Wien ist nicht nur Nummer 1 was die Lebensqualität betrifft, wir sind auch Weltmeister im alles scheiße finden. Eröffnet zum Beispiel ein neuer Club (dieser Link könnte genau so gut auch hierhin gehen), freut sich der Großteil vermutlich und drückt leise auf Like, aber die Hater sind die, die am Lautesten schreien. Geschichten vom schmutzig verdientem Geld oder dem schlechten Publikum machen die Runde. Sehr beliebt auch immer: Kommerz und Sell-out.
In anderen Bereichen ist das nicht anders und wir selbst können uns leider oft nicht ausnehmen, weil auch wir immer wieder den Drang verspüren die Bühne zu stürmen, das Mikrophon an uns zu reißen oder wutentbrannt ins Internet zu schreien „Yo everybody else, I’m really happy for you and Imma let you finish but we had one of the best (hier lässt sich wahllos alles einsetzen, was wir jemals besser gemacht haben als unsere Konkurrenz) of all time!“
Ganz schlimm wird es, wenn es etwas zu gewinnen gibt, womöglich sogar renommierte Auszeichnungen oder einen Geldbetrag. Dann ist’s – zu Recht – mit dem Spass endgültig vorbei. So auch vor etwas mehr als einer Woche, als beim Content Award, einer Preisverleihung für Medienschaffende in Österreich, mit Auszeichnungen und Preisen nur so umhergeschmissen wurde.
Viele Preise, viele Gewinner. Nur die Kategorie Visuals hat die Beteiligten (und uns) noch etwas länger beschäftigt. Konkret hagelt es Kritik an der Rolle von Eva Fischer, die als Vorsitzende der Jury im Bereich Visuals Projekte bewertet hat, die bei ihrem eigenen Label Sound:Frame AV unter Vertrag sind. Kritiker heißt in dem Fall vor allem: Stefan Kainbacher, der mit seinem „freien Kollektiv“ Neon Golden auch am Wettbewerb teilgenommen hat und im Gegensatz zum Beitrag „INNENWELTKOSMOS“ von Luma.Launisch und Ken Hayakawa, die beide bei Sound:Frame AV unter Vertrag sind, leer ausgingen. Aber auch andere kritische Stimmen wurden laut, die die Gesamtsituation rund um Förderungen und die Rolle von Eva Fischer kritisieren.
Für die, die zu faul sind, die beiden Labels zu googeln: es geht um VJing, das Unterlegen von Musik mit Bildern. Falls ihr es immer noch nicht verstanden habt, das sind die verrückten Lichtshows, die ihr zum Beispiel bei DJ-Auftritten seht und mittlerweile aus keinem Club mehr wegzudenken sind. Uns fallen Visuals zwar nur auf, wenn wir so richtig zugedröhnt sind und Paranoia bekommen weil wir glauben, nicht mehr in die richtige Welt zurückzufinden, aber sie sind auch nüchtern schön anzuschauen. So schön, dass sich daraus mittlerweile eine eigene Kunstform entwickelt hat, die auch von der Stadt gehörig gefördert wird.
So weit zur Vorgeschichte. Und nachdem Streitigkeiten leider nicht mehr mittels Kämpfen auf Leben und Tod ausgetragen werden, haben wir den verschiedenen Parteien einfach ein paar Fragen gestellt um herauszufinden, was eigentlich los ist.
Bei der nächsten Sitzung wollen wir es allerdings mit Peer Mediation versuchen. Da gab es einen Kurs in der Schule der von uns mit einem glatten Dreier abgeschlossen wurde. Beste Voraussetzungen also.
JUTTA SCHEIBELBERGER (Leiterin des Content Awards)
Was ist der Content Award, wie ist er entstanden, was für eine Position habt ihr in der österreichischen Kulturförderung?
Aufgabe der ZIT ist nicht Kulturförderung. Als Technologieagentur der Stadt Wien ist die ZIT zuständig für die Förderung von technologischen Innovationen – dazu zählen natürlich auch Innovationen aus dem Medienbereich. Die Idee zum Content Award Vienna wurde vor drei Jahren geboren: einen Preis zu stiften, der die lokale Medienwirtschaft und Kreativszene stärkt. Unser Anliegen ist es, mit diesem Preis Produzenten und Produzentinnen bei der wirtschaftlichen Verwertung ihrer medialen Inhalte zu unterstützen. Die Nachfrage zeigt uns, wie notwendig dieser Preis ist: heuer gab es 290 Einreichungen für die unterschiedlichen Kategorien und Preise.
