Politik

Stell dir vor, du lebst in einem nahezu coronafreien Land

Seit April hat es in Taiwan keine Ansteckung mit dem Coronavirus gegeben. So könnte die Welt nach Corona aussehen.
29.10.20
Der Autor und seine Partnerin mit Mundschutz in Taiwan, wo das Leben trotz Corona nicht zum Stillstand gekommen ist
Der Autor und seine Partnerin in Taiwan | Foto: Adam Hopkins

Taiwan meldete am 21. Januar seinen ersten Corona-Fall – in Deutschland wurde das Virus sechs Tage später zum ersten Mal bei einem Patienten nachgewiesen. Während wir uns im zweiten Lockdown befinden, hat der Inselstaat seit Ausbruch der Pandemie weniger als 600 Infektionen und nur sieben Todesfälle gemeldet. Geschäfte, Kinos, Bars und Clubs sind geöffnet, von Angst ist nicht viel zu spüren. Der Alltag in Taiwan ist ein Blick in die Zukunft: in eine Welt nach Corona, in der zwar immer noch Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, aber das Virus nicht mehr das Leben bestimmt.

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Am 8. August gab der taiwanesische Sänger Eric Chou in der Taipei Arena ein Konzert vor mehr als 10.000 Menschen – in einem geschlossenen Raum und ohne geregelten Mindestabstand. Eine Corona-Brutstätte könnte man meinen. Aber selbst zwei Monate danach wurden in Taiwan keine neuen Infektionen gemeldet. Tatsächlich hat es seit dem 12. April keinen Corona-Ausbruch auf der Insel gegeben. Aber wie kann das sein? Bei fast 24 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen und einer Bevölkerungsdichte von 671 Menschen pro Quadratkilometer – also weitaus mehr als in Deutschland oder den USA – und der geografischen Nähe zu China könnte man erwarten, dass Taiwan weitaus stärker von der Pandemie betroffen sei. 

Taiwans Erfolgsrezept im Kampf gegen Corona lässt sich in drei Punkten zusammenfassen: Vorbereitung, proaktives Handeln der Politik und eine hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, alle beschlossenen Präventionsmaßnahmen einzuhalten. 2003 starben 73 Menschen in Taiwan an und mit SARS, es war die höchste Sterblichkeitsrate weltweit. Seitdem hat sich das Land auf den nächsten großen Ausbruch vorbereitet. Als im vergangenen Dezember in Wuhan die ersten Corona-Fälle entdeckt wurden, leitete Taiwan erste Maßnahmen ein.

Mit einer Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, Teilnehmerbegrenzungen für öffentliche Versammlungen, einer Grenzschließung sowie der Einführung einer 14-tägigen Quarantäne für alle Einreisenden gelang es Taiwan, die Ausbreitung des Virus rasch einzudämmen. Große Einschränkungen im Alltag waren nicht nötig. Wie fühlte es sich also an, hier zu leben?

Am 29. Januar trug ich zum ersten Mal eine Maske, schon Ende Januar war ein Großteil der Menschen in Taiwan besorgt. Kurz darauf sprach ich mit Freundinnen in China: Dort waren die meisten Städte völlig abgeriegelt. In Shandong benötigte man eine Genehmigung für das Sicherheitspersonal, um seine Wohnung zu verlassen und einkaufen zu gehen, sagte mir ein Freund. Ein Reiseverbot zwischen den verschiedenen Provinzen war erlassen worden. Deswegen saß eine Freundin in Guangdong fest und konnte nicht zurück nach Shanghai kehren. Ein amerikanischer Freund von mir zeigte eindeutige Symptome und war gerade von Peking nach Shanghai gereist. Weil keine Corona-Tests zur Verfügung standen, konnte er jedoch nicht getestet werden. Ihm wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert, die Medikamente schlugen – Überraschung – nicht an. Ich wurde nervös. Sicherlich würde all dies bald in Taiwan zur Realität werden?

Ein Google-Maps-Screenshot von Taipei mit roten Aufenthaltsmarkierungen

Ein Screenshot der Taipeh-Karte mit Aufenthaltsorten potenziell infizierter Passagiere des Kreuzfahrtschiffes Diamond Princess | Screenshot: Adam Hopkins via Google Maps

Das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess ist ein 1A-Beispiel dafür, wie gut Taiwan auf diesen Ausbruch vorbereitet war. Eine extra angefertigte Online-Karte mit den Aufenthaltsorten der Passagiere und dem Zeitpunkt des Besuchs wurde per SMS an jeden in Taipeh geschickt. Das geschah ungefähr eine Woche, nachdem die ersten Fälle an Bord des Schiffs bestätigt wurden. Ich fand das gleichermaßen beängstigend wie beeindruckend. Ein klares Zeichen dafür, dass die Verantwortlichen wussten, was sie taten. Seitdem wird jeder, der möglicherweise Kontakt mit einer infizierten Person hatte, direkt kontaktiert und meistens auch getestet oder alternativ in Quarantäne geschickt.

Ich wage zu behaupten: Die meiste Zeit dieses Jahres war das Leben hier  normal. Seit mehr als sechs Monaten hat es keine Ansteckung mit dem Coronavirus in Taiwan gegeben. Von den 553 bestätigten Fällen in Taiwan (Stand: 29. Oktober) sind weniger als 100 im Inland übertragen worden, die meisten davon kamen aus dem Ausland. In den letzten Monaten war ich in Restaurants, Bars, Clubs, Ausstellungen, Kinos und Konzertsälen im Grunde sorgenfrei. Natürlich braucht es nur eine infizierte Person, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, um alles wieder aus der Bahn zu werfen. Aber es gibt Momente, in denen man wirklich vergisst, dass wir uns mitten in einer globalen Pandemie befinden.

Ein bitterer Nebengeschmack bleibt natürlich trotzdem. Eine Zeit lang fühlte ich mich schuldig, wenn ich ein Foto vom Strand oder beim Abendessen in einem Restaurant auf Instagram hochgeladen habe. Schließlich ist das gerade in vielen anderen Ländern verboten. Natürlich möchte ich meine Erfahrung nicht mit anderen tauschen. Aber trotzdem fühlte ich mich manchmal so, als hätte ich all diese Freiheiten nicht verdient.

Dieses Schuldgefühl ist unnötig und irrational. Es ist ja nicht so, als bekäme ich eine Sonderbehandlung. Ich hatte einfach nur Glück, in einem Land zu leben, das die Situation von Anfang an ernst genommen hat. Taiwan ist ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft. In dieser Zukunft existiert das Virus zwar, aber wir wissen, wie wir es eindämmen können: allen voran mit Expertise, Effizienz und Empathie.

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