Popkultur

'Bachelor in Paradise': Wenn das Liebe ist, will ich sie nicht

Tschüss Ansprüche, hallo Einfachheit! So läuft's im Paradies. Bei mir nicht – zum Glück.
17 Dezember 2019, 7:07am
Ein knutschendes Pärchen von Bachelor in Paradise
Foto: RTL Now | Palmen: svgsilh.com

Im sogenannten Paradies treffen zurzeit wieder einsame Seelen aufeinander. Es handelt sich um ein vermeintlich überdurchschnittlich romantisches Ressort auf der thailändischen Insel Ko Samui. Zwischen geschmacksfreien Tätowierungen, aufgepumpten und operierten Körpern suchen die gebrochenen Herzen – aber immerhin beliebtesten Singles der Dating-Formate Die Bachelorette und Der Bachelor – erneut vor laufenden Kameras nach ihren besseren Hälften. In insgesamt neun Folgen verteilt auf neun Wochen sehen wir, wie sie zusammenleben, um "nach Herzenslust zu flirten" und "die perfekte Liebe zu finden". Und ich frage mich seitdem jeden Dienstagabend: Was ist die perfekte Liebe? Was kann ich hier lernen?

Das System ist einfach: Ihre Zuneigung können die Singles sich nicht nur in dem gern genutzten Pärchen-Zimmer des Paradieses zeigen, sondern sich einmal wöchentlich bei der Rosenvergabe ihrer Treue versichern. Jene Singles, die in der sogenannten "Nacht der Rosen" leer ausgehen, müssen das Paradies verlassen. Für sie rücken Neue nach. Ein niemals versiegender Strom junger, paarungswilliger Singles – das ist schon sehr paradiesisch. Ab und zu findet eine der Bewohnerinnen und Bewohner dann einen Brief. Von Gott, von Amor oder halt einfach von der Redaktion – egal. Darin befindet sich die Chance für eine Person eine andere Person ihrer Wahl auszuführen. Die heißbegehrten Einzeldates sind ein kurzweiliges Ticket raus aus dem Ressort: Sie ermöglichen verliebten Herzen einen Tag der Zweisamkeit. Dieses Gefühlsroulette und sehr sehr viele hochprozentige Drinks sorgen für Lästereien, Drama und ganz große Gefühle.


Auch bei VICE: 10 Fragen an Palina Rojinski


Getreu dem Motto "All you need is love" ist das Leben bei Bachelor in Paradise ziemlich einfach. Hat man erstmal seinen Traumpartner erobert, erübrigen sich andere Themen, wie berufliche Karriere oder Selbstverwirklichung. Stattdessen: bedingungslose Hingabe an die Eroberung. Obwohl mein Lebensentwurf und Charakter völlig konträr zu denen der Kandidaten sind, fiebere ich nicht nur von Rose zu Rose mit, sondern habe in den letzten Sendewochen ganz neue Seiten an mir entdeckt: Ich fange an, mich mit ihnen und ihren Geschichten zu identifizieren und mich gar von ihnen beeinflussen zu lassen – allerdings, weil ich so nicht lieben will.

"Ich hab' das Gefühl, dich beschützen zu müssen. Das gefällt mir."

Dass sich jeder Mensch durch mehr auszeichnet als durch sein Geschlecht oder Aussehen, dürfte allen bewusst sein – auch den paradiesischen Singles. Schließlich betonen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass es der Charakter sei, der einen potenziellen Partner für sie attraktiv mache. Und trotzdem jagen sie wie wild veralteten Rollenklischees hinterher. So gefällt Andi besonders an Natalie, dass sie so "klein und knuddelig" sei. Er habe einfach das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Und mit dieser Einstellung ist er nicht alleine.

Auch die anderen Single-Männer wünschen sich eine Frau, bei der sie der starke Beschützer sein dürfen. Und die Frauen suchen genau das. Eines Abends fühlen sich die Frauen nicht ausreichend von ihren Mitbewohnern umworben und begründen dies lapidar mit der Aussage: "Das sind eben keine Männer. Das sind Jungs." Und was macht einen Jungen zu einem Mann?

Ginge es nach Kandidatin Michelle, wären die äußerlichen Attribute von Macho Aurelio wohl die Antwort auf diese Frage: "... groß, breite Schultern. Eben ein echter Mann, bei dem sich eine Frau geborgen fühlen darf." Bei solchen Aussagen bleiben mir vor lauter Unverständnis beinahe meine abendlichen Snacks im Hals stecken. Und obwohl ich mit dem Finger auf die Paradiesbewohner zeigen möchte, wäre es gelogen zu behaupten, dass ich nicht selbst schon solche Sätze zu hören bekommen hätte.

Frage ich flüchtige Partybekanntschaften, warum sie mich nicht einfach angesprochen hätten, bekomme ich häufig zu hören: "Du wirkst so tough und schlagfertig. Ich habe mich nicht getraut." Warum es mit meinen festen Beziehungen nicht so richtig laufen will, lässt sich ebenfalls auf eine relativ konstante Aussage herunter brechen: "An dir beißt man sich nur die Zähne aus. Du machst eben dein eigenes Ding und brauchst mich nicht." Entweder muss ich der Albtraum aller Männer sein oder aber Bachelor in Paradise stellt einen realistischen Querschnitt der männlichen Denke dar. Was wirklich nicht wünschenswert wäre. Also fange ich an, mich vor meinem Fernseher zu hinterfragen: Sollte ich mich vielleicht darauf besinnen, regelmäßig ins Fitnessstudio zu rennen, öfter mal meinen Mund halten, um Männer sprechen zu lassen und dann klappt es schon mit der Liebe? Wohl kaum.

