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Memes übernehmen für Popstars die Öffentlichkeitsarbeit

Egal, ob du den Crazy Frog lustig fandest oder er dich in den Wahnsinn trieb, du wusstest auf jeden Fall, dass es ihn gibt—und das ist das Einzige, was heutzutage zählt.
Ryan Bassil
London, United Kingdom
20.10.15

Wenn du 2005 irgendwann mal einen Fernseher eingeschaltet hast, dann wird sich auch in deinem Unterbewusstsein der Crazy Frog für immer eingebrannt haben. Werbung für polyphone Klingeltöne dominierten damals die Werbeunterbrechungen und als Maskottchen des Penetrantesten aller Klingeltonanbieter, Jamba!, war die Amphibie schon bald allgegenwertig. Selbst meine Oma wusste, was „dieser verdammte Frosch“ war.

Alle 15 Minuten tauchte der Crazy Frog im Fernsehen auf und bewarb einen Klingelton, der sich anhörte wie ein hyperaktives Kind, das ein Formel-1-Auto nachahmt—er war unausstehlich. Ein Blogger formulierte es so: „Der Welt würde es besser gehen, wenn [der Crazy Frog] nicht pausenlos über die Fernsehbildschirme flackern würde.“ Trotzdem konnte man seinem Einfluss einfach nicht entkommen. Jamba! veröffentlichte später die unglaublich erfolgreiche Debütsingle des Reptils—einen Remix der Beverly Hills Cop-Melodie. Im Mai 2005 platzierte sich „Axel F“ mit vier verkauften Amphibiensingles für jede Coldplay-Single noch vor der ungemein populären Band in den britischen Charts. In insgesamt acht Ländern schaffte es der Song auf den ersten Platz der Single-Charts und war in Großbritannien eine der meistverkauften Singles des Jahres—noch vor Madonna, den Arctic Monkeys und diesem einen Tupac-Song mit Elton John.

Es war egal, ob du den Crazy Frog lustig fandest oder er dich in den Wahnsinn trieb, du wusstest auf jeden Fall, dass es ihn gibt—und das war das Einzige, was wirklich wichtig war. Indem sie den Crazy Frog als Meme einsetzten, schafften Jamba! das, was alle Künstler wollen: eine Reaktion. Und in gewisser Weise gab der Crazy Frog als erfolgreiches Meme einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie wir Musik heutzutage konsumieren. Von Drake und Fetty Wap, bis hin zu Justin Bieber und Taylor Swift, verfügen nämlich so gut wie alle der beliebtesten und bekanntesten Künstler 2015 über Meme-Eigenschaften, die ihre Arbeit noch einmal auf einer anderen Ebene unterstreichen und nach vorne bringen.

Auch wenn Internet-Memes ein relativ junges Konzept sind, reicht der Begriff bis in das Jahr 1976 zurück, wo er von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins in die Welt gesetzt wurde, um die Verbreitung von Weltanschauungen und kulturellen Phänomenen zu erklären. In seinem Buch Das egoistische Gen bezeichnet Dawkins Memes als „Ideen, Slogans, Mode“, die sich von Person zu Person ausbreiten—wie „der Glaube an ein Leben nach dem Tod“ oder der Ausdruck „jemandem etwas von den Lippen ablesen.“ Über die Jahre und mit dem Internet hat sich das Konzept des Mem, wie es im akademischen Kontext heißt, von urbanen Legenden und Sprüchen wie „WHAAZAAAP“ hin zu sogenannten Image Macros wie Scumbag Steve oder Bad Luck Brian, Internetvideos und Songs entwickelt.

