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Diese Frau war ein Genie, doch sie galt immer bloß als Sexobjekt

Hedy Lamarr erfand die Technologie, die WLAN und Bluetooth erst möglich machte, und wurde trotzdem ihr Leben lang auf ihre Schönheit reduziert. Ein neuer Film erzählt die Geschichte des österreichischen Hollywoodstars.

von Sarah Seltzer
26 November 2017, 9:00pm

Hedy Lamarr in 'Mädchen im Rampenlicht', einem MGM-Film von 1941

Wenn Menschen zu Sexobjekten reduziert werden, schadet das nicht nur den Opfern selbst. Die #MeToo-Storys der vergangenen Wochen haben gezeigt: Wenn Männer grabschen und belästigen, verändern sie damit ganze Industrien und Branchen im Kern. Denn wo die Arbeit, die Frauen leisten, nicht oder gering geschätzt wird, da geben viele dieser Frauen auf.

Wie viele talentierte Schauspielerinnen haben ihren Hollywood-Traum wohl beerdigt, weil ein Typ wie Harvey Weinstein sie misshandelt hat? Wie viele Krankheiten hätten Forscherinnen heilen können – wären sie nicht in Laboren betatscht worden? Wie viele Verkäuferinnen hätten das Zeug zur Geschäftsführerin, aber halten den Kopf gesenkt, weil sie nie den Respekt bekommen, den sie verdienen? Gerade jetzt fühlt sich dieser Gedanke wie ein überwältigender Verlust für die Welt an, wie ein Anlass tiefer Traurigkeit. Für den Start der Doku Bombshell: The Hedy Lamarr Story könnte es keinen besseren Zeitpunkt geben.

Der von Susan Sarandon produzierte Kinofilm der preisgekrönten Regisseurin Alexandra Dean erzählt die Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens. Hedy Lamarr wurde 1914 als Hedwig Eva Maria Kiesler in Wien geboren – damals noch Hauptstadt Österreich-Ungarns. Ihre Karriere begann 1933 mit dem österreichischen Film Ekstase, den sowohl der Papst als auch Hitler für seine Freizügigkeit kritisierten. Sie entkam ihrem herrschsüchtigen Mann, der sie wie eine Gefangene behandelte, und der Nazi-Herrschaft, indem sie ihre Dienerin betäubte, deren Uniform anzog und davonradelte. Ab da dauerte es nicht lange, bis Hollywood Lamarr zur Filmdiva und "schönsten Frau der Welt" erklärte – bis die Filmwelt ihr zu Füßen lag. Doch Lamarr war viel mehr als Schauspielerin.

In Bombshell: The Hedy Lamarr Story begegnet man einer Frau, die nicht einfach nur Sex-Symbol sein wollte, sondern sich ihr ganzes Leben lang danach sehnte, wie ein intelligenter, vollwertiger Mensch behandelt zu werden. Doch diese Hoffnung sollte unerfüllt bleiben, größtenteils jedenfalls. Selbst nach einer ihrer besonders wichtigen Erfindungen, die maßgeblich zum militärischen und technischen Fortschritt beitrug, fühlte sie sich missverstanden. Dabei ebnete ihr "Frequency Hopping Spread Spectrum"-Verfahren vielen elementaren Technologien den Weg, steckte unter anderem in Vorgänger-Versionen von WLAN und Bluetooth.

Lamarr ist legendär für ihre Schönheit – zum Beispiel sollen das Disney-Schneewittchen und die DC-Heldin Catwoman dem Äußeren der Schauspielerin nachempfunden sein. Doch ihre Schönheit verstand Lamarr immer auch als Fluch. Ihr Aussehen, so empfand sie es, lenkte die Menschen ab, vor allem Männer. "Die Leute stellen sich vor, ich sei ein dummes Ding", kritisierte sie im Interview mit Fleming Meek. Der O-Ton stammt aus einer von mehreren erst kürzlich wiederentdeckten Audio-Aufnahmen der Gespräche zwischen Lamarr und dem Journalisten des Forbes-Magazins, die das Herzstück des Films bilden.


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Und Bombshell macht wütend. Auf all die Männer, die Lamarr schlecht behandelten und unterschätzten. Auf die Regisseure, die Lamarr sexuell ausbeuteten, und auf ihren herrschsüchtigen Ehemann Fritz Mandl, einen Faschisten und Munitionsfabrikanten. Auf den Studioboss Louis B. Mayer, Mitgründer der legendären Produktionsfirma Metro-Goldwyn-Mayer, der ihr nur noch unwichtige Rollen anbot, als sie es wagte, eigene Forderungen zu stellen.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Ingenieure der Marine schenkten ihrem Frequency-Hopping-Patent keine Beachtung, und forderten sie stattdessen auf, Autogramme zu schreiben und Küsse zu versteigern, um den Verkauf von Kriegsanleihen zu fördern. Ein berüchtigter Amphetamin-Arzt hielt sie in körperlicher Abhängigkeit von seinen mit Speed versetzten "Vitaminspritzen", nachdem sie während ihrer Studio-Karriere süchtig nach Pillen geworden war.

Adolf Hitlers Nazi-Terror zwang Lamarr zur Flucht aus dem geliebten Wien. Von der Schönheit ihrer Heimatstadt spricht Lamarr in den Interviews, die in Bombshell verwendet werden, mit geradezu herzzerreißenden Verehrung. Natürlich, sie war eine Gefangene der allgegenwärtigen Frauenfeindlichkeit ihrer Zeit. Im Grunde war sie aber auch ihr Leben lang auf der Flucht, nachdem man sie gewaltsam aus ihrer geliebten Heimat gerissen hatte.

Doch natürlich ist kein Mensch einfach nur ein Spielball des Schicksals, zumal ein so willensstarker wie Hedy Lamarr. In zahlreichen Interview-Ausschnitten mit Lamarrs Kindern – darunter eine Sequenz mit ihrem Adoptivsohn, den sie nie akzeptierte – lässt der Film auch einen Blick auf die Dämonen des Weltstars zu. Zeigt, wie lieblos sie wegen psychischer Erkrankungen, Sucht und anderer Probleme auf andere wirken konnte. Ihre jüdische Abstammung schob sie so weit von sich weg, dass ihre Kinder erst spät von den eigenen Wurzeln erfuhren. Im Laufe der Jahre machte sie so viele Transformationen durch und erfand sich dabei so oft neu, dass es am Ende sogar für ihre nahe Menschen schwierig wurde, ihr wahres Ich zu erkennen – obwohl sie sich genau das doch so sehr wünschte. "Nicht einmal ich konnte verstehen, wer Hedy Lamarr wirklich war", sagt ihr Sohn im Film.

Zum Ende hin verkam Lamarrs Leben zur Punchline: Lange vor Winona Ryder wurde die Hollywood-Ikone beim Ladendiebstahl erwischt, der Komiker Mel Brooks machte sich öffentlich über sie lustig. Ein Detail aus diesen späten Jahren sticht heraus, weil es traurig ist, aber auch ein bisschen lustig, und weil es die Unsicherheit dieser großen Frau mit ihrem unerschöpflichen Erfindergeist zu verbinden scheint: Lamarr, die zunehmend auch für ihr Äußeres verspottet wurde – dafür, dass sie als alte Frau die Dreistigkeit besaß, wie eine alte Frau auszusehen – trieb Schönheitschirurgen an, neue Techniken der plastischen Chirurgie zu entwickeln. Die kamen dann später bei vielen anderen Schauspielerinnen zum Einsatz.

Lamarrs lebenslanger Wunsch nach Freiheit und persönlichem Glück führte zu manch schlechter Entscheidung, aber auch zu großen Triumphen. Ihren größten Erfolg sieht Bombshell aber mit gutem Grund in der Erfindung des Frequency-Hopping. Mit der Technologie wollte Lamarr der britischen Marine helfen, der die deutschen U-Boote im Zweiten Weltkrieg verheerende Verluste zufügten. Gegen Ende ihres Lebens wurde dieses Verdienst endlich anerkannt, da lebte die Schauspielerin aber schon völlig zurückgezogen. Tatsächlich steckt noch heute, 17 Jahre nach Lamarrs Tod, ein kleines Stück ihrer Genialität in Geräten, die wir fast alle täglich anfassen. Ich habe so ein Gerät benutzt, um diesen Text an meinen Redakteur zu schicken. Und die meisten Leser werden ihn auf einem solchen Gerät lesen.

Bombshell pendelt ständig zwischen Lamarrs Schicksal als Opfer mächtiger äußerer Einflüsse und ihren (mitunter impulsiven) Versuchen, aus dieser Rolle auszubrechen. Und es ist genau dieses Muster, das die Erzählung so mitreißend macht: Als Zuschauer fiebert man bis zum Schluss mit – obwohl man längst ahnt, welch bittersüßes Ende dieses einzigartige Leben nehmen wird.

Ein wenig von Hedy Lamarrs Sehnsucht und ihrer Unzufriedenheit bleibt auch nach dem Film zurück: Wenn doch nur Männer und die breite Öffentlichkeit, so ließe sich dieses Gefühl übersetzen, Frauen anhand ihres Potentials, ihrer Intelligenz und ihrer Gefühle beurteilen könnten, statt in ihnen bloß Projektionskörper der eigenen Fantasie zu erkennen. Doch wie die Nachrichten der letzten Wochen zeigen: so weit sind wir noch lange nicht.

Bombshell läuft demnächst in deutschen Kinos.

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