Bild: Steam

Wir haben mit Entwicklern von Spielen geredet, die nie jemand spielen sollte

Fake Games, das sind laut Valve das große Problem der Games Download-Plattform Steam. Aber wer macht die Spiele, die so schlecht sind, dass sie niemand spielen sollte? Und werden die Macher wirklich reich davon?

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02 Juni 2017, 5:00am

Bild: Steam

Steam ist ein Schrottplatz. Fast 40 Prozent aller Spiele auf der weltweit größten Games-Download-Plattform sind erst im vergangenen Jahr erschienen. Den größten Teil der Spieleflut kann man getrost als absoluten Schund bezeichnen: ein Mayonnaise-Glas-Klickspiel, ständig abstürzende Zombie-Shooter, Panzer, die geräuschlos im Sand versinken. "Fake Games" und "Fake-Entwickler" seien eine echte Plage und müssten aufgehalten werden, da ist sich Valve, die Firma hinter Steam, sicher.

Denn, so schreiben die Macher der Plattform: In der Schrottflut würden gute Spiele untergehen, während die Fake-Entwickler reich werden. Ihr Geheimnis: digitale Sammelkarten. Die Karten, die sich Gamer durchs Spielen verdienen, können nämlich auch über Steam weiterverkauft werden. Und genau so verdienen die Fake-Entwickler mit und scheffeln auch ohne ein halbwegs vernünftiges Produkt ordentlich Einkünfte, sagt Valve. Kann das stimmen? Fake-Games, Fake-Entwickler, Sammelkarten, das alles klingt zu merkwürdig, um es nicht genauer zu untersuchen. Darum haben wir mit den Entwicklern gesprochen, die Steam mit Schrott fluten, und herausgefunden: So einfach, wie Valve die Sache darstellt, ist sie nicht. Genau wie bei Fake News gilt: Als Teil des Fake-Problems will sich niemand selbst sehen.

Willkommen in Fakeistan: So lohnt sich der Handel mit sehr schlechten Games

Laut eines Berichts von Valve läuft das angebliche Fake-Business so: Windige Entwickler packen kaum funktionierende Spiele aus zusammengekauften Game-Elementen auf die Plattform. Das geht problemlos, denn Steam Greenlight, eine Art digitaler Community-Türsteher, lässt jeden in den Club, der nur lange genug ansteht. So landen auch miese Spiele auf der Plattform. Das nutzen Entwickler wie Digital Homicide aus. 21 kaum funktionierende Spiele haben die zwei Brüder hinter der US-Firma auf Steam veröffentlicht, bis Valve sie von der Plattform verbannte. Das aber erst, nachdem Spiele-Kritiker Jim Sterling über die Titel berichtete und darüber sogar in einen Gerichtsprozess gegen die Entwickler geriet.

Logischerweise sollte eigentlich niemand an solchen Spielen interessiert sein. Der Grund, warum trotzdem zehn- oder auch mal hunderttausende Spieler den Schrott besitzen, lautet: Sammelkarten.

Fast jedes Spiel auf Steam gibt die digitalen Souvenirs an seine Spieler aus. Die Karten können auf der Plattform gegen neue Emojis und andere Goodies eingelöst oder auf dem internen Marktplatz verkauft werden: Die Karten werden für Winzbeträge verkauft, die Preise liegen teils unter zehn Cent. Und trotzdem könnte sich der Handel lohnen, denn für jeden Verkauf kassieren die Fake-Entwickler etwa 10 Prozent Provision. Damit, das mutmaßen Kritiker, kleckern sie sich ihren Gewinn zusammen: Je mehr Schrott-Games und Karten es gibt, desto mehr Geld machen die Entwickler. Darum verschenken einige ihre fix zusammengeschusterten Spiele oder packen sie in spottbillige Bundles. Und die Steam-Gamer machen mit, denn auch sie können Gewinn machen, wenn das Geld, das sie mit verkauften Karten verdienen, den Kaufpreis der Schrottspiele übersteigt. Genau deswegen fluten die Fake-Entwickler Steam mit ihren Games. Und genau deswegen will Valve nun hart durchgreifen und Spiele erst dann Karten ausschütten lassen, wenn ein Algorithmus ihre Echtheit bestätigt hat. Das ist zumindest die Theorie – bis man mit den angeblichen Fake-Entwicklern ins Gespräch kommt.

Der zerknirschte Teenager: "Ist mein erstes Spiel"

Bild: Screenshot WarFire via Steam

WarFire ist laut Jim Sterling "Anwärter auf das schlechteste Spiel" des vergangenen Jahres. Er könnte Recht haben: WarFire ist Mist. Der offensichtliche Call of Duty-Klon stürzt ab, ruckelt, die Texturen laden nicht, und die Gegner schießen ausschließlich daneben. Wir erwarten einen dreisten Fake-Entwickler und bekommen etwas sehr anderes: "Das ist kein Fake Game, das ist mein erstes Spiel", schreibt uns Scott Ding in gebrochenem Englisch. Er ist 17, kommt aus der chinesischen Hafenstadt Shantou und seine Geschichte ist Entwickler-Standard: Er fand Spiele gut, also wollte er eins machen. Zwei Jahre lang bringt er sich selbst das Coden bei, zwei weitere arbeitet er an WarFire. Laut der Steam-Datenanalyse-Seite SteamSpy besitzen nicht mal 2.000 Nutzer dieses Spiel, Sammelkarten hat WarFire gar nicht. Scott kann es einfach (noch) nicht besser. Hat ihn die Kritik entmutigt? "Nein, das gibt mir erst die Kraft, weiterzumachen. Mit WarFire 2 werde ich niemanden enttäuschen!"

Die Mayonnaisen-Gang: Geldkuh für bessere Projekte

Klick das Glas / Bild: Screenshot My Name is Mayo via Steam

My Name is Mayo besteht daraus, 10.000 Mal auf ein Mayonnaise-Glas zu klicken. Es kostet 99 Cent. Dafür gibt es Achievements und Sammelkarten. Und einen Entwickler, der aufklären will, was das Ganze soll: "Ich würde gerne die wahre Geschichte erzählen", schreibt Eduardo Ramírez von Green Lava Studios aus Costa Rica. "Wir haben 2014 ein Spiel namens Fenix Rage gemacht. Drei Jahre lang saßen wir daran! Leider bekamen wir eine Abmahnung." Das Problem war der Name. Rage heißt auch ein Spiel von id Software, den Erfindern von Quake und Doom. Fenix Rage brauchte darum einen neuen Namen und das Erscheinungsdatum auf Konsolen musste nach hinten verschoben werden. Eduardo verlor eine Menge Geld. "Wir haben My Name is Mayo gemacht, weil wir keine Ressourcen hatten, um ein großes Spiel zu machen." Die Idee zu dem banalen Klickspiel kam ihm auf einem Game Jam, einem Event, auf dem Entwickler in kürzester Zeit kleine Spiele ausarbeiten. Etwa 35.000 bis 45.000 Leute besitzen laut SteamSpy den Mayonnaisen-Klicker – genug, um die drei Entwickler weiterbeschäftigen zu können – und Eduardo ist überzeugt, dass seine Community das Spiel liebt. Zumindest YouTuber scheinen damit glücklich zu sein. Die neuen Maßnahmen von Steam begrüßt Eduardo, denn ein Fake-Entwickler sei er nun wirklich nicht.

Der Fake Games-King: Flugsimulator ohne Aussicht

Hier sollte alles passen. Auf Instagram posiert Ata Berdyev aus den USA mit Sixpack, Zigarren, fetter Karre und flauschiger Katze; auf Steam verkauft er Schrott wie Flight Simulator: VR, mit einem Cockpit aus dem der Pilot nicht rausschauen kann. Acht Spiele gibt es aktuell von ihm auf Steam, kein einziges hat positive Nutzerbewertungen. Auch Strongmind, ein Quiz-Spiel mit ganzen vier Fragen, schreiben Reddit-Detektive Berdyev zu. Aber Strongmind erscheint unter einem anderen Entwickler-Namen, Elusive Team. Warum, fragen sich die Reddit-Detektive, was hat Ata Berdyev, der neue Kingpin der Schrott-Games, zu verbergen? "Ich habe 2016 mit dem Elusive Team gearbeitet, aber sie haben unseren Vertrag gebrochen, also arbeite ich nicht mehr mit ihnen zusammen." Leuchtet ein, das Elusive Team können wir allerdings nicht erreichen.

Weil Steam die Spiele auf Basisfunktionen prüfen muss, bevor sie verkauft werden, sieht Ata nicht ein, dass er etwas falsch macht. "Ich kaufe vorgefertigte Elemente wie Figuren und Objekte", Assets im Entwicklersprech, "und baue daraus die Spiele, die ich will", schreibt er. Dass sein Flugsimulator nicht funktioniert, sei auch nicht schlimm, denn der sei ja schließlich "Early Access" und diese Spiele wären nicht fertig, versprechen aber, dass da noch was kommt – seiner Meinung wäre das also auch nicht fake. Und auch bei den Sammelkarten-Millionen muss er uns enttäuschen: "Leute, die sagen, dass Entwickler damit viel verdienen, liegen falsch. Ich bekomme da echt wenig Geld raus." Vom Verkauf einer 50-Cent-Karte würde Ata nur 0,005 Cent sehen. Zwar werden Hunderte seiner Karten im Marktplatz verkauft, nach fantastischen Einnahmen nur durch Karten sieht das aber nicht aus. Wir fragen nach seinen Kritikern: "Ach, die haben schon Recht: Valve muss die Plattform besser regulieren. Ich habe viele richtig schlechte Spiele durch Greenlight kommen sehen." Aber ob seine dazugehören? Das sei eben Geschmackssache. Atas Business jedenfalls ginge es sehr gut, sagt er uns.

Die Experten: Auffällige Spielerkonten, die Schrottgames hamstern

Gamer, die Schrottspiele wie den MS Paint-Klon Let's Draw besitzen, haben überdurchschnittlich viele Spiele im Account. Die meisten: Schrott. / Bild: Screenshot, Steamspy

"Das sieht mir alles sehr verdächtig aus", sagt uns Sergey Galyonkin. Auf seiner Seite SteamSpy analysiert er mit einem eigenen Algorithmus die Spiele, die auf Steam erscheinen. Wir zeigen ihm die Schrottspiele, die wir untersucht haben und finden weitere Unregelmäßigkeiten: Wie die Statistik zeigt, gibt es Spielerkonten, die solche schrottigen Games regelrecht horten.

"Der durchschnittliche Schrott-Gamer besitzt um die 300 Spiele auf Steam", so Galyonkin. Der gewöhnliche Gamer liegt mit knapp elf Spielen weit drunter. "Aber die meisten der Spiele in ihren Accounts kommen von denselben Schrott-Publishern."

Sind vielleicht sogar die Spieler nicht echt? "Schwer zu sagen", meint Galyonkin. "Vielleicht sind sie auch echte Spieler, die nach Billigspielen suchen, um Sammelkarten zu bekommen."

Letzteres scheint wahrscheinlicher. Denn wir sehen nicht nur in Galyonkins Datensatz, dass viele Schrottsammler die meiste Zeit in "echten" Spielen wie Dota 2 oder Counter-Strike verbringen, auch weitere Entwickler erzählen uns, dass sie ihre Spiele in billige Schrott-Bundles packen oder direkt verschenken. Entweder um Erfolg vorzutäuschen oder so an neue, echte Fans zu kommen. Das könnte sich sogar lohnen: Ein YouTuber berechnete, dass die Entwickler durch diesen Trick zehntausende Dollar pro Woche nur durch Sammelkarten einnehmen. Die Entwickler, die wir fragen, sprechen aber eher von wenigen hundert Dollar über Jahre und Monate.

Den Schaden trägt die Community

Das alles klingt bisher relativ unschuldig, aber das ist es nur, wenn man den Schaden an der Community ausklammert: "Ich wurde gestalkt, belästigt, ge-doxxt von diesen Entwicklern", schreibt uns Kritiker Jim Sterling, der seit Jahren über die Schrott-Industrie spricht, und dessen Videos Valve erst dazu gebracht haben, sich endlich öffentlich zu äußern. "Ich wurde für 15 Millionen Dollar verklagt und habe viele tausende Dollar in diesem Prozess verloren", so Sterling. Die Schuld dafür sieht er bei den Plattformhaltern: "Valve prüft nicht, was für Menschen auf ihrer Plattform Spiele verkaufen dürfen und so landen durchgeknallte Individuen auf Steam, die niemals mit ihrer eigenen Mittelmäßigkeit konfrontiert wurden. Valve gibt ihnen ein Publikum, für das sie einfach nicht bereit sind. Der Knall ist da vorprogrammiert." Nicht unbedingt die Spiele selbst seien das Problem, sondern die Menschen, die sie machen und auf Steam ihr Territorium beanspruchen, so Sterling. Auf diese Vorwürfe reagiert Valve auf Anfrage von Motherboard nicht.

Der Gipfel des Schrottbergs

Am Ende von viel zu viel Zeit im Schrottberg von Steam konnten wir die Sammelkarten-Millionäre nicht finden. Es kann sein, dass uns die Entwickler, mit denen wir sprachen, ausnahmslos ins Gesicht gelogen haben, und sich in Wirklichkeit mit Zigarren, Flauschkatzen und unfassbaren Sammelkartengewinnen abgesetzt haben – nach einem so richtig erfolgreichen Business sieht der Handel mit Schrott-Games und Sammelkarten aber für die meisten Entwickler wirklich nicht aus. Und so ist es auch schwer, einen wirklichen Schaden, einen fiesen Exploit an Steam, der größten und wichtigsten Games-Plattform der Welt, festzustellen. Tatsächlich sieht die Kampfansage von Valve gegen die "Fake Games" nach etwas anderem aus: Nach Aktionismus und der Suche nach einem leichten Feindbild, das man für die immer größer werdenden – und immer öfter thematisierten – Probleme der Plattform verantwortlich machen kann. Was genau ein Fake Game ist, diese Erklärung liefert Valve nicht. Anders gesagt: Nicht klickbare Mayonnaise oder kaputte Flugsimulatoren sind das Problem, sondern der Unwillen von Valve trotz enormer Gewinne dafür zu sorgen, dass ihre Plattform Spieler und Entwickler gleichermaßen zufriedenstellt.