Das erste Beispiel für einen musikalischen Meme dürfte das allseits bekannte „Rick Roll“ von 2007 sein. Durch das Anklicken eines vermeintlich relevanten Links werden Foren-User dabei stattdessen zu einem kurzen Ausschnitt von Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“-Video geleitet. In seinem Buch sagt Dawkins: „Wenn du ein fruchtbares Mem in meine Gedanken pflanzt, dann setzt du mir wortwörtlich einen Parasiten ins Gehirn und verwandelst es in Vehikel für die weitere Verbreitung dieses Mems—genau so, wie ein Virus die genetischen Mechanismen seiner Wirtszelle befällt.“ Das bedeutet also, dass sich das „Rick Roll“-Meme so sehr in unsere Gedanken einbrannte, dass es sich wie ein Strohfeuer in unserer Gesellschaft ausbreiten konnte. Anhand dieses Musters lässt sich auch erklären, wie dieser Song von ein paar, nicht besonders viel beachteten Forenposts zu dem heutzutage allseitsbekannten Meme heranwachsen konnte. YouTube verwendete das Video 2008 für einen Aprilscherz und Apple benutzte es erst dieses Jahr während seiner World Wide Developers Conference zu Demonstrationszwecken. Auch Jahre nach dem Erscheinen des Memes gehört „to rick roll“ noch immer zum festen Bestandteil des Internetvokabulars—genau, wie auch Ausdrücke und Formulierungen wie „das Überleben des Stärkeren“ und „Hals- und Beinbruch“ seit Generationen weitergegeben werden.

Seit „Rick Roll“ weltweite Bekanntheit erfahren hat, haben auch andere Songs mit dem Meme-Konzept gespielt. Einige Tracks—wie z.B. Rebecca Blacks „Friday“ und Tay Zondays „Chocolate Rain“—blieben eher in der Kuriositätenecke, wohingegen andere—wie z. B. Bauuers „Harlem Shake“ oder Yivis’ „What Does The Fox Say“—zu wahren Chartstürmern wurden. Jeder einzelne dieser Tracks hat auf YouTube mehrere hundert Millionen Views akkumuliert und—genau wie der Crazy Frog—ist jeder einzelne davon, natürlich ganz objektiv betrachtet, grauenvoll—oder fordert zumindest vehement irgendeine Art von Reaktion ein. Was hat also das Konzept eines Meme und seine Fähigkeit, den Erfolg eines Künstlers zu vergrößern, mit den beliebtesten, fortschrittlichsten und Grammys einsackenden Musikern von Heute zu tun? Werfen wir doch mal einen Blick auf den besten kanadischen Exportschlager nach Ahornsirup und den Mighty Ducks-Filmen: Singsang-Rapper Drizzy Drake—ein Künstler, der das Spiel mit den Memes beherrscht wie kein Zweiter.

Drake is the type of dude to only watch "Based on a true story" movies because he's tired of being lied to.

— ʜρ ♛ (@hpisreal) October 12, 2015

Drakes drittes Mixtape, So Far Gone, auf dem auch die überaus erfolgreiche Single „Best I Ever Had“ zu finden war, zementierte seinen Status als nächster großer Name im HipHop-Geschäft. Sein Talent dafür, Memes zu konstruieren, spielt bei seiner Entwicklung vom Fanliebling zum Star mit Weltruhm eine nicht ganz unwichtige Rolle. Neben seiner Musik hat Drake nämlich noch eine ganze Menge Redewendungen in Umlauf gebracht, die sich immer noch großer Beliebtheit erfreuen: #YOLO, #NoNewFriends, 0-100 und #StartedFromTheBottom haben sich alle nach dem Mechanismus von Dawkins Mem-Theorie in unsere Gesellschaft und unsere Kommunikation einzementiert und werden bis Heute in der Form von Hashtags auf Twitter und Instagram weiter verbreitet. Damit ist Drake nicht nur ein Musiker, sondern auch ein Akteur der semantischen Evolution.

Der Kanadier ist aber nicht der einzige Künstler dessen Sprüche sich vor allem in den sozialen Netzwerken äußerster Beliebtheit erfreuen: Begriffe wie Rich Homie Quans’ „some type of way“, iLoveMakonnens „going up on a Tuesday“ und selbst „came in like a wrecking ball“ von Miley Cyrus sind nur ein paar der Begriffe, die nun im Wortschatz von Internetnutzern und Medien einen festen Platz gefunden haben.

