackter Haut den Garaus zu machen. (Ihre Musik spielt dabei eine untergeordnete Rolle, was ja schon ein Armutszeugnis für sich ist. Würde sie oder ihr Management auf ihre künstlerische Qualität oder ihr kreatives Talent vertrauen, bräuchte sie die Zunge ja gar nicht.)

Angefangen hat alles mit dem Video zu „We Can‘t Stop“, das nicht nur wir ziemlich fürchterlich fanden, sondern mit uns die halbe Welt. Das ist natürlich auch ein Erfolg—wenn die halbe Welt drüber redet, wie scheiße dieses Video ist, will es auch die halbe Welt sehen: „We Can‘t Stop“ hat auf Mileys Vevo-Channel bei Youtube bis heute fast 190 Millionen Aufrufe und die beeindruckend ausgeglichene Bilanz von knapp 900.000 positiven zu 840.000 negativen Bewertungen. Auch das muss man erstmal schaffen.

Danach kam der jetzt schon legendäre Auftritt bei den VMAs—legendär im Sinne von „Die größte Fremdschäm-Attacke aller Zeiten“. Allein die Zunge. DIE ZUNGE! Egal, eigentlich wollte ich dieses TV-Erlebnis vergessen. Und dann kommt Miley mit dem nächsten Musikvideo zum Song „Wrecking Ball“ und es ist—auch wenn man noch so sehr versucht einen neutralen Blick darauf zu werfen—definitiv die nächste Steigerung der Miley-WTF!?-Phase.

Es beginnt mit der weinenden Miley (ich komme gleich nochmal darauf zurück) und die ersten 30 Sekunden dachte ich ernsthaft, dass Miley vielleicht die Kurve gekratzt hätte, sowohl musikalisch (weil bis dato gar nicht so schlimm wie erwartet) als auch filmisch (weil irgendwie so eine Art Hommage an Sinéad O‘Connor):

Aber natürlich hat sich Miley Cyrus nicht zum Besseren geändert, aber sowas von überhaupt nicht. Der Rest des Videos ist quasi der noch hässlichere kleine Bruder vom hässlichen großen Bruder „We Can‘t Stop“ und damit wirklich alle merken, wie komplett am Ende dieses Mädchen inzwischen ist, reitet sie im Verlauf der nächsten drei Minuten nackt auf einer Abrisskugel:

...und lutscht mit ihrer überdimensionalen Zunge an einem Vorschlaghammer:

Das hier ist echt. Ich meine, was für ein Regisseur schreibt sowas wie „Sek. 75: Miley reitet nackt auf einer Abrissbirne“ in das Storyboard? Ich weiß, Terry Richardson. Aber warum? Und was für ein Management segnet das ab? Das Schlimmste: Was für ein Künstler macht das mit?

Und da sind wir wieder beim Ausgangspunkt dieser Überlegung: Die arme Miley Cyrus hat die Kontrolle über ihr Leben verloren. (Oder nie gehabt, was noch bedrückender wäre.) Dieses Mädchen ist 20 Jahre alt. Und irgendjemand bringt sie dazu, sich nackt auf eine Abrissbirne zu setzen und an Vorschlaghämmern rumzulutschen. Das ist so absurd, ich könnte mich totlachen. Aber es ist halt auch sehr traurig.

Traurig und schmerzhaft. Denn verdammt viele Menschen da draußen merken eben doch, wie peinlich das alles ist. Und wenn Miley nicht vollkommen gehirnamputiert ist, spürt sie, dass Millionen Menschen über sie lachen. Und wenn sie nicht völlig herzamputiert ist, wird sie sich schlecht dabei fühlen.

Seit ein paar Wochen hackt die halbe Welt—vor allem Musikkritiker und Menschen über 16 Jahren—auf Miley Cyrus rum. Ein 20-jähriges Mädchen kann doch gar nicht so abgestumpft sein, dass ihr das egal ist. Und wenn sie doch schon so abgestumpft ist, ist das nur noch schlimmer, denn dann ist dieses Mädchen überhaupt kein Mensch mehr, sondern eine gefühlslose Lutsch-Maschine. Wenn Miley das nicht spürt, ist sie innerlich tot.

Das jedoch glaube ich nicht. Ich glaube, Miley sitzt abends in ihrem einsamen Hotelzimmer und weint. Und obwohl ich sie nicht kenne und ihre Musik verabscheue, wünsche ich ihr, dass sie ab und zu von jemandem in den Arm genommen und getröstet wird,. Und er sagt: „Alles wird gut Miley“, auch wenn es gelogen ist.


Wenn Ayke abends in einsamen Hotelzimmer weint, holt er sich Trost über Twitter. Also, tröstet ihn: @tamidemusic

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