"Ich muss ihm zeigen, dass ich die Richtige für ihn bin!"

Das Traumpaar des Liebesherbstes ist unangefochten Michi und Natalie. Seit die beiden in der ersten Folge gemeinsam auf einem Einzeldate waren, sind sie unzertrennlich. Und Michis Ex-Liebelei Michelle, die im Paradies Aurelios starken Schultern hinterherschmachtete, ist abgeschrieben. Doch sie ist nicht die einzige, die neben Natalie um das Herz des Vize-Mister-Germany 2015 kämpft. In Deutschland soll Michi noch eine dritte Flamme am Lodern haben. Er will mit offenen Karten spielen und erzählt Natalie in der sechsten Folge von seinem heimischen Schwarm. Die zwei seien zwar getrennt, sie habe aber noch immer einen Platz in seinem Herzen. In Anbetracht dessen, dass Michi diese Geschichte ganze sechs Folgen vor Natalie, mit der er sich längst wild knutschend ein Bett teilte, verheimlicht, wäre ein Drama ihrerseits nachvollziehbar gewesen. Doch Natalie reagiert besonnen und sehr erwachsen, wie Michi findet: "Ich weiß nicht, was mit dieser Frau da draußen ist. Doch ich muss Michi zeigen, dass ich die Richtige für ihn bin!"

Zugegebenermaßen möchte man sich fragen, wie verblendet jemand von zu vielen Drinks, thailändischer Hitze und überschüssigen Hormonen sein kann. Aber mal ehrlich: Ich war auch schon die Natalie in einem solchen Szenario. Während mein gesamter Freundeskreis geduldig auf mich einredete, dass ich mich auf der Überholspur in Richtung Liebeskummer befände, gab ich motiviert weiter Gas, um ihn davon zu überzeugen, dass ich viel besser als die unbekannte Mitstreiterin zu ihm passen würde. Meine Fahrt endete natürlich einsam im vorhergesagten Meer der Tränen. Er entschied sich für die Frau, die bereits einen Platz in seinem Herzen hatte, und ich entschied mich, nie wieder um jemanden kämpfen zu wollen, der meinen Wert nicht erkennt.

An Natalies Stelle hätte ich also meine Koffer gepackt und das Paradies verlassen. Heißt das, ich bin feige geworden? Immerhin ist sie 30 Jahre alt, ich gerade mal 24. Man möchte ihr mehr Lebenserfahrung und Weitsicht zusprechen als mir – bestimmt hat sie ein ähnliches Szenario in der Vergangenheit auch schon mal durchlebt. Und trotzdem vertraut sie Michi blind, frei von Angst, sich das Herz brechen zu lassen. Ich würde Natalies Leichtsinn gern mutig nennen, mir ein Beispiel an ihrer Reaktion nehmen und zukünftig auch wieder mehr wagen, aber mir schießt bloß ein Satz in den Kopf: Der verarscht dich nur!

Mein Anflug von Anerkennung wandelt sich beinahe in ein Entsetzen darüber, wie sehr Natalie ihr Selbstwertgefühl missachtet, um Michi nicht zu verlieren. Einen Mann, den sie gerade mal ein paar Wochen kennt. Vor laufendem Fernseher erneure ich mein mir selbst gegebenes Versprechen: Ich möchte in einer solchen Situation nie wieder wie Natalie handeln. Bevor ich blind vor Liebe und nach einer Menge zu bunter Cocktails von Paul Janke durch Koh Samui einem Mann hinterher wanke, der nicht weiß, wem sein Herz gehört, trete ich lieber auf die Bremse und nehme die letzte Ausfahrt vor "Liebeskummer" – selbst.

Hoes before Bros

Andi, der die knuddelige Natalie anfangs noch in seine schützenden Arme schließen wollte, verschenkt sein Herz später an den selbstbewussten Neuankömmling Ernestine. Zu dem heißen Badewannen-Flirt der beiden wäre es jedoch nicht gekommen, hätte Publikumsliebling Jade ihn nicht mit einer freundschaftlichen Rose eine Runde weiter und die beiden damit ins warme Nass befördert.

Als Jades Schwarm freiwillig das Paradies verlässt und mit ihm ihre sichere Rose, gerät Andi in ein Gefühlschaos. Es ist an ihm zu entscheiden, ob er sich bei Jade revanchieren möchte, indem er ihr in der Nacht der Rosen die Chance gibt, einen neuen Mann kennenzulernen, oder sich für Ernestine entscheidet. Andi entscheidet sich für Flirt statt Freundschaft und besiegelt so Jades Auszug aus dem Paradies. Ich runzle die Stirn: Was ist aus dem guten alten "Bros before Hoes" geworden? Ach ja, Jade ist halt kein Bro, sondern eine Frau – und da gilt Freundschaft dann vielleicht weniger.

Zwar ist keiner der Kandidaten ins Paradies eingezogen, um neue Freunde zu finden, sondern die große Liebe, aber dennoch ist mir meine Clique immer am wichtigsten. Sie sind es, die mir täglich mit Rat und Tat zur Seite stehen, meine Tränen nach missglückten Flirts trocknen und mich aus brenzlichen Situationen retten – sei es bloß mit einer Rose. Ich hätte gewusst, für wen ich mich entschieden hätte: für Jade.

Die letzte Folge der diesjährigen Staffel Bachelor in Paradise läuft übrigens am 17. Dezember auf RTL.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.