Anzeige
Syrien

Wie ich zwischen Bombenkratern Klavier spielte

Dieses Bild von Aeham Ahmad, am Klavier zwischen den Trümmern seines Viertels in Damaskus, wurde weltberühmt. Hier beschreibt er, wie es entstand.

von Aeham Ahmad; aufgeschrieben von Sandra Hetzl, und Ariel Hauptmeier
26 November 2017, 5:45am

Foto: Niraz Saied

Aeham Ahmad war 27, als er sich im zerbombten Damaskus ans Klavier setzte. Er spielte für seine Nachbarn, sagt er, vor allem aber für die Kinder. Er habe sie mit der Musik vom Schrecken des Krieges ablenken wollen. Über YouTube und durch das Foto wurde er weltberühmt: CNN berichtete über ihn, die Tagesschau und viele andere internationale Medien. Seit 2015 lebt Ahmad, der zur palästinensischen Minderheit in Syrien gehörte, in Deutschland.

Dies ist ein Auszug aus Aeham Ahmads Autobiografie Und die Vögel werden singen.

Bilder erzählen nie einen Anfang. Und sie verschweigen, was nach ihnen kommt. So auch jenes Foto von mir, auf dem ich am Klavier sitze und singe, inmitten der Ruinen meines Viertels. Zeitungen in aller Welt haben es gedruckt. Bis heute höre ich, dass es eines jener Fotos sei, die man vom syrischen Krieg erinnern werde.

Weil es größer als der Krieg sei. Doch wenn ich an den Augenblick denke, an dem es entstand, schiebt sich ein Bild vor alle anderen: das Bild dreier Vögel. Aber auch das ist nicht der Anfang.

Es begann im Morgengrauen. Zusammen mit meinen beiden Freunden Marwan und Raed war ich mal wieder Wasser holen gewesen. Das bedeutete, in der Dämmerung aufzubrechen und einen dreirädrigen Karren mit einem 1.000-Liter-Tank drauf zur nächsten Wasserstelle zu schleifen, zu einer der letzten Leitungen, die noch funktionierten, den Tank dort zu befüllen und das schwere Gefährt schwitzend zurückzuschieben.

Wir lebten in Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Assads Armee hatte uns von allem abgeschnitten. Von Wasser und Strom, von Brot und Reis. Über 100 Menschen waren verhungert.

Nachdem wir den Wassertank bei uns in der Straße abgestellt hatten, legte ich mich nochmal hin. Kurze Zeit später weckte mich mein Sohn Ahmad, er war fast zwei, brabbelte mir etwas ins Ohr und steckte mir verspielt sein Fingerchen ins Auge. Das tat höllisch weh. Ich sprang auf. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Auch Kaffee oder Tee gab es schon lange nicht mehr. Also hatte ich mir angewöhnt, morgens einen Trunk aus Zimt zu brühen. Zimt gab es reichlich, seit Bewaffnete ein Gewürzdepot gestürmt hatten. Eigentlich keine schlechte Beute. Doch wer braucht schon Zimt, wenn es nicht mal Brot gibt? So wurde er zu einem Spottpreis verkauft. Da es auch keinen Zucker gab, waren manche dazu übergegangen, Enthaarungspaste zum Süßen zu nehmen, erbeutet von irgendeiner anderen Gruppe. Zimt-Kaffee mit Enthaarungspaste. So tief waren wir gesunken.

Einige Monate zuvor hatte ich begonnen, zusammen mit einigen Jungs aus dem Viertel auf der Straße zu singen. Wir hatten mein Klavier in einen Transportwagen gehievt, es vor die Ruinen geschoben und gemeinsam gegen den Hunger angesungen. Auf YouTube bekamen wir viele Klicks. Aber die meisten Leute bei uns im Viertel interessierte das nur kurz. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wer hungrig ist, hat andere Sorgen.

Nun hatte sich unser Chor aufgelöst. Die einen sagten, sie hätten keine Zeit, neben all dem Wasserholen und dem tagelangen Anstehen für ein paar Kilo Reis von der UN. Die anderen wollten, dass wir uns einen Sponsor suchten. Ich war strikt dagegen. Ich würde mich vor keinen Karren spannen lassen. Da sprangen auch die Letzten ab. Übrig blieben nur Marwan und ich. Marwan, mein Nachbar und mein Freund, mit dem ich morgens immer Wasser holte.

An diesem Tag hatten wir beiden uns mit Niraz, einem Fotografen aus unserem Viertel, verabredet. Ich wollte allein vor den Ruinen singen. Ich hatte noch nie allein gesungen. Es musste sein. Ich wollte etwas tun.

Wir zogen los. Marwan und ich schoben den Wagen mit dem Klavier. Verdammt, war der schwer. Sonst hatten wir ihn immer zu sechst oder siebt über die kaputten Straßen befördert. Ich fühlte mich noch verlassener.

Niraz’ Wohnhaus lag am Rand von Yarmouk. Von da waren es nur wenige Minuten zur Front. Wir bogen in die Palästinastraße, die früher voller Geschäfte gewesen war und nun verlassen dalag. Bis Niraz stehenblieb und im Brustton der Überzeugung sagte: "Das ist es. Hier drehen wir."

Die Zerstörung war hier besonders schlimm. Betongerippe ragten in den Himmel wie riesige Grabmale, das Innerste der Häuser war nach außen gekehrt. Kreuz und quer hingen Rohre, Kabel und Jalousien aus den Höhlen. Zwischen den Trümmerstücken, die auf der Straße herumlagen, wuchs Unkraut.

Ich setzte mich ans Klavier und überlegte, was ich singen sollte. In den vergangenen Monaten hatte ich Dutzende Lieder geschrieben. Die Musik war nur so aus mir herausgesprudelt. Mir fiel ein Gedicht ein, das mir vor einigen Tagen ein Mann gegeben hatte.

Er hieß Ziad al-Charraf und war einst der Honigverkäufer in unserem Viertel gewesen, ein wohlhabender, gebildeter Mann. Ich kannte ihn nur flüchtig. Ziad hatte einen Doktortitel, Honig verkaufte er aus Leidenschaft. Er machte Exkursionen zu Imkern in den Bergen oder reiste in ferne Länder wie den Jemen, um eine neue Honigmischung zu kosten. Damals. Vor dem Krieg.

Nun war er zu mir gekommen und hatte mir einen Zettel gereicht. Ziad sah schrecklich aus, er wirkte wehrlos und verloren. Seine Lider waren halb geschlossen, seine Augen müde und leer. Und ich Idiot las die Zeilen durch und bemerkte altklug: "Das ist wunderschön geschrieben, aber ich glaube nicht, dass sich das singen lässt. Ich könnte es vielleicht als Gedicht vortragen und dazu Klavier spielen, aber singen?" Es ging so:

Ich habe meinen Namen vergessen
die Buchstaben und den Sinn
Ich habe die Wörter vergessen
aus denen ich Lieder zu formen pflegte

Ich habe meine Stimme vergessen
und mein Bild
meinen Ort
Ich habe die Mühen des Wegs vergessen,
zum Himmel, zum Menschen,
zum Ruhm, der einmal war.
Palästinenser
Palästinenser

Und hier steht die Zeit still
vor einem Laib Brot
vor einem Hilfsgüterkarton

Oh, mein Ruhm.
Palästina.
Oh, meine Mutter.
Palästina.

"Bitte, versuch es, Aeham", sagte Ziad matt. "Es ist für meine Frau." Und dann erzählte er mir die Geschichte: Seine Frau war hochschwanger gewesen. Sie hatte einen Passierschein, um nach Damaskus zu gehen und dort das Kind zur Welt zu bringen. Doch als sie zum Checkpoint kam, ließen die Soldaten sie nicht durch. Irgendein Bürokrat hatte den Namen in ihrem Passierschein falsch geschrieben. Alle anderen Angaben stimmten. Bis auf diesen Buchstabendreher. Die Soldaten kannten kein Pardon.

Stundenlang wartete sie am Checkpoint, dass irgendwer den Passierschein korrigierte. Setzte sich. Stand wieder auf. Und brach irgendwann zusammen, fiel vornüber auf ihren Bauch. Sie starb auf dem Weg in die Klinik. Das Baby hatte überlebt. Niemand wusste, ob es gesund sein würde.

Ziad hatte seine Frau über alles geliebt. Das war keine arrangierte Ehe gewesen, sondern eine Liebesheirat. Seine Frau war seine beste Freundin. Sie hatten drei Töchter. Dieses war ihr erster Sohn.

Und nun stand Ziad vor mir mit diesen unendlich müden Augen, und ich stammelte: "Es tut mir leid. Bitte vergiss, was ich gesagt habe. Ich werde es vertonen. Ich werde ein Lied für deine Frau machen." Abends setzte ich mich ans Klavier und überlegte mir eine Melodie.

Während Niraz noch seine Kameras aufbaute, tauchte plötzlich eine Frau auf, in der Hand ein Tablett. Dass jemand mit einem Klavier an diesem trostlosen Ort aufkreuze, erklärte sie uns, habe sie so sehr begeistert, dass sie ihren letzten Kaffee aufgebrüht habe. Den sie seit Langem aufspare für einen besonderen Anlass. Und der sei jetzt. Hier und jetzt wolle sie ihren letzten Kaffee trinken und mir dabei zuhören. "Was ihr macht, ist sehr, sehr wichtig", sagte sie und goss mir eine Tasse ein. Dankbar lächelte ich sie an und genoss den bitteren Kaffeegeschmack.

In diesem Augenblick bemerkte ich das Zwitschern dreier Vögel. Sie saßen auf einem Balkongeländer im ersten Stock, direkt vor mir. Und das war ein kleines Wunder. Jede Granate, jeder Schuss lässt als Erstes die Vögel fliehen; verirrten sich doch mal welche nach Yarmouk, wurden sie gleich heruntergeschossen, die Mägen waren schließlich leer. Als ich anfing zu spielen, begannen die Vögel wieder zu singen.

Das Vogelgezwitscher, das ich so lange nicht gehört hatte, der Duft von Kaffee, den ich seit Monaten vermisste, die Wut über unsere leeren Mägen, mein Auge, das noch immer tränte vom Finger meines Sohnes: All das vermischte sich mit dem Zimtgeschmack in meinem Bauch, der Müdigkeit vom Wasserschleppen und dem leeren Blick von Ziad al-Charraf. Ich schloss die Augen und begann:

Ich habe meinen Namen vergessen
die Buchstaben und den Sinn
Ich habe die Wörter vergessen
aus denen ich Lieder zu formen pflegte

Ich lehnte mich zurück und sang. Ich hatte die Nase so dermaßen voll, ich war so angewidert von allem, bis zum Hals voll mit Kummer und Sorgen. Ziads Schmerz riss in mir, die verhungerten Kinder rissen in mir, das Verschwinden meines Bruders riss in mir. Ich war wütend auf das verstimmte Klavier und auf meine kaputten Hände, ich fühlte mich allein, was machte ich hier draußen zwischen den Ruinen, wo waren die anderen, warum hatten sie mich im Stich gelassen? All meine Verzweiflung legte ich in diese Zeilen.

Als ich spielte, musste die Frau weinen. Der Text brachte die ganze Verlorenheit zum Klingen, in der wir uns befanden, die Frau, die drei Vögel, Niraz, Marwan und ich. Mein Gesang kam wie ein Schrei von jemandem, der in einen Abgrund stürzt und der Höllenfahrt eine Melodie gibt.

In diesem Moment muss Niraz auf den Auslöser gedrückt haben.

Heute, in Deutschland, werde ich manchmal gefragt: Welche Farbe hatte dein Zelt dort im Palästinenserlager? Ach du lieber Himmel! In einem Zelt soll ich gesessen haben? Mir gehörte eine Eigentumswohnung, eine große und schöne! Unser Musikladen florierte. Bis der Krieg kam und alles zerstörte. Bis eine Granate mir die Sehnen zweier Finger durchschnitt. Bis ein Mädchen neben meinem Klavier erschossen wurde. Bis der IS mein Klavier verbrannte. Bis ich in einen Kerker geworfen wurde. Bis ich abhauen konnte.

Wenn du vor Hunger und Bomben fliehst, lässt du deine Welt zurück. Und verwandelst dich in eine jener grauen Gestalten, die schon immer im Elend gelebt haben müssen und nun nach Europa kommen, um teilzuhaben am großen Reichtum. So behaupten es jene, die nicht verstehen, wer wir sind und woher wir kommen. Die Angst haben vor uns. Doch meine Geschichte ist eine ganz andere.

Hier erzähle ich sie. Gegen die falschen Vorstellungen. Gegen die Vereinfachungen. Gegen die Bilder, die lügen, auch wenn sie ein Fünkchen Wahrheit enthalten.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.