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Umsturzprosa

Tutorial: Wie schreibe ich die beschissenste Plattenreview der Welt?

Wenn du eine Review schreibst, machst du bestimmt vieles richtig. Richtig scheiße.
26.3.15

Foto: Flickr | Drew Coffman | CC BY 2.0

Einst war sie die Königin. Die Plattenreview! Vor dem Web 2.0 stellte sie quasi die einzige Instanz dar, die von neuen Veröffentlichungen kündete und die diese für uns auch zu verorten wusste. Mittlerweile ist sie allerdings völlig heruntergekommen. Anstelle von Anmut und Präzision traten digitale Inflation und Gefälligkeitsjournalismus. Also gut, dann möge es nun so sein: Wer stolpert, soll auch fallen dürfen. Liebe hochrangige Musikjournalisten, Blogger, Freizeitautoren, liebe Popakademisten—hier kommt das ultimative Tutorial für die schlechteste Plattenkritik.

Der erste Song

Man sollte bei der schlechtesten Review der Welt sofort Folgendes bemerken: Der Autor spielt parallel zum Schreiben die Platte (möglichst das allererste Mal) an. Und paraphrasiert umgehend und ahnungslos das gerade Gehörte—selbst wenn es sich nur um das Prelude mit Vogelgezwitscher handelt. Denn der Text soll ja in Rekordzeit fertig werden. Hey, no offense! Im Netz werden minütlich neue Let’s-Play-Videos eingestellt—die warten auf niemanden. Da kann man sich beim besten Willen nicht mit einem kompletten Album aufhalten, bloß weil man darüber schreibt.

Beispiel: Da kann man schlecht ein Beispiel schreiben. Das müssen die Leser sich halt einfach vorstellen. Zur Sicherheit schreibe ich hier trotzdem was hin und mache es kursiv.

Das Rezept

Du isst gern, magst „humorig“ gefühliges Schreiben und hast überhaupt kein Sprachgefühl? Dann darf das legendäre Stilmittel aus Opas Phrasenküche nicht fehlen.

Beispiel: „Man nehme eine Prise Hüsker Dü, vermenge sie mit quirligen Beats à la Avicii, dazu kommen 100 Gramm Bloc Party und eine Messerspitze voll Chill-Out. Das Ganze aufschäumen mit einem Schuss Guns’n’Roses und Sade. Zum Schluss auf einem Esslöffel der Marke Nicki Minaj aufkochen und dann ab für eine Stunde in den Poprock-Ofen!“

Der Recherchefehler

Akribie ist was für die Apotheken-Umschau, deine Mathelehrerin oder geniale Superbösewichte wie Walter White, wenn er Meth abwiegt. Die schlechteste Review der Welt hat so eine Geek-Scheiße nicht nötig—warum einen Eigennamen googeln, wenn man doch fast sicher weiß, wie er wahrscheinlich geschrieben wird? Recherche ist was für Lumpen.

Beispiel: „Dass sich Reese Witherspoon von Chris Martin wegen seines übertriebenen Veganismus getrennt hat, tut zumindest den Songs auf dem neuen Coldplay-Album Guest Stories hörbar gut. Einzig ihre beiden gemeinsamen Töchter Apple und iPhone muss man sehr bedauern.“

Die Traumdeutung

Konkrete Vergleiche zu anderen Bands gelten dem Rezensions-Freigeist als trivial und um Genrebezeichnungen benutzen können, benötigt man einen Funken Ahnung. Was liegt da näher, als einfach die eigenen (wirren) Emotionen schreiben zu lassen? Die Textpassage sollte dabei unbedingt so klingen, als wenn einem jemand morgens seine Träume erzählt—und man sich fragt, wann es denn endlich aufhört?!

