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So kommst du gegen AfD-Stammtischparolen an – in 5 Schritten

10.000 "Stammtischkämpfer" will das Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus" bis zur Bundestagswahl ausbilden. Wir waren bei einem Workshop dabei.

In der Kneipe Liesert's Falckensteiner am Görlitzer Park in Berlin mussten Schwarze draußen bleiben. Also haben wir unsere dunkelhäutige Autorin hingeschickt. Einen Rassisten wollte sich der Besitzer vor ihr nicht nennen | Foto: Grey Hutton

An den Fenstern der Buchhandlung Galerie Olga Benario in Berlin-Neukölln hängen dicke, metallene Jalousien. Schon öfter wurden hier von Rechten die Scheiben eingeworfen. Denn: Hier treffen sich seit 1984 Antifaschisten (Antifa) und Antirassisten (Antira). Heute sitzen hier aber keine Linksaktivisten, sondern Rentner, Studenten, eine Call-Center-Mitarbeiterin, ein IT-ler. Insgesamt 25 Menschen zwischen 20 und 70 sind zur "Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung" gekommen. Zwei Trainerinnen bringen ihnen bei, wie man gegen rechtspopulistische Parolen ankommt—am Kneipentisch, aber auch im Alltag und im Netz.

Den Workshop, der am vergangenen Samstag in Neukölln stattfand, organisierte das Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus", in dem die Antifa, aber auch Parteien wie die Grünen, die Linken, Untergruppen der SPD und der Zentralrat der Muslime vertreten sind. In der Buchhandlung sitzen Menschen wie Maria aus dem Schwarzwald, die nicht weiß, was sie ihren Kollegen entgegnen soll, die sich plötzlich mit Pfefferspray und Schreckschusspistolen bewaffnen—wegen der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Nähe. Eine Endzwanzigerin fühlt sich hilflos, weil ihr Großvater von der jüdischen Weltverschwörung faselt. Eine andere Frau Mitte 30, die im Flüchtlingsheim arbeitet, erträgt die herablassenden Kommentare der Security-Männern gegenüber den Geflüchteten nicht.

900 Stammtischkämpfer hat das Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus" schon geschult, 10.000 sollen es bis zur Bundestagswahl werden. Es geht um Taktiken und Argumente, um mit Menschen zu sprechen, die sich in der Kneipe über die schlimmen Muslime auslassen oder auf der Firmenweihnachtsfeier zwischen Gans und Wein gegen Flüchtlinge hetzen. Die AfD liegt in Umfragen bei etwa 13 Prozent—wären diesen Sonntag Bundestagswahlen, wäre sie die drittstärkste Kraft. Auf Facebook hat die Partei mehr Likes als CDU und SPD zusammen. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die uns täglich begegnen. Wie man mit Rechtspopulismus umgeht, beschäftigt längst nicht mehr nur Journalisten und Linksaktivisten.

Fünf Tipps, wie du gegen rechte Stammtischparolen ankommst:

1. Flüchtlinge, Islam, Merkel, Obama: Konzentriere dich auf einen Punkt

Gegen Multikulti, Parallelgesellschaften, Wirtschaftsflüchtlinge und für die deutsche Leitkultur ist dieser Demonstrant auf einer Bärgida-Demo in Berlin 2015. Am besten, ihr sprecht erst mal über ein Thema. Was Multikulti für ihn bedeutet, zum Beispiel | Foto: Grey Hutton

Oft ist es gleich ein ganzer Schwall an Behauptungen, die einem entgegenschlagen. Eine der beiden Trainerinnen—Nora, 28, von den Linken—stellt einen Kommentar vor, wie man ihn häufiger bei Facebook findet: "Die Muslime kommen, die alle radikal sind. Flüchtlinge vergewaltigen unsere Frauen und die Bundesregierung schaut zu. Und Putin ist schlecht, aber Obama darf machen, was er will." Statt auf alle Behauptungen gleichzeitig einzugehen, rät Nora, sich auf eine Aussage zu fokussieren. Zum Beispiel so: "Das waren jetzt sehr viele Aussagen, lass uns lieber darüber sprechen, ob es Belege gibt, dass Flüchtlinge tatsächlich mehr vergewaltigen."

(Gibt es nämlich nicht.)

Wenn du selbst konkret bist, zwingst du auch dein Gegenüber dazu, konkreter zu werden. Er muss seine Allgemeinplätze mit Belegen füttern—die weiter reichen müssen als "die Tochter der Freundin einer Freundin hat erzählt". Viele Aussagen und gefühlte Wahrheiten lassen sich mit Zahlen entkräften. Zum Beipsiel sind in Sachsen, dem Geburtsbundesland von Pegida, nur 0,7 Prozent der Bevölkerung muslimisch.

Fakten für das Argumentieren gegen rechtspopulisische Äußerungen findest du übrigens überall. Bei VICE, beim Zentrum für politische Bildung und sogar auf einer Seite der bayerischen Regierung.

