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Die Berliner Öffis klauen eine Plakatidee bei einer unbekannten Instagrammerin

Die soll jetzt ein Honorar bekommen.

VICE Staff

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Screenshot: Facebook

Marketing ist für die Berliner Verkehrsbetriebe seit einigen Jahren ziemlich wichtig. Das Unternehmen unterhält mit seinen launisch-lustigen Sprüchen auch die genervtesten Fahrgäste. Für diese Kreativität – oder öffentliche Disse gegen die AfD – werden sie gefeiert. Die Business Punk schrieb gar vom "besten Social-Media-Team aller Zeiten". Jetzt zeigte sich die BVG aber so smart wie ein Schienenersatzverkehr: Für ein Plakat kopierten sie einfach das Foto einer Instagram-Userin.

"Copy & Taste - Ihr hättet mich auch einfach fragen können", postete jene Userin am Mittwoch auf die BVG-Facebook-Seite. Dazu ein Screenshot eines Instagram-Fotos von ihr mit Schirmmütze und gelben Haaren. Diese passten sich farblich perfekt an die beiden Trams der Berliner Verkehrsbetriebe neben ihr an. Neben den Screenshot kopierte sie ein Bild einer Plakatkampagne des Berliner Unternehmens: Auch dort ist eine Frau mit gelben Haaren zu sehen. Sie trägt von der Schirmmütze bis zur Halskette den identischen Klamottenstil. Mit dem Motiv wirbt die BVG für neue Mitarbeiter: "Bloggerin kann jede. Werde Busserin." Das Foto der Instagram-Userin Anthealu, die sich selbst mit ihren knapp 2.000 Followern nicht als Bloggerin sieht, wurde Ende Juni gepostet, die Plakate der BVG hängen erst jetzt in Berlin. Der Plagiatsverdacht lässt sich kaum leugnen.


BVG gibt Plagiat zu

Das weiß auch die BVG. "Oh, sorry, sorry, sorry, sorry, sorry! Das sind wir wohl um Einiges zu spät", schrieb das Unternehmen unter den Post. Bei der BVG schien danach so dicke Luft zu herrschen wie morgens um 8 Uhr in der vollgestopften U8. "Als ich den Post gestern gesehen habe, habe ich mich extrem aufgeregt", sagt BVG-Pressesprecherin Petra Reetz gegenüber VICE. "Das ist eine exakte Kopie bis auf die Farben der Kleidung und die Kette, da gibt es keine Ausreden." Dafür verantwortlich sei aber nicht die BVG selbst, sondern eine Agentur. Was die BVG davon hält, zeigt sich in einer ungewohnten Schärfe für die sonst so aalglatte Pressestelle: "Unserer Agentur haben wir eins hinter die Ohren gegeben", so Reetz. "Wir zahlen denen sehr gut, weil das Profis sind. Aber das ging gar nicht."


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Die BVG startete vor einigen Jahren unter dem Slogan "Weil wir dich lieben" eine breite Kampagne, um ihren Ruf zu verbessern. Am gleichen Tag erst ging ein Musikvideo online, das den Hit "Ohne dich" von der Münchener Freiheit coverte und in wenigen Stunden von Hunderttausenden Menschen geklickt wurde. Viralhits und flotte Sprüche sollten schlechten Service, konstante Preiserhöhungen und jahrelange Bauarbeiten in der öffentlichen Wahrnehmung ablösen. Also versuchte das Unternehmen, den Wahnsinn in Berlins Nahverkehr zur eigenen Stärke zu machen. Der virale Musikhit "Is mir egal" sollte zum Beispiel humorvoll zeigen, dass BVG-Mitarbeiter einen Fick auf alles geben, und gegen stinkende Mitfahrer hat das Unternehmen einfach für ausgewählte U-Bahnen eigene Duftbäume mit Gerüchen wie "Glühweinfahne" ins Gespräch gebracht. Auch das größte Hassphänomen im Bus- und Bahnverkehr steckte man mit ein wenig Marketing einfach munter weg: So kam 2016 laut Senatsverkehrsverwaltung etwa jeder achte Bus zu spät. Die BVG drehte einen Werbeclip mit dem Titel "Alles Absicht" – der bis heute über 2,7 Millionen Klicks und schmunzelnde Fahrgäste sammelte. Pünktlicher kommen die Busse dadurch nicht, aber die BVG scheint sich nicht mit einer generellen Unbeliebtheit wie die Deutsche Bahn herumschlagen zu müssen.

Instagrammerin soll entschädigt werden

Damit das auch so bleibt, soll Instagram-Userin Anthealu entschädigt werden. "Selbstverständlich muss der jungen Frau ein Honorar gezahlt werden", sagt BVG-Pressesprecherin Reetz. "Wir haben sie kontaktiert und hoffen jetzt, dass sie sich meldet, damit wir uns in aller Form entschuldigen können." Auf eine Anfrage von VICE hat sie noch nicht geantwortet. Der Fehler sei eine Ausnahme, bekräftigt die BVG, die über ihre Kanäle häufiger skurrile Fotos von Fahrgästen teilt. Laut eigenen Angaben frage man immer erst bei den Fotografen nach. Diesmal meldete sich die Agentur des Unternehmens jedoch nicht vorab bei ihrer Quelle.

Wie viele Plakate von der Frau mit den gelben Haaren in Berlin hängen, sei laut BVG nicht klar. Doch die Ausbildungskampagne sei zu Ende und die Fotos sollen sowieso bald abgehängt werden. Für die nächste Kampagne könnte die BVG vielleicht aber gleich mit der Instagram-Muse zusammenarbeiten: "Da sie witzige Fotos macht, sollten wir sie mal fragen, ob sie öfter Lust hat, für uns was zu machen", sagt Reetz. Vielleicht hilft sie demnächst ja der Kreativagentur der BVG bei neuen – und eigenen – Ideen.

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