Popkultur

'The Last Duel': Schon im Mittelalter glaubte niemand dem Opfer einer Vergewaltigung

Die Wahrheit zählt nicht, wenn es um die Ehre eines Mannes geht.
14.10.21
​Zwei Ritter auf Pferden in Rüstung im Film The Last Duel
Matt Damon und Adam Driver werden gleich versuchen sich abzuschlachten. Bild: Walt Disney

Warnung: Dieser Text enthält Spoiler.

Am Ende sehen wir sie, die Waffe, mit der ein Verbrechen begangen worden sein soll. Ein Mann ist gestorben, von seinem Widersacher niedergestreckt. Noch im Schlamm liegend schneiden sie ihm die Kleider vom Leib, ziehen seinen nackten Leichnam durch den Dreck und hängen ihn schließlich auf. Und da baumelt er dann: Der Penis, schlaff und unfähig, jemals wieder jemandem zu schaden. Das Geschlechtsorgan, das das ganze Elend erst ausgelöst hat, zeigt sich, als was es ist, ein kleiner Hautlappen am Körper eines Fleischhaufens, dessen Macht einzig aus einer fragwürdigen Tradition resultiert.


Auch bei VICE: Was kostet es, einen Vergewaltiger vor Gericht zu bringen?


Dreimal erzählt der Film The Last Duel dieselbe Geschichte, jeweils aus einer anderen Perspektive. Neben einer kleinen Spoiler-, gehört hier auch eine Trigger-Warnung hin. Es geht nämlich um eine Vergewaltigung im Frankreich des 14. Jahrhunderts. Marguerite de Carrouge (Jody Comer) wirft Jaques Le Gris (Adam Driver) vor, sie vergewaltigt zu haben, als ihr Ehemann Jean de Carrouges (Matt Damon) auf Geschäftsreise war. Zeugen gibt es keine. Und so steht bald Aussage gegen Aussage: Die des in seiner Ehre gekränkten Ehemannes – die Vergewaltigung wird als Eigentumsdelikt behandelt – gegen die von Le Gris, der überzeugt ist, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt hat. Das Schreien und die Flucht, das Flehen und Weinen seien Teil des Liebesspiels gewesen. Marguerite liebe ihn und er sie.

Der Film zeigt nun zuerst die Version von Jean de Carrouges, dem Ehemann, dann die des Täters, Jaques Le Gris, und schließlich die der Überlebenden Marguerite de Carrouges. Die Kapitel sind auch so benannt: "The Truth according to Jean de Carrouges", "The Truth according to Jacques Le Gris" und "The Truth according to Marguerite de Carrouges". Nachdem der Titel des letzten Kapitels eingeblendet wurde, bleibt "The Truth" noch ein paar Sekunden länger stehen. Der Film macht also klar, wem er glaubt, wessen Geschichte das ist.

Denn die Frage der Vergewaltigung von Marguerite ist für die Männer des Films schnell Nebensache. Dem Ehemann geht es nur um seine Ehre. Als seine Frau ihm von der Gewalttat erzählt, vergewaltigt er sie erneut – sein Kontrahent solle nicht der letzte gewesen sein, der in sie eingedrungen ist. In Jean de Carrouges Version kommt dieses Detail nicht vor, nur Marguerite erinnert sich daran. Der Vergewaltiger selbst ist ohnehin von seiner Unschuld überzeugt. Schockstarre, Schreien und Flehen. Ein Nein ist für die Männer kein Nein.

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Als die beiden Männer am Ende also bei einem Duell im Schlamm liegen und versuchen, sich gegenseitig verschiedene spitze Gegenstände in den Körper zu treiben, geht es nicht um Marguerite. Es geht darum, dass beide ihre Männlichkeit beweisen  und Recht haben wollen. Der Film bringt das in dem Satz auf den Punkt: "The truth does not matter. There is only the power of men."

The Last Duel ist am Ende ein Film über das Geschlechterverhältnis in seiner gewalttätigsten Form. Das eine Geschlecht hat die Macht, kann mit dem anderen machen, was es will. Selbst wenn das Gesetz, die Religion, die Tradition formal auf seiner Seite steht, haben doch Männer immer noch das letzte Wort. Und Frauen müssen mitmachen. Auch sie stehen auf und fragen: Vielleicht wollte sie es ja doch?

Denn die Erwartungen, die die Gesellschaft an Frauen stellt, sind uneindeutig, widersprüchlich und nicht zu erfüllen. Sie sollen Nonne sein, wenn sie außerhalb des ehelichen Schlafzimmers verkehren, sie werden aber als Huren betrachtet, die nur danach trachten, Männer zu verführen und überhaupt, die auch einfach für unehelichen Sex zur Verfügung zu stehen haben, und schließlich, sollen sie auch Mutter sein. Die Frage, warum Marguerite keinen Nachkommen für Jean zur Welt bringt, zieht sich durch den ganzen Film – bis sie schwanger von Le Gris wird, was ihr aber zum Nachteil ausgelegt wird. Frauen könnten nur schwanger werden, wenn sie Freude am Geschlechtsakt haben, argumentieren Klerus und, nun ja, Mediziner. 

