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Schönheit ist Schmerz – Wenn Blutergüsse zur Kunst werden

Die Künstlerin Riikka Hyvönen verbindet mit ihrem Projekt ‚Roller Derby Kisses' ihre Liebe zum Roller Derby, das dabei entstehende Gemeinschaftsgefühl und die bizarre Faszination von Verletzungen.

Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Riikka Hyvönen ist eine Künstlerin und Roller-Derby-Sportlerin aus Finnland. Derzeit macht sie ihren Master an der University of Arts von Helsinki und ihr aktuelles Projekt Roller Derby Kisses besteht aus einer Reihe von großflächigen 3D-Kunstwerken, die die kleinen „Galaxien" der Prellungen darstellen, die während der Roller Derbys entstehen. Die Spielerinnen schicken Hyvönen Fotos ihrer Blutergüsse—die titelgebenden „Küsse"—zu und die Künstlerin verwandelt diese Fotos mithilfe einer speziell für dieses Projekt entwickelten Technik in riesige 3D-Bilder. Mit einer Stichsäge schneidet Hyvönen die Form der Blutergüsse in Holz sowie eine MDF-Platte und bezieht das Ganze anschließend mit Schaumstoff, Plüsch, Leder und Glitzer. Roller Derby Kisses ist für das männliche Auge vielleicht etwas ungewöhnlich, aber Hyvönen will ihre Models gezielt objektivieren. „Natürlich objektiviere ich diese Frauen", meint sie. „Aber ich mache das genau auf die Art und Weise, auf die sie sich auch selbst objektivieren."

Roller Derby Kisses wird nächstes Jahr bei sechs weiteren Ausstellungen zu sehen sein und Hyvönen erschafft für die Reihe ständig neue Kunstwerke. Aus diesem Grund habe ich mich mit der Künstlerin getroffen, um mehr über ihre Vorgehensweise zu erfahren und dabei herauszufinden, was genau sie an Blutergüssen so fasziniert.

Alle Bilder: bereitgestellt von Riikka Hyvönen

VICE: Was hat dich zu deinem Roller Derby Kisses-Projekt inspiriert?
Riikka Hyvönen: Mir fiel damals auf, wie sich meine Teamkameradinnen nach einem guten Roller-Derby-Match gegenseitig ihre Prellungen zeigten—so als ob es Trophäen wären. Ich empfand das dabei herrschende feministische Gemeinschaftsgefühl als total außergewöhnlich und wollte das Ganze deswegen weiter erforschen. Gleichzeitig war ich aber auch fasziniert davon, wie sich die Roller-Derby-Subkultur im Internet darstellt: Das Hochladen und Kommentieren von Fotos ist ein essentieller Teil der kompromisslosen Darstellung von Schönheit. So hat meine Untersuchung der Psychologie hinter Prellungen angefangen.

Wie lange brauchst du für ein solches Kunstwerk? Und wie hast du die Vorgehensweise entwickelt, bei der du die lederartige Oberfläche aufbrichst und und zum Erreichen des Effekts erneut drüber malst?
Ein solches Bild dauert ungefähr einen Monat. Beim bisher größten Exemplar der Reihe handelt es sich um Fresh Meat in Fishnets!, das dieses Jahr entstanden ist. Da habe ich mindestens drei Monate Arbeit sowie 50 Kilo an MDF-Platten, Holz, Glitzer und Leder reingesteckt.

Die Farbe muss sich mit dem Leder verbinden und darf deshalb nicht nur auf der Oberfläche bleiben. Also muss das Leder aufgebrochen und mehrere Male neu bestrichen werden. Natürlich bestand das Kreieren meiner Derby-Küsse auch aus langwierigem Herumexperimentieren und zufälligen Entdeckungen. Ich habe eigentlich mit Ölmalerei angefangen, aber ich hatte dann schnell das Gefühl, dass diese Gemälde der protzigen und auffallenden Eleganz der geprellten Hintern nicht wirklich wirklich gerecht werden würden. Mit der Hilfe von 3D-Technik, Regenbogen, Leder und Glitzer schaffe ich es da schon viel besser, die hypnotisierende Pracht einzufangen.

