Unsere fünf Gebote gegen Internet-Idiotie

Die Erzdiözese Wien nahm es ja mit Humor, als die Satireseite “Die Tagespresse” unserem Kardinal Schönborn ein prüdes Känguru auf das Cover seiner Teenager- Glaubens-Schrift YouCat retuschierte. Ganz recht: Wie wir gestern schon berichtet haben, ist das enthaltsame Beuteltier nicht echt, sondern (Achtung) SATIRE. Viele pseudo-intellektuelle Leser des Artikels empörten sich trotzdem zutiefst und entblößten dabei nicht nur ihre Vorurteile gegenüber der Kirche, sondern auch, dass sie im Gegensatz zu den Gott-Gläubigen, einfach alles glauben, was man ihnen erzählt.

Keuschi habe das Potenzial, Jugendliche von der Straße zu holen, soll Kardinal Schönborn bei seiner Pressekonferenz gesagt haben, denn es ist cool und gebe der Jugend wieder Sinn im Leben—das rettet vielleicht den ein oder anderen Teenager vor Homosexualität und Drogenkonsum. Spätestens an diesem Punkt sollte es den mündigen Lesern gedämmert haben, weil sich selbst die katholische Kirche solche Sager heutzutage einfach nicht mehr erlaubt und gerade ein Schönborn—der weiße Obama unter den Religionsrecken—denkbar weit von solchen reaktionären Ansichten ist (und mit denkbar meinen wir: so weit man als tiefreligiöser Mensch nun mal denken kann).

Videos by VICE

Man kann sich eigentlich sicher sein: Falls die Kirche in diesen Zeiten tatsächlich ein prüdes Känguru erfinden würde, um vor Sex zu warnen, dann wäre das wohl eher eine Aufklärungskampagne für Priester und nicht für Jugendliche. Die Erzdiözese Wien dementierte das Ganze auch fröhlich, doch das religionsverdrossene Proletariat hatte die Zeitungsente schon geschluckt und spuckte sie mit einer apokalyptischen Flut an Empörung, Dummheit und Unverständnis wieder ins Internet zurück.

Da beten gutgläubige Kirchen-Gegner dann so schöne Kommentare runter, wie: “Kann man das an Peinlichkeit noch überbieten?”, “Unmenschlich! Geht’s noch?” und “Für so einen Scheiß wird also unsere Kirchensteuer verschwendet!!!” Der eine oder andere User trifft es dann zwar fast auf den Punkt, entscheidet sich aber lieber einfach zu glauben: “Bitte sagt mir, dass ich auf einer Satire-Seite gelandet bin. So weltfremd kann ein Mensch alleine doch nicht sein.” Tja, hätte ihm besser mal einer gesagt, dass er auf einer Satire-Seite ist. Oder er hätte einfach den Blick zu den anderen Artikeln auf dieser Satire-Seite schweifen lassen.

Aber was sollen wir sagen, Hass macht anscheinend einfach erkenntnisresistent. Und Erkenntnisresistenz wird umgekehrt wieder als Berechtigung für bescheuerte Lehr-Testimonials wie ein keusches Känguru heranzitiert. Was am Ende wohl heißt: Je dümmer ihr euch anstellt, umso mehr Kohlen werft ihr den tatsächlichen Umerziehern da draußen ins Feuer. Um euch und am Ende auch uns vor echten Keuschis zu bewahren, hier ein paar Gebote, wie man sich online nicht zum Idioten macht.

1. Gebot: Du sollst nicht alles glauben, was du liest.

Aus gegebenen Anlass soll dies die erste Regel sein, die wir aufstellen. Denn der kritische Umgang mit Informationen ist offenbar eine moderne Tugend. Also wer seine Meinung zu bestimmten Themen unbedingt loswerden will, sollte Folgendes wissen: Nein, Light-Produkte machen nicht schlank, die “Heute” und die “Österreich” sind keine tatsächlichen Zeitungen, und wenn ein keusches Kirchen-Känguru zu skurril klingt, um wahr zu sein, ist es das meistens auch. In diesem Fall googelt man noch einmal das Medium, wenn man dieses nicht kennt und übt sich in etwas, das der gesunde Mensch von Welt QUELLENKRITIK nennt.

2. Gebot: Du sollst den Beziehungsstatus so lange wie möglich unangetastet lassen.

Da sich die Nutzung des World Wide Web bei vielen von euch hauptsächlich auf Facebook, VICE und Internet-Pornos beschränkt ist, muss an dieser Stelle mal ein Facebook-No-Go erwähnt werden (bei Pornos und VICE kann man nicht so viel falsch machen, solange ihr nicht im Deep Web unterwegs seid). Wir wissen, dass der Beziehungsstatus auf Facebook für viele ein großes Thema und ein Dealmaker oder Stolperstein sein kann, aber bitte, BITTE, lasst ihn so lange unangetastet, bis auch wirklich kein einziger eurer Facebook-Freunde mehr eine Neuigkeit darin sieht. Dabei geht es gar nicht darum, Angst vor Spitzeln und Stalkern zu haben, sondern einfach nur um die unendlichen Möglichkeiten an Peinlichkeit, die ihr mit einer Änderung des Status anzieht. Schlimm genug, wenn euer Beziehungsstatus auf Facebook von “in einer Beziehung” auf “Single” springt und das munter von der Verwandtschaft geliked wird. Oder wenn ihr 34 Freunde vergrault, weil sie “das über Facebook erfahren” mussten. Erst, wenn ihr nur noch Schulterzucken erntet, habt ihr lange genug gewartet (und genügend Leuten vorher offline Bescheid gesagt).