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In einer Szene sehen wir den Gerichtsprozess, in der die Frage der Schuld des Täters verhandelt wird. Der Ehemann klagt in einem knappen Plädoyer an, der Vergewaltiger verteidigt sich ebenso kurz. Marguerite ist aber diejenige, die verhört wird, die sich den intimsten Fragen zu ihrem Sexleben stellen muss, sie trägt die Beweislast. Dabei fleht sie ihren Mann sogar an, das Ganze ruhen zu lassen, ihr das zu ersparen. Zumal eine Niederlage im Duell bedeuten würde, dass auch sie verbrannt werden müsste.

Der Film macht dann auch deutlich, dass die Wahrheit unter den drei Versionen am wenigsten Gewicht hat. Das Opfer, die Frau, wird zur Nebenfigur, weil Männer sich über sie erheben. Ihre Wünsche und Pläne werden ignoriert. Sie ist die einzige, die weiß, was passiert ist und doch die einzige, die keinen Einfluss auf die Konsequenzen hat.

Ständig fleht sie Männer an: Nicht in sie einzudringen, nicht den Prozess zu suchen, nicht das Duell. Doch das alles zählt nicht. Niemand hört auf sie und als sie sich ihrer Schwiegermutter anvertraut, reagiert sie verächtlich: Frauen werden halt vergewaltigt, sagt sie. Damit müsse und könne man leben. Und obwohl das alles wirkt, als nehme der Film die aktuellen Debatten direkt aus der Gegenwart und übertrage sie ins Mittelalter, hat der Film trotzdem ein Problem.

Während des Duells trägt Marguerite das Kind ihres Vergewaltigers im Bauch. Sie ist glücklich darüber. Am Ende findet Marguerite ihren Frieden nämlich in der Rolle der Mutter. Sie bekommt das Kind und wird, das zeigen die weichgezeichneten Bilder, glücklich. So wird das Frauenbild am Ende doch wieder reduziert auf die reproduktive Funktion: In einer kalten Welt, die dir Böses will, werde glücklich in deiner eigentlichen Rolle und ziehe einen neuen Mann groß. Nicht Hure, nicht Nonne: Die Frau ist nur glücklich als Mutter.

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Außerdem bleibt Regisseur Ridley Scott seiner Prämisse selbst nicht ganz treu. Die Idee ist, dass das Publikum die Perspektive der verschiedenen Menschen sehen und nachvollziehen kann. So sehen wir die Vergewaltigung selbst einmal aus der beschönigenden Perspektive des Täters. 

Nur versteht man schon in dieser Szene, dass da eine Vergewaltigung stattfindet. Schon diese euphemistische Darstellung wirkt brutal und schwer erträglich. Womöglich hat Regisseur Ridley Scott also seinem eigenen Konzept nicht vertraut, dem Publikum nicht zugetraut, zu verstehen, dass ein Mann sich im Recht wähnen und trotzdem Gewalt ausüben kann. Er hat nicht darauf vertraut, dass das Publikum der Frau glauben würde. Dabei geht es doch genau darum.

Trotzdem ist The Last Duel ein toller Film. Gigantische Establishing Shots zeigen, wie beeindruckend Bilder aus dem Computer sein können, wenn sie nicht für Aliens oder gigantische Kampfroboter verschwendet werden. Das Paris des 14. Jahrhunderts sieht kalt aus und dreckig und doch spürt man die Zivilisation, die sich hier formt. Auch weil immer wieder Notre Dame gezeigt wird, das einen Anker bildet zur Stadt und Gesellschaft von heute. Und als Symbol für die Weiblichkeit, die in dem Moloch langsam ihre Eigenständigkeit entwickelt.

Die Kostüme, die Action, die Kulissen – The Last Duel ist das Mittelalter in all seiner Verrohung. Zwar hätte es dem Film gut getan, wenn er eine halbe Stunde kürzer wäre. Nach 2 Stunden und 32 Minuten muss man schon sehr dringend aufs Klo. Das Highlight ist aber das Schauspiel von Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer und Ben Affleck. Der hat zwar mit Matt Damon und Nicole Holofcener das Drehbuch geschrieben, im Film selbst aber eher eine unterhaltsame Nebenrolle. 

Holofcener war auch diejenige, die das letzte Kapitel des Films schrieb, die Perspektive von Marguerite. In einem Film, der sonst vor allem von Männern produziert wurde, ist das ein schönes Statement. Zwar kann man die Frage stellen, ob das nicht wirken muss wie der sprichwörtliche Knochen, den man dem ausgehungerten Hund hinwirft. Vielleicht auch einfach als eine PR-Maßnahme, damit Filmkritikerinnen schreiben können: Die wichtigste Geschichte wurde von einer Frau geschrieben. Das mag alles sein. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahrheit des Films näher an der Lebensrealität echter Frauen liegt, höher, wenn man weiß, dass diese Wahrheit von jemandem geschrieben wurde, die es wissen muss.

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