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Wir haben uns 'Gossip Girl' nach 10 Jahren noch einmal angesehen

Ihr wisst, dass ihr mich liebt. XOXO, die vielleicht dramatischste Teenie-Soap aller Zeiten.

von Verena Bogner
30 November 2017, 10:47am

Screenshot aus dem YouTube-Video "Gossip Girl 2x25 Chuck/Blair 'I love you too!'" von Julia T

Achtung, dieser Artikel enthält Spoiler. Falls ihr bis heute nicht wisst, wer Gossip Girl ist, habt ihr es aber auch nicht anders verdient.


Vor zehn Jahren wurde Gossip Girl erstausgestrahlt. Lasst diese Information erst einmal wirken und denkt an diese unbeschwerte Zeit zurück, als die No Angels gerade ihr Comeback feierten und Trump noch nicht mehr war als ein verrückter Millionär, der bei der WrestleMania auftritt. In diesem Jahr traten auch die superreichen Teens (wie für US-Serien üblich gespielt von 27-jährigen Erwachsenen) Serena, Blair, Chuck, Nate und Dan in unser Leben – und alle serienschauenden Jugendlichen dieser Welt stellten sich die Frage, wer diese verdammte Bloggerin und "One and Only Source Into the Scandalous Lives of Manhattan's Elite" war.

War es Dorota, Blairs Haushälterin und heimliche Sympathieträgerin? War es Eric Van der Woodsen, einer der wenigen eher netten Menschen und der wichtigste Repräsentant der LGBTQ-Community in dieser sonst so heteronormativen Serie? Oder war es doch die böse Georgina? Spoiler: Nein, sie waren es alle nicht.

Ab irgendeinem Punkt scheinen die Menschen hinter diesem bizarren, sechs qualvolle Staffeln langen Konstrukt jegliche Logik über Bord geworfen zu haben. Und das will was heißen, nach all der Quasi-Inzest, den falschen Familiendramen, Hotels mit 17-jährigen Besitzern und Maskenbällen, bei denen garantiert irgendjemand unter Drogen gesetzt oder öffentlich blamiert wurde.


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Denn: Dan fucking Humphrey, der einsame Junge aus Brooklyn, entpuppt sich in der letzten Staffel als Gossip Girl. Nein, wir wissen auch nicht, warum ein Mensch das eigene Leben und das seiner Freunde und Familie durch bösartige Gerüchte zerstören wollen würde. Wir wissen nur eins: Die Gossip-Girl-Catchphrase "You Know You Love me" war mit dieser letzten Enthüllung obsolet. Denn wir hassen und verfluchen dich, Daniel Randolph Humphrey.

Trotz dem enttäuschenden Schluss bin ich über die Jahre zum Fan geworden. Auch wenn ich die Serie über zweifelhafte Streams gucken musste, die mich regelmäßig darüber informierten, dass geile Hausfrauen in meiner Nähe auf meine Nachricht warten. Während eines New-York-Urlaubs habe ich sogar Schauplätze der Geschichte besucht – Asche auf mein Haupt. Aber kann man diese schrecklich schöne Serie wirklich nur als Teenager gut finden, oder funktionieren all die überzogenen Intrigen und verwirrenden Liebesgeschichten auch noch ein ganzes Jahrzehnt später? Ich habe den Test gewagt – und mich für eine Bingewatch-Session zurück in die Leben reicher, schöner Jugendlicher an der Upper East Side versetzt.

Jede Serie über reiche Kids braucht eine Serena

Alles beginnt mit Serena Van der Woodsen: ein bisschen naiv, ein bisschen reich und ein bisschen Porno-Name. Sie ist das unerreichbare Rich Girl von der Upper East Side und trägt zur Schule Flechtfrisuren, für die man wahrscheinlich mehrere Stylistinnen braucht. Was Marissa Cooper für O.C., California ist, ist Serena für Gossip Girl: die wunderschöne Blondine, der niemand lange böse sein kann, weil sie weiß, wie man Menschen um den Finger wickelt und sich mit gekonntem Name-dropping aus schwierigen Situationen befreit. Und sie wäre keine Figur aus Gossip Girl, wenn ihr nicht ständig irgendetwas absurd Dramatisches passieren würde.

Und das, obwohl sie so verdammt überprivilegiert ist, dass man ab irgendeinem Punkt nur noch einen Drohbrief mit zusammengeklebten Buchstaben, die "Check Your Privilege!!1!" ergeben, an die Produktionsfirma schicken will.

Serena hat quasi einen Typen ermordet, einen unschuldigen Mann ins Gefängnis gebracht, alles und jeden verraten, der jemals nett zu ihr war, viel zu viele Drogen genommen und ihren verrückten Vater bei seiner Flucht unterstützt. Sie kauft Typen beim Pokerspielen im Hinterhof von ihren Schulden frei, bevor sie auf eine Bohrinsel geschickt werden, und verliebt sich in ihren Uni-Dozenten. Nicht zuletzt ist da natürlich auch noch ihre semi-inzestuöse Clusterfuck-Beziehung mit Dan: Die beiden verlieben sich, sind plötzlich aber irgendwie miteinander verwandt und haben einen gemeinsamen Bruder. Am Ende heiraten sie einfach trotzdem. Ich hoffe jedenfalls, die beiden sind mittlerweile wieder geschieden.

Brooklyn – oder: Was sich Superreiche unter "Armut" vorstellen

Serenas Freund/Stiefbruder/Ehemann Dan hingegen ist unter den besten Voraussetzungen aufgewachsen, um ein guter, langweiliger, netter Mensch wie du und ich zu werden. Er stammt aus Brooklyn, was in der stets Serie betont wird, als wäre es ein Slum am Rande Rio de Janeiros. Er ist ein bisschen ärmer als die anderen, dafür aber auch ein bisschen schlauer. Sein Vater Rufus ist ein gealterter Rockstar, der einfach nur noch im Reinen mit der Welt sein möchte. Seine Mutter hingegen hat die Familie verlassen und kommt nur dann zur Sprache, wenn eines der Kinder eine Ausrede braucht, um ein paar Folgen nicht gezeigt zu werden.

Irgendetwas muss allerdings im Leben der harmonischen Humphreys vorgefallen sein. Warum sonst sollten Dan und Jenny schlussendlich zu intriganten Arschlöchern mutieren, die einfach alles tun, um zu einer Gruppe von unausstehlichen, oberflächlichen Menschen dazuzugehören? Lag es am fehlenden Geld, das dann aber doch genug war, um in einem riesigen, wunderschönen Loft in Brooklyn zu leben? Der netten Erziehung? Oder der Tatsache, dass das einzige Gericht, das Rufus je für seine Kinder gekocht hat, Waffeln sind?

Mobbing, Slutshaming und die große Langeweile

Bei allen undurchsichtigen Liebesbeziehungen und Luxusprodukten, die sich niemand leisten kann, ist das Grundthema von Gossip Girl eigentlich ein anderes: Mobbing. Mobbing an Schulen, Mobbing in Unis, Mobbing auf Pyjamapartys von Blair Waldorf. Die Figuren der Serie hatten alles, was sie sich wünschten, und waren letzten Endes so gelangweilt davon, dass sie sich gegenseitig mit Bösartigkeiten bei Laune hielten. Dinge wie Mobbing und Slutshaming gibt es natürlich auch ohne Gossip Girl. Aber mit Gossip Girl gab es eine Plattform, auf der das alles erwünscht war – und eine Serie, die uns das alles sechs Staffeln lang als OK und sogar ein bisschen cool verkauft hat. Eine Frage drängt sich außerdem auf: Hat Gossip Girl eigentlich Social Media erfunden und den Weg für Facebook-Stalking, Revenge-Porn und Fakeprofile geebnet? Ist Dan Humphrey die sinnbildliche Soap-Version von Mark Zuckerberg?

Wenn wir schon beim Thema Mobbing sind: Blair Waldorf ist die geborene Mobberin. Sie fühlt sich jeder und jedem überlegen und hat das "You can't sit with us"-Mindset aus Girls Club ein bisschen zu sehr verinnerlicht. Sie wünscht sich eine moderne Monarchie, in der sie diktiert, wer cool und wer uncool ist, ob Haarreifen gerade gehen oder total out sind, und alle um sie herum befolgen ihre Anweisungen dankbar.

Blairs Rolle finde ich beim erneuten Ansehen besonders schlimm: Sie ist eine dieser Frauen, die ihre vermeintliche Macht dazu nutzen, um andere fertig zu machen. Frauensolidarität, Hilfsbereitschaft und Nettigkeit sind für Blair Fremdwörter. Noch schlimmer als diese Tatsache ist nur, dass alle "Untergebenen" und "Zofen" Blairs Leben äußerst erstrebenswert finden – und genau das wird auch den Zuschauern vermittelt.

Mit Chuck befindet sich Blair in der dramatischsten und vielleicht toxischsten Beziehung aller Zeiten. Trotzdem wird die zur "großen Liebe" hochstilisiert wird und sich fast ausschließlich über Machtkämpfe und absurde Spielchen definiert – und für Zuschauer mindestens so belastend ist wie Chucks Frisur zu Beginn der ersten Staffel. Von gegenseitigem Respekt und ausgeglichenen Machtverhältnissen ist hier lange Zeit keine Spur.

Vielleicht liegt das alles daran, dass Chuck ein abgefuckter Soziopath ist, dessen Arschloch-Vater ihn nie geliebt hat. Ein Teenager, der sehr lange dachte, man drückt Zuneigung über erzwungene Zungenküsse und anzügliche Bemerkungen aus, über die niemand lacht, außer man selbst. Chuck Bass ist wohl die Definition von "innerlich tot" und zeigt am besten, wofür die Serie als Ganzes steht: die ultimative Oberflächlichkeit, Gefühllosigkeit und Egozentrik.

So viele Dinge, die Chucks Figur im Laufe der Serie macht, erschienen mir früher irgendwie normal. Es erschien mir normal, dass er alle Frauen vögelt, die er will, und sie behandelt wie Wegwerfartikel. Es erschien mir normal, dass er die wenigen Menschen plötzlich wie Dreck behandelt, die überhaupt nett zu ihm sind. Es erschien mir normal, dass er Jenny Humphrey auf einer Party bedrängt und sich später erst im Unrecht fühlt, nachdem ihr Bruder ihn deswegen geschlagen hat. Klar, Gossip Girl will offensichtlich die menschlichen Abgründe reicher Teenies zeigen. Im einen oder anderen Kopf von jungen Zuschauerinnen könnte dann aber doch hängen bleiben, dass Typen eben manchmal einfach so sind. Missverstandene Bad Boys eben.

An der Upper East Side ist kein Platz für nette Menschen

Weniger Bad Boy ist da schon Nate Archibald, der meistens auf der eher richtigen Seite der Geschichte steht und trotz schwierigem Familienhintergrund als einziger noch Skrupel zu haben scheint. Als im Laufe der Serie einmal die Quellen von Gossip Girl geleakt werden, ist Nate der Einzige, der nie einen Tipp an sie geschickt und seine Freunde so absichtlich in die Scheiße geritten hat.

Nate ist abgesehen von seiner Rolle als Sunnyboy aber leider wie ein leeres Blatt Papier, das gelegentlich für Oben-ohne-Szenen herhalten muss. Nate ist so naiv, dass er in den Menschen um sich herum immer nur das Beste sieht, und das kann einem in einer Welt voll von schlechten Menschen dann doch irgendwann zum Verhängnis werden. Die Strafe für sein Gutmenschentum: Nate ist der Einzige aus der Clique, der am Ende der letzten Staffel nicht die Liebe seines Lebens gefunden hat. Und das ist eine beachtliche Leistung, schließlich finden auch die (einzigen überlebenden) Bösewichte Ex-Jesus-Freak Georgina und Chucks Onkel Jack ihr Glück.

Dass nette Menschen an der Upper East Side nicht weit kommen, zeigt aber nicht nur das Schicksal von Nate, sondern auch das von Rufus, der letzten Endes dem wiederauferstandenen Bart Bass als Lilys Ehemann weichen musste. Seine Tochter Jenny wandelte sich vom nettesten Mädchen zum wandelnden, Drogen dealenden und Intrigen schmiedenden Smokey-Eye-Experiment. Auch in Dans Jugendfreundin Vanessa hat die Upper East Side das Schlimmste hervorgebracht. Und was aus Dan wurde, wissen wir alle.

Zugegeben: Gossip Girl nach zehn Jahren noch einmal zu schauen, tut weh. Einerseits weil man merkt, welchen Scheiß man früher gut fand – in diesem Fall nämlich eine Serie über einen Haufen privilegierter, menschlich völlig kaputter Kids, die klingt, als hätte sie sich ein Mensch mit fragwürdigen Inzest-Fantasien ausgedacht. Andererseits ist Gossip Girl so nah am Zeitgeist seiner Entstehungsjahre, dass es sich heute wie eine Zeitkapsel anfühlt. Eine Zeitkapsel, die zeigt: Du hast dich als Mensch weiterentwickelt. Und das ist doch eine ziemlich beruhigende Erkenntnis.

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