Wessen Geld verteilt ihr an Österreichs Kreative?
Die ZIT ist eine Tochtergesellschaft der Wirtschaftsagentur Wien, die wiederum von der Stadt Wien dotiert wird. Neben den ZIT Preisen gibt es zahlreiche Preise, die von unseren Partnern dotiert werden (z.B. Wien Holding, Marx Media Vienna, Wiener Stadtwerke, etc.).
Wie ist die Preisvergabe im Bereich Visuals zustande gekommen?
Für jeden Preis gibt es eine eigene Jury. Für die Kategorie „Visuals“ waren das Heinz Wolf, der bei departure tätig ist, Claudia Rohrmoser, eine internationale Expertin, sowie Eva Fischer, Kuratorin des sound:frame Festivals und daher lokale Expertin. Alle Jurymitglieder wurden ab Beginn der Einreichfrist auf www.contentaward.at veröffentlicht. Für den Partnerpreis der WSE (Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft) begutachtete zunächst die WSE selbst alle Visuals-Einreichungen, erhielt im Anschluss von der Jury der Kategorie Visuals Vorschläge, die schließlich in einer weiteren Jurysitzung mit allen anderen Partnern begutachtet und besprochen wurden. Erst dann wurde die Entscheidung seitens WSE getroffen.
Seht ihr ein konkretes Problem bei der Zusammenstellung der Jury für die Kategorie Visuals?
Die Jury jeder Kategorie wird aus ExpertInnen dieses Bereiches zusammengesetzt. Aus unserer Sicht ist dies auch für die Kategorie „Visuals“ gelungen.
EVA FISCHER (Gründerin des sound:frame Festivals)
Was ist Sound:Frame, wie ist es entstanden und wie siehst du eure Position in Österreichs VJ-Szene?
sound:frame ist ein Festival für audiovisuelle Kunst und Kultur an der Schnittstelle zu anderen künstlerischen Disziplinen wie Design, Architektur, Literatur oder Mode. Es ist aus dem Wunsch entstanden, die österreichische Visualist/inn/en- und AV-Szene (AudioVisuelle Szene) in Kontexten wie dem Ausstellungsbereich noch sichtbarer zu machen, als sie es 2007 durch die Vernetzung der VJ-Community und die zahlreichen, vorangegangenen Projekte wie equaleyes, eye-con, pooool, etc. bereits war. Da ihr mich um ein Interview dieser Art bittet, ist uns das ja offensichtlich gelungen.
Ich sehe die Position des sound:frame Festivals in der Österreichischen VJ- und AV-Szene sehr bedeutend. Neben vielen anderen wichtigen Communitys wie etwa der mediaOpera ist sound:frame ein starkes, und groß gewachsenes (inter)nationales Netzwerk von Visualist/inn/en, Musiker/inne/n und anderen Kreativen und Artists, aus dem sich vor zwei Jahren zusätzlich zum Festival auch ein Label entwickelt hat. Das sound:frame AV Label hat übrigens keine Knebelverträge. Jeder Artist kann und soll auch mit anderen Institutionen zusammenarbeiten. Und auch wir kooperieren mit externen Artists. In jedem Fall gibt es – egal ob so oder so – ausschließlich Kollaborationen, von denen ich zu hundert Prozent überzeugt bin. Wir haben bei den fünf sound:frame Festivals seit 2007 vor allem viele unterschiedliche österreichische Visualist/inn/en und Musiker/innen mit dabei gehabt, und viele großartige und spannende Projekte miterleben und unterstützen können. Das Festival bietet die Möglichkeit, freie künstlerische Projekte umzusetzen.
Du wurdest 2010 zur Österreicherin des Jahres gewählt, bist eng mit Departure verbandelt, räumst ständig alle Förderungen ab. Wie erklärst Du dir das?
Der Preis war eine absolute Überraschung! Ich war mit dem Projekt sound:frame zusammen mit vier anderen Projekten nominiert und hatte mir, als ich per Email davon erfahren hatte, keine wahnsinnig großen Chancen ausgerechnet. Da daraufhin so viele Leute per Internet- und SMS-Voting für mich oder besser für sound:frame abstimmten, wurde ich unter die Top 3 und schließlich von einer mehrteiligen Fachjury zur Siegerin des – nicht dotierten – Preises gewählt. Ich habe mich sehr über den Award gefreut, da es für uns damals aufgezeigt hat, wie sichtbar unsere Szene und das Projekt bereits geworden war. Ein großer Erfolg!
Ohne langjähriger Kooperationspartnerschaften würde es sound:frame nicht geben. Und jede/r, der oder die schon einmal eine Förderung eingereicht hat, weiß, dass das harte Knochenarbeit bedeutet. In der Öffentlichkeit wird nicht wahrgenommen, wie viele Absagen wir in jedem Jahr bekommen – leider zum Beispiel ganz aktuell im Rahmen des departure Fokus Musik Calls – und wie viel Arbeit und Nerven es im Vorfeld bedeutet, überhaupt mit einem annähernd angemessenen Budget rechnen zu können.
Ein Team von mehreren Leuten über’s Jahr und bis zu 60 Leuten während des Festivals arbeitet immer noch zum größten Teil ehrenamtlich und zu hundert Prozent für ein sehr kleines Honorar und setzt sich dafür ein, dass eine funktionierende Plattform für eine gesamte Szene geschaffen wird und wir in jedem Jahr auch viele internationale Acts nach Wien holen können. Das Österreichische Label Neon Golden ist ein gutes Beispiel für eine Artistcrew, die davon bereits mehrere Male profitiert hat, da wir Geld, Werbung und Infrastruktur für ihre Projekte zur Verfügung stellen konnten!
Ist das nicht eine typisch österreichische Art von Freunderl-Wirtschaft?
Jeder und jede kann um all die Förderungen ansuchen, für die auch wir ansuchen! Nur tun muss man’s bitte selbst….
Lass uns über den Content Award reden, da warst Du Vorsitzende der Jury in der Kategorie Visuals. Gab es da einen Interessenskonflikt Künstler zu bewerten, die bei deinem eigenen Label unter Vertrag sind?
Auch hier konnte jede/r einreichen. Und die Besten haben gewonnen. Ich war nicht Vorsitzende. Ich wurde von Seiten der ZIT als eine von drei gleichwertigen Expert/inn/en dazu eingeladen, die Einreichungen der Kategorie “Visuals” zu bewerten. Der zweite Sonderpreis der WSE, der zu meiner eigenen Überraschung und Freude auch an Labelartists ging, wurde durch die WSE und eine noch viel größere Jury bewertet. Also nein! Für mich gab es aus diesem Grund keinen Interessenskonflikt! Schade, dass es offensichtlich so unsportliche Verlierer gab.
Was sind Deine Pläne für 2012?
Wir werden versuchen, mit dem Budget, das wir derzeit wie in jedem Jahr extrem mühsam zusammenkratzen – vielen Dank an dieser Stelle an alle, die das Projekt sound:frame schätzen und die AV Szene damit gerne unterstützen – wieder einmal das Beste aus dem Format Festival rauszuholen! Unter dem Titel “SUBSTRUCTIONS” werden erstmals die Rahmenbedingungen, “UNTERBAUTEN” aktueller multimedialer Festivals besprochen und Themen wie Kulturwirtschaft, Creative Commons oder Nachhaltigkeit gemeinsam mit Expert/inn/en aus zahlreichen unterschiedlichen Bereichen näher betrachtet. Ich lade hiermit Neon Golden sehr herzlich dazu ein, zwischen 12. und 22. April 2012 öffentlich mitzudiskutieren!
STEFAN KAINBACHER (Visual Artist und Mitbegründer von Neon Golden)
Was ist Neon Golden, wie ist es entstanden und wie siehst Du eure Position in Österreichs VJ-Szene?
Neon Golden ist ein Kollektiv aus Künstlern, Gestaltern und Entwicklern mit unterschiedlichen Backgrounds wie Media Art, Graphic & Motion Design, Development … Entstanden ist es ursprünglich als Parallelprojekt zu unserem Designstudio “Beauty Parlour” bei dem wir uns hauptsächlich auf kommerzielle Projekte konzentrieren. Neon Golden war der Ausgleich und ist künstlerisch ausgerichtet … Gemeinsamer Schnittpunkt war am Anfang die FH Vorarlberg wo die Gründungsmitglieder gemeinsam studiert haben.
In Österreich sehe ich uns ein wenig als die Outlaws, da wir uns zu keinem Bündnis bekennen sondern selber ein grosses Kollektiv mit 14 Personen sind. Ich hab manchmal ein wenig das Gefühl, dass wenn wir was machen sich manche denken “Naja, die sind eh so viele und haben das alle studiert und die Messlatte wird bei uns dann gleich höher gelegt”. Aber wir arbeiten sehr hart und sind sehr kritisch. Wer sich davon überzeugen möchte kann sich gerne unser letztes Projekte, die Grelle Forelle anschauen. Alle die uns gerade helfen und geholfen haben, wissen, was ich meine.
Warum bist Du mit der Entscheidung der Preis-Vergabe beim diesjährigen Content-Award unzufrieden?
Weil ich finde, dass eine Jury unabhängig und objektiv sein muss. Und weil ich mich masslos darüber ärgere, daß ich dies nicht bereits bei der Einreichung deponiert habe. Nun kommts ein wenig doof so von der Seite, von denen die nicht gewonnen haben. Aber mal ehrlich, wie kommt man auf die Idee eine Jury in einer Disziplin wie den Visuals, wo jeder jeden kennt und persönliche Beziehungen pflegt, so zu besetzen, daß das Sound:Frame drin hängt und Departure, das mit dem Sound:Frame eng verknüpft ist und dann noch eine “internationale” Komponente die aus einer Österreicherin besteht, die in Berlin wohnt und auch schon in zumindest einem Departure + Sound:Frame projekt involviert war … Das ist nicht fair. Nicht für die Gewinner und schon gar nicht für den Rest. Der Technikpreis für die Visuals hat mir dann den Rest gegeben. Das hat dann keiner mehr verstanden. Hab ich schon von mehreren Seiten gehört. Unfassbar wie wenig Ahnung man von der Materie haben muss, um die Potentiale sowas von völlig falsch einzuschätzen. Sound:Frame ist übriges nicht nur ein Festival sondern mittlerweile auch eine Agentur, die die beiden Gewinner vertritt und vermittelt. Daneben sind beide integrale Bestandteile des Sound:Frame Festivals. Das hinterlässt schon einen schalen Geschmack.
Wie bewertest Du Sound:frame im Hinblick auf Kreativität, ihren Erfolg und ihre Arbeitsweise?
Ich fand anfangs die Initiative sehr gut. Als Gegenstück zu dem Block der damals vorherrschte. Wir haben das sehr unterstützt und waren auch oft dabei. Mit Visuals, Workshops und Installationen. Aber ich hab eine Problem damit, dass die Geschmackshoheit für Visuals in Österreich dem Sound:Frame zugestanden wird. Wenn Die Österreichische VJ-Szene auf Expo vertreten wird – wer entscheidet das? Sound:Frame. MOMA New York? Sound:Frame. Contentaward? Sound:Frame … Wenn Jobs übers Departure oder solche Connections in die Visual Ecke gehen wo landen die?
Sound:Frame war gut solange es ein Festival war. Mit der Agentur ists ein Business und keine offene Plattform mehr. Ist auch alles völlig in Ordnung. Nur wirds gleichzeitig von öffentlicher Seite bevorzugt. Find ich nicht gerecht. Entweder oder.
Hättest du die Veranstaltung auch als Gewinner kritisiert?
Ich denke, wir wären überwältigt gewesen davon, dass es doch hätte anders sein können. Ehrlich gesagt haben wir schon die ganze Zeit damit gerechnet und oft darüber diskutiert. Wir haben aus diesem Grund sogar überlegt, ob wir überhaupt einreichen sollen. Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Ich glaub, ich hätts nicht gepackt. Nun hats nur meine Meinung über das Ganze bestätigt. Die Erwartungen sogar noch übertroffen.

Was sind Deine Pläne für 2012?
Es wird noch greller!
Die von Eva Fischer vorgeschlagene Diskussionsplattform SUBSTRUCTIONS findet vom 12. bis zum 29.4. im wiener MAK statt. Sollte es dort tatsächlich zur Diskussion und vielleicht sogar zu einem Ringkampf kommen, werden wir nicht nur unser ganzes Geld für Wetten auf den Gewinner verzocken, sondern euch darüber natürlich auch sofort berichten.
Ihr hattet jetzt jedenfalls die Gelegenheit, Statements von allen Beteiligten zu lesen und seid schon groß genug, um euch eine eigene Meinung dazu zu bilden. Wir haben jedenfalls alle gleich lieb und hoffen, dass unsere good vibrations ein bisschen ausstrahlen.
YALDA WALTER