Menschen

Warum die Natur sich endlich rächen muss

Fritz Habekuß hat ein Buch über das Artensterben geschrieben. Darin fordert er, dass Flüsse, Berge und Wälder das Recht haben sollten, uns zu verklagen.
25.9.20
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imageBROKER/AndreyxNekrasov 

Wir befinden uns mitten im größten Artensterben seit den Dinosauriern. Es ist kaum noch aufzuhalten und eigentlich viel zu spät, etwas zu tun. Auch für uns Menschen geht es dabei ums Überleben.

Klingt nach Weltuntergang. Der Wissenschaftsjournalist Fritz Habekuß beobachtet das Artensterben seit Jahren, bei der Elefantenjagd in Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste), bei Bananenforschern im Oman und deutschen Waldbauern.

Gemeinsam mit dem Naturfilmer Dirk Steffens hat Fritz ein Buch über das Artensterben geschrieben: Über Leben. Trotzdem bittet er darum, im Interview nicht zu viel über die Apokalypse zu sprechen, sondern vor allem über Lösungen.

Der Autor Fritz Habekuß steht  in der Redaktion der ZEIT, er hat über das Artensterben geschrieben

Foto: Markus Tedeskino

VICE: Fritz, in eurem Buch fordert ihr, dass der Fluss Mississippi vor Gericht gegen Konzerne klagen dürfen sollte. Warum?
Fritz Habekuß: Unser Verhältnis zur Natur ist durcheinandergeraten. Wir sehen sie als etwas, das wir nutzen und ausnutzen können. Unser ganzes kapitalistisches Wirtschaftssystem ist auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen aufgebaut. Das hat uns als Gesellschaften wahnsinnig reich gemacht.

Diesen Reichtum hat die Natur vor vielen Millionen Jahren angelegt. Aber wir leben so, als würde alles wieder nachwachsen. Tatsächlich fangen wir längst an, Ausfallerscheinungen zu sehen.


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Und jetzt sollte sich die Natur vor Gericht rächen?
Diese Idee, der Natur Rechte zu verleihen, kommt häufig aus indigenen Communitys, die aus ihrer Geschichte heraus ein anderes Verhältnis zu ihr haben. Nicht weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie eine andere Ethik finden mussten, um zu überleben

Das bekannteste Beispiel ist der Fluss Whanganui in Neuseeland, aber es gibt auch eine ähnliche Bewegung am Ganges in Indien, und in der Verfassung von Ecuador findet man Rechte für Pachamama, die Mutter Erde. Wir brauchen einen anderen Blick auf Ökosysteme und müssen sie als Systeme mit einer eigenen Subjektivität anerkennen.

Ist das eine philosophische Frage – oder hat schon mal ein Fluss erfolgreich geklagt?
Im Moment ist es vor allem ein anderes Denkmuster. Aber der Fluss in Neuseeland zum Beispiel hat seit Kurzem zwei Sprecher, einen Maori und einen Wissenschaftler, die ihn vor Gericht vertreten können. Das ist noch neu, daher wissen wir noch nicht, wie erfolgreich die Idee umgesetzt wird.

Das klingt jetzt abgefahren, aber ähnliche Modelle gibt es im deutschen Rechtssystem schon. Jede Aktiengesellschaft darf vor Gericht ziehen. Ein Schiff hat den Status einer juristischen Person, genauso jeder Chor und Fußballverein. Wir fordern, dass auch Wälder, Berge und Flüsse Rechte bekommen, um sich notfalls vor Gericht gegen Zerstörung und Ausbeutung zu wehren. Auch weil sie für unser Leben viel wichtiger sind als eine Aktiengesellschaft.

Könnten dann Schweine gegen Clemens Tönnies klagen?
Klar. Wenn du das Schwein als juristische Person anerkennst, es also eine Würde hat, ein Recht, sein Leben angemessen zu leben, dann müssten sich alle Leute, die dagegen verstoßen, vor Gericht verantworten. Solche Vorstöße gab es tatsächlich schon im deutschen Recht, die sind aber immer wieder gescheitert. In anderen Ländern fasst die Idee aber Fuß. Leider fast immer erst als Reaktion auf ziemlich heftige Zerstörung.

Was sind die größten Treiber der Umweltzerstörung, die die Artenvielfalt verkleinert?
Die Umwandlung von Lebensraum: die Rodung von Wäldern, die Begradigung von Flüssen, die Trockenlegung von Sümpfen. Dazu kommt Verschmutzung, also Plastik und Abwässer. In der Ostsee entstehen zum Beispiel durch Abwässer aus der Landwirtschaft große, sauerstofffreie Todeszonen. Auch invasive Arten, die durch Menschen verschleppt werden, sind ein Problem. Die kommen zum Beispiel im Ballastwasser von Schiffen.