.@ddlovato's cover of "Take Me To Church" will make you feel some type of way: http://t.co/ni0CTqFZj9 pic.twitter.com/WvAXundF61

— NYLON (@NylonMag) September 10, 2015

.@AgentsofSHIELD actors came in like a 'Wrecking Ball' for round 1 of #DubsmashWars: http://t.co/t173CTR1zx pic.twitter.com/DeazMUY2WF

— Entertainment Weekly (@EW) September 9, 2015

I have two tiers of fans on Facebook #The5000 Profile friends #StartedFromTheBottom And then scrubs who came in late for the Page

— Milo Yiannopoulos (@Nero) September 22, 2015

Going up, on a Tuesday :). #Captiva http://t.co/GBV4ocmvDP pic.twitter.com/xjp7eOya8m

— Chevrolet SA (@chevroletsa) September 22, 2015

Auch wenn der Erfolg von Songs wie „Type of Way“ oder „Going Up On A Tuesday“ viel mit der Memifkitation des Textes wie auch dessen Wiederholungswert zu tun hat, ist Drake einer der wenigen Künstler, der die Memifikation seiner Kunst auf eine neue Ebene gebracht hat. Wie Twitter-Promi Desus 2014 gegenüber Noisey zusammenfassend kommentierte: „Drake ist nicht einfach Meme-würdig geworden, er schöpfte viel mehr seinen Vorteil aus der Tatsache, dass er quasi schon eine wandelnde, virale Kampagne für die Verkörperung von Softness war.“

Letztes Jahr saß Drake dann bei einem Spiel der Toronto Raptors direkt am Feld und reinigte sich sein Hosenbein mit einem Fusselroller. Zu dem Zeitpunkt war das Internet sowieso schon voll mit Sprüchen in der Art von: „so sensibel, dass er einen Furz im Klo runterspült." Indem er dieses Klischee bediente, indem er wie besessen darauf achtete, dass seine Kleidung komplett fusselfrei ist, setzte Drake das Potential seines eigenen Meme bewusst ein. Im Gegenzug wurde er überall zum Gesprächsthema. Bald darauf—genau wie der Crazy Frog, wenn er denn über „smoking weed under star projectors“ gerappt hätte—war es so gut wie unmöglich, am sensiblen Drake vorbeizukommen. Er war einfach überall. Leute, die noch nie einen Ton von Drakes Musik gehört hatten, wussten jetzt, dass er existiert. Sie wussten aber nicht nur über seine Existenz bescheid, sondern hatten auch eine Meinung über ihn, was Drake in ganz neue Höhen katapultierte und ihn zu einem der bekanntesten und meistdiskutiertesten Künstler unserer Zeit machte.

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Musikalische Memes beschränkten sich mal auf kuriose Erscheinungen wie Rebecca Blacks „Friday“. Heutzutage setzen aber mehr ernstzunehmende Musiker denn je ihr Potential als memisierbare Produkte ein, um ihre Musik bekannter zu machen. Drake ist nicht der einzige, der sein Image zu seinem eigenen Vorteil ausnutzt: In den Musikvideos von Rihanna, Taylor Swift und Kanye West lässt sich beobachten, dass dort der Fokus auch auf die Möglichkeit der Generierung von teilbaren GIFs gelegt wurde. Es soll dabei helfen, die Verbreitung einer neuen Veröffentlichung von Person zu Person über die sozialen Medien zu fördern, bis kaum noch jemand daran vorbeikommt. Selbst die Fotoshootings für Titelseiten—welche in einer Zeit, in der Print ausstirbt, paradoxerweise global viel mehr Beachtung finden denn je—scheinen darauf abzuzielen, von möglichst vielen geteilt zu werden. Kim Kardashians Printcover kam sogar direkt mit der Ansage #breaktheinternet. Manche Künstler—wie Rihanna in der Februar-Ausgabe des i-D-Magazins—weigern sich sogar, ein Interview für ein Cover zu machen. Dazu sagte William Rice von Purple PR (die sich unter anderem um Prince, Frank Ocean und Zayn Malik kümmern) letztes Jahr gegenüber der GQ: „Wenn du [ein Künstler] bist, denkst du dir doch, ‚warum muss ich drei Wochen einen Journalisten an der Backe haben, wenn ich einfach zwei Bilder tweeten kann und das gleiche Ergebnis bekomme?’“

