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So werden Tote auf der ganzen Welt unsterblich gemacht

Egal ob Beinhäuser, dekorierte Totenschädel oder mumifizierte Priester—Paul Koudounaris hat schon alle erdenklichen Bräuche und Gedenkstätten zu Ehren der Verstorbenen fotografiert.

Ein Schädel mit Sonnenbrille während des jährlich auf dem Hauptfriedhof vom bolivianischen La Paz stattfindenden Schädel-Festivals (Alle Fotos: bereitgestellt von Paul Koudounaris)

Paul Koudounaris ist schon durch mehr als 60 Länder gereist, um Beinhäuser, dekorierte Totenschädel und andere makabere Artefakte zu fotografieren. Nun steht die Veröffentlichung seines dritten Buches namens Memento Mori: The Dead Among Usan. Während bei seinen vorangegangenen Werken die Bilder noch im Schatten der dazugehörigen Texte standen, wird Memento Mori alleine von den Fotos getragen— genauer gesagt fesselnde Fotos von verzierten Schädeln, aufwendigen Begräbnissen und anderen mit dem Tod zusammenhängenden Bräuchen aus der ganzen Welt. Das spiegelt auch das sich immer weiterentwickelnde Selbstbild des Autoren wider—er sieht sich als Fotografen, der sich mit Kunstgeschichte beschäftigt, und nicht als Kunsthistoriker, der sich mit Fotografie beschäftigt.

Ich habe mit Koudounaris über sein neues Buch gesprochen und dabei auch darüber diskutiert, wie unsere Beziehung zu den Toten von der Kultur beeinflusst wird und wie paradox Gesetze gegen Leichenschändung eigentlich sind.

Das hergerichtete Skelett der heiligen Munditia in München

VICE: Wie und warum unterscheidest du zwischen „dem Tod" und „den Toten"?
Paul Koudounaris: Für mich ist das ein ganz wichtiger Unterschied. „Die Toten" sind die Menschen, die nicht mehr in der lebenden Gesellschaft verweilen. „Der Tod" hingegen ist der Zeitpunkt, an dem die Grenze zwischen diesen beiden Lagern gezogen wird. Diese Grenze ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Der Tod kann entweder ein durchlässiges oder ein quasi unüberwindbares Hindernis darstellen. In den vergangenen 100 Jahren ist in der westlichen Kultur der zweite Fall eingetreten. Die Toten kommen nicht auf unsere Seite und wir gehen nicht auf ihre. Wenn du versuchst, mit ihnen zu reden oder zu interagieren, dann muss bei dir irgendetwas falsch laufen. Dann führst du nichts Gutes im Schilde.

Mumifizierte Priester unter der Hauptkirche der sizilianischen Stadt Gangi

Wie sieht das Ganze in anderen Kulturen aus?
In den meisten anderen Kulturen besteht zu den Toten eine durchlässige Barrikade und es ist möglich, einen Dialog mit ihnen zu führen—egal ob nun in tatsächlicher oder in metaphorischer Form. Schau dir doch nur mal die Bolivianer, die Rituale in Madagaskar, die Indonesier oder die Philippiner an. Auch in Europa waren die Beinhäuser mal ein Schwellenort, wo die Lebenden mit den Toten interagieren konnten.

Eine äthiopische Grabhöhle, wo Pilgerüberreste in einer heiligen Stätte in der Nähe von Lalibela ausgestellt werden

Dein Buch Memento Mori scheint in thematische Bereiche unterteilt zu sein: Knochen als Dekoration, Mumifizierung sowie verzierte Knochen und Schädel. Wieso haben sich deiner Meinung nach ähnliche Bräuche an so weit voneinander entfernten Orten entwickelt?
Ich glaube, dass die meisten Menschen einfach ein allgemeines Bedürfnis haben, eine Verbindung zu den Toten aufzubauen und die Toten somit zu einem Teil der Gesellschaft der Lebenden zu machen. Dieses Bedürfnis besteht schon seit prähistorischen Zeiten. Man hat zum Beispiel in Jericho—also den frühesten jungsteinzeitlichen Siedlungen—verzierte Schädel gefunden, die auf jeden Fall auch in der Öffentlichkeit ausgestellt wurden.

Der Blick in eine große Beinhaus-Grabstätte unter der Kirche der peruanischen Stadt Lampa

Du führst uns an Orte, die meistens ein Monument für die Vergangenheit darstellen. Das sagt ja auch etwas über unsere derzeitige Einstellungen gegenüber dem Tod aus.
So viele Dinge beeinflussen unsere heutige Denkweise über den Tod. Vieles hat mit dem modernen Kult des Individualismus und des Fortschritts zu tun—der Kapitalismus an sich steht ja schon im Widerspruch zu einem Gedenken an die Toten, denn wir als Gesellschaft blicken in die Zukunft. Wir sind einfach keine rückblickende Gesellschaft mehr.

Ein grüngefärbter Schädel beim jährlich auf dem Hauptfriedhof vom bolivianischen La Paz stattfindenden Schädel-Festival

Wenn ich mir die wunderschönen Bilder aus deinem Buch anschaue, dann kommt in mir die Frage auf, was denn nun ein „normaler" Weg ist, mit den Toten zu interagieren. War das deine Absicht?
Ich wollte dieses Buch auch veröffentlichen, um darin Material aus vielen verschiedenen Kulturen und Zeitabschnitten unterzubringen und den Leuten damit zu zeigen, dass wir die Komischen sind—und nicht die Leute aus Bolivien oder Indonesien mit ihren Totenschädeln auf dem Friedhof. So hat man das eben schon immer gemacht und viele Kulturen halten daran fest. Wir sind komisch, weil wir die Toten von uns wegstoßen und abgrenzen. Die Grabstätten und Beinhäuser wurden damals nicht als Orte der Angst und des Schreckens gebaut. Das ist allerdings die moderne Denkweise. Ich glaube jedoch, dass die Leute sich darüber Gedanken machen werden, wenn sie meine Fotos und die Art und Weise sehen, auf die ich sie präsentiere. Bis jetzt hat noch niemand die Bilder schrecklich oder furchterregend gefunden.

Beschriftete Schädel in einem Beinhaus im österreichischen Hallstatt

Ich beschäftige mich schon länger mit den Gesetzen gegen Leichenschändung und ich habe den Eindruck, als würde man viele der von dir vorgestellten Bräuche in großen Teilen der westlichen Welt als illegal einstufen.
Mir ist aufgefallen, dass die Kulturen mit einer engeren Beziehung zu den Toten oft nicht so sehr davon entsetzt sind, was mit den Leichen passieren könnte. Eigentlich sollte man ja Folgendes annehmen: In der westlichen Welt „distanzieren" wir uns von den Toten und deshalb kann es uns auch egal sein, was mit ihnen geschieht. In Wahrheit grenzen wir uns jedoch von ihnen ab und uns ist es dann eben nicht egal, was man mit den Toten macht.

Ich weiß noch, wie ich eine Frau bei einem bolivianischen Schädel-Festival gefragt habe, wo sie ihren Totenschädel herbekommen hätte. „Den behalten wir—er ist mein neuer Freund und ich werde mit ihm reden", antwortete sie. Wenn hier jemand einen Totenschädel besitzen und dann so etwas nach dem Motto „Keine Ahnung, den habe ich in einer Tüte auf der Straße gefunden" sagen würde, dann wäre die Polizei schneller da, als man schauen könnte!

In Indonesien gibt es einen Ort, wo sie die Leichen einfach nur auf eine Art Gitter legen und sie dann auf einen ganz natürliche Art und Weise selbst mumifizieren lassen. Wenn sich dabei ein Hund ein verrottendes Bein schnappt, dann ist das gut für den Vierbeiner, denn dann hat er was zu essen. Für die Menschen dort würde so etwas zum natürlich Kreislauf gehören, für uns hört sich das allerdings absolut schrecklich an.