Beispiel: „Ihr neues Album klingt wie ein warmer Sommerabend, in dem die Beats auffliegen wie Schmetterlinge. Die Stimme löst sich auf in unzählige Schattierungen und es klickt und klackt, als ob Zauberwesen einen leisen Stepptanz aufführen. Hört! Am Ufer der Sinnlichkeit ruft ein Käuzchen.“

Die Floskel

Der TV-Fußballstammtisch Doppelpass (Sport1) erfand seinerzeit das Phrasenschwein. 5 Schilling rein für jede Plattitüde („Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten, der nächste Gegner ist immer der Schwerste“). Bei den Plattenrezensionstätigkeiten allerorts würde das Schwein in kürzester Zeit den Staatshaushalt Griechenlands sanieren können. (Oops! Hoffentlich ist zur Zeit des Artikels Griechenland noch in den Medien. So kann’s gehen.)

Beispiel: „Der Name ist Programm.“

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„Klingt wie die Musik zu einem Film, der nie gedreht wurde.“

„… hat sich neu erfunden.“

„… hat das Genre neu erfunden.“

„Man darf gespannt sein.“

Das schiefe Bild

„Das Rezept“ und „die Traumdeutung“ haben es schon vorweggenommen: Sprachbilder sind der Sportwagen des Autoren, hier kann er mal so richtig zeigen, was er drauf hat. „Mal mir ein Bild mit Worten, du Opfer!“ Der Metaphern-Gangbang sollte keine Rücksicht auf Konsistenz nehmen. Einfach draufschichten! Bedenke: Es gibt keine Fehler in der Kunst. Warum soll ein Zelt nicht über die Autobahn rasen können? In der Phantasie und im Wahnsinn geht alles.

Beispiel: „Der Song ‚Born This Way‘ ist wie ein Zirkuszelt und brettert auf dem Highway des Pop-Rocks ins Abendrot.“

Das falsche Fremdwort

Gerade wenn man total doof ist, sollte man das kaschieren. Schließlich ist man bloß total doof, aber trotzdem noch eitel genug, um nicht dafür gehalten werden zu wollen. Für solche Zwecke wurden Fremdworte erfunden.

Beispiel: „Das neue Album verbreitet gute Laune, der Positivismus hat Einzug gehalten bei Katy Perry.“

[Der Positivismus ist eine Richtung in der Philosophie, die fordert, Erkenntnis auf die Interpretation von „positiven“ Befunden, Mathematik oder Logik zu beschränken.]

Das lauwarme Urteil

Zeig, dass du wirklich Besseres zu tun hattest, als dich mit der Platte auseinanderzusetzen. Klar, du findest sie halbgar (immerhin hast du sie auch nur zur Hälfte gehört), aber du willst dir auch nicht mit einem Verriss die Finger schmutzig machen. Vielleicht ist sie ja doch ein Hit und falls ja, hättest du es sicher nicht mitgekriegt. Ziehe daher ein Fazit, das so egal ist, dass niemand es angreifen wollen wird. Nichts ist so hot wie Mittelmäßigkeit.

Beispiel: „Die Songs zünden nicht sofort, aber nach einigen Umläufen entfaltet sich durchaus ein gewisser Reiz. Kein Überalbum aber auch kein Totalausfall, Fans sollten es ruhig mal anchecken.“

Das Wetter

Gerade bei Besprechungen, die zeitlich versetzt erscheinen (zum Beispiel in Monatsmagazinen), also deren Moment des Schreibens eine signifikante Differenz zu dem der Veröffentlichung aufweist, gerade hier lohnt sich der Blick aus dem Fenster. Es schneit? Nutze dieses Bild. Dass es bei Hefterscheinung völlig datet wirken dürfte, kannst du noch unterstreichen, indem du die aktuelle Sau von Social Media einfängst (Edathy, Dschungelcamp, Fukushima). Und nichts ist doch so fresh wie ein spöttischer Kommentar zum Bundesliga-Spieltag von vor drei Wochen.

Was liest sich im Februar besser als: „Eine Platte wie gemacht für den Silvesterabend. Man denkt nach über das letzte Jahr und draußen knallen die Kinder und Jugendbanden.“

„Der weihnachtliche Konsumrausch macht uns Hipster nachdenklich—genau wie die frischen Tunes vom Knecht Ruprecht der Vorbestraften, genau von Haftbefehl. Rohe Weihnachten!“

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