Im was?
Das Schiff wird im Rumpf beispielsweise im Hafen von Brasilien

vollgepumpt und kommt dann nach Bremerhaven. Die meisten Tiere überleben das nicht, aber ab und zu schafft es doch mal eines und setzt sich fest. Deswegen haben wir in der Nordsee jedes Jahr zwei neue Arten, die von wilden Orten auf der Erde kommen und mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt konkurrieren.

Und natürlich treibt die Klimakrise die Umweltzerstörung voran. Aber hinter all dem steckt etwas anderes.

Nämlich?
Der Mensch mit seiner Art zu leben. Dass wir glauben, das Recht zu haben, die Natur zu nutzen. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, eine Goldmine zu graben oder eine Schleuse in einen Fluss zu setzen, um über eine Staustufe Getreide zu verschiffen. Solche Naturkosten entstehen durch unsere Art zu wirtschaften und werden in keine Bilanz aufgenommen. Ein Unternehmen, das durch sein Geschäft Natur kaputt macht,  kann die Gewinne behalten, aber die Umweltkosten werden auf uns alle umgelegt. Da ist der Kapitalismus kaputt.

Gibt es etwas, das wir tun können, ohne gleich den Kapitalismus abschaffen zu müssen?
Externalisierte Kosten internalisieren. Unternehmen dafür zahlen lassen, wenn sie Natur zerstören. In der Coronakrise haben wir gesehen, dass die CO2-Emissionen zurückgegangen sind. Dabei waren die Einschränkungen, die wir auf uns genommen haben, ziemlich groß - der Effekt auf die weltweite CO2-Bilanz aber recht mickrig. Deswegen ist es natürlich nicht egal, ob du Fleisch isst, Auto fährst und in den Urlaub fliegst.

Aber die wirklich wichtigen Hebel liegen etwa auf der Ebene von Industrien. Umweltschädliche Subventionen müssen gekürzt werden und es ist belegt, was ein hoher CO2-Preis ausrichten könnte. Und warum wird ins Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag nicht der Ökozid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgenommen?

Walfang sollte verboten sein, um das Sterben der Walarten aufzuhalten. Aber kann man das auch indigenen Gruppen verbieten, die eigentlich verantwortungsbewusst jagen und den ganzen Wal aufbrauchen?
Im Umweltschutz gibt es immer auch kolonialistische Bestrebungen. Zum Beispiel bei den Schutzgebietskonzepten. Wo gesagt wird: Wir zäunen jetzt hier die Serengeti ein und die Massai, die dort seit Tausenden Jahren leben, schmeißen wir vorher raus, denn sie passen nicht in unsere Vorstellung.

Es wird derzeit diskutiert, 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Da muss man natürlich aufpassen, dass man Gesellschaften nicht übergeht, die Natur sogar besonders wirkungsvoll schützen, weil sie ganz eng mit ihr zusammenleben.

Manchmal hat der Mensch nun einmal andere Interessen als die Natur. Wie entscheidet man da?
Klar wird es auch harte Konflikte geben, wenn man einer Region sagt: Sorry, wir brauchen eure Braunkohle nicht mehr, sucht euch was anderes. Aber warum sagen wir als Gesellschaft nicht: Wir sind dankbar für eure Arbeit und unterstützen euch jetzt, an der Transformation der Gesellschaft teilzuhaben.

Wir können gewinnen, wenn wir unsere Gesellschaft umbauen. Wenn Deutschland umweltfreundliche Technologien aufbaut, sind das die Zukunftsmärkte. Ich verstehe nicht, warum wir immer so am Status Quo festhalten, der ja offensichtlich so viele Ungerechtigkeiten erzeugt

Den Klimawandel sieht man ja manchmal ganz deutlich, anhand von abschmelzenden Gletschern zum Beispiel. Du reist viel. Hast du das

Artensterben schon mal gesehen? 
Ja, aber es ist schwer zu sehen, weil einem die Baseline fehlt. Wir wissen ja nicht, wie es vor 500 Jahren in der Natur aussah. Das ist auch für die Wissenschaft schwierig, weil es die Daten oft nicht gibt.

Aber das Artensterben ist so weit fortgeschritten, dass es überall stattfindet. Da muss ich nichtmal reisen. Wenn ich meine Eltern in Brandenburg besuche, fahre ich mit dem Fahrrad durch Mais- und Rapsfelder. Dann höre ich kaum Vögel, sehe vielleicht manchmal noch ein Wildschwein, aber ansonsten ist das ökologisch tot.

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