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Sholem Krishtalkas gezeichnetes Berlin-Tagebuch ist besser als ein Porno

Manche schreiben Tagebuch—andere malen eins. Über Cruising, Sexpartys und deutsche Toiletten, die einem die eigenen Ausscheidungen präsentieren.

Manche Leute schreiben Tagebuch—andere Leute malen eins. Als Sholem Krishtalka vor fast zwei Jahren nach Berlin gekommen ist, begann er, Episoden aus seinem täglichen Leben zu malen: Die verrückten Toiletten der Deutschen („mit dieser widerliche Ablage, die dir deinen eigenen Haufen zeigt"), Berghain, Sexpartys und Cruising, Wohnungssuche, Liebe und Stadtgeschichten. Er nennt sein Tagebuch A Berlin Diary, so wie das erste Kapitel aus Christopher Isherwoods Roman Leb wohl, Berlin über die 1930er Jahre. „Ich bin eine Kamera mit weit geöffneter Blende, passiv aufzeichnend, nicht denkend", heißt es da. Sholems Gedächtnis ist auch wie eine Kamera, die meisten seiner Bilder malt er aus der Erinnerung. Und die ist erstaunlich genau. Am 21. März eröffnete in der Galerie Schmidt & Handrup seine erste Ausstellung, die noch bis 25. April gezeigt wird. Wir haben mit ihm über seine Malerei, Soziopathie und seinen Penis gesprochen.

VICE: Warst du zufrieden mit der Eröffnung deiner Ausstellung? Es war ein bisschen wie eine große Cruising-Area. Viele schwule Jungs.
Sholem Krishtalka: Ich war sehr zufrieden, definitiv. Es hat mich aber trotzdem keiner abgeschleppt. [Lacht] Aber das ist das Los des Künstlers.

Du malst Tagebuch. Darin geht es um dich und was du erlebst. Wird man da nicht irgendwann zum Egomanen?
Über dem ganzen Projekt schwebt immer die Gefahr, dass ich mich selbst als Held darstelle. Das versuche ich zu vermeiden. Also male ich auch Sachen, in denen ich falsch liege, mich falsch verhalte, dumme Dinge tue und Mist erzähle. Gerade was romantische Geschichten angeht oder wenn ich mit jemandem im Bett lande. Ich will mich nicht als Opfer darstellen, das ich nicht bin. Und das ist ziemlich schwer. Es gibt diese Geschichte, in der ich mit einem Typen im Bett lande und unbedingt gefickt werden will und ihm meinen Arsch schon hinstrecke—es aber nicht dazu kommt. Da sitze ich dann auch da und denke „Oh man, muss ich das jetzt echt malen?" Aber dann gebe ich mir einen Ruck. Ich male ja auch andere Leute in solchen Situationen. Da darf ich mit mir nicht anders umgehen.

Das ist schon sehr voyeuristisch. So als würdest du dich auf so einem Camsex-Portal zeigen.
Nicht wirklich. Die Sexszenen benutze ich nur, wenn sie zu der Geschichte etwas beitragen. Ich will nicht angeben, aber ich habe echt mehr Sex, als man in dem Tagebuch sieht. [Lacht] Wenn ich jedes Sexdate aufmalen würde, dann wäre das wie Camsex. Aber so trägt das dazu bei, den Erzählstrang aufrecht zu erhalten oder Zusammenhänge aufzuzeigen. Auch wenn ich nackt in meiner Wohnung rumlaufe, schreit das Bild nicht „Guck dir meinen Schwanz an!", sondern das illustriert, wie sehr ich mich dort zu Hause fühle.

Über deinen Schwanz wurde an dem Abend der Ausstellungseröffnung viel geredet. Ich habe Leute gehört, die vor Nacktbildern von dir gestanden haben und gefragt haben: „Ist der wirklich so groß?"
Im Ernst?! [Lacht]

Und dann fragt man sich: Ist es das Publikum, das das Tagebuch so sexualisiert oder ist es das Tagebuch selbst?
Die Leute lieben die Sexszenen. Man sieht das auch auf meinem Tumblr. Das am meisten gerebloggte Bild dort ist die Szene im Lab [Das ist der Sex-Club im Berghain. Anm. d. Red.].

Da wirst du rausgeschmissen und mit einem Bannfluch belegt, wenn du Fotos machst. Wie merkst du dir die Szenen?
Immer wenn ich das beschreibe, klinge ich wie ein Soziopath. [Lacht] Ein Teil von mir ist da und unterhält sich ganz klassisch und interagiert. Der andere Teil schwebt über der Szenerie und beurteilt, ob die Situation gerade für einen Tagebucheintrag geeignet ist. Ich habe ein sehr gutes visuelles Gedächtnis. Für mich ist dieses Gedächtnis wie ein Muskel, den man trainieren kann. Je mehr du damit machst, desto besser wird es. Mein Gehirn ist die ganze Zeit im Aufnahmemodus.

Gerade in den Lab- und Berghain-Szenen geht es viel um Sex und Drogen. Die Leute, die deine Bilder in der Ausstellung oder im Internet sehen, kennen so ziemlich alles von dir. Fällt dir das leicht?
Auf keinen Fall, das ist nie leicht. Ich meine, es gibt auch Sachen, über die ich einfach nicht rede oder male. Ein paar Regeln habe ich schon. Wenn es zum Beispiel um meine vergangene Beziehung geht, die einer der Gründe ist, warum ich in Berlin gelandet bin. Ich versuche immer, meine Geschichte zu erzählen und nicht die von anderen Leuten.

Malst du eigentlich, wenn du high bist? Manche Szene sehen sehr trippy aus.
Nein, nie. Dann könnte ich mich nie im Leben konzentrieren.

Warum machst du das Tagebuch?
Meine größte Inspiration ist Nan Goldin. Sie hat Leute fotografiert, um den Moment zu bewahren und Erinnerungen und Personen festzuhalten, zu sichern. Das ist mir bei genauso: Ich will den Moment bewahren und durch das Aufmalen speichern, damit er nicht vergessen wird. Ich male eine emotionale Landkarte meines Lebens.

Alle Fotos: © Sholem Krishtalka. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Schmidt & Handrup Berlin/Köln