2. Finde heraus, welche Angst dahinter steckt

Manchmal helfen aber auch Zahlen nicht weiter. Willkommen im postfaktischen Zeitalter, in der die gefühlte Gefahr als Sachlage zählt. Oft steckt hinter Parolen wie "den Flüchtlingen wird so viel Geld hinterhergeschmissen" eine Verlustangst, die auch gegen reale Zahlen immun ist. Aber nachzuhaken, woher diese Angst kommt, signalisiert, dass man sie ernst nimmt—und zwingt die Leute, über die Gründe nachzudenken. Eine Teilnehmerin des Workshop zitiert folgendes Gespräch: "Oma, warum findest du es schlecht, wenn viele Flüchtlinge in der Nähe deines Dorfes wohnen?" – "Ich traue mich ja gar nicht mehr, zum Badesee zu fahren, weil die alle kriminell sind." – "Ist denn bei euch schon mal was in dieser Art passiert?" "Ist es nicht." Woher kommt die Angst dann? Oft bringt es mehr, über die Gründe der Sorgen zu sprechen, als wenn man sie von vorne rein als lächerlich abwinkt.

3. Sei nicht überheblich

Dieses Foto entstand bei einer Demo gegen eine Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Marzahn. Sauer werden ist einfach. Zu einfach | Foto: Grey Hutton

Dein Gegenüber mit der anderen Meinung ist nicht dein Feind. Vor dir sitzt nicht Hitler, sondern im Zweifel dein Onkel oder dein Chef. Du argumentierst nicht gegen ihn, sondern gegen eine bestimmte Aussage. Wenn es dir nur darum geht, dein Gegenüber mit deinen Killer-Argumenten bloßzustellen, ist das Gespräch bald vorbei. Wenn du dein Gegenüber beleidigst ("du Rassist"), wird er sich in Annahmen bestätigt fühlen, die zum Chorus der Populisten gehören: "Nichts darf man mehr sagen, ohne gleich angeklagt zu werden." Oder: "Immer wird man gleich in die rechte Ecke gestellt, nur weil man Probleme anspricht."

Man kann Paroli bieten, ohne wütend zu werden. Auf einen Satz wie "Man darf gar nicht stolz auf Deutschland sein" muss man nicht sofort eine Diskussion über übermäßigen Patriotismus anfangen, sondern einfach sagen: "Findest du? Also ich bin sehr stolz, dass so viele Menschen in Deutschland sich im letzten Jahr für Geflüchtete eingesetzt haben." So kann man Haltung zeigen, ohne sich zu zerstreiten.

4. Wenn diskutieren nichts bringt: Positioniere dich

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Diskutieren sinnlos ist. Wenn Menschen vor dir sitzen, die von ihrer Meinung nicht abrücken werden. Die nicht zuhören, sondern nur weitere Parolen schmettern. Die jedes Argument mit Zahlen aus seriösen Quellen abschmettern—weil sowieso alles Lüge und Lügenpresse ist. Aber jetzt zu schweigen, würde bedeuten, dass man den anderen als gefühlten Sieger aus der Situation gehen lässt. Auch wenn das Gespräch ins Nirgendwohin führt, kann man Position beziehen: "Mein Weltbild ist das nicht. Für mich sprichst du nicht, wenn du von 'Deutschen' sprichst." Um Menschen zu zeigen, dass sie nicht die Mehrheitsmeinung vertreten, hilft es auch, sich Gleichgesinnte zu suchen, etwa mit Blickkontakt in der Bahn—und gemeinsam gegen offensichtlich rassistische Kommentare oder Unterhaltungen die Stimme zu erheben.

5. Das kann so nicht stehen bleiben: Beleidigung und Volksverhetzung sind strafbar

Einiges von dem, was mittlerweile in den Kommentarspalten auf Facebook oder als abfällige Kommentare über Stammtische wabert, ist nicht nur rassistisch, sondern auch strafbar. Erst vor Kurzem wurde eine Mann wegen zwei Facebook-Komentaren zu sechs Monaten Haft verurteilt. Er hatten von "Kanackenpack" gesprochen, das es zu "erschießen und vergasen" gelte. Kommentare wie diese sind nicht mehr Teil unserer Meinungsfreiheit, sondern fallen nach Paragraph 130 Strafgesetzbuch unter Volksverhetzung. Melden kann sie jeder von uns.


Nach sechs Stunden ist der Workshop vorbei. Eine Enddreißigerin in teuren Jeans, ein Student mit abgelatschten Turnschuhen und eine Rentnerin mit Perlenohrringen verabreden sich zur einer Kneipentour. Sie kannten sich davor nicht, wollen aber in den Bars gemeinsam Gespräche mit Menschen anfangen, deren Parolen sie sonst nur mithören.

Maria wird nach dem Workshop zurück in den Schwarzwald fahren und mit ihren Kollegen diskutieren, die sich Pfefferspray gegen angeblich kriminelle Flüchtlinge kaufen. "Ich werde mich mit Zahlen wappnen—und nachfragen, woher die Angst komme", sagt die 48-Jährige. "Es sind kleine Schritte. Aber ich höre nicht auf, etwas zu sagen."

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