3. Gebot: Du sollst keine (Droh-)E-Mails an Armin Wolf schreiben.

Es ist noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn Menschen mit einschlägiger Meinung und ausgeprägtem Rant-Drang diese zwei Eigenschaftem bei einem ORF-Journalisten abladen. Dieser hält nämlich nichts auf das Briefgeheimnis und manch einer findet seine unzensierte Nachricht dann auf der Facebook-Seite des Journalisten wieder, wo diese dann leider gar nicht mehr so intelligent klingen, wie man sie während dem hasserfüllten Schreiben im Sinn hatte, sondern eher wie ein von Grillenzirpen unterlegter Schulhof-Witz, den man blöderweise am Campus von Harvard gebracht hat. Ganz besonders unangebracht wirkt das Ganze dann, wenn man anschließend auch noch damit droht, den Journalisten für seine Reaktion zu verklagen. Und verdammt noch mal, es ist ARMIN WOLF, bei dem selbst ein beißer wie HC Strache ins Stottern kommt, also liebt ihn besser oder geht zum Sudern lieber ins Wirtshaus.

4. Gebot: Du sollst dir keinen Blog zulegen, wenn dein Leben uninteressant ist.

Ihr seid euch sicher, ihr habt ein spannendes Leben und eure Gedanken niederzuschreiben hat für euch fast schon therapeutischen Sinn? Eine Faustregel des Internets besagt: Beides gleichzeitig stimmt nur in den seltensten Fällen. Entweder ihr braucht eine Schreib- oder Mal- oder Tanz- oder Sing- sonstige Therapie ODER ihr habt ein Leben, von dem andere Leute in einem Blog lesen wollen. Nur, weil ihr denkt, dass euer Sinn für Mode und eure Gedanken für eine Meta-Fanfiction-Reihe zu 50 Shades of Grey absolut einzigartig sind (und ihr auch mit der Ignoranz gesegnet seid, diese Annahme gar nciht erst mit einer Google-Suche zu überprüfen), heißt das noch nicht, dass dafür wertvolle Glasfaserkabeln und Server mit Information belastet werden sollten. Nicht selten wird der Blog dann mangels motivierender Resonanz zum intimen Tagebuch, das ziemlich schnell von “Ach, da liest eh keiner mit, ist doch egal” zu “Oh Gott, warum hat mir niemand gesagt, dass sich andere Leute vor mir auch schon Gedanken über das Leben gemacht haben?” und “Wie, es gibt Backlinks von Reddit zu meinem Blog?”

5. Gebot: Du sollst dich nicht auf Singlebörsen entblößen.

Die 2000er Jahre waren die Zeit der Kontaktbörsen. 2003 ergab eine Studie, der zufolge Online-Singlebörsen die dritthäufigste Art sind, wie Österreicher an einen passenden Partner zu kommen versuchen. Aber die Dunkelziffer ist sicher enorm, denn in Wirklichkeit ist es manchen ja immer noch ziemlich peinlich, so etwas zuzugeben. Wer sich mit knuddeligem Nicknamen bei Websingles.at angemeldet und mit einem Strandfoto im Profil posiert hat, während er darunter angab, er kuschle sehr gerne vor seinem alten Röhrenfernseher (wegen dem viel besseren Schwarz als bei LED, verstehst du), der muss sich heute nicht wundern, wenn er immer noch zu keinem einzigen Bewerbungsgespräch eingeladen wird. Denn das Internet vergisst nicht. Die einzigen, die das vergessen, sind Leute, die auch auf Keuschi reinfallen.

Eure eigene Keuschheit könnt ihr euch dieses Woche bei folgenden Anlässen austreiben lassen:

DONNERSTAG

Shoppen, schmoppen: Beides könnt ihr heute ab heute beim großen Sale in der Burggasse 24 erledigen (und erleben). Das Motto ist Paris Hilton, was auch immer das für euch bedeuten mag.
Wenn ihr dann endlich ordentlich angezogen seid, könnt ihr euch auch ins Venster 99 wagen, wo euch mit Crash Normal und Ana Threat bester Elektro-Punk und Garagen-Trash (oder umgekehrt) erwarten. Wir haben auf die Schnelle auch 2 mal 2 Karten für euch, wenn ihr uns elektronische Post mit dem Betreff “Wenn hier einer Ana nass macht, dann ist das Crash Normal!” an win@vice.at schickt.

FREITAG

Heute startet euer früher Abend wieder mit Wortkunst und Spritzwein am Augartenspitz: Bei ephemeropteræ 06 von TBA21 geigt diesmal Vaginal Davis auf. Gratis + VAGINA = keine weiteren Fragen. Danach heißt es dank einer gewissen von Facebook prognostizierten Regenwahrscheinlich ab zu ICKE MICKE im Werk.

SAMSTAG

Im Club U gibt es heute “Memento” und mehr als die ersten drei Worte muss man an diesem Samstag auch gar nicht lesen, um zu wissen, wo es spät in der Nacht die besten Motive für unsere DOs & DON’Ts geben wird (Einsendungen bitte an fotos@vice.at, ihr könnt tolle Sachen gewinnen, die bei uns im Büro rumliegen). Wer es etwas schöner mag, kann sich im Leopold Canyoudigit fragen und die Antwort auch gerne zu einem DO oder DON’T verarbeiten.

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