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Vor Twitter waren die oben aufgeführten Künstler—Kanye, Rihanna, Taylor usw.—alle auf ihre Art schon groß. Wie bei Drake fühlt sich ihre dominante Macht in der Poplandschaft jedoch so an, als hätte sie genau so viel mit ihrer Vorstellung als Meme—ein durchgeknalltes Genie, ein böses Mädchen, eine BFF—wie mit ihrer Musik zu tun. Und es sind nicht bloß die megalithischen Künstler, die diesen Status erreichen können. Das Meme-Konzept hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, ein paar der größten Stars und Tracks des letzten Jahres unter die Leute zu bringen. Es half dabei, Künstlern wie Riff Raff, Spooky Black, Yung Lean und Bobby Shmurda Millionen von YouTube-Views einzubringen. Es ist also nur logisch, dass sich das Konzept des musikalischen Memes in den letzten fünf Jahren von Freakunfällen wie „Friday“ auch in andere Bereiche durchgesickert ist, in denen es neue, experimentierfreudige und schon sehr erfolgreiche Künstler zu einem integralen Bestandteil ihrer Musik gemacht haben. Natürlich erschien auch die neue Kollaboration von Drake und Future vor Kurzem unter dem ungemein internetfreundlichen Titel: What A Time To Be Alive.

Simpsons quotes… What a time to be alive. pic.twitter.com/Rz9lJDIW27

— Simpsons Meta Quotes (@metasimpsons) 7. Oktober 2015

Nach den MTV Video Music Awards kursierte in den sozialen Netzwerken ein Clip mit einem vor seinem Sitz tanzenden Kanye West. Mittlerweile existieren verschiedene Versionen davon: Kanye, der zu Justin Biebers „What Do You Mean“ tanzt; Kanye West, der zu „Why You Lying“ tanzt und das (mittlerweile gelöschte) Original, in dem Kanye zu dem Song tanzt, der tatsächlich über die Lautsprecher kam: The Weeknds „Can’t Feel My Face“. Alle drei Songs verfügen über gewisse Meme-Eigenschaften: „What Do You Mean“ ist ein penetranter Ohrwurm; das „Why You Lying“-Vine oder ist ein moderneres „Rick Roll“, das gerne als Antwort auf dumme Äußerungen geteilt wird und die Phrase „Can’t Feel My Face“ ist eine Drogenreferenz (siehe Money Boy). In Betrachtung dieser drei Songs im Kontext einer weiteren Meme-Figur, nämlich Kanye West, bekommt jeder dieser Tracks einen prominenteren Platz im Meme-Pool, was gleichzeitig auch seine Halbwertszeit verlängert. Dieser Multiplikationsprozess ist auch einer der Gründe dafür, dass Künstler wie Drake und Kanye West so erfolgreich sind. Um hier Kanye Wests Textzeile von „Gotta Have It“ zu paraphrasieren: ihre Existenz ist aufgebaut auf „Memes on Memes on Memes.“

Phänomene wie der Crazy Frog und Rebecca Black haben bewiesen, dass es, auch wenn man komplett talentfrei und nervtötend ist, möglich ist, sich durch Richard Dawkins Konzept des Memes im öffentlichen Bewusstsein einzubrennen, sich von Person zu Person weiterzuverbreiten, bis keiner mehr an dem Meme vorbeikommt. Seit diesen Anfängen haben Künstler das Konzept dahingehend weiterentwickelt, dass sie ihr Image bewusst einsetzen oder bestimmte Phrasen in die Welt setzen, um ihr Meme-Kapital und damit ihre Teilbarkeit zu erhöhen. Manchmal geschieht das wie bei Fetty Waps „hey what’s up“ auch ganz unbeabsichtigt, aber bei großen Fischen wie Drake—dessen Beef mit Meek Mill vor Kurzem erst darin gipfelte, dass Drake die an sich schon unglaublich memetischen Tracks „Charged Up“ und „Back to Back“ vor einem akkumulierten Meme-Kontext performte—fühlt es sich an, als ob das Gegenteil der Fall wäre. Diese Künstler, klein und groß, brauchen keine Presseberater mehr, sie wissen ganz genau, wie sie sich zu einem teilbaren Produkt machen—als hätten sie alle einen Doktor in Soziologie.

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