Du hast jetzt Roller Derby Kisses erschaffen und vorher auch schon als Make-up-Künstlerin gearbeitet. Was fasziniert dich an Haut so sehr? Und hat dir deine Tätigkeit im Make-up-Bereich dabei geholfen oder es irgendwie beeinflusst, wie du die Kunstwerke realisiert hast?
Sowohl freiliegende als auch verdeckte Haut sind Dinge, die mich als Material und als Motiv interessieren. In der Roller-Derby-Kultur kommen die temporären Prellungen durch fiese Checks [in einem Kommentar auch als „Liebesbekundungen" bezeichnet] von Teammitgliedern. Diese Prellungen sind allerdings etwas, für das man sich bei uns nicht zu schämen braucht. Sie sind eher bewundernswert, ja fast schon etwas Schönes. Wir Roller-Derby-Frauen geben ihnen in unserer Subkultur eine ganz neue Bedeutung, die natürlich nichts mit der Konnotation gemein hat, die solche Blutergüsse im normalen Leben haben.

Irgendwie ist die Kombination aus der Haut als schützende, intime, zerbrechliche und starke Schicht und den verschiedenen Möglichkeiten, sie zu verstecken oder zu zeigen, einfach ein unverzichtbarer Teil des Menschseins—und zwar nicht nur metaphorisch gesehen, sondern vor allem auch körperlich.

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Vor Kurzem hat die Schauspielerin Amy Schumer ein Foto einer großen Prellung auf ihrer Schulter und ihrem Rücken bei Instagram hochgeladen. Für mich haben Schumers Foto und das Roller Derby Kisses-Projekt schon etwas gemeinsam. Stimmst du mir da zu?
Ja. Ich würde sagen, dass Schumer für eine ähnliche Art der weiblichen Darstellung steht, wie ich sie durch meine Kunst ausdrücken will. Sie zeigt ganz stolz ihren Bluterguss und erzählt von der Arbeit, bei der er entstanden ist—genauso wie wir Roller-Derby-Frauen.

Bisher waren deine Kunstwerke nur in London zu sehen, aber 2016 kommst du mit deiner Ausstellung auch nach Finnland. Wie fühlt es sich an, die Küsse nach Hause zu bringen?
Auch wenn wohl nicht so viele Leute kommen werden, fühlt sich das Ganze trotzdem richtig gut an. Ich bin echt total aufgeregt. Irgendwie ist der Stress aber auch schon vorprogrammiert, denn das kritischste Publikum—Freunde und Familie—wird da sein.

Ich habe herausgefunden, dass es auch Männer gibt, die Roller Derby betreiben. Wurdest du schon mal darum gebeten, männliche Blutergüsse zu zeichnen? Käme das für dich überhaupt in Frage? Und würde das dann deine Botschaft nicht irgendwie verändern?
Darüber habe ich mir auch schon ziemlich viele Gedanken gemacht. Ich würde es schon interessant finden, einen Mann durch meine Kunst zu objektivieren. Andererseits bin ich mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob die Aufmerksamkeit nicht zu sehr von meiner eigentlichen Botschaft weggelenkt werden würde, wenn ich auch Männer darstelle. Diese Entscheidung musste ich aber noch gar nicht treffen, weil mir noch kein Roller-Derby-Spieler ein Foto seines lädierten Hinterteils zukommen lassen hat!

Ist dein Projekt inzwischen abgeschlossen oder werden noch weitere Gesäße hinzukommen? Ich will 2016 einem Roller-Derby-Team beitreten, wirst du mich dann auch so zeichnen wie eines der Mädchen aus deiner Roller-Derby-Mannschaft?
Sehr gut! Und meine Reihe wird stetig erweitert. In Helsinki sind drei neue Kunstwerke am Start und in London wird noch ein weiterer heldenhafter Po zu sehen sein. Neue Bilder sind also immer erwünscht. Ich finde es super, dass ich inzwischen Fotos von Roller-Derby-Frauen aus der ganzen Welt zugeschickt bekomme. Aufgrund meiner begrenzten Zeit kann ich jedoch leider nicht alle beeindruckenden Blutergüsse in Kunst verwandeln, aber besondere Formen oder Farben sind trotzdem immer gerne gesehen. Es sind auch nicht immer nur die größten Prellungen, die es auf meine Bilder schaffen. Die wahre Schönheit liegt in der Einzigartigkeit. Die faszinierendsten Blutergüsse lassen im Kopf oft kleine Universen entstehen, denn jede Blessur erzählt eine eigene Geschichte.