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Dieser Sarg lebt

Bestattungen sind eine Umweltbelastung. Der Living Cocoon soll das ändern.
1.10.20
​Hendrikx mit seinem lebendigen Sarg aus Moos und Pilzen im Walt. Der Living Cocoon soll nicht nur die Umweltbelastung von Bestattungen verringern, sondern auch den Boden reinigen
Hendrikx mit seinen lebendigen Särgen | Foto: Bob Hendrikx -- Loop Biotech

Für Bob Hendrikx beginnt Umweltschutz schon bei etwas ganz Grundlegendem: "Normalerweise nehmen wir Menschen etwas aus der Natur, töten es und verwenden es dann." Der Niederländer möchte das mit seinem Biotech-Unternehmen Loop ändern. "Also habe ich mir gedacht: Wie wäre es, wenn wir mit lebendigen Materialien arbeiten? Wir wären weniger parasitär und könnten auch supercoole Materialien erkunden wie lebendige Lichter und selbstheilende Wände."

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Das erste Produkt von Loop ist ein Sarg. Der "Living Cocoon" besteht aus Pilzen, Mikroben und Wurzeln und ist natürlich biologisch abbaubar. Er soll nicht nur die Verwesung der Leichen beschleunigen, sondern auch die Erde anreichern.

Die Idee für den lebendigen Sarg kam Hendrikx, als er vergangenes Jahr bei der Dutch Design Week ein Konzept für ein lebendiges Haus für Lebende vorstellte. Am Ende entstand daraus ein lebendiger Sarg für Tote aus Myzellen, den fadenförmigen, vegetativen Zellen von Pilzen.

"Myzel, das Pilzgeflecht, ist der größte Recycler der Natur", sagt Hendrikx. "Es sucht kontinuierlich nach toter organischer Materie, um sie in Nährstoffe zu verwandeln."

Im Inneren des weiß-grauen Living Cocoon Sargs befindet sich ein Moosbett

Entwickelt hat Loop den Sarg zusammen mit der Technischen Universität Delft und dem Naturalis Biodiversity Center. Am Boden des Living Cocoon befindet sich ein Moosbett vollgepackt mit Myzellen, Wurzeln und zahlreichen Mikroorganismen. In den Niederlanden ist er bereits auf dem Markt und wurde bei einer Beerdigung in den Den Haag verwendet.

Erste Tests hatten ergeben, dass sich der Sarg innerhalb von 30 bis 45 Tagen in der Erde auflöst. Der Leichnam sollte laut Loop nach drei Jahren kompostiert sein. Da Pilze kontaminierte Erde reinigen, sehen Forschende in den Särgen dazu noch eine gute Möglichkeit, verschmutzte Böden wiederherzustellen.

"Wir haben den Traum von einem neuen, natürlichen Bestattungskonzept, bei dem wir in verschiedene Städte fahren, nach den am meisten verschmutzten Böden suchen und anfangen, sie zu reinigen", sagt Hendrikx.

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"Das Produkt ist bereits auf dem Markt. Jetzt wollen wir wissen, wie lange der Zersetzungsprozess genau dauert, wie die Zersetzungsphase aussieht und – das ist extrem wichtig – welche Chemikalien in welcher Menge absorbiert werden", so Hendrikx.


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Bislang werden Särge und Leichname mit Chemikalien behandelt, die mit der Zeit in den Boden gelangen und potenziell das Grundwasser verschmutzen. Der Living Cocoon soll helfen, die Umweltbelastung durch Bestattungen zu reduzieren.

Umweltfreundliche Beerdigungen sind keineswegs ein neues Phänomen. Indigene Kulturen auf der ganzen Welt praktizieren sie seit Tausenden Jahren. In Zentralasien, insbesondere im Himalaya-Gebirge, gibt es bis heute vereinzelt Himmelsbestattungen. Dabei werden die Toten auf einer offenen Fläche abgelegt, wo sie von Vögeln und anderen Tieren verspeist werden.

Aber auch im Westen wächst das Interesse an naturbelassenen, metallfreien Särgen oder neuartigen Technologien wie der "Wasserkremation". Dabei werden Leichen in Wasser und Natriumhydroxid aufgelöst. Die Flüssigkeit kann anschließend gefiltert ins Abwasser geleitet werden, übrig bleibt wie bei einer üblichen Einäscherung ein Häuflein Asche, das dann bestattet werden kann.

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