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Rudis Brille

Rudis Brille: Wie Techno bist du?

Darf man das Wort "Techno" straffrei verwenden, auch wenn man nicht nur "Techno" spielt?
22.5.15

[Wiens Open Air-Szene blüht](http:/ auch "Demonstrationen" durchzubringen, die die Forderung nach mehr Freiräumen zum Inhalt hatten. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Meine Angst vor einigen Wochen, dass in Wien wieder jeglicher Versuch, die weltweit boomenden Outdoor-Veranstaltungen zu forcieren, im Keim erstickt wird, hat sich gottlob bisher noch nicht bewahrheitet.

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Egal ob im Prater oder unter diversen Brücken: Es wurde (noch) ein wenig Freiraum und dem Drang der Jugend nach Tagespartys nachgegeben. Freilich gibt es aber noch sehr viel Luft nach oben, denn im Unterschied zu den letzten Jahren sind die Veranstalter dermaßen vorsichtig geworden und lüften ihre Geheimnisse erst in letzter Sekunde.

So geistert schon seit Wochen der Witz durch die Communitys, dass DJ TBA der derzeit meistgebuchte Act der Stadt sei, gefolgt von TBC. Wie schon öfters erwähnt, dürften neue Facebook-Algorithmen mittlerweile dazu führen, dass manche Events dermaßen explodieren, dass es auch reicht, alle relevanten Informationen erst in im allerletzten Abdruck bekannt zu geben, um eventuellen Behördenschikanen auszuweichen.

Das beste Beispiel für unverständliche Drosselungen sind wohl der Tel Aviv Beach, wo selbst die Monitorbox so leise sein muss, dass jedes gesprochene Wort lauter ist als die Musik und das Motto am Fluss, wo eine Nachbarin die Musik so laut hört (hören will?) und man deshalb auch nur sehr begrenzt im Spaßbereich agieren kann. Aber das sind eben fixe Locations, die sich bestens für mehr anböten, aber nicht dürfen und sich auch nicht trauen.

Das allerbeste Beispiel in jüngster Zeit war "Spontantechno bei 29 Grad" Ende April. Am Sonntag ging der Event online und sprengte alsbald den Rahmen. So entschieden sich die Veranstalter gegen ihren eigenen ursprünglichen Plan und zogen das Event am Vienna City Beach Club durch, der Cote d´Azur Transdanubiens. Manche mochten gezweifelt haben, ob das aufgeht. aufgrund des leicht solarumgebräunten Images des Donaustrandes. Es ging auf.

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Man konnte die Massen problemlos handlen, und es kamen Massen. Was mich allerdings besonders amüsierte, war die Diskussion über den musikalischen Inhalt: Darf man das Wort "Techno" straffrei verwenden, auch wenn man nicht nur "Techno" spielt. Was darf man denn überhaupt spielen? Fakt ist, dass sich in den letzten Jahren ein immenses Schubladendenken innerhalb der elektronischen Community durchgesetzt hat. War es in meinen Anfangszeiten als DJ und Veranstalter, beispielsweise in der legendären Meierei, noch usus, viele Musikstile in ein Set zu verpacken, so etwa Reggae, Hip Hop, Breaks, Funk, Soul, House und Drum'n'Bass gespickt mit technoideren Tracks, so würde man heute dafür wohl gesteinigt.

Im Jahr 2015 weicht man nur mehr selten von der Grundgeschwindigkeit ab, es gelten strenge Vorschriften und Hörgewohnheiten. "Techno" als Sammelbegriff für alle möglichen elektronischen Spielarten ist nicht mehr en vogue und gilt als Sinnbild für Anfängertum.

Foto: Sebastian Rossböck

Nach dem Hype um den Pophouse und die Edits im Jahre 2012 – ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Eroberung der hiesigen Clubs durch Robin Schulz, Faul, Zwette oder Klingande – kehrte nach der gnadenlosen Auslutschung dieses Genres durch Gitterbettproduzenten und der Vereinnahmumg sämtlicher Veranstaltungen, egal ob indoor oder draußen durch die mit diesem Musiksegment aufgezuckerten Möchtegernhipster, spätestens 2014 die große Läuterung ein. Fast vergleichbar – ich kanns nicht lassen – mit dem Österreich des Jahres 1945: Wir haben doch immer Techno und neeiiiin, wir haben niemals Theophilus London und "Sonnentanz" brrrrr. Jedenfalls sind wir jetzt alle wieder cool, reduziert, aufs Einfache beschränkt, hart und trocken, furztrocken und immer der lange Schatten des Berghains im Hinterkopf. Also bitteschön, wenn wo Techno draufsteht, dann hat genau DER Techno drinnen zu sein, den die Technopolizei erlaubt, ansonsten greifen wir zur Tastatur und regen uns auf.

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Veranstaltungen wie "Kein Sonntag ohne Techno", die eigentlich hauptsächlich der oben erwähnten Pop- und Edithouse-Bewegung enstprangen, wären somit namensmäßig knapp an der Themenverfehlung vorbeigeschrammt. Oder ist diese Diskussion vielleicht einfach nur lächerlich? Sollten wir nicht einfach nur froh sein, wenn sich was tut, egal wo und was? Ob es nun mit Techno, Deep Techno, Industrial Techno, Berghain Techno, Techhouse, Minimal, Ricardo-"20 Minuten"-Techno oder sonstigem Bumbum bespielt wird? Jeder, der Spaß an einer Party hat, für die man nichts zahlen muss, sollte den "Wiener Frühling" nutzen, ehe die MA36-Panzer möglichweise wieder auffahren und das Pflänzchen ausdörren. Klar, manche sehen in einem Open Air auch ein verträumtes Happening, an dem die Musik "schön" zu sein hat, manche sehen ihre Sets als Bildungsauftrag, manche als große Chance, die Beatportcharts runter zu spielen – alles Auffassungssache. Generell finde ich die Entwicklung gut, man fragt uns wieder: "Ja, was is denn bei eich los?" und jede Szene kann sich ihre eigene Nische, ihren eigenen Platz suchen, egal ob mit oder ohne "Techno" im Namen.

Freilich sehe ich das auch etwas überzeichnet, aber das sollte ja auch der Sinn dahinter sein. Natürlich gibt es ja auch die, die "immer ihren musikalischen Idealen" treu geblieben sind, sich nie angepasst haben und sich dafür wundern, warum es so viele "Abtrünnige" gibt, die nun zu dystopian Acts abgehen und vor Jahren noch Feuerzeuge bei Robin Schulz entzündeten. Wäre ich so einer, vielleicht würde ich mich nun auch echauffieren – ähnlich dem Einsiedler bei Monty Pythons Das Leben des Brian.

Ich finde es persönlich aber überaus lächerlich, wenn man, nur um gewissen Medien zu gefallen, musikalisch und programmatisch nach deren Geschmack bucht und programmiert. Für mich haben HipHop-Floors zur Aufhypung von 4/4 Events nur begrenzten Reiz. Diese Fusion funktioniert nur selten, zumal für mich HipHop ohnehin 1996 endet – da halte ich es mit Werner Geier selig. Das Neue arbeitet nur Altes auf. Nach dem Motto "einmal geht’s noch" – dies ist nun mit Techno im Jahre 2015 auch passiert. Es MUSS alt klingen, ranzig, räudig, kalt. Dann ist es "cool" – übrigens eines der Worte, die ich nicht mehr hören kann. Vielleicht, weil ich selbst nicht cool sein will.

Die Gefahr an dem Ganzen ist nur, dass die beeinflussbare Karawane der Musikrezipienten irgendwann wieder weiterziehen wird. Die Robin Schulzes und Klingandes haben den Popmarkt und die kommerziellen Radiostationen mittlerweile erobert. Dem "Underground" bleibt das, was er sich selbst noch krampfhaft erhalten will – bis auch das flügge wird. Wie war das damals mit Paul Kalkbrenner? Der war doch auch Techno.

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