Unipolitik

Wieso gleichen die Zürcher Uniwahlen einem Satireprojekt?

Nur 15 Prozent der Zürcher Studierenden nehmen an den VSUZH-Ratswahlen teil. Die wenigsten Kandidaten haben ernsthafte politische Forderungen. Warum ist Zürcher Unipolitik so bedeutungslos?
29.5.17
Foto via IGI auf Facebook

Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner geht hin. So in etwa sieht es aus, wenn der Verband der Studierenden der Universität Zürich (VSUZH) alle zwei Jahre seinen Rat wählt. Von den 25.602 wahlberechtigten Studenten an der Universität Zürich gaben diesen April gerade einmal 3.841 ihre Stimme ab, obwohl unter allen Wählern sogar Preise wie die Erstattung einer kompletten Studiengebühr verlost wurden. Warum interessiert sich in Zürich kein Schwein für Hochschulpolitik?

Aufschluss können die zur Wahl antretenden Listen geben. Neun Listen standen den Studierenden dieses Jahr zur Auswahl. Im Gegensatz zu Österreich, wo Hochschulpolitik am politischen Spektrum der "echten" Politik angelehnt ist, haben die Hochschulparteien in Zürich meist keine politische Ausrichtung. Eine Ausnahme ist die Liste für kritische Politik, die konsequent linke Politik betreibt und sich zur Zeit gegen die geplante Studienzeitbeschränkung auf 12 Semester im Bachelor wehrt. Gerade Studierende, die ihren Lebensunterhalt selbst erarbeiten müssen oder Eltern sind, würden durch die neue Regelung mit einer verdoppelten Studiengebühr ab dem 13. Semester besonders hart bestraft. Die Gruppe "move" hingegen stellt sich bestimmt gegen vermeintliche "ideologischen Grabenkämpfe" und verlangt in ihrem Wahlprogramm, dass der VSUZH "nicht zu einem Tummelbecken allgemeinpolitischer Extrempositionen verkommt." Wo die move-Liste die ideologischen Grabenkämpfe sieht, weiss sie wohl nur selbst – auf eine Anfrage von VICE reagierte move nicht. Die Interessengemeinschaft Oerlikon (IGOR) scheint sich überhaupt nur für Themen zu interessieren, die ihren Unistandort betreffen und verliess deswegen auch schonmal vorzeitig die Ratssitzung, wie die Zürcher Studierendenzeitung berichtete.

Auch die Interessengemeinschaft Irchel (IGI) verzichtet weitestgehend auf unipolitische Inhalte. 2013 und 2015 schrieb sie sich eine Mikrowelle für den Standort Irchel als ihr Hauptanliegen auf ihre Fahne. Das Versprechen konnte sie in der vergangenen Legislaturperiode auch tatsächlich umsetzen: Der Standort Irchel hat nun nach längerem hin und her mit der Univerwerwaltung eine (1) Mikrowelle erhalten. Bei den Studierenden kommt das gut an: Bei den aktuellen Wahlen wurde die IGI erneut stimmenstärkste Liste und hat nun einen Viertel aller Sitze inne. Gegenüber VICE erklärt Fraktionschef Johannes Lade: "Die IGI ist eine unipolitisch breit aufgestellte Fraktion und ihre Themenwahl orientiert sich an den Bedürfnissen der Studierenden vom Irchel und der anderen Standorte. Dazu gehören natürlich auch die altbekannten Klassiker wie Mikrowellen und Studibar."

Die Ergebnisse der VSUZH-Ratswahlen 2017 | Grafik von vsuzh.ch

Aktive Unipolitik findet unter den Zürcher Studierenden immer weniger Anklang. KriPo und Filo, die auch der linken Fraktion zugeordnet wird und erfolgreich für die Offenlegung von Drittmittelsponsoring kämpfte (dazu gehören auch die umstrittenen Verträge zwischen der Uni und der UBS), verloren zusammen fast die Hälfte ihrer Sitze. Im Gegenzug hat mit der Gruppe "SIPP" sogar eine Spassliste, die primär einfach nur Bier trinken möchte, 5 der 70 Sitze erreicht. Was Unipolitik ist und was nicht, sieht der neue VSUZH-Rat pragmatisch: "Die Unipolitik ist meines Erachtens das, was man in der Uni bewegen will. Wenn eine Fraktion eine besondere Dienstleistung an der Uni vermisst, sich für diese einsetzt und deswegen durch die Studis gewählt wird, ist dies klar unipolitisch", sagte Co-Präsident David Meier auf Anfrage.

Dabei tut sich zurzeit einiges an der Uni Zürich. Das Reformpaket "Bologna 2020" sieht grundlegende Veränderungen, besonders an der Philosophischen Fakultät, vor. Als im April letzten Jahres die Abschaffung von kleinen Nebenfächern und 90-Kreditpunkte-Hauptfächern immer mehr zur Tatsache wurde, führte der VSUZH eine Umfrage bei den Studierenden durch, was die Studierenden von dieser Reform halten würden, anstatt sich der Sache rechtzeitig anzunehmen. In der Zwischenzeit wurde die Abschaffung der Fächer mit 30 und 90 Kreditpunkten beschlossene Sache und die Ergebnisse der Umfrage stehen bis heute aus. Der Rat hat die Diskussion schlicht verschlafen, berichtete die Zürcher Studierendenzeitung. Gegenüber VICE meint Meier hierzu: "Die Umsetzung der Anfang 2016 beschlossenen Musterrahmenverordnung zu Bologna 2020 innerhalb der einzelnen Fakultäten nimmt langsam ihren Lauf und wird auch wieder von uns beeinflusst werden."

Die Geschichte des VSUZH ist jung, der Rat wurde erst 2013 installiert. Seine Vorgängerorganisation war die Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ) und wurde 1977 vom Zürcher Kantonsparlament für illegal erklärt. Anfangs der 70er Jahre errangen linke Bewegungen in der SUZ erstmals die Mehrheit und begannen zunehmend zu politisieren. Antikapitalistische Aktionswochen und ein Telegramm mit "solidarischen Grüssen" an die revolutionären Studierenden Nordvietnams während des Vietnamkrieges waren der Politik dann zu viel. Versuche, den SUZ wiederzubeleben, scheiterten immer wieder. Bis 2013 hatten Studenten in Zürich keine unabhängige Vertretung gegenüber der Uni mehr.

Im neu gegründeten VSUZH soll sowas nicht wieder vorkommen: Mit der Gründung des VSUZH wurde dem Rat mitgegeben, sich nicht zu allgemeinpolitischen Themen zu äussern. Der Plan scheint aufzugehen: Der Löwe, das Wappentier des VSUZH, ist ein ziemlich zahnloser. Eine mutige Mitgestaltung ist auch in wichtigen unipolitischen Fragen von diesem Rat kaum zu erwarten. Im Gegensatz zu den standort- und fakultätsgebundenen Listen haben Gruppen wie KriPo und Filo keine hauseigene Wählerbasis und müssen hoffen, dass die Wähler ihre unipolitischen Anliegen mittragen. Bei den diesjährigen Wahlen scheint das jedenfalls nicht der Fall zu sein: Zürcher Studierende interessieren sich in Sachen Unipolitik – wenn überhaupt – mehr für Studibars mit ausreichend Bier und Mikrowellen als für eine aktive Mitgestaltung bei der grössten Unireform seit der Einführung des Bologna-Systems. Bleibt zu hoffen, dass der noch junge VSUZH bald erwachsen wird – und auch die "echte" Politik bis dahin nicht zur kompletten Satire verkommen ist.

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