Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Features

Trailerpark verteilen Kotze-Pisse-Cocktails, na und?

Trailerpark sind schon ziemlich widerlich, aber es geht krasser. Ehrlich wahr.

von Irmina Kaniewski
31 August 2012, 12:00pm

Vor Kurzem konnte man auf VICE lesen, dass die Berliner Hip-Hop-Kombo Trailerpark uns schockiert und betroffen hinterlässt, weil sie bei ihren Auftritten ihre Fans zum Beispiel Cocktails aus Pisse, Kotze und anderen Würgreiz-freundlichen Dingen trinken lässt. Mich hinterlassen Trailerpark auch schockiert und betroffen, aber nicht etwa, weil ihre Bühnenshow so ungemein widerwärtig ist (darüber bin ich relativ schnell hinweg gekommen), sondern, weil mich schnell der grauenhafte Gedanke überkam, dass ich nun alt und spießig sein könnte. Sozialisiert mit Skandalen und grenzwertigen Bühnenperfomances aus mehreren Jahrzehnten Rock-Geschichte, hielt ich mich für abgeklärt und freigeistig. Dinge, über die das gemeine Volk empört die Nase rümpfte, verstand ich natürlich als Avantgarde oder zumindest als einen kräftigen Tritt in den Arsch des Establishments. Also was zur Hölle ist bitte geschehen? Bin ich zu alt oder hat der kranke Scheiß, den die neuen, jungen Skandalbands von heute abziehen, eine neue Dimension erreicht? Zeit für eine Retrospektive.

Gitarren zerhauen

Im ersten Stadium der Rock'n'Roll-Sozialisation kommt man für gewöhnlich mit Zerstörungswut diverser Rockstars in Berührung. Der Klassiker unter den skandalträchtigen Bühnenshows. Objektiv gesehen—und vor allem in Anbetracht dessen, was noch folgt—mag das recht harmlos sein, wirkte aber auf ein frühpubertäres Mädchen aus der Provinz nicht minder beeindruckend. Erfunden haben das Gitarrenzerdeppern in den 60er Jahren The Who, seitdem wird es durchgehend von diversen Bands praktiziert. Es gilt als milde Form der Provokation, als der schnellste Weg, um jeder Band eine Aura von Gefahr und Verwegenheit zu verleihen, ohne dabei wirklich bedrohlich zu erscheinen. Gibt es auch in erweiterter Ausführung in Form der Zerstörung von Kameras. Ist noch ein bisschen cooler, weil man da nicht seine eigenen Instrumente zerstört, sondern den natürlich abzulehnenden Medien zeigt, dass man auf sie scheißt. So geschehen zum Beispiel bei WIZO. Die Deutschpunk-Legenden haben 1996 auf dem von MTV und dem WDR aufgezeichneten Bizarre-Festival den Kameramännern verboten, sich dem Publikum in die Sicht zu stellen. Daraufhin brach der WDR die Übertragung ab, was ein die Band-Mitglieder dazu veranlasste, aus Trotz in ein paar der Kameras zu treten. Der WDR fand das gar nicht witzig und rief die Bullen, von denen die Band dann auch tatsächlich nach dem Auftritt festgenommen wurde. Fand ich früher ziemlich cool, find ich heute ziemlich cool, aber schockieren tut das niemanden mehr ernsthaft.

Nackt sein und andere Skandale

Der einfachste Weg Anstoß zu erregen, ist und bleib sich nackig zu machen. Kein Wunder also, dass Rockbands sich seit jeher auf der Bühne ausziehen, bei manchen Gruppen entwickelte es sich gar zu Standard-Showeinlage. Berühmtes Beispiel unserer Genration: Die Skandalnudeln der Bloodhound Gang. Da es in ihren Liedern primär ums Vögeln geht, ergibt das ja auch irgendwie Sinn. Sänger Jimmy Pop und der charmante Bassist Evil Jared Hasselhoff zogen sich aber nicht nur gerne aus. Befreit von den Zwängen der Zivilisation kotzten sie auch ab und an auf die Bühne oder pinkelten sich an. Eines der Highlights war sicherlich Hasselhoffs Bühnennummer, bei der ein Bier exte, wieder ins Glas kotzte und noch einmal trank. Für eine Band, die ständig in den Charts auftauchte und als Dauergast die sogenannten Jugendsender heimsuchte, nicht schlecht.

Weitere Großmeister der Subversion durch Nacktheit, und noch ein bisschen härter als die Bloodhound Gang, sind wohl die Kassierer. Die Kassierer sind eine hundert Jahre alte Punk-Band-Legende und ich denke, es ist allgemein bekannt, dass man in dem Alter automatisch den Titel “alte Helden” verliehen bekommt. Ihre Hits tragen Titel wie „Mein Glied ist zu groß“, „Ich onaniere mit dem kopflosen Rumpf von Uwe Seeler“ oder „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Diese Gruppe ist wirklich nichts für Kinder oder alte Menschen. So sollte man auch, wenn man sich auf ihre Konzerte wagt, nicht nur für den Pogo-Einsatz körperlich gerüstet sein, sondern auch über einen starken Geist verfügen. Sänger Wölfi Wendland mag es offensichtlich, nackt auf der Bühne zu stehen, auch heute noch. Das mag nicht hübsch anzusehen sein, ist aber vom Skandal-Level her halb so wild. Wer diese lebenden Legenden live erleben möchte, muss aber damit rechnen, dass sich der nackte Wendeland auf der Bühne von seinem Schlagzeuger fisten lässt. So richtig. Manchmal wird auch Band-Merchandise an einen tapferen/geisteskranken Menschen verschenkt, der den beim Fisten verwendeten Handschuh in den Mund nimmt. Die Fan-Liebe derartige Auswüchse annehmen zu lassen, ist also offensichtlich keine Erfindung dieser ach so schrecklich verdorbenen, emotional gestörten, asozialen Jugendlichen. Trailerpark haben das Rad nicht neu erfunden und ihre Fans sind doch kein Beleg für eine gestiegenes Maß an vollkommener Idiotie und überhaupt dem Niedergang des Abendlandes und so. Ich bin beruhigt.

Sowieso ist das alles nur Kinderkacke, wenn man es mit den Bühnenperformances der amerikanischen Punk-Gottheit GG Allin vergleicht. Dieser Mensch machte auf der Bühne kompromisslos alles, was der gesunde Menschenverstand einem verbietet. Die personifizierte Selbstzerstörung sozusagen. Zum Standardrepertoire gehörte, dass er sich selbst verstümmelte. In der Regel benutzte er dafür kaputte Flaschen. Er schlitzte sich selbst auf oder wälzte sich in den Scherben. Aber Schmerzen waren ihm scheinbar nicht genug, er war berühmt dafür, auf der Bühne seine eigene Scheiße zu essen und zu masturbieren. Oder das Publikum mit seinen Ausscheidungen zu bewerfen und für noch so vieles anderes, was uns behüteten Wohlstandskindern Albträume bereitet. Trotzdem—oder gerade deswegen?—wurde und wird er von vielen Fans als der wahre König des Rock'n'Roll gefeiert.

Tiere töten

Ein heikles Thema. Für viele Musikfreunde hört der provokative Spaß auf, wenn die lieben Tierchen da mit hinein gezogen werden. Der Pate aller Bühnen-Tieropfer ist euch wahrscheinlich allen bekannt: Ozzy Osbourne, damaliger Sänger von Black Sabbath, biss einer Fledermaus auf der Bühne den Kopf ab. Allerdings war sie ohnmächtig und Ozzy wohl zu zugedröhnt, um zu merken, dass sie echt war. Zumindest war die ganze Nummer angeblich keine Absicht. Irgendwie ironisch also, dass Black Sabbath die Begründer ausgerechnet der Musikrichtung waren, für die wohl mit Abstand am meisten Tiere ihr Leben lassen müssen: Metal. Selbst, wenn man kein ergebener Metalhead ist, hat man schon einmal etwas von Black- oder Death Metal-Bands gehört, die Kirchen anzünden, Leute ermorden und dem Satan Tieropfer bringen. Das passiert allerdings eher nicht auf der Bühne. Was man hingegen bei dem ein oder anderen Konzert abkriegen kann, sind literweise Tierblut und -Kadaver. Großmeister dieses Bühnenentertainments sind zum Beispiel Watain aus Schweden. Die schwedischen Darlings der Black Metal-Szene mögen es sehr, sich selbst und ihr Publikum mit dem Blut verschiedener Tiere (und gerüchteweise auch Menschenblut) zu übergießen. Sänger Erik, der sich selber als den „kalten Samen Satans“ bezeichnet, hat einmal erklärt: „Wir benutzen alle verschiedenen Arten von Blut auf der Bühne. Das Blut ist eine Verbindung zum Tod, es hat bestimmte magische Qualitäten und symbolisiert den Wein Samaels, den Kelch der verbotenen Weisheit, den Weg zur anderen Seite“. Die meinen es also ernst. Desweiteren besteht ihre Bühnendeko in der Regel aus toten Tieren, die nicht selten auch einen ekelhaften Gestank abgeben. Aber gemäß der Bandlogik sind ihre Fans so drauf, dass sie stinkendes Blut und Tierleichen als etwas sehr Erquickliches erleben.

Wenn es eines gibt, das noch skandalöser ist als Tierblut, dann ist es Menschenblut. Echtes Menschenblut, wenn auch nicht literweise, fließt auf Konzerten der schwedischen Black Metal-Formation Shining. Und wir reden hier nicht von einer beim Pogo geplatzten Lippe. Sänger Niklas Kvarforth ist nicht nur bekannt dafür, sich bei Shows selber Schnittwunden zuzufügen und seine Bandkollegen zu malträtieren, indem er auch sie mit dem Messer bearbeitet, mit Gitarrensaiten stranguliert oder sie einfach verprügelt. Hin und wieder macht er auch seine Drohungen wahr und unterstreicht die Beschimpfungen, die man sich als Zuschauer an den Kopf werfen lässt, dadurch, dass er tatsächlich Leute aus dem Publikum verdrischt. Im Vergleich dazu haben Trailerpark ihre Fans ja noch richtig lieb.

Girl Power

Wo wir gerade beim Thema Blut sind—wenn es etwas gibt, das noch skandalöser ist als Blut aus Wunden, dann ist es Menstruationsblut. Hierzu gab es 1992 einen großartigen Vorfall, der, als ich gut zehn Jahre später davon hörte, mir die Kotze hochkommen ließ. Die Grunge-Band L7 hatte bei ihrem Auftritt auf dem Reading Festival mit technischen Problemen mit dem Equipment zu kämpfen und musste ihre Show unterbrechen, woraufhin die ungeduldige Menge ihrem Unmut über die Verzögerung Luft machte, indem sie die Band mit Schlamm bewarf. Das allerdings sah Donita Sparks, Sängerin der Band, gar nicht ein und zog sich aus Trotz auf der Bühne ihren blutgetränkten Tampon heraus und feuerte ihn mit den Worten: „Eat my used tampon, fuckers!“ in die pöbelnde Menge. Sie hat sich nie dafür entschuldigt. War jetzt wohl kein geplantes Element der Bühnen-Performance, geht aber trotzdem in die Annalen der krassesten Shows mit ein. Alleine schon weil dieser wunderbare Moment an Unverschämtheit und Widerwärtigkeit nicht zu überbieten ist und er einfach unbedingt auf ewig im popkulturellen kollektiven Gedächtnis bleiben muss. Diese Szene wird wahrscheinlich noch viele Generationen von Riot Grrrls aus der Wiege heben, also spread the word.

Spätestens nachdem mir wieder diese herrliche Anekdote eingefallen ist, kann ich meine Meinung revidieren und sagen: Trailerpark hinterlassen mich sehr glücklich. Na ja, zumindest machen sie mir gute Laune und geben mir die Möglichkeit, mich mal wieder so richtig rebellisch fühlen zu lassen. Ekelhafte und skandalöse Dinge, die auf der Bühne passieren sind super. Bitte mehr davon.