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Diabulimie: Wenn Diabetespatienten ihr Leben riskieren um abzunehmen

Die Diagnose von Diabulimie ist äußerst schwer. Oft gehen Ärzte davon aus, dass die betroffenen Diabetespatienten nur schlecht eingestellt sind. In Wahrheit verzichten Diabulimie-Patienten absichtlich auf die lebensnotwendigen Insulinspritzen, um immer...

von Michelle Duff
21 Dezember 2016, 10:52am

Photo by WAVE via Stocksy

Eines Tages wurde Rebecca Ryan mit geschwollenen Augen wach. Um ihre Augenhöhlen herum hatten sich riesige blaue Flecken gebildet. Sie wurde umgehend ins nächste Krankenhaus gebracht.

Sie wurde untersucht. Was stimmte nicht mit ihr? Rebecca lang schweigend im Bett. Sie sorgte sich um zwei Dinge: ihre Gesundheit und dass die Ärzte herausfinden könnten, was sie getan hat. „Ich dachte nur: ‚Verdammt, jetzt habe ich es wirklich verbockt.' Ich habe mich so geschämt. Ich wollte nicht, dass irgendwer davon erfährt, weil ich solche Angst hatte."

Rebecca war 19, als sie anfing, absichtlich auf Insulin zu verzichten. Sie wollte abnehmen. Im Verlauf der darauffolgenden fünf Jahre verschwanden ihre Kilos—und irgendwann auch ihre Haare. Mit 24 war sie gefangen in einer Spirale aus Schuld, Scham und Unzufriedenheit, die erst endete, als sie akzeptierte, dass sie nicht einfach nur zu wenig auf ihren Diabetes achtete—sie litt unter einer Essstörung.

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„Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich würde mir Fett spritzen, wenn ich mir Insulin spritze", sagt Rebecca. „Einfach nur schrecklich. Ich geriet in einen Teufelskreis: Ich nahm immer weniger Insulin um abzunehmen und fühlte mich danach schrecklich und schuldig." Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat sie sich gerade noch genug Insulin gespritzt, um zu überleben.

Ein schlecht eingestellter Diabetes kann unter anderem zu einer Retinopathie führen, was letztendlich zur Folge haben kann, dass man erblindet. Rebecca wusste das, doch abzunehmen wurde zu ihrem höchsten Ziel. Die Ärzte im Krankenhaus konnten keinen Zusammenhang zwischen ihren geschwollenen Augen und ihrer Diabeteserkrankung feststellen, doch für Rebecca war das Ganze ein Weckruf. „Ich habe immer gedacht, ich würde darauf warten, dass etwas wirklich Großes passiert, damit ich mir selbst in den Arsch trete und mich dazu zwinge wieder klar zu kommen", sagt sie. Rebecca hat ihr Augenlicht behalten und erholt sich mittlerweile von ihrer Diabulimie.

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Schätzungen zufolge verzichten 40 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 30 Jahren, die unter Typ-1-Diabetes leiden, auf die lebenswichtigen Insulininjektionen, weil sie abnehmen wollen.

Diabulimie ist bisher noch keine offizielle klinische Diagnose und fehlt entsprechend auch im ICD-10, der Bibel der psychischen Erkrankungen, doch innerhalb der Diabetes-Community hat sich der Begriff mittlerweile etabliert. Bei Menschen mit Diabulimie werden oft auch Anorexie, Bulimie oder irgendeine andere Form der Essstörung diagnostiziert. Rebecca wurden im weiteren Verlauf ihrer Behandlung zwanghafte Gedanken, Depressionen und Angststörungen diagnostiziert.

Weltweit leidet schätzungsweise jeder Elfte unter Diabetes. Es gibt zwei Formen von Diabetes: Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper seine eigenen Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse angreift. Weil der Körper selbst kein Insulin mehr produziert, müssen Betroffene sich mehrfach täglich Spritzen setzen und regelmäßig (vor allem vor Mahlzeiten) ihren Blutzuckerspiegel messen.

Die Ursachen für Typ-1-Diabetes sind nicht bekannt und auch eine Heilung gibt es nicht. Die Diagnose wird oft in der frühen Jugend gestellt. Typ-2-Diabetes tritt dagegen erst sehr viel später auf (im Alter von 30 bis 40 Jahren) und wird darüber hinaus mit Übergewicht in Verbindung gebracht.

Der Endokrinologe Dr. John Wilson vom Wellington Hospital in England erklärt, dass sich ohne die notwendigen Dosis Insulin Zucker im Blut der Betroffenen anreichert. Der Körper beginnt daraufhin, Fett zu verbrennen um zu überleben. Das kann zu einem lebensbedrohlichen Anstieg des Blutzuckerspiegels führen und zur Folge haben, dass die Betroffenen erblinden, unfruchtbar werden, ins Koma fallen oder sogar sterben.

Wenn man wiederholt auf Insulin verzichtet, ist das Risiko für einen frühen Tod ebenfalls erhöht.

Foto: Alan Levine | Flickr | CC BY 2.0

„Diabulimie ist ein allgemein anerkanntes Problem, doch die Diagnose ist äußerst schwierig. Die meisten Patienten spritzen sich gerade genug Insulin, um nicht ins Krankenhaus zu kommen, aber generell ist ihr Diabetesmanagement alles andere als ideal", sagt er.

„Am schwierigsten ist die Diagnose bei Teenagern und jungen Erwachsenen. Sie sind gerade dabei herauszufinden, wer sie sind, haben ihre ersten Beziehungen und werden mit tausenden von Bildern in den Medien bombardiert—und das in einer Zeit, in der ihre Diät einen Großteil ihres Lebens bestimmt."

Im ersten Jahr ihres Studiums fühlte sich Rebecca andauernd erschöpft. Als sie schließlich die Diagnose Diabetes bekam, war ihr Blutzuckerspiegel so hoch, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Am Anfang hat es ihr fast schon Spaß gemacht, sich zu notieren, was sie gegessen hat. Damals lebte sie mit zwei angehenden Ärzten zusammen, die ein Spiel aus ihrem Diabetes machten. Doch schon nach kurzer Zeit hatte es Rebecca satt, ihr Leben zu messen. „Ich wollte, dass alles perfekt ist. Immer wenn ich meinen Blutzuckerspiegel gemessen habe, wollte ich, dass die Werte tadellos sind und wenn sie es nicht waren, hatte ich das Gefühl, versagt zu haben." Obwohl sie Sport trieb, nahm sie zehn Kilo zu.

„Ich bin einfach ein wenig auseinander gegangen—bis dahin war ich immer ziemlich dünn. Ich dachte, dass mein Körper auf das Insulin reagieren würde und dass das Insulin Schuld daran sei, dass ich zunahm. Ich wurde immer frustrierter", sagt sie. „Ich zog in eine neue Stadt, in der mich niemand kannte und ich niemandem Rechenschaft schuldig war. Ich wurde fortan nicht mehr über mein Diabetes definiert. Ab diesem Zeitpunkt hörte ich einfach auf, meinen Blutzuckerspiegel regelmäßig zu kontrollieren."

Man weiß, dass man erblinden oder ein Bein verlieren könnte, wenn man so weitermacht, aber das schien alles zweitrangig zu sein.

Schon nach kurzer Zeit merkte sie, dass sie dadurch abnahm. „Ich dachte mir nur: ‚Oh, OK, das ist ziemlich praktisch und einfach.' Mir war egal, dass ich mich dadurch ziemlich miserabel fühlte. Ich war müde und dehydriert, meine Haut sah schrecklich aus und meine Haare wurden immer dünner."

„Irgendwann erreichte ich einen wirklich eigenartigen und düsteren Punkt in meinem Leben. Ich ging nicht mehr zu Arztterminen, weil ich nicht wollte, dass sie sahen, dass ich die Kontrolle verloren hatte. Es war schrecklich: Man weiß, dass man erblinden oder ein Bein verlieren könnte, wenn man so weitermacht, aber das schien alles zweitrangig zu sein. Ich fühlte mich schrecklich verletzlich und extrem verunsichert. Die anderen sagten mir dagegen immer, wie toll ich aussah und das hat mich schließlich gepackt."

Wer empfänglich ist für Essstörungen, kann durch jede Form der Diät getriggert werden. Der Diabetes macht eine gewisse Kontrolle über das eigene Essverhalten unumgänglich, was das Ganze nur zusätzlich verstärkt, meint Dr. Roger Mysliwiec von der New Zealand Eating Disorders Clinic. „Die Betroffenen müssen darauf achten, wie viele Kohlehydrate sie zu sich nehmen—das ist dasselbe Verhalten, das wir auch bei anderen Essstörungen als auslösenden Faktor beobachten. Es macht sie einfach anfälliger."

Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zum Rest der Bevölkerung doppelt so häufig eine Essstörung entwickeln. Mysliwiec glaubt, dass Diabulimie in den meisten Fällen undiagnostiziert bleibt und hat deshalb ein Programm ins Leben gerufen, um herauszufinden, wie viele Fälle es tatsächlich gibt. „Den meisten Ärzten fehlt das Wissen, um [Diabulimie] zu diagnostizieren. Außerdem ist nach wie vor viel zu wenig darüber bekannt und es fehlen die notwendigen Therapieplätze."

Eine erste Umfrage des Waikato Diabetes Service fand heraus, dass jeder vierte Patient im Alter von 15 bis 25 Jahren Anzeichen einer Essstörung zeigte.

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Nach ihrem Erlebnis im Krankenhaus hat Rebecca die Kurve bekommen. Sie ging zu einem Psychologen und fühlt sich mittlerweile so gesund wie schon seit Jahren nicht mehr. „Es hat ziemlich lange gedauert. Ich habe es noch immer im Hinterkopf und habe auch nach wie vor meine schlechten Tage", sagt sie.

„Ich finde, dass Ärzte einen stärkeren Fokus auf die psychische Gesundheit von jungen Patienten mit Diabetes legen sollten. Niemand will sein Leben vom Diabetes bestimmen lassen und wenn sie die Diagnose bekommen, sagen sich viele: ‚Das heißt nicht, dass sich etwas ändert.'"

„Aber glaub mir, das tut es."


Foto: allnightavenue | Flickr | CC